Was ist das eigentlich, wenn man Gegenständen gegenüber Gefühle entwickelt? Doch nur der Ausdruck, dass diese Gegenstände an besonderen Momenten beteiligt waren. Ein kleines Stück über den Fetisch im Allgemeinen und ein kleiner Abschied von meinem letzten Fetisch.

Unter einem Fetisch versteht man eine Art der Subjektivierung von Dingen. Ein Fetisch ist ein unbelebtes Objekt, das von einem Geist, Dämon, Gott oder einem anderen übersinnlichen Wesen belebt wird. Diese Belebung erfolgt nicht dauerhaft, der Geist wohnt für gewöhnlich nicht dauerhaft in seinem Fetisch, sondern muss gebeten werden, den Gegenstand zu beleben. Die Verehrung des Fetischs dient der Beseelung des Fetisch.

Zum Fetisch kann alles dienen, ein Geist ist selten wählerisch. Wieso sollte er es auch sein? Als Mitglied der Geisterwelt hat er andere Maßstäbe und Bewertungskriterien als wir Menschen. Einzigartigkeit zählt für ihn möglicherweise ebensowenig als Wahlkriterium für seine Wohnstatt wie Schönheit. Ob aus freier Wahl oder weil es im Geisterreich ebenso große Wohnungsknappheit gibt wie zum Beispiel in Stuttgart, sei einmal dahingestellt. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass Geister die Mona Lisa gar nicht beseelen können aus Gründen, die wir nicht verstehen.

Daraus ergibt sich, dass die Fetischisierung alltäglicher Gegenstände innerhalb der Fetisch-Logik kein Grund für ein abschätziges Werturteil über den Fetischisten ist. Dennoch, selbst in unserer sexuell angeblich befreiten Gesellschaft, hat der Fetisch etwas anrüchiges, weil man jedem Fetisch unterstellt, er sei sexuell und zusätzlich pervers. Dabei gibt es Varianten des Fetisch auch im nicht-sexuellen Kontext beinahe schon alltäglich. Denn auch wenn wir nicht mehr (oder noch nicht wieder) an Geister glauben, wir subjektivieren Gegenstände durchaus und in den seltensten Fällen sind es die Außergewöhnlichen.

roteschuhe
Mein nunmehr Ex-Fetisch, damals als er neu war. So besonders, dass ich ihn schon damals fotografiert habe.

Es ist also gar nicht so merkwürdig, wenn man einem Gebrauchsgegenstand hinterhertrauert (Emotionen wie Trauer gegenüber Gegenständen sind ein Zeichen für Subjektivierung). Man hatte schließlich seine guten Zeiten und besonderen Momente mit ihnen. Bis ich meine roten Schuhe fand, hatte ich eine Durststrecke durchgemacht. Ich bin bei Schuhen nun einmal speziell, aber ich bin auch empfindlich, was meine Füße angeht. An meine Füße lasse ich niemanden ran, dafür bin ich viel zu kitzelig. Dementsprechend intim ist meine Beziehung zu Schuhen, die meinen Füßen nur durch Socken getrennt ganz nahe kommen und meine Füße von den Unbillen der Umwelt fern halten.

Meine roten Schuhe zu finden, damals im Oktober 2015, hat mich glücklich gemacht, denn sie waren mehr als zwei Jahre lang meine Lieblingsschuhe. Die ein oder andere Nacht haben wir gemeinsam durchgetanzt. Meine roten Schuhe hatte ich an, als ich meinen aktuellen Job gefunden hatte … Und das stimmt mich immer noch so glücklich, dass ich „meinen neuen Job“ schreiben wollte, weil es immer noch so schön neu glänzt.

Meine roten Schuhe glänzen nicht mehr schön neu. Das liegt in der Natur der Sache, aber auch in dieser Hinsicht waren sie etwas Besonderes, denn sie sahen bis zuletzt schön aus – und sie hielten sich über zwei Jahre. Damit sind es meine langlebigsten Vans gewesen. Umso trauriger war ich, als sie oben ein Loch zeigten. Erst habe ich es zu ignorieren versucht, aber das Loch grinste mich an. Dann standen die Schuhe noch zwei Wochen lang bei den ganzen Schuhen, denn es waren Schuhe mit Geschichte, die ich nicht einfach so in den Müll werfen konnte.

Es wäre zu viel gesagt, wenn ich behaupten würde, ich hätte ihnen ein paar Tränen gewidmet, traurig hat es mich trotzdem gestimmt, denn es waren meine roten Schuhe, meine kleinen Lieblinge, die ich zu besonderen Anlässen angezogen habe, weil wir uns so gut verstanden hatten. Wahrscheinlich hatte ich keine Tränen mehr übrig, weil mir an den beiden Tagen davor erst meine Sportschuhe nach vielen Jahren den Dienst versagten und meine weißen Schuhe so verdreckt waren, dass ihnen auch Gallseife und die Waschmaschine nicht mehr helfen konnten.

Und so blieb mir nichts anderes übrig, als mir neue Schuhe zu kaufen … Neue Sportschuhe, weil es ohne nicht geht. Die drücken, ideal sind sie nicht. Was die anderen Schuhe angeht, nun, es ist so, als ob besondere Schuhe nur durch genau so besondere Schuhe ersetzt werden können und so kann ich noch ein wenig trauern, denn das Spiel beginnt erneut: Zu groß, zu klein, zu bunt, nicht bunt genug, zu hoch geschlossen, zu flach, zu leicht, zu schwer …

21 Kommentare zu „Gegangen – Ein fetischisierter Abgesang

  1. Ich finde so selten Schuhe, die mir richtig gut passen. Also trage ich die wenigen, bis sie auseinanderfallen. Allerdings habe ich das noch nie als Fetisch angesehen, interessanter Gedanke. Ich hätte für mich immer gedacht, gerade weil ich vergleichsweise wenige Schuhe habe, sind Schuhe für mich kein Fetisch…

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    1. Es kommt auf die Kleinigkeiten an. Ein Mensch mit vielen Schuhen hat nicht zwangsläufig einen Schuh-Fetisch. Das kann auch Ausdruck eines gewissen Stilempfindens sein oder bloß einer Kaufsucht. Für den Fetisch ist aus meiner Sicht die emotionale Bindung, in diesem Fall an die Schuhe, entscheidend. Wenn man sie „menschlich“ behandelt und nicht einfach entsorgen mag. Der Pragmatiker hätte damit ja keine Probleme, für den stehen kaputte Schuhe nur im Weg herum.

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      1. Ich halte mich da für schon pragmatisch. Trotzdem sammeln sich die Schuhe an, nicht weil ich übertrieben oft welche kaufe (was tatsächlich vom Passen her relativ einfach ist, weil ich Standardfüße habe), sondern weil ich die alten eben aus Pragmatismus nicht wegwerfen kann. Ich brauche sie noch, um die neuen zu schonen. Schließlich sind sie selten sooooo kaputt, dass man sie gar nicht mehr anziehen kann. Sie taugen vielleicht immer noch als Notschuhe für den Zweitwohnsitz oder für’s nächste Streichen der Wohnung. Gilt auch für alte T-Shirts, Hosen, ….

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