Es gibt für einen Mann in der Standardausführung bekanntermaßen nichts schlimmeres als neue Kleidung käuflich zu erwerben. Allein die Diskussionen, die Mutter Zeilenende mit Herrn Zeilenende Sr. vor dem Kauf einer neuen Hose führen muss, sind genug Material für einen ganzen Dramenzyklus. Ich nehme das für gewöhnlich kopfschüttelnd zur Kenntnis, denn ich bin bekanntermaßen eine Special Edition. Doch so eine Special Edition hat eben auch seine Macken.

Ich war nicht immer ein begeisterter Klamottenkäufer, sondern fand das wie alle Kinder und vor allen Dingen alle Jungs reichlich blöd. Das hat sich geändert, meine Begeisterung für den Erwerb neuer Klamotten wird nur noch durch zwei gewöhnliche Probleme und zwei Spezialprobleme gedämpft:

  1. Ich hasse es, neue Kleiderschränke zu kaufen und aufzubauen.
  2. Ich hasse es noch mehr, Klamotten auszusortieren.
  3. Je nach Tagesform ist Hemdenkauf eine Qual, weil ich nur die Wahl zwischen „oben eng, unten passt“ oder „oben passt, unten weit“ habe.
  4. Jeanshosen!

Die Probleme 1 und 2 gehe ich an, indem ich hin und wieder meine Klamotten spende. Nicht in einen Sack, sondern in eine Einrichtung, in der sie genutzt wird. Second Hand Männerkleidung interessiert ja niemanden. Spezialproblem 3 löse ich durch dreitägiges Fasten vor dem Hemdenkauf, den massenhaften Genuss von Pflaumensaft am Abend vor dem Einkauf und das Aufsuchen eines Hemdenfachgeschäfts. Spezialproblem 4 allerding ist ein Problem

 

Die Jeanshose und ich

In meinem Kleiderschrank gibt es genau eine klassische Jeanshose. Gerader Schnitt, normale Bundhöhe, blau, ohne Risse oder Stonewashed-Look. Sie bekommt Gesellschaft von einer schwarz-blauen Jeans, einer grauen Levi’s (ja … ich weiß … ich bin ein Markenopfer) und ein paar Hosen, die halbe Jeanshosen sind, aber nicht so richtig, weil man es ihnen nicht ansieht und weil man es vor allen Dingen nicht spürt.

Ich hasse diese brettartige Steifheit von klassischen Jeanshosen, genauso wie ich die Blautöne klassischer Jeanshosen hasse. Egal ob es ein durchgängig helles Blau oder ein eher dunkles Blau ist. Ich mag weder den üblichen gemaserten Anblick noch die ebenso übliche komplette Durchfärbung des Stoffes. Kurz: Ich kann klassische Jeanshosen durch die Bank weg nicht ausstehen, mit wenigen Ausnahmen. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass eine normale Jeans im Schrank sinnvoll ist. Dementsprechend niedergeschlagen war ich, als meine aktuelle Jeans an den Beinen ausfranste. Ich wusste, eine große Qual würde über mich kommen, bis ich allein eine Jeanshose in der richtigen Farbe finden würde und stellte mich auf eine ausgiebige Expedition ein, die mindestens eine Woche dauern würde.

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Hier war ich noch glücklich mit meiner alten Jeanshhose, bevor sie nach vielen treuen Jahren feige den Dienst quittiert hat.

Jeansgrößen und -passformen

Ich bin ein wenig zu kurz geraten an den Beinen, dementsprechend muss ich beim Hosenkauf immer ein wenig länger suchen, bis ich die richtige Größe gefunden habe. Ich kenne keine Statistik dazu, gehe aber von folgender Tatsache aus: Wenn auf einem Tisch, der frisch mit 100 Hosen bestückt wurde, lediglich die unterste Hose, die man nach einer halben Stunde Wühlen entdeckt, eine 30er Beinlänge hat, dann ist das hart an der Grenze zur Diskriminierung durch durchschnittsgebeinte Mode-Designer mit Beinlänge 32. Ist ja nicht so, dass ich klein wäre, tatsächlich liege ich knapp über dem Schnitt. Nur meine Beine sind eben darunter.

Nun hatte ich also bei meinem bevorzugten schwedischen Herrenschneider tatsächlich eine Jeanshose entdeckt, die eventuell nicht ganz so gruselig aussehen würde und die tatsächlich die richtige Beinlänge mitbrachte. Dummerweise stand auf dem Etikett: Schlimm Fit. Diese Hose würde also ganz schlimm sitzen. Ich zuckte noch mit den Achseln, eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Nicht dass ich etwas gegen eng anliegend hätte, aber Schlimm Fit ist für mich untenrum ein Glücksspiel, vor allen Dingen bei Jeanshosen: Entweder es schaut gut aus oder die Oberschenkel tragen zu dick auf. Regelmäßiger Sport und übrig gebliebene Hautlappen machen den Oberschenkel eben kräftig.

Natürlich passte die Hose, für die ich zwei Stunden lang den Laden inspiziert hatte, nicht. Darauf hatte ich mich eingestellt, erwägte dennoch kurz, zum Discopumper zu werden und zukünftig nur noch meinen Oberkörper zu trainieren, inklusive einer Umstellung von Laufen auf Schubkarrenrennen. Doch das fand ich zu diesem frühen Zeitpunkt noch zu drastisch.

 

Sag mir wo die Kerle sind

Die kommende Woche gestaltete sich, wie ich es erwartet hatte. Ich klapperte meine anderen bevorzugten und auch weniger bevorzugten Herrenschneider ab. Ich wurde schwer enttäuscht von den üblichen Verdächtigen, bei denen ich sonst stets zuverlässig gut sitzende Mode zu vernünftigen bis unvernünftigen Preisen fand. Nach einer erfolglosen Jagdwoche war ich nicht nur gewillt, einen dreistelligen Betrag für eine neue Jeanshose auszugeben, sondern diesen dreistelligen Betrag gegebenenfalls auch mit einer Primzahl beginnen zu lassen.

Normalerweise ließ ich mich nicht so leicht ins Boxhorn jagen, doch offenbar hatte sich die Modewelt gegen mich und meine Oberschenkel verschworen. Es gab überall zahllose Jeanshosen, sogar in geschmackvollen Farben. Sie waren nicht einmal alle in der Schlimm Fit Ausführung. Doch leider war das nicht zu meinem Vorteil, denn die Alternativen waren der Super Schlimm Fit und Skinny Fit.

Ich kam ins Grübeln. Ich bin bei Weitestem nicht der kräftigst gebaute Mensch auf Erden, wie ich drei Mal die Woche im Fitness-Studio bewundern durfte. Ich bin mir sicher, dass ich – wenn überhaupt – leicht über dem Durchschnitt liege, was meine Proportionen insgesamt angeht. Doch offenbar war meine Wahrnehmung verschoben.

Die Jeanshosen, die ich sah, boten allesamt aber höchstens Platz für eines meiner Beine oder wahlweise einen 14jährigen kurz nach einem heftigen Wachstums-Schub. Ich fragte mich, wann Frauen wohl aufgehört hatten, auf Männer zu stehen und stattdessen Knaben zu bevorzugen und seit wann Frauen es vorzogen, dass ihr Kerl keinen Arsch mehr in der Hose hat. Weiters fragte ich mich, wo die Käufer dieser Hosen steckten. Gesehen hatte ich sie noch nie. Wahrscheinlich nahm ich die ganzen halben Portionen nur nicht wahr. Bislang war ich davon ausgegangen, dass ich mich nicht mehr so häufig nach Männern umdrehe, weil ich zu anspruchsvoll geworden war. Scheinbar hat sich die potentielle Beute aber einfach unter meine Wahrnehmungs-Toleranzgrenze gehungert hatte. Das konnte ich achselzuckend und kopfschüttelnd hinnehmen, brachte mich meiner neuen Jeanshose aber nicht näher.

wpid-20150624_223010.jpgEchte Männer brauchen keine Jeans, sie haben Chinos und Cord.

Ein versöhnliches Ende

Ich verzweifelte an dieser Stelle aus zwei Gründen nicht. Der erste Grund war folgende Erkenntnisse: Im letzten halben Jahr hatte ich fünf Kilogramm zugenommen, allerdings eine geringere Bundweite brauchte. Ich gab mich der Illusion hin, dass es sich um Muskelmasse handeln musste, bis ich mir ein neues Hemd kaufen wollte, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach drei erfolglosen Wochen stand ich kurz davor, mein Glück sogar bei dem verbotenen Laden mit den Papiertüten zu versuchen, unternahm aber einen letzten Anlauf bei einem meiner nicht so bevorzugten Herrenschneider, bei dem gern alles hin ist. Die Hosen passen mir dort ausgesprochen selten, doch ausgerechnet hier fand ich tatsächlich Jeanshosen in passender Farbe und passender Schnittform. Es kam sogar noch besser. Weil mir der Stoff einer Schlimm-Fit-Hose so gut gefiel, probierte ich auch sie an, stellte erfreut Kompabilität mit meinen Elefantenfüßen von Oberschenkeln fest und rechnete aus, dass ich für diese beiden Hosen zusammen weitaus weniger zahlen musste, als meine Schmerzgrenze mittlerweile betrug. Ich hatte also gespart. Vor allen Dingen hatte ich dem Peter-Pan-Diktat der aktuellen Männermode damit ein Schnippchen geschlagen.

Was der zweite Grund war, wieso ich nicht verzweifelte? Ich wusste, dass Mutter Zeilenende bei jedem Hosenkauf für Herrn Zeilenende Sr. noch größere Qualen litt.

 

Wie es bei Herrn Zeilenende Sr. weiter ging

Der Akt des Hosenkaufs bei Mutter Zeilenende und Herrn Zeilenende Sr. selbst gestaltet sich noch anstrengender. Das tröstet mich ungemein. Die Einkaufsmöglichkeiten in ihrem Dorf sind begrenzt, Herr Zeilenende Sr.  hingegen arbeitet in einer benachbarten Millionenstadt, in der es gerüchtehalber sogar Läden gibt, die ausschließlich Hosen führen. Das hindert Herrn Zeilenende Sr. natürlich nicht darin, sich dem Hosenkauf weiterhin zu verweigern, obwohl seine Frau ihm erklärt hat, er müsse ab sofort von der Notwendigkeit einer neuen Hose überzeugt sein.

Konsequenterweise nimmt Mutter Zeilenende Herrn Zeilenende Sr. wie weiland das Zeilenende persönlich an der Hand und fährt mit ihm in die große Stadt, einen Konsumtempel zu besuchen, der Kleidung für ältere Herrschaften anbietet. Es gibt lediglich zwei Unterschiede zur damaligen Situation: Der Weg heute führt in die Herren- statt der Kinderabteilung und danach geht es nicht auf den Spielplatz. Immer wenn ich mir die Situation vorstelle, wird sie von Xavier Naidoo untermalt. Ich leide dann mit Mutter Zeilenende, denn ich kann Xavier Naidoo nicht ausstehen.

Jedenfalls führt dieser Ausflug zu einem stundenlangen Rosenkrieg in der Herrenabteilung vom Kaufhof, in dem es Herr Zeilenende Sr. schafft, sämtliche Verkäuferinnen gegen sich aufzubringen und der Ansage von Mutter Zeilenende, dass die ersten beiden Hosen gekauft werden, die Herr Zeilenende Sr. vor fünf Stunden anprobiert hatte. Er stampft wütend mit dem Fuß auf, doch gegen mütterliche Autorität kann er nicht ankommen. Ein wenig bedaure ich ihn ja, dass er danach nicht einmal auf den Spielplatz darf.

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19 Kommentare zu „Über Hosenkauf in Zeiten der Entmännlichung

          1. Wir könnten einen Deal machen: ich als bekennende Gerne-(edles, freundliches! )-Schwarz-Trägerin würde Dir meinen Frauen-Farbanteil geben…😃

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  1. Lass Dir versichert sein, dass das Oberschenkelproblem nicht männerspezifisch ist.

    Das Beste am Sommer ist das Tragen von Röcken. Während Hosen in mindestens fünf Dimensionen (Farbe, Material, Taille, Oberschenkel, Länge) passen müssen, gibt es für den Rock deutlich mehr Freiheitsgrade, dementsprechend einfacher ist er zu kaufen. Hat man ihn doch mal zu lang gekauft, regelt das Fahrrad das immer ganz schnell ;-). Ich schlage also die zügige Emanzipation des Mannes vor. Tragt einfach mehr Röcke!

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    1. Das ist in der Tat eine Forderung, die ich auch unterstützen würde, wobei Shorts bei Männern in zwei Extremen zu haben sind: Slim oder Baggy. Das macht den Sommer tendenziell unproblematisch.
      Was die Oberschenkel angeht, ist das wahrscheinlich von männlicher Seite auch eher so ein spezielles Zeilenende-Problem.

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  2. Herrlich 😂
    Schön zu lesen, dass nicht nur ich beim Jeanskauf verzweifle. Ich flicke gerade meine Liebste weil ich den Horror eine neue zu suchen erst auf mich nehme, wenn ich eine Tag äußerster emotionaler Stabilität habe.

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  3. Ich hab eine Lösung für mein größtes Jeansproblem gefunden, nämlich dass mein (für meine pummelige Figur trotzdem hervorragend geformter) Hintern irgendwie nie gut dasteht: Ich kaufe Männerjeans. Ich bevorzuge ebenfalls lieber gerade Jeans, also weder Schlimm-Fit noch Schlaghose, die weder gesteinigt noch zerrissen wurden. Und die Männer-Jeans meines Lieblingshosenanbieters haben „normale“ Jeans. Männerjeans lösen dann auch gleich das nächste Problem, nämlich die Tatsache, dass bei Frauenhosen die Hosentaschen winzig sind, man kommt nur bis etwa zum zweiten Fingerknöchel rein, während man bei Männerhosen wirklich gründlich mit Kopfleuchte und Höhlenausrüstung nach Taschentüchern suchen muss, um sie nicht – trotz „Hand-Einschub-Kontrolle“ – versehentlich mitzuwaschen.
    Was übrigens gar nicht geht, sind „Boyfriend-Jeans“: Die waren mir an den Waden zu eng, sowas hab ich noch nicht erlebt. Oberschenkel – ja, kennt man. Aber Waden?! Dann lieber gleich Herrenabteilung, siehe oben.
    Ach und das „oben eng, unten passt“ oder „oben passt, unten weit“-Problem hat man mit Brüsten irgendwie ständig 😉

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