Es hat sich in diesem Winter eingebürgert, Menschen zu verspotten, die sich über den Winter beschweren. Damit könne schließlich keiner rechnen, dass es im Winter kalt sei und dieses weiße Zeug herabriesele. Menschen, die sich über solche Menschen lustig machen, verkennen den Ernst der Klage. Nichts geht mehr! Der Winter ist eine undankbare Jahreszeit für Menschen mit Kater, mit Mitbewohner und mit Dating-App.

Nehmen wir beispielsweise den gestrigen Tag. Es war ein ganz normaler Donnerstag mit dem einzigen Unterschied, dass ich den Folgen eines kleineren Anfalls von Feierwut ins Auge blicken musste. Zumindest einigen dieser Folgen, während ich andere Folgen einfach verdränge, bis die Mitbewohnerin mir es wieder aufs Brot schmiert. Aber die Frage, wieso angebliche – verlobte – Hetero-Kerle dir irgendwann im Laufe des Abends ungefragt die Zunge in den Hals stecken wäre ein eigenes Thema für sich und warum zum Henker sie nicht küssen können erfordert wahrscheinlich ein ganzes Buch.

Zurück zum eigentlichen Thema, es ging schließlich um die Folgen exzessiven Alkoholkonsums bei mir und nicht bei den Anderen. Sie erfordern eine Behandlung aus frischer Luft und Bewegung. Problematisch an der aktuellen Lage ist aber, dass ich schon unter normalen Umständen einigermaßen kälte-empfindlich bin. Wie das verkatert aussieht, dürft ihr euch gern selbst vorstellen. Ich hatte also nur die Wahl, den ganzen Tag zu leiden oder den halben Tag zu leiden, diese Hälfte allerdings doppelt so intensiv. Dass das keine guten Optionen sind, verdanke ich dem Winterwetter da draußen. Und glaubt ja nicht, dass „Ich geh zu Fuß zum Museum und schau mir die neue Sonderaussstellung an“ eine gute Alternative war. Obwohl die sehenswert ist.

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Überhaupt ist das Verlassen des Hauses so eine Sache. Dass ich ein weinerlicher Schönwetter-Läufer bin und es lieber kurz und schnell statt lang und ausdauernd habe ist ja hinreichend bekannt. Der neue Mitbewohner macht mich trotzdem fertig und geht … im Winter! … morgens um fünf Uhr! … auf eine 9km-Runde! … mit Steigungen! … während ich überlege, das Fitness-Studio sausen zu lassen, weil es da kühl in den wohltemperierten Raum zieht, sobald ein neuer Besucher eintritt. Jedenfalls kratzt die Motivation des Neuen mein Ego so sehr an, dass ich es ihm gern nachtun würde, wenn auch kürzer und schneller. Geht aber nicht, weil es draußen kalt ist. Und ich frage mich: Wann habe ich solch klassisches Männchen-Verhalten entwickelt?

Damit nicht genug, es stellt sich schließlich ganz brennend die Frage: Wie zum Henker soll man bei dem Wetter ein Zero-Date ansetzen? Für all diejenigen, die das nicht kennen: Der erste Kontakt im Real Life bei Bekanntschaften über eine Online-Dating-App sollte nie an einem Ort stattfinden, an dem man gezwungenermaßen lange aufeinander hockt und erst recht nicht dort, wo keinerlei Fluchtmöglichkeiten bestehen. Essen gehen fällt aus, Kino ist grenzwertig (Du, sorry, ich muss mal schnell …), während ein Treffen im Park (vor allen Dingen bei Ortskenntnis) immer die Gelegenheit bietet, nach einem konzentrierten Spurt in irgendeinem Gebüsch zu verschwinden – allein natürlich. Das ist aus drei Gründen derzeit problematisch: Meine Fitness ist momentan nicht auf konzentrierte Spurts ausgelegt, die Gebüsche sind momentan nicht blickdicht und – genau – es ist viel zu kalt!

Ich sehe den heutigen Abend schon vor mir: Wir treffen uns am vereinbarten Ort und gehen ein paar Schritte. Wahrscheinlich sogar nur ein Paar Schritte, bis wir feststellen, dass es viel zu kalt ist und wir uns doch sympathisch genug finden, um sofort irgendwo hin zu gehen, wo es warm ist. Ach was, am Schnellsten sind wir wahrscheinlich sogar bei einem von uns daheim und da haben wir die volle Kontrolle über die Heizkörper, also warum überspringen wir nicht gleich alles?

Da kann ich nur hoffen, dass er wenigstens nicht küsst wie ein Verlobter.

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20 Kommentare zu „Wieso Winter doof ist

  1. Du gehst mit wildfremden Männern allein in den Park?! 😀
    Bei Blind-Dates oder Dates, die man kaum kennt, bevorzuge ich öffentliche und vielbelebte Orte. Restaurants oder Kinos sind da grad recht. Beim Essen hat man natürlich den Vorteil, dass – wenn meinem kein Thema einfällt – man einfach isst und wenn es wirklich gruselig ist, lässt man den Nachtisch ausfallen, simuliert extreme Müdigkeit und geht heim (alleine!).

    Liken

    1. Im Park hier ist man nie allein. Massive Polizeipräsenz. 😋
      Belebt sollte es schon sein, aber bevor ich mich irgendwo einrichte – und das tu ich im Restaurant – will ich schon einen Eindruck haben, deshalb erst laufen. Ich kann peinliches Schweigen aber auch ganz schlecht aushalten. Um mit jemandem schweigen zu können, muss ich ihn ein wenig kennen.

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