Zuletzt ist es hier ein wenig still um Buchbesprechungen geworden. Das läge nicht daran, dass ich keine Bücher mehr läse (oder Serien schaute), im Gegenteil: Seit dem 01.01. habe ich sage und schreibe 20 Bücher aus Privatvergnügen gelesen. Zu manchen dieser Bücher fiel mir allerdings nichts ein („Die Zauberlehrlinge“ von Robert Goddard), manche waren zu schlecht für eine Besprechung („Attack“ von Douglas Preston/Lincoln Child) und ein Buch wie „Straße der Wunder“ von John Irving verlangt so viel zu sagen, dass ich mich gar nicht anzufangen getraute. Ich entschied mich deshalb, meinen Lovelybooks-Account mal wieder zu nutzen. Zukünftig werde ich dort festhalten, was ich lese und die Bücher wo möglich in 140 Zeichen auf den Punkt bringen. Es sei denn, mir begegnet ein Buch wie „Im Namen der Flagge. Die Macht politischer Symbole“ von Tim Marshall, das eine genauere Untersuchung herausfordert.

Inhalt lt. Verlagshomepage

Die Welt ist heute wieder ein beunruhigender Ort, vom neuen Nationalismus in China über die gespaltenen Gesellschaften in Europa und den USA bis hin zum furchterregenden Aufstieg des IS. Wenn man einen Blick auf die Flaggen dieser Länder und Organisationen wirft, dann wird manches klar, was auf den ersten Blick völlig unverständlich erscheint.

Denn seit Jahrtausenden verkörpern Flaggen unsere Hoffnungen und Träume. Wir schwenken sie, wir verbrennen sie, wir marschieren unter ihren Farben. Flaggen wehen vor der UNO, auf arabischen Straßen, in den Vorgärten von Texas. Ihre Symbole trennen oder vereinen uns. Und auch im 21. Jahrhundert sterben noch Menschen dafür.

Im Ton erfreulich

Tim Marshall ist Journalist und britischer Experte für Außenpolitik. Er ist viel herumgekommen und hat wahrscheinlich die meisten Flaggen in seinem Buch bereits in ihrem Heimatland gesehen. Von dieser Weltläufigkeit profitiert sein Erzählstil, weil seine Materie nicht trocken ist, sondern durch Erzählungen belebt wird und es Tim Marshall erlaubt, Verbindungen zwischen den einzelnen Flaggen herzustellen und diese Verbindungen mit dem eigenen Erleben zu bezeugen. So strotzt das Buch nur so von Anekdoten und auch für launige Kommentare zur Erheiterung seiner Leserschaft ist sich Tim Marshall nicht zu schade. So sagt er über die Flagge Argentiniens, genauer über die „Sol de Mayo“ auf der Flagge – und noch genauer um die Debatte, ob die Sonne glücklich, stolz, gleichgültig oder sonstwie aussähe : „Ich finde [das Gesicht der Sonne auf der Flagge Argentiniens] sieht aus wie Thomas, die kleine Lokomotive.“

Die Flagge Argentiniens mit Sol de Mayo in der Mitte.

Und über die Flagge der Europäischen Union, weil sie kein offizielles Symbol sei: „[Die EU-Flagge] ist so etwas wie eine Halbflagge, eine Art Schrödingers Flagge.“ Gerade in Zeiten eines sich wiederbelebenden Nationalismus ist dieser entspannte Umgang mit dem heiligen Nationalsymbol Flagge sehr wohltuend.

 

Flaggen – schön dargestellt

Was Tim Marshall gelingt: Anhand der Flaggen einzelne Nationen in einen größeren Kontext einzuordnen und die Geschichte diesen größeren Kontextes zu erzählen. Für uns Europäer ist es wahrscheinlich noch nachvollziehbar, dass die skandinavischen Ländern (plus Finnland) allesamt eine ähnliche Flagge haben. Wer sich in der Geschichte ein wenig besser auskennt, weiß sogar, dass dies an der ehemaligen Vormachtsstellung Dänemarks in Skandinavien liegt und wer vexillologisch was drauf hat oder skandinavistisch angehaucht ist, kennt auch den Mythos hinter dem Dannebrog. Vexillologie ist übrigens – für alle, die weder Ahnung von ‚Historischen Hilfswissenschaften‘ haben oder The Big Bang Theory schauen – Flaggenkunde.

Wer all das nicht wusste, erfährt es in dem Buch. Wer es wusste, kann dennoch mehr lernen, zum Beispiel über das komplizierte Verhältnis Großbritanniens zum Union Jack, allein schon den bizarren Streit darum, wann das Ding Union Jack genannt werden darf und wann nicht, das Verhältnis der Flagge zum Rechtsextremismus und das Verhältnis der Flagge zur englischen, schottischen, nordirischen und walisischen Flagge.

Und wer selbst das wusste, kann etwas über die panarabische Bewegung lernen, die Bedeutung Äthiopiens für die afrikanische Anti-Kolonial-Bewegung oder dass es im 19. Jahrhundert eine Zentralamerikanische Konföderation gab. Die Geschichte und Bedeutung von Panarabismus und co. spiegelt sich nämlich auch in arabischen, afrikanischen und zentralamerikanischen Flaggen wieder. Anhand ihrer Flaggen lassen sich Geschichten erzählen. Das tut Tim Marshall.

 

aber ohne Macht

Tim Marshall erhellt über die Bedeutung einzelner Flaggen hinaus auch die Geschichte der Flaggen, zumindest ihre Herkunft. Das tut er immer mal wieder. Er verweist sogar darauf, dass es in der Antike zumindest Feldzeichen gab und Wimpel. Im Untertitel verspricht er allerdings, etwas über die „Macht der Symbole“ zu verraten.

Was Tim Marshall tut: Er beschreibt gelegentlich das Verhältnis der Länder zu ihren Flaggen, allerdings tut er es nur oberflächlich. Die ehrfurchtsvolle Verehrung der US-Amerikaner für Old Glory und die pingeligen Vorschriften mancher Länder zum Umgang mit ihren jeweiligen Nationalflaggen weiß er lebendig und amüsant zu schildern – auch wenn er sie manchmal durch den Kakao zieht. Dieser Kakao ist wichtig und richtig, aber es bleibt bei diesem Kakao und der banalen (wie falschen) Feststellung, dass für fast jedes Land gilt „Sie lieben ihre Flagge, weil sie ihre Nation repräsentiert.“ Bei diesem Schritt bleibt er stehen. Nur in wenigen Fällen (in erster Linie bei den arabischen Flaggen) erklärt Marshall auch noch, welche Funktion gewisse Symbole haben, ob sie integrativ wirken sollen oder die Dominanz einer Religion oder Volksgruppe manifestieren sollen. Zur „magischen Wirkung“ der Flaggen, Menschen hinter sich zu versammeln (im Guten wie im Schlechten), kann er nichts sagen als ein paar Allgemeinplätze. An Fallbeispielen kann er es nicht festmachen und so bleibt es bei der bloßen Tatsachenbeschreibung.

Rühmliche Ausnahme von dieser analytischen Schwäche ist zumindest teilweise der Abschnitt über die Geschichte der Flagge des IS, in der Tim Marshall sich zumindest die Zeit nimmt, die Symbolik in Zusammenhang mit der Ideologie des IS zu bringen und deren (beabsichtigte wie reale) Außenwirkung erneut anhand der Flagge festzumachen: Was bedeutet sie für andere arabische Staaten (als Staat kann/konnte man den IS durchaus betrachten), für Bewohner besetzter Gebiete … Doch was ich im vorhergehenden Absatz schrieb, gilt auch hier: Die Binnensicht, die Bedeutung der IS-Flagge für die IS-Kämpfer übergeht er, bzw. belässt es bei „Sie lieben ihre Flagge, weil sie ihre Nation repräsentiert“ (oder so).

 

Fazit

„Im Namen der Flagge“ ist ein anfängerfreundliches Lesebuch für alle Menschen, die schon immer wissen wollten, warum die deutsche Flagge eigentlich schwarz-rot-gold ist, was die koreanische Flagge bedeutet und warum genau Nordkorea nicht die gleiche Flagge hat wie Südkorea (im Unterschied zu BRD und DDR, die sich fast die gleiche Flagge teilten). Auch für Menschen, die in Geschichte und vielleicht sogar in Flaggenkunde ein wenig bewandert sind, bietet das Buch einige erstaunliche Einsichten.

Wer sich für die Bedeutung der Flagge als politisches oder ideologisches Symbol interessiert, wird von „Im Namen der Flagge“ allerdings enttäuscht sein. Bis zu einer Analyse dieser Macht muss er sich bis zum fünften Kapitel gedulden und auch hier kratzt Tim Marshall bei der Analyse der Flagge des IS nur an der Oberfläche. Für vertiefende Literatur ist das Buch damit leider nicht geeignet.

P.S.: Wer hat auf Anhieb erkannt, welche Flagge in der Beitrags-Vorschau zu sehen ist? Auch hinter der Flagge steckt eine Geschichte, die das Buch zu erzählen weiß.

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8 Kommentare zu „Teilzeit-Spaß mit Flaggen

  1. Ich wünsche viel Erfolg, bei dem Versuch, Bücher in 140 Zeichen auf den Punkt zu bringen. Mir fiele das nicht leicht, wer das kann, hat also meinen Respekt. Allerdings finde ich auch, dass es nicht unbedingt für ein Buch spricht, wenn man es in 140 Zeichen auf den Punkt bringen kann. 🙂

    Übrigens: Ein Buch ist nie zu schlecht für eine Besprechung! Und das ist ein Axiom, jawohl! 🙂

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    1. Es ist eine Herausforderung aber Beschränkung tut manchmal gut.
      Was Axiome angeht: Dann stelle ich die Systemfrage. 😅
      Im Ernst: Schlechte Bücher haben natürlich eine Rezension verdient. Beliebige Bücher weniger.

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  2. Ich meine, man sollte vielleicht unterscheiden zwischen der Symbolik der Flaggen, die intendiert und historisch belegbar ist, und der Wirkung, die sie tatsächlich entfaltet. Symbole wirken ja auch auf den, der keine Ahnung vom Woher und Wozu hat. Auf mich wirkt die Farbkombination der deutschen Flagge zB sehr negativ: Tod – Blut – Geld. Die Nazi-Flagge hatte ebenfalls das aggressive Rot und Schwarz, dazu Weiß als Grund (Schwarz-weiß-rot stehen in der Kunstpsychologie für Krieg und Verderben, Preußen hatte ebenfalls diese Farben gewählt) – und steigerte die Wirkung durch die Hakenkreuz-Schräglage so sehr, dass sie geradezu Grauen hervorrief bei denen, die davon betroffen wurden: das alles überrollende Rad des Terrors und Krieges…
    In Griechenland haben wir zwei Flaggen: die weiß-blaue Staatsflagge, die heiter wirkt und die natürlichen Farben des Landes spiegelt. Und es gibt die byzantinische Flagge, die die Kirche seit dem 13. Jahrhundert in verschiedenen Varianten benutzt: Schwarz auf Goldgrund der doppelköpfige Adler – imperial, düster, glänzend wie das byzantinische Großreich.

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    1. Wieder einmal vielen Dank für den anderen kulturellen Blickwinkel. Gerade was die Farben angeht, spielt auch die kulturelle Prägung eine Rolle. Schwarz, weiß und rot sind ja auch die panarabischen Farben und haben damit dort wieder eine andere Bedeutung als bei uns.

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  3. Wie einen manchmal unerwartete Themen zum nachdenken bringen … noch bevor du es erwähnt hast, habe ich mich gefragt warum die deutsche Flagge schwarz-rot-gold ist. 😉
    Und natürlich musste ich an TBBT denken. 🙂

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    1. Die Anspielung an TBBT steckt ja schon im Titel. ☺ Was die deutschen Farben angeht, waren das schon die Farben der römisch-deutschen Könige, die Tradition bezieht sich aber immer auf die Befreiungskriege gegen Napoleon, die Uniformfarbe des Lützow-Korps. Das haben die 1848er adaptiert und dann die Weimarer. Repräsentiert die demokratische Tradition Deutschlands und ist heraldisch falsch, weil Farben und Metalle (gelb/Gold und weiß/Silber) sich eigentlich abwechseln müssen, wie die belgische Flagge es zeigt.

      manchmal komme ich mir besonders nerdig vor. 😇 Aber ja, in der Geschichte (nicht nur) der deutschen Farben zeigt sich für mich zumindest, warum dieses Nachdenken manchmal lohnt. Auch wenn ich eine ausgeprägte Allergie gegen das Schwenken dieses Dings habe.

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