Nun, vielleicht habe ich es zuletzt übertrieben mit der auffälligen Kleidung. Ich hätte also vollstes Verständnis dafür, wenn die Menschen mich komisch anschauen würden, wenn ich normabweichend gekleidet bin. Wenn sie es nicht dabei belassen würden, mich komisch anzuschauen.

Wer nach dieser Einleitung Schlüpfriges erwartet, teilt zwar meinen Humor, hat aber nicht verstanden, dass es in diesem Blog nie darum geht, das Zeilenende auszupacken. Allerdings fallen mir zu dem Thema ganz blöde Kalauer ein wie: Hats am Zeilenende ein Komma oder einen Gedankenstrich?

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Zugegeben, wer schon im Alltag so ausschaut sollte sich nicht wundern, wenn ihm widerfährt, was mir widerfuhr.

Darum soll es hier jedenfalls nicht gehen, sondern um ein Ereignis, das mir gestern neulich kürzlich vor einiger Zeit vor langer langer Zeit geschehen ist, in einer weit entfernten Galaxis. Eigentlich in Stuttgart, aber es war zu diesem Zeitpunkt Karneval. Auch wenn mein Körper physisch im „Fasching“ anwesend war, mein Geist war in der Karnevals-Galaxis.

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Schon in traditioneller Gewandung zum 11.11. ernte ich oft schiefe Blicke, obwohl ich Brauchtum pflege.

Nun begibt es sich, dass der Stuttgarter keinen Karneval feiert und selbst das, was er „Fasching“ nennt, ist eine unlustige Veranstaltung auf der „Hey Kölle“ läuft und mir abwechselnd die Tränen vor Lachen und vor Heimweh in die Augen treibt. Ich zog es deshalb wie im vergangenen Jahr vor, ins traditionelle Fasnets-Umland zu emigrieren und dort Karneval zu feiern, also in einem beliebigen Kostüm verkleidet einen Umzug zu verfolgen, auf dem bedauerlicherweise keine Kamellen regnen, man aber von der Hexe hinterrücks mit geschredderten Akten ausgestopft wird.

In der diesjährigen Session war ich mit zwei Kostümen vertreten. An besagtem Tag lustwandelte ich also in einer Steampunk-Montur (dies ist ein Link zu einem Online-Shop, aber kein Affiliate. Warum ich mich dieses Links behelfen muss, erfahrt ihr im Laufe der Geschichte … vielleicht) plus Jabot, plus Zylinder, plus Goggles (man google: Steampunk Goggles), plus Plastik-Gehstock mit dickem goldenen Plastik-Juwel an der Spitze, plus Schuhe mit auffallend dicken Sohlen über die Königsstraße in Stuttgart.

Und wurde von sämtlichen mir entgegen kommenden Menschen abschätzig angeschaut!

Nicht nur, dass ich normaler aussah als in meinen Blümchenhemden oder der einen senfgelben Cordhose, die angeblich eines meiner Erkennungszeichen ist, es war auch noch ein offizieller Karnevalstag, an dem Verkleidung nicht nur mein persönliches Recht, sondern oberste Bürgerpflicht ist. Stattdessen werde ich komisch angeschaut, Kinder, Hunde, Ehefrauen und Brezelstände vor mir in Sicherheit gebracht, damit der Verrückte möglichst schnell verschwindet. Obwohl das Kostüm gut an mir aussah, wie mir auch Stimmen bestätigt haben, die nicht ausschließlich in meinem Kopf leben.

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So sah das zweite Kostüm aus, für das ich nicht komisch angeguckt wurde, das sich aber perfekt zum Kennenlernen verheirateter Frauen um die 50 mit nicht-tanzendem Ehemann eignet.

Nun habe ich natürlich Verständnis dafür, in einem kulturell unterentwickelten Abschnitt Deutschlands zu leben, in der man für Kostümierungen schief angeschaut wird, obwohl ich bei meinem ersten und einzigen Halloween in Stuttgart nur bewundernde und keine entsetzten Blicke auf mich zog. Was womöglich aber der Tatsache geschuldet war, dass es dunkel war.

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Zumindest hatte ich das Verständnis bis … Unter anderem bis eine Horde Menschen gestern aus mir unerklärlichen Gründen mit roten Pappnasen durch die Innenstadt tobte und dafür keine schiefen, sondern freudige Blicke geerntet hatten. Und bis … Bis der Stuttgarter plötzlich auf die Idee kommt, jenseits vom Fasching sei es vollkommen in Ordnung, sich zu verkleiden und so zu tun, als sei man jemand ganz anderes. Auf dem Wasen (also auf dem Stuttgarter Frühlingsfest und dem Cannstatter Volksfest).

Man könnte nun fragen, warum ich mich nicht freue, dass der Stuttgarter plötzlich auf diese Idee käme. Präziser müsste man deshalb sagen: Der Stuttgarter verkleidet sich nicht, um so zu tun als sei er jemand anderes. Der Stuttgarter verkleidet sich zwar, denkt aber nicht drüber nach warum er sich verkleidet. Der Stuttgarter verkleidet sich, weil er das so bei anderen Menschen auch gesehen hat.

Das ist immerhin besser, wenn er wider Erwarten doch denkt. Dann denkt er nämlich, er würde irgend eine Tradition pflegen. Dummerweise halt nur eine importierte Tradition, deren Ursprung auch nicht so traditionell ist, wie man gemeinhin denkt. Der Stuttgarter läuft dann nämlich verkleidet als „Bayer, der sich als Seppl verkleidet hat“ herum. Also in einem Outfit, in dem man auf die Wiesn geht und sich einredet, man trage ein traditionelles Kleidungsstück, was man nicht tut.

Wenn nun der Stuttgarter in einer traditionellen, damit mindestens knielangen Lederhose, auf den Wasen gehen würde, dann wäre das tatsächlich Traditionspflege. In seinem Seppl-Kostüm, mit kurzer Lederhose und Karohemd, klaut er eine für die Tradition der Region untypische Kleidungskombination, die selbst ebenfalls keine klassische Tracht in dem Sinne ist, dass die Menschen vor vielen Hundert Jahren in kurzen Lederhosen durch Bavariens Wälder gelaufen sind und Preußen gejagt haben. Er läuft also doppelt unpassend herum. Schlimmer noch: Während das Wiesen-Outfit die Trachten der Bavarier zumindest zitiert, zitiert der Stuttgarter auf dem Wasen im Wiesen-Outfit nur ein unbedeutendes kleines Volksfest im benachbarten Ausland, hinter dem der Wasen sich wahrlich nicht verstecken muss.

Ich finde das ungerecht. Es sei ihnen zugebilligt, dass sie sich gern verkleiden. Jeder hat ein Recht auf Verkleidung und als Neigeschmeckter dürfen sie für mich auch alle im Pyjama auf den Wasen gehen. Ich schau sie dann auch nicht komisch an. Dass dieses verkleidungslustige Volk aber mich an einem vorgeschriebenen Verkleidungstag schief anschaut, das hat mich so erschüttert, dass mir wohl beim Fotografieren dieser Zustände das Smartphone entglitten ist … Mit meinen Bildern von mir in meinem Steampunk-Kostüm darauf, ausgerechnet diese Bilder natürlich nicht auf Google Drive gesichert.

Zumindest ist das eine bessere Geschichte als die, dass mein Smartphone möglicherweise am Grunde einer Achterbahn liegt. Bis der Verbleib des Geräts aber eindeutig geklärt ist, hat auch die Wahrheit ein Recht darauf, verkleidet zu werden.

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9 Kommentare zu „Kein Recht auf Verkleidung?

  1. Für mich selbst habe ich nur ein einziges Verkleidungsstück: ein Captain Kirk-Oberteil, das sich ganz gut mit einer meiner schwarzen Laufhosen kombinieren lässt. So wollte ich am Geburtstag meiner Frau herumwuseln und den Gästen zu Diensten sein, doch da streckte mich ein grippaler Infekt für drei Tage auf die Matratze… Demnach habe ich dieses fabulöse Kleidungsstück noch nicht im Beisein von anderen Menschen testen können. Schade, schade!

    Ansonsten kann ich bestätigen, dass den Süddeutschen im Allgemeinen ein echter Sinn für Ausgelassenheit beim Fasching fehlt. Meist geht es nur darum, viel zu viel zu trinken und dann einen geeigneten Ort zum Reihern zu finden — dabei ist eine Kostümierung ja eher hinderlich…

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