Jeden Montag stellt das Buch-Fresserchen seine Montagsfrage zu Lesegewohnheiten, (fast) jeden Dienstag bemühe ich mich um eine Antwort auf ihre Frage. Alle meine Antworten gibt es im Archiv. In dieser Woche heißt es: Beeinflusst die Jahreszeit aktuell dein Leseverhalten/die Bücher, zu denen du greifst?
Schlagwort: Aristoteles
Warum sollte jemand, der sich um das täglich Brot kümmert, überhaupt politische Entscheidungen treffen dürfen?
Wann immer es mir um Fragen der Moral geht, hole ich meinen Kant hervor und bin glücklich. Dahinter folgt eine ganze Batterie an Philosophen, die ich gern zu Einzelproblemen heranziehe. Das liegt oftmals daran, dass ich sie so herrlich provokant finde. Aristoteles (der mir bei meinen Überlegungen zum Blogging gute Dienste geleistet hat) ist so ein Beispiel. Über die Staatstheorie des Aristoteles ließe sich viel sagen. Ich versuche es in Kürze.
„Wer ein Haus bewirtschaftet macht keine Politik“ weiterlesen
Wenn der Tag mit einer Erkenntnis beginnt, ist für den Tag noch nicht alles verloren. Ich habe nämlich heute gelernt, dass die Redeweise „Horror Vacui“ ursprünglich ganz anders gebraucht wurde als ich es verwende – und viele andere Menschen auch. Das macht die Sache allerdings nicht besser. Und Horror Vacui lässt sich steigern.
Heute: Der Brexit und die Demokratie.
Ich versuche es heute einmal mit drei Büchern in einem Beitrag. Zwei Bücher zusammen bilden nämlich eine Geschichte und das dritte Buch passt auch irgendwie dazu. Und vielleicht erzeugen die drei Bücher gemeinsam ein Mindestmaß an Interesse, um das Verfassen des Artikels zu rechtfertigen. Außerdem habe ich Nerdwochen, da passt diese Besprechung ohnehin formidabel.
Ich möchte euch ein dickes Lob aussprechen: In der letzten Woche hatte ich einen Beitrag zur Tugendethik, einen zur Tierethik, einen zu Ideal Language Theory und einen zu Politischer Philosophie. Während Tierethik immer zieht und die Politische Philosophie mit Seamus ein starkes Zugpferd für die verhandelte intellektuelle Energiesparbirne hatte, war ich in Sorge, dass die Masse euch abschreckt und Wittgenstein so unspannend ist, dass niemand den Artikel liest (ich habe zum ersten Mal seit Langem in die Statistiken geguckt, er kam besser an als andere Besprechungen auf dem Donnerstags-Slot). Dem ist nicht so, deshalb gibt es heute noch ein wenig mehr zum Thema Glückseligkeit.
„Aristoteles und die Blogger – Poiesis und Praxis“ weiterlesen
Der heutige Abschnitt der Proust-Fragebogens erfordert eigentlich ein ganzes philosophisches Seminar, verpackt in einen Blogbeitrag. Eigentlich müsste ich Seamus dazu befragen, aber der hat gähnend abgelehnt. Tugend interessiert ihn nicht, Terror findet er spannender.
Ich hatte mir für heute überlegt, entweder übers Brotbacken oder über Historienfernsehen zu schreiben. Aus beidem wurde nichts. Mein Roggenschrotbrot ist zusammengefallen und ich muss erst den Fehler finden, mein Dinkelbrot ist furchtbar breit gelaufen und Amazon Prime funktioniert gerade nicht, ich kann also kein Downton Abbey als Inspiration gucken.
Glücklicherweise fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor ein paar Tagen geführt habe. Eine Freundin gestand mir, dass sie gern Fantasy lese und ergänzte, ich halte das für Mist und sie nun für einen schlechten Menschen. Zweiteres stimmt nicht. Wenn ich Leute nur auf Grund ihres miesen Literaturgeschmacks verdammte, wäre ich wohl der einsamste Mensch auf Erden. So bin ich gelegentlich durch Sozialkontakte eher überfordert.
Ich hielt meiner Freundin meinen üblichen Vortrag, dass Fantasy reaktionär sei,
-eine Flucht vor den Problemen der Welt in eine gute alte Zeit,
-wo die Fronten zwischen gut und böse klar,
-das Leben einfacher
-und das Gras grüner sei.
Daran ist nach wie vor viel wahr. Fantasy nutzt das Bedürfnis der Menschen nach einfachen Welterklärungen und das Bedürfnis nach Nostalgie schamlos aus. Wir sind alle historische Wesen und brauchen die Vergangenheit, um die Gegenwart verstehen zu können. Da die Gegenwart so schrecklich kompliziert ist, wird in der fingierten Vergangenheit des Fantasyromans, getarnt als Parallelwelt, das Magische zum Erklärungsmuster für alles und folgt damit traditionellen Problemverarbeitungsstrukturen. In unserer Realität hdingegen müssen wir Dinge wie Kapitalismus, Politik und Atomkraft verstehen, um die Welt deuten zu können, ohne für verrückt gehalten zu werden. Gemeinerweise sind die meisten Menschen in unserer Welt zudem weder gut noch böse, deshalb reizt der große Vereinfacher Fantasyroman noch mehr. Fantasy ist feige Flucht ins Idyll. Selbst der grausame Oberschurke ist noch sympathisch, weil er seiner Rolle als Schurke folgt.
Kaum hatte ich meinen Vortrag mit der Versicherung beendet, dass meine Freundin dennoch ein netter Mensch sei, begann ich – still für mich – nachzudenken. Science Fiction funktioniert, ich muss ehrlich über mein Lieblings-Genre sprechen, zumeist ähnlich. Die Technik übernimmt die Rolle der Magie als Erklärungsmuster, ein Großteil der Literatur ist schematische U- oder Dystopie, gut und böse sind klar festgelegt. Science Fiction wirkt wie das aufklärerische Pendant zur romantischen Fantasy. Eigentlich funktionieren erfolgreiche Bücher jeden Genres ähnlich, man denke an Dora Heldt oder Kerstin Gier für Frauenliteratur, Dan Brown für den Thriller.
Daraufhin musste ich mich fragen, was gute Fantasy ausmacht. Ich bin immerhin kein Abstinenzler, meine Abscheu richtet sich vor Allem gegen Tolkien und die Auslegeware von Bahnhofsbuchhandlungen.
Fantasy ist ein episches Genre, es schließt an Vorbilder an wie die Ilias oder die Volksmärchen. Diesem Typ Literatur geht darum, uns zu ergreifen. Während gute Science Fiction uns in der Regel einen neuen Blick auf die Missstände der Gesellschaft ermöglicht oder zumindest deutlich macht, wie gesellschaftliche Prozesse funktionieren, wendet sich gute Fantasy an unser Innerstes, an uns persönlich. Sie beschäftigt sich mit Fragen des guten Lebens in dem Sinne, wie Tugendhaftigkeit aussehen kann, wie weit man für Ziele bereit zu gehen ist, welchen Beitrag ein Einzelner manchmal leisten muss, um die Welt besser zu machen und welche Werte uns wie wichtig sind. Science Fiction nimmt den Zusammenhang Gesellschaft-Individuum aus der Sicht der Gesellschaft, Fantasy aus der des Individuums in den Blick.
Gute Fantasy ist damit zum Teil literarische Reflexion auf Aristoteles‘ Tugendlehre, indem sie Werte wie Freundschaft, Tapferkeit, Verantwortung, etc. behandelt. Sie krankt nur leider allzu oft daran, dass sie schematisch ist, die eigentlich so zentrale Individualität ihrer Helden vermissen lässt und damit unterschlägt, dass es immer gilt, das rechte Verhältnis zwischen den beiden Polen einer Tugend (zur Erhellung: Tapferkeit ist das Mittlere zwischen Tollkühnheit und Feigheit) und auch das rechte Verhältnis der Tugenden zueinander zu finden.
Aber solcher Schematismus ist das Problem jeden Literaturgenres, davon will ich diesen Beitrag nicht freisprechen. Terry Pratchetts Fantasy ist Gesellschaftskritik, Stanislaw Lems Science Fiction geht es meiner Ansicht nach eher um das gute Leben. Tendentiell gilt meiner Beobachtung nach aber: Fantasy verleitet wegen der Macht seiner Bilder und den Verlockungen der großen Vereinfachung dazu, viel Mist zu produzieren. Die große Sehnsucht nach dieser Vereinfachung macht Fantasy populärer als manch andere Genres. Deshalb der viele Mist in den Regalen der Buchhandlungen. Aber dies ist ein strukturelles Problem von Literatur insgesamt. Dem Fantasygenre kann man daraus keinen Strick drehen, auch wenn ich es bis auf wenige Ausnahmen (Terry Pratchett, Philip Pullman und Markus Heitz fallen mir spontan ein, die ich gern lese) nach wie vor nicht leiden kann und für Mist halte.
Die Frage ist ein wenig deckungsgleich mit der ersten, aber umfassender. Das vollkommene irdische Glück bedeutet für mich in erster Linie frei zu sein von Zwängen. Das habe ich heute gemerkt, als ich die letzte reguläre Hausarbeit vor der Examensarbeit fertig gestellt habe. Das Gefühl war einfach unbeschreiblich. Es ist ein Gefühl der Leichtigkeit wie das, wenn man ein oder zwei Gläser Rotwein getrunken hat und in lauer Abendluft den Sternenhimmel betrachtet – oder wenn man ein gutes Buch liest.
Das vollkommene irdische Glück bedeutet dabei nicht Nichtstun, es ist mehr aristotelisch zu verstehen. Man setzt sich Ziele, die man für wertvoll hält, aber nicht wertvoll, um etwas damit zu tun. Viel Geld zu haben ist kein vollkommen irdisches Glück, denn man will das Geld haben, um sich damit Dinge zu kaufen, deren Besitz dann Teil des vollkommen irdischen Glücks sein kann. Vollkommenes irdisches Glück ist also die Möglichkeit, all diese Ziele zu erreichen. Das schließt die Voraussetzungen, diese Ziele zu erreichen, womöglich auch Geld, nicht aus, aber es erschöpft sich nicht darin. Momentan würde ich sagen: Die Freiheit zu besitzen, seinen Tag selbst zu gestalten, Herr der eigenen Zeit zu sein, das ist vollkommenes irdisches Glück. Ich bin an den Wochenenden immer besonders glücklich, wenn ich mir verbiete, an den Schreibtisch zu gehen, sondern mich spontan entschließe, eine Radtour zu machen, die mich an den Rand der körperlichen Belastbarkeit bringt, oder in der Sonne im Garten zu lesen und ein paar Seiten in einem spannenden Buch zu lesen oder mich mit Freunden zu treffen, um gemeinsam ins Kino zu gehen. Das ist vollkommenes irdisches Glück.