In meinem Kopf sind viele Gedanken. Von Zeit zu Zeit fließen diese Gedanken in einen Blogbeitrag oder finden ihren Weg zu Twitter. Doch nicht immer gibt es den Platz oder die Zeit für diese Gedanken.

Ich habe ein Talent, um das mich manche Menschen beneiden. Ich kann mir abstruse Dinge merken, die sehr hilfreich sind, um damit bei Trivial Pursuit zum Feindbild zu werden. Ich gewinne die meisten Partien mit Freunden und Bekannten, um den Preis, dass ich dieses Spiel bevorzugt mit Menschen spiele, die auch meine positiven Eigenschaften kennen und darüber hinwegsehen, dass ich sie damit demütige.

Dennoch gibt es viele Dinge in meinem alltäglichen Tun, die ich für großartig halte und die mich in Sorge versetzen, dass sie verschwinden könnten. Ich habe schon viel probiert, diese Gedanken zu sichern: Sie auf Post-its bannen, sie in meiner To-Do-Listen-App ablegen, einfach versuchen, sich an sie zu erinnern. Doch keine dieser Methoden hilft.

Derzeit versuche ich es mit Notizbüchern. Ich mag die Haptik, wenn meine Gedanken in meiner Handschrift, die für diesen Zweck wesentlich aus Strichen und Kringeln besteht, aufs Papier fließen. Nicht so schnell, wie ich denke, aber schneller als wenn ich sie eintippen würde. Das ist das beste, was mir möglich ist, denn meine Gedanken sind oft flüchtig: Im einen Moment habe ich eine großartige Idee, komplett durchdacht, argumentativ sauber, in großer Klarheit. Und im nächsten Moment verschwinden diese Gedanken wieder.

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Der Drang, die Dinge festzuhalten, beunruhigt mich zuweilen. Ich stelle mir die Frage, warum ich jeden Einfall aufschreiben muss. Habe ich nur Sorge, dass sie verschwinden könnten oder habe ich die tiefergehende Sorge, dass der Fluss neuer Gedanken nachlassen könnte? Lege ich mir also mit dem Festhalten dieser Gedanken in Papierform eine Art Geistesrente an? Sind meine Notizbücher ein Vorrat – etwas, wovon ich zehren kann, wenn ich ausgebrannt und einfallslos vor mich hinvegetiere?

Habe ich vielleicht auch die Sorge, dass ich mich desintegriere? Ich erzähle seit Jahren Geschichten über mich, nicht nur hier, auch im wirklichen Leben. Zuweilen muss für die tiefere Wahrheit eines Erlebnisses, einer Erfahrung oder auch nur um einer Pointe willen an der Wirklichkeit geschraubt werden, mit einer Prise Drama versorgt oder mit einer Absolut-Aussage versehen werden, die ich intuitiv nicht durchhalten würde.

Das tut jeder von uns – in zwangloser Runde wird ein Erlebnis berichtet und zur Geschichte geformt. Ich habe damit angefangen, solche Geschichten über mich zu sammeln. Auch sie finden ihren Niederschlag in meinen Aufzeichnungen. Damit sie nicht verschwinden, sondern präsent bleiben und mir ein dauerhaftes Repertoire an Marotten zu liefern, an Bildern wie ich mein Seelenleben darlegen kann und nicht für Irritationen sorge?

Warum ich es tue, weiß ich nicht. Ich ziehe es auch nicht konsequent durch. Aber mein Notizbuch-Schreiben erstaunt mich zuweilen selbst. Wenn ich darin blättere und staune, was ich für bescheuerte oder geniale Einfälle schon hatte, diese Einfälle packe und daraus etwas mache oder über mich mit meinen Geschichten über mich selbst erheitere, als seien es die Geschichten eines Dritten. Am erstaunlichsten finde ich aber die Momente, wenn ich nicht sofort notiere, sondern ein paar Tage später den Drang spüre, etwas festzuhalten: Eine Situation, einen Ort, einen Menschen.

Wenn ich anfange, die Dinge zu rekapitulieren, wandern sie in meine eigene Ordnung. Ich fange irgendwo mittendrin an, wandere zu Dingen, die mir in der Rückschau erst explizit bewusst werden, die aber schon in meinem Kopf waren, ordne Erfahrungen nach meiner ganz eigenen Hierarchie und mache mir ein neues Bild. Und ehe ich es mich versehen habe, sind drei Seiten gefüllt mit Kleinigkeiten und Bedeutsamem, die mir etwas Neues über mich selbst verraten: Was mir wichtig ist und was ich wahrnehme, wenn ich es nur darauf anlege.

Deshalb halte ich meine Gedanken fest – es ist keine Sorge, es ist mein Leben. Meine Notizbücher sind Gedankenstütze für das, was ich diese Woche noch tun will, sie sind der Ort von Nonsens und Geistesblitz, sie sind Selbstvergewisserung und Konstruktion meines Selbst, sie sind Tagebuch und Stasi-Akte. Wenn irgendjemand meine Notizbücher in die Finger bekommen würde, könnte ich mich wahrscheinlich auf eine Zwangseinweisung einstellen. Denn in ihnen unterhalte ich mich mit mir selbst – auf neutralem Boden, außerhalb meines Kopfes, aber trotzdem für mich allein.

31 Kommentare zu „Über das Fixieren von Gedanken

    1. Das ist ein spannender Gedanke. Vielen Dank für’s Teilen. Auch wenn manche Dinge leider hartnäckig sind und nicht in Vergessenheit geraten, obwohl sie es sollten … Aber insgesamt ist mehr Wissen echt besser. Und auch Fehlschläge müssten viel besser dokumentiert werden …

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  1. Gedanken fließen … wenn ein Fluss kein Wasser führt, versandet er. Gedanken im Einmachglas sind begrenzt haltbar. Vielleicht liegt es an der Natur von Gedanken, dass sie kommen, wenn ihre Lebensbedingungen günstig sind und dass sie sich verabschieden, um in erneuter Form woanders wieder sichtbar zu werden …

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  2. Notizbücher sind toll! Ich bekam unlängst zum Geburtstag eines geschenkt, um während der Dauer meiner Rezensionspause wenigstens stichpunktartig festhalten zu können, was ich denn darüber schreiben wollte. Das finde ich schon super.

    Übrigens hast Du gerade, sowohl qualitativ als auch quantitativ, einen bemerkenswerten Output, was Deinen Blog angeht, oder!? Find ich gut, vor allem vor dem Hintergrund Deiner zwischenzeitlich immer mal wieder eingetretenen Abwesenheit innerhalb der letzten, gefühlt, 12-15 Monate. 🙂

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    1. P.S.: Wie geht es eigentlich Seamus O´Bär? Gefühlt habe ich schon seit einer Ewigkeit nichts mehr von ihm gelesen. Vielleicht sollte ich eine Crowdfunding-Kampagne starten … 😉

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        1. Und gerade über diese zerspahnenden Kopfschmerzen, welche sogar ich in Rezensionen und sonstigen Beiträgen einge…webt…einge…woben…ähm…eingefügt habe, ließe sich doch vortrefflich erzählen. Ich meine, hey, Spahn gibt wirklich was her. 😉

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            1. Kevin Kühnert ist schwul? Da hab ich wieder was gelernt. 😉 Einerseits weiß ich eine Jens-freie Zone zu schätzen, andererseits würde es doch sicherlich richtig Spaß machen, da mal Seamus von der Leine zu lassen. 🙂 Wird er überhaupt an der Leine gehalten oder kann er kommen und gehen wie er will? 😉

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              1. Ist er. Und ich bin immer wieder verblüfft, dass es Leute überrascht. Ich wusste das sofort. 😋
                Seamus darf bei mir alles außer CDU wählen. Im Ernst. Ich muss schon sauer sein oder belustigt, um mit ihm zu sprechen. Momentan bin ich in der Hinsicht immer eher betrübt.

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              2. Na, vielleicht hast Du diesbezüglich einen Radar, ich hab ihn nicht. 🙂

                Oh, war das jetzt noch political correct? Keine Absicht. 🙂

                Ach, und merke: CDU ist nicht gleich CSU, und über Letztere hätte bestimmt auch Seamus in der jüngeren Vergangenheit was zu sagen gehabt. 🙂

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    2. Oh, eine Art Lesetagebuch. Das ist auch eine schöne Sache. Sowas ist mir zu anstrengend, ich bin aber auch eher so ein passiver Mensch. Nutz es, genieß es. 😀

      Was den Output angeht: Ich habe zum ersten Mal seit Jahren so richtig Urlaub, das Wetter ist geil und ich bin glücklich. Das ist ein Dreiklang, der mich offenbar beflügelt. 😀

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      1. Hm, bei aller Sorge, die ich sonst gerade habe, beschließe ich; Wenn Du glücklich bist, bin ich auch glücklich. 🙂 Das muss ich mir jetzt nur noch drei Wochen lang täglich mantraartig sagen, dann glaube ich es auch. 🙂

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  3. Man hat einen guten Einfall, platsch ist er weg … man hat einen guten Einfall, Glück gehabt, ihn auf Papier gerettet … und dann kann es trotzdem passieren, – als verlöre er seine Aura -, dass man dem Gedanken zu einem anderen Zeitpunkt keinen Wert mehr beimisst.

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  4. Damit die Gedanken fließen können, braucht das Hirn so eine Art Leerlauf. Es muss ungehindert einfach vor sich hindenken können, am besten unbewusst im Hintergrund. Etwas nicht vergessen wollen ist der beste Weg dieses Denken zu blockieren, deswegen muss man das bereits Gedachte irgendwo auslagern. Mir geht es dann aber häufig so, dass ich diese Notiz nur kurzfristig brauche, nach einer Weile trenne ich mich davon, weil die Relevanz verblasst. Oder es wird etwas größeres daraus, das Bestand hat, aber dazu ist wiederum sehr viel Muße erforderlich.

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    1. Stimmt, so ist es mit vielen Notizen, wobei das für mich eher so alltägliche Sachen sind: „Statistiken checken“ oder „Bettwäsche“, ebenso der klassische Einkaufszettel. Meine Ideen müssen auf Papier noch ein wenig ruhen, bevor sie sich ernten lassen

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  5. Seit ich schreiben kann schriebe ich für mich. Führe Dialoge. Ordne Gefühle in Form von Metaphern und Symbolen.

    Jetzt weiß ich, das meine Selbstgespräche und das Aufschreiben für mich Lebensnotwendig sind und waren. Als Autistin und ADHSlerin ist das so meine Art mich zu sortieren.

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  6. Ich schreibe Tagebuch, damit meine Gedanken nicht in meinem Kopf herumkreiseln und ich sie immer und immer wieder denke. Wenn ich sie aufschreibe, vergesse ich sie nicht und sie müssen nicht mehr herumkreiseln.
    Ich tippe, weil ich Handschreiben nicht gerne mag. Davon abgesehen ist Tippen schneller. Bin bei Seite 7628…

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    1. Krass. Ich bin da ein wenig altmodisch, außerdem habe ich das Gefühl, wenn ich am PC schreibe, Kreiselternrat mein Kopf eher mehr als weniger. Aber 7628? Seit wann führst du das? Und welches Format macht so viele Seiten mit?!

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      1. Ich schreibe von Hand wahnsinnig langsam, ich hab das Gefühl, dass meine Hand dann meinen Gedanken nicht hinterherkommt, das macht mich wahnsinnig (und bereitet Schmerzen im Handgelenk :-D)
        Ich schreibe, seit ich 10 Jahre alt bin. Es gab manchmal ein paar Monate oder Jahre Aussetzer. Seit ich 13 bin aber ziemlich regelmäßig, ursprünglich um – halt dich fest – im Zehnfingersystem Tippen zu lernen!
        Kein Format macht das mit 😉 Ich schreibe im OpenOffice-Format ODT (bei RTF dauert das Öffnen ab mehr als 100 Seiten ewig), erstelle aber alle 500 Seiten ein neues Dokument und ziehe dann auch ein PDF für das Archiv. Schriftart ist Century Gothic (weil ich gern so eine Handschrift hätte), Format ist normales DIN-A4, allerdings mit sehr kleinen Rändern, da ich die schon immer als Platzverschwendung empfand.

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          1. Wegen so einem Unsinn?! 😀 Es ist ja nur Tagebuch. Nicht ein Manuskript zur Errettung des Planeten, der Menschheit oder des gesamten Universums 😀 Wenn man die ganzen Wiederholungen („Scheißjob, Scheißkollegen, Scheißkerle“) streicht, bleiben bestimmt höchstens 300 Seiten übrig 😉

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