Kann man sich eigentlich diskriminiert fühlen, wenn das Kriterium, anhand dessen ich diskriminiert werde, ein persönliches ist? Ist es dann möglich, dagegen zu klagen, damit nie wieder mir jemand zuruft, als sei ich der Balrog, „Du kannst nicht vorbei“?

Ich habe kein Problem mit Türstehern, wahrlich nicht. Ich bin, stehe ich vor ihnen, stets höflich, aufgeschlossen, lasse mir gegebenenfalls sogar die Hosentaschen filzen, was man als Zudringlichkeit verstehen kann, ich aber vorziehe mir einzubilden, es sei ein Gunstbeweis. Ich bin schließlich regelmäßig der einzige Kerl, dem diese besondere Behandlung zuteil wird.

Ich lasse mir von ihnen Tinten-Male auf die Haut stempeln, obwohl ich diese Praxis nach wie vor gewöhnungsbedürftig finde (und längst nicht an jedem Etablissement mit Türsteher muss man dieses erniedrigende Ritual ertragen, das ans Brandmarken von Vieh erinnert), ich habe es mittlerweile sogar akzeptiert, dass der Türsteher vor einem Etablissement jedes Mal nach dem Ausweis fragt. Letzterer Türsteher veranlasste mich jedes Mal zu stillen Mutmaßungen darüber, was er mit diesem Gehabe kompensieren muss. Ich habe damit aufgehört, weil ich beschlossen habe, jenes Etablissement nicht mehr aufzusuchen. Ich bin kein Therapeutikum für Männer mit Größenkomplexen.

Man entkommt den Türstehern nicht, im Idealfall sind sie ja ohnehin dazu da, dir einen schönen Abend zu verschaffen, indem er zwischen mir und dem trunkenen Pöbel separiert. So weit zumindest die Theorie. In der Praxis funktioniert dies nur unvollständig. Es scheitert nicht daran, dass diese Türsteher ihren Job nicht ernst genug nehmen und mir das Vergnügen bereiten, vom trunkenen Pöbel verhauen zu werden. Es ist auch nicht umgekehrt der Fall, dass man außer mir niemanden einlässt und ich allein feiern muss. Und es ist auch nicht so, dass Türsteher mich regelmäßig abweisen würden. Sie taten das bislang nur, wenn es für mich absehbar war, dass mein Begehr um Einlass ohnehin abschlägig beschieden würde.

Dieser Grundsatz galt zumindest bis gestern – oder vorgestern, wenn ihr so zählt wie ich. Denn mein Verhältnis zu Türstehern erschöpft sich nicht in der Ausweiskontrolle, dem Abstempeln und dem gelegentlichen Kuscheln.

Man nehme eine Menge „Feiervolk“ von n Menschen, n > 2, Zeilenende sei Element von „Feiervolk“. Man gebe dieser Gruppe eine Anzahl schwach alkoholischer Getränke „Bier“ := n*2 und ermuntere „Feiervolk“, diesen zu konsumieren, bevor wir schauen, was passiert, wenn wir Feiervolk in Beziehung zu „Spaß“ setzen, das ganze temporal wie lokal abhängig ist, wir ein festes Lokal wählen und darüber eine Grenzwertbetrachtung in Richtung Morgengrauen durchführen.

Konntet ihr euch das so weit vorstellen? Sehr schön. Wir sehen also eine Gruppe von 3 oder mehr Menschen, die in 2 bis 3 Stunden 2 bis 3 Bier getrunken hat, bevor sie sich aufmacht, eine Tanzlokalität aufzusuchen. Es kann sogar passieren, dass einzelne Elemente dieser Gruppe mehr getrunken haben. Passiert diese Gruppe unter den üblichen Verhaltensweisen (s. o.) den Türsteher, ist es stets das Zeilenende, das von mindestens jedem dritten Türsteher gefragt wird, ob mit ihm alles in Ordnung sei.

Diese Frage ist exklusiv dem Zeilenende vorbehalten, egal in welcher Gruppe er sich bewegt und ohne Rücksicht darauf, dass das Zeilenende in vielen Fällen derjenige mit dem niedrigsten Pegel ist, weil es weiß, dass es sich der Frage stellen muss, ob mit ihm alles in Ordnung sei und er guten Gewissens zugeben kann, dass es ihm groooßartig gehe, wenn auch in der respektvollen Form: „Jopp, mit mir is‘ alles gut.“ inkl. seinem besten Sonntagsschullächeln.

Man denke sich nun eine Gruppe von n=3 Personen, von denen nur eine Elemente der Gruppe „Bier“ konsumiert hat, während die anderen beiden Personen in gleicher Menge der Kombination aus russischem Wässerchen mit österreichischem Gummibärchensaft zugesprochen haben, während sie Spaß beim egoistischen Karaoke hatten. Man denke sich also das Zeilenende zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr fahrtüchtig, aber noch Herr seiner Sinne, überhaupt in der Gruppe das nüchternste Wesen überhaupt, aber Einlass begehrend in eine Lokalität, in der Einlass nie ein Problem ist, abgewiesen wurde, mit der Begründung, es sei zu betrunken.

verschlossene tür
Manche Tür bleibt dem Zeilenende wohl verschlossen.

Man könnte nun vermuten, es läge an der Geschlechter-Verteilung der Gruppe, denn der Türsteher schien durchaus empfänglich für das Ansinnen meiner Begleiterinnen, das entsprechende Etablissement zu betreten, aber das ist unmöglich, denn nur eine der beiden Damen verfügte über die namengebenden herabwallenden Locken und der anderen Dame sah man sehr deutlich an, dass es nicht viel bringen würde, mit ihr den Damenanteil des Etablissements zu erhöhen. Es war einmal mehr lediglich die Tatsache, dass ich schon nüchtern aussehe, als ob ich was genommen hätte … Und wenn ich dann was getrunken habe, wie ein Heroinjunkie im Endstadium aussehe.

Ich finde das höchst diskriminierend, vor allen Dingen, weil wir uns anschließend genötigt sahen, ein Etablissement aufzusuchen, in dem der Altersdurchschnitt des Publikums etwa 10 Jahre unter unserem Altersdurchschnitt lag und mangels Vollzeitjob kein Verständnis dafür hat, dass dieses Lied herrlich aufs Wochenende einstimmt:

 

und mir zur Strafe über meine Freude an dem Lied gleich zwei Mal das halbe Bier geklaut hat. An dieser Stelle meinen Dank an den DJ, der dennoch intuitiv dieses Lied spielte, kurz nachdem wir den Kindergarten betreten hatten. Und meinen Dank an den Türsteher, der mich womöglich für betrunken, aber nicht für zu alt gehalten hat. Oder den das nicht schocken konnte.

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20 Kommentare zu „Draußen vor der Tür

  1. Ach herrje, wir lachen uns schlapp. Ist das eine herrliche Geschichte. Irgendwie erinnert es an Menschen, die stets am Flughafen bis auf Haut und Knochen durchsucht werden. Immer dieselben, stets und ständig😂😂😂

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  2. Lieber Zeilenende, nach beenden deines Lesestoffes bin ich mir wieder bewußt geworden wie schön es war in den 80ern aufzuwachsen und die Türsteher nur die Funktion hatten Betrunkene und Aggresive aus dem Laden zu schmeißen und Eintrittspreller herauszufinden 😀 Heute benutze ich für jede Art von Einlassschwierigkeiten meinen Presseausweis und schon gewährt man mir nicht nur Eintritt, sonder nimmt mir auch keine Geld ab und ist höflich. Man muss sich den Zeiten wohl anpassen oder die Zeiten an sich 😉

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    1. Ich sollte den Beruf wechseln … Aber jede Woche so tun, als würde man aus dem Club berichten, wäre auch interessant. *gg*
      Die meisten Türsteher hier sind auch ganz entspannt, aber den einen mit dem Ausweistick habe ich gefressen … Und auch dass ich nicht in die Reste-Rampe gekommen bin, nehme ich eher mit Humor. *g*

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  3. Ich frage mich gerade, ob dieses Phänomen schon außerhalb der südlichen Gefilde so zu beobachten war, oder ob der Stuttgarter Türsteher doch ein besonders seltsames Wesen ist.
    So kann man sich in anderen Städten kaum Türsteher vorstellen, die am Abend des CSD Umzugs, einem jungen maskulinen Pärchen, den Eintritt verwehren mit dem Argument „Ey, nich ohne Frauen!“

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    1. Ich finde die Türsteher hier eigentlich ziemlich entspannt und freundlich (die vor dem Classic Rock sind immer besonders fürsorglich), bis auf den vor dem Schuppen, der wie ein mexikanisches Getränk heißt. Die auf der Theo kann ich nicht beurteilen, da war ich nur mal im One Table Club, aber was ich da so sehe, passt das doch wie die Faust aufs Auge. 😉 Und in die meisten Schuppen will man da auch mit Frauen einfach gar nicht rein. 😉

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  4. Da kann ich nicht viel mitreden, denn um derartige Lokalitäten mache ich in der Regel einen großen Bogen, sodass ich gar nicht erst in die Nähe eines Türstehers komme. Vor ein paar Jahren gab es jedoch eine kurze Phase, in der ich zwei oder dreimal mitgezerrt wurde – aber die Hoffnung, keinen Einlass gewährt zu bekommen, hat mir nicht geholfen.
    In einem halben Jahr probiere ich es wieder. Dann darf ich zu den Ü30 Partys. Theoretisch. Frisch rasiert darf ich ja nichtmal Alkohol kaufen, ohne meinen Ausweis vorzeigen zu müssen. Dann lassen sie mich da erst recht nicht rein. Hoffentlich. 😀

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  5. Mh. Also offenbar verträgst du weniger als andere, bzw. erweckst zumindest diesen Eindruck.
    Ansonsten ist das aber doch eigentlich schön, denn mit deinen unglaublichen 30 Jahren, langsam auf die 31 zugehend *heftig auf die Uhr tipp*, hatdieses leicht wunderliche Attribut an dir doch zumindest einen jugendlich-individuellen Touch. Es macht dich also jünger, was doch positiv ist.
    Ansonsten verstehe ich den Sinn von Türstehern nicht, denn es geht doch darum, Kunden anzulocken, die wiederum ihr Geld loszuwerden sollen. Falls einer rumstresst, kann man ihn doch immer noch mithilfe entsprechenden Sicherheitspersonals nachträglich entfernen…

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