Warum eigentlich Bücher? (Montagsfrage)

Das Buchfresserchen stellt heute die Master-Frage: Was soll das Ganze überhaupt? Das hat es sich aber nicht allein ausgedacht, die Besitzerin des Bookingham Palace hat das Buchfresserchen angestiftet. Und ich finde die Frage grandios. Ich freue mich vor allen Dingen auf die Antworten der vielen anderen.

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Der Mars ist noch grün hinter den Ohren

Ich bin von meinem letzten Ausflug auf den Mars noch nicht ganz zurück, erinnere mich aber noch gut daran, dass er damals rot war. Nun wird er grün und Kim Stanley Robinson gelingt es mit dem zweiten Teil seiner Trilogie, ebenso zu begeistern wie mit dem ersten – und zugleich eine Handlung wie einen roten Faden durch den gesamten Band laufen zu lassen, ohne dass es jemals eintönig würde.

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Auf dem Mars bleibt alles beim Alten

Es gibt Bücher, die kann man nicht besprechen, weil sie dafür schlicht zu monumental sind. Kim Stanley Robinsons Auftakt zur Mars-Trilogie gehört dazu, weniger auf Grund der 800+ Seiten, sondern wegen der Komplexität der Geschichte. Ich versuche es dennoch.

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Vaterlose Gesellen – Besprechung: Heinrich Böll – Haus ohne Hüter

Nummer Vier der sechs Bücher, die in diesem Jahr unbedingt gelesen werden wollten, ist geschafft. Heute stoßen wir in die Sphäre vor, in der sich Bücher als Klassiker gemeinhin zu kanonisieren beginnen. Es geht in die 50er Jahre, in die Nachkriegszeit.

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Migration, Integration, Gentrifizierung und die Rolle des Staates

Mein Beitrag zu Vertriebenen hat eine Resonanz hervorgerufen, mit der ich nicht gerechnet hätte, der aber seine Berechtigung hat, deshalb möchte ich im Folgenden die dort benannte Fremdheitserfahrung als maßgebliches Merkmal von Migranten jeder Art vertiefen und den Vorwurf der mangelnden Integrationswilligkeit auf ihre Ursachen zurückführen.
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Fantasy ist reaktionärer Firlefanz, oder nicht?

Ich hatte mir für heute überlegt, entweder übers Brotbacken oder über Historienfernsehen zu schreiben. Aus beidem wurde nichts. Mein Roggenschrotbrot ist zusammengefallen und ich muss erst den Fehler finden, mein Dinkelbrot ist furchtbar breit gelaufen und Amazon Prime funktioniert gerade nicht, ich kann also kein Downton Abbey als Inspiration gucken.
Glücklicherweise fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor ein paar Tagen geführt habe. Eine Freundin gestand mir, dass sie gern Fantasy lese und ergänzte, ich halte das für Mist und sie nun für einen schlechten Menschen. Zweiteres stimmt nicht. Wenn ich Leute nur auf Grund ihres miesen Literaturgeschmacks verdammte, wäre ich wohl der einsamste Mensch auf Erden. So bin ich gelegentlich durch Sozialkontakte eher überfordert.
Ich hielt meiner Freundin meinen üblichen Vortrag, dass Fantasy reaktionär sei,

-eine Flucht vor den Problemen der Welt in eine gute alte Zeit,
-wo die Fronten zwischen gut und böse klar,
-das Leben einfacher
-und das Gras grüner sei.

Daran ist nach wie vor viel wahr. Fantasy nutzt das Bedürfnis der Menschen nach einfachen Welterklärungen und das Bedürfnis nach Nostalgie schamlos aus. Wir sind alle historische Wesen und brauchen die Vergangenheit, um die Gegenwart verstehen zu können. Da die Gegenwart so schrecklich kompliziert ist, wird in der fingierten Vergangenheit des Fantasyromans, getarnt als Parallelwelt, das Magische zum Erklärungsmuster für alles und folgt damit traditionellen Problemverarbeitungsstrukturen. In unserer Realität hdingegen müssen wir Dinge wie Kapitalismus, Politik und Atomkraft verstehen, um die Welt deuten zu können, ohne für verrückt gehalten zu werden. Gemeinerweise sind die meisten Menschen in unserer Welt zudem weder gut noch böse, deshalb reizt der große Vereinfacher Fantasyroman noch mehr. Fantasy ist feige Flucht ins Idyll. Selbst der grausame Oberschurke ist noch sympathisch, weil er seiner Rolle als Schurke folgt.
Kaum hatte ich meinen Vortrag mit der Versicherung beendet, dass meine Freundin dennoch ein netter Mensch sei, begann ich – still für mich – nachzudenken. Science Fiction funktioniert, ich muss ehrlich über mein Lieblings-Genre sprechen, zumeist ähnlich. Die Technik übernimmt die Rolle der Magie als Erklärungsmuster, ein Großteil der Literatur ist schematische U- oder Dystopie, gut und böse sind klar festgelegt. Science Fiction wirkt wie das aufklärerische Pendant zur romantischen Fantasy. Eigentlich funktionieren erfolgreiche Bücher jeden Genres ähnlich, man denke an Dora Heldt oder Kerstin Gier für Frauenliteratur, Dan Brown für den Thriller.
Daraufhin musste ich mich fragen, was gute Fantasy ausmacht. Ich bin immerhin kein Abstinenzler, meine Abscheu richtet sich vor Allem gegen Tolkien und die Auslegeware von Bahnhofsbuchhandlungen.
Fantasy ist ein episches Genre, es schließt an Vorbilder an wie die Ilias oder die Volksmärchen. Diesem Typ Literatur  geht darum, uns zu ergreifen. Während gute Science Fiction uns in der Regel einen neuen Blick auf die Missstände der Gesellschaft ermöglicht oder zumindest deutlich macht, wie gesellschaftliche Prozesse funktionieren, wendet sich gute Fantasy an unser Innerstes, an uns persönlich. Sie beschäftigt sich mit Fragen des guten Lebens in dem Sinne, wie Tugendhaftigkeit aussehen kann, wie weit man für Ziele bereit zu gehen ist, welchen Beitrag ein Einzelner manchmal leisten muss, um die Welt besser zu machen und welche Werte uns wie wichtig sind. Science Fiction nimmt den Zusammenhang Gesellschaft-Individuum aus der Sicht der Gesellschaft, Fantasy aus der des Individuums in den Blick.
Gute Fantasy ist damit zum Teil literarische Reflexion auf Aristoteles‘ Tugendlehre, indem sie Werte wie Freundschaft, Tapferkeit, Verantwortung, etc. behandelt. Sie krankt nur leider allzu oft daran, dass sie schematisch ist, die eigentlich so zentrale Individualität ihrer Helden vermissen lässt und damit unterschlägt, dass es immer gilt, das rechte Verhältnis zwischen den beiden Polen einer Tugend (zur Erhellung: Tapferkeit ist das Mittlere zwischen Tollkühnheit und Feigheit) und auch das rechte Verhältnis der Tugenden zueinander zu finden.
Aber solcher Schematismus ist das Problem jeden Literaturgenres, davon will ich diesen Beitrag nicht freisprechen. Terry Pratchetts Fantasy ist Gesellschaftskritik, Stanislaw Lems Science Fiction geht es meiner Ansicht nach eher um das gute Leben. Tendentiell gilt meiner Beobachtung nach aber: Fantasy verleitet wegen der Macht seiner Bilder und den Verlockungen der großen Vereinfachung dazu, viel Mist zu produzieren. Die große Sehnsucht nach dieser Vereinfachung macht Fantasy populärer als manch andere Genres. Deshalb der viele Mist in den Regalen der Buchhandlungen. Aber dies ist ein strukturelles Problem von Literatur insgesamt. Dem Fantasygenre kann man daraus keinen Strick drehen, auch wenn ich es bis auf wenige Ausnahmen (Terry Pratchett, Philip Pullman und Markus Heitz fallen mir spontan ein, die ich gern lese) nach wie vor nicht leiden kann und für Mist halte.