Historische Romane sind nicht die besten Freunde. Das ist manchmal schade, denn es entgehen einem solche Schmuckstücke wie „Rausch“ von John Griesemer, der den Bogen spannt vom missglückten Stapellauf der „Great Eastern“ 1857 bis in die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg 1865. Ich schulde Tanja im Norden großen Dank dafür, dass sie mich rauschhaft in diesen Titel entführt hat. Dies ist damit mein Beitrag zum Buch-Date.

Inhalt laut U4

Das erste Transatlantikkabel soll gelegt werden, doch es reißt wieder und wieder. Das größte Schiff aller Zeiten soll zu Wasser gebracht werden, doch es weigert sich, vom Stapel zu laufen. Wir schreiben das Jahr 1857, und die Welt windet sich in den Geburtswehen der Moderne. Aus der Geschichte der ersten Telegrafenleitung durch den Atlantik macht John Grisemer einen fesselnden und brillant erzählten Roman, der die Presse zu Begeisterungsstürmen hinriss und monatelang auf der Spiegel-Bestseller-Liste stand.

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Zu den Fakten

An historischen Romanen hasse ich nichts mehr, als wenn die Fakten nicht akkurat recherchiert sind. Deshalb habe ich spaßeshalber ein paar Dinge aufgelistet, die im Roman auftauchen und auch in der Wirklichkeit so sind: Es sind nicht nur die Abläufe des Unternehmens „Kabellegen“ insgesamt mit seinen Rückschlägen und Versuchen, es ist auch die gesamte Geschichte der „Great Eastern“ vom missglückten Stapellauf über ihre Geschichte als Kabelleger bis zu ihrer Nach-Nutzung als Vergnügungspark. Nicht nur das, auch die Masten waren, wie im Buch erklärt, nach den Wochentagen benannt, weil es für sechs Masten seinerzeit keine nautischen Begriffe gab.

Hinzu kommen historische Personen: Isambard Brunel und Cyrus Field, die Männer hinter der Great Eastern bzw. dem Telegrafenkabel-Projekt hat es wirklich gegeben, ebenso wie die Karl Marx, der zu Beginn einen halb ironischen, halb realistischen Auftritt hinlegt und die Booth-Brüder hat es ebenso gegeben (auch wenn sie nur erwähnt werden, bilden sie doch eine weitere Klammer dieses Romans.

 

Zum Stil

Historische Romane sind gern schwülstig. Und „Rausch“ ist nicht nur im Titel rauschhaft, die Formulierungen sind ausschweifend und zuweilen anstrengend allegorisch, spätestens dann, wenn über die wilde Bergwelt räsoniert wird. Man gewöhnt sich mit der Zeit aber daran, es ist teilweise einfach dem Einstieg geschuldet, in dem eine Tournee mit einem „Phantasmagorium“ geschildert wird, um Geld für die Telegrafenleitung einzuspielen. Und „Phantasmagorium“ ist für dieses Wunderwerk der Technik noch übertrieben.

Hat der Roman das hinter sich gelassen, nimmt er Fahrt auf. Das ist logisch, es geht auf See und in einen Sturm, mit dem Beginn des Abenteuers nach etwa 300 Seiten zieht das Erzähltempo an und es bleibt nur noch ein Tadel an den Übersetzer auszusprechen. „to remember“ wird nichtunter keinen Umständen falsch übersetzt. Es ergeht hiermit die Androhung hochnotpeinlicher Strafe, wenn ich jemals wieder lesen muss, dass „jemand etwas erinnert“. „Erinnern“ ist in der deutschen Hochsprache ein reflexives Verb, man kann jemanden erinnern: „Ich erinnere dich an das bevorstehende Weihnachtsfest.“ Auch Dinge können an etwas erinnern: „Dieses Denkmal erinnert an den glorreichen Moment, als das weltberühmte Zeilenende erstmals den Gedanken hegte, eine Buch-Rezension zu schreiben und es somit vom kleinen Blogger zum großen Dampfplauderer gebracht hat.“ Wenn es keinen konkreten Adressaten gibt, sondern die Allgemeinheit angesprochen wird, siehe zweites Beispiel, geht es auch ohne Pronomen. Sobald sich jemand erinnert, erinnert er aber sich (zumindest erinnere ich das aus Schulzeiten … )

Buchdate

Zum Fiktiven

Die Rezensionen zu diesem Buch sind interessant, denn sie sind alle begeistert, kritisieren aber am fiktiven Teil etwas herum. So wird dem Buch vorgeworfen, sich zu sehr im rauschhaften Schwelgen der Zeit zu ergehen, dass man das zentrale Anliegen nicht heraushören könne, so wie das Hintergrundrauschen des Erdmagnetfeldes ein schwaches Telegrafensignal überlagern kann. Ebenso wird dem Buch vorgeworfen, dass es zu sehr eine Montage an zusammenrecherchierten Fakten ist.

Zunächst sei den beiden Rezensenten recht gegeben, dass man das zentrale Anliegen so leicht nicht heraushören könne und dass der Roman in der Tat eine Montage ist. Burkhard Spinnen liefert aber in seiner Rezension zugleich den Schlüssel, diesen Roman zu verstehen, indem er die Motivation des Autors ausgegraben hat: Das Buch soll Spaß machen wie die nächtliche Sitzung im Netz, wo man sich von Link zu Link hangelt, ein Vergnügen, das seit Wikipedia umso größer ist.

Der Roman bedient sich also der Mittel, die ihm möglich sind, um seine Geschichte zu konstruieren, aller Mittel. „Rausch“ ist der Versuch, einen Roman mittels Netzrecherche zu schreiben. John Griesemer begibt sich damit in die gleiche Lage wie seine Figuren, denn „Rausch“ ist auch ein sehr amerikanischer Roman.

Rausch erzählt mit seinen fiktiven Figuren von wagemutigen Ingenieuren und Geschäftsmännern, die glauben, mit ihrer Tatkraft und einer guten Idee sei alles gut und – wichtiger noch – sie trügen damit etwas bei zur heiligen Mission, die Menschheit voran zu bringen, egal ob sie ein überdimensioniertes Schiff oder eine riesige Kanone bauen, die amerikanische Bergwelt in ein Touristen-Resort verwandeln, ein Telegrafenkabel gleich mehrfach durch den Atlantik verlegen oder „mal eben“ die Londoner Kanalisation erfinden. In „Rausch“ ist der Roman ein historisches Sittengemälde, das die Geschichte von der Erlösung durch Technik erzählt, gewürzt mit dem Faible des 19. Jahrhundert für Spiritismus und Pornographie.

Genau das macht ihn zu einem typisch amerikanischen Roman. Denn auch wenn ein paar Figuren auf der Strecke bleiben, warnt Griesemer an keiner Stelle vor der Zukunft. Sicher, es gibt das Bild von Jack Trace, das eine technisierte, leicht düstere Zukunftsvision zeigt, die an unsere Welt erinnert – aber solche Schwarzseherei gehört zu jedem guten utopischen Roman dazu, damit man sie belächeln. Alles in allem sind die Figuren in diesem Roman – typisch amerikanisch – fortschrittsgläubig. Und – nebenbei bemerkt – die Überhöhung der Wildnis der White Mountains und des Westens, die Liebe zu dieser speziellen Ostküsten- wie Wildwest-Landschaft ist ebenso typisch amerikanisch … Und sie zeigt gleichzeitig den entscheidenden Punkt auf:

Die Unbekümmertheit, die Griesemers Figuren an den Tag legen und die Nähe von Technik und Magie, die er herstellt, sollten uns bekannt vorkommen. Spiritismus und Fortschrittsglaube können in diesem Buch problemlos nebeneinander stehen, denn Telegrafenkabel sind für die Menschen letzten Endes auch nur angewandte Hexerei. Doch bei dieser Feststellung bleibt Griesemer nicht stehen. Insbesondere Chester Ludlows Engagement sowohl für ein menschen-verbindendes Telegrafenkabel als auch sein Bau einer riesigen Kanone erinnern an die Geschichte, die Griesemer in seinem Roman voraus gesehen hat, denn das Internet hat, das dürfen wir nicht vergessen, 2003 noch in den Kinderschuhen gesteckt. Amazon, Google und ebay gab es, facebook noch nicht. Amazon steckte zu dem Zeitpunkt beispielsweise tief in den roten Zahlen, denn um die Jahrtausendwende ist die Dotcom-Blase geplatzt und dieses Internet war plötzlich vom Goldgräber-Ort wieder zum Spielplatz von Nerds geworden. Die Kreativen der Online-Branche hatten die Alternative, sich die Wunden zu lecken oder … Genau.

Jeff Bezos ist ein gutes Beispiel für Chester Ludlow, der einen Rückschlag, den Einbruch der Amazon-Aktie (kurz nachdem das Unternehmen zum ersten Mal Gewinn gemacht hat!) dazu nutzt, weiter zu expandieren, noch größer zu denken und es anzupacken. Googles Motto „Don’t be evil“ kam um 2000 auf und trifft Chester Ludlow ebenso gut. Er hatte diese Idee, eine Kanone zu bauen und er wollte sie umsetzen – mehr zu Abschreckungszwecken, in jedem Fall, um sie in dem Krieg einzusetzen, der ohnehin tobte, den er zu beenden trachtete (in einer Zeit, als der Abschreckung noch keine lachhafte Kategorie war, weil es Atomwaffen noch nicht gab). Die Figuren in Griesemers Rausch wollen die Welt verändern und sie werden die Welt verändern.

 

Fazit

John Griesemer wirft den utopistischen Blick zurück in die Geschichte und erklärt uns die Gegenwart, in der tatkräftige Männer erneut die Welt verändern werden, indem sie eine Vision haben und sie hartnäckig verfolgen. Mit der Telegrafie ist die Welt näher zusammengerückt, amerikanische Befindlichkeiten konnten europäische Befindlichkeiten werden. Ein Prozess, der insbesondere auf kultureller Ebene bis heute wirksam ist.

Griesemers Vision ist heute ein Stück näher an die Wirklichkeit geraten, denn wir sind wieder ein wenig enger zusammengewachsen. Wir haben erlebt, wie neue Technologien Reformprozesse anstoßen (Arabischer Frühling, insb. Tunesien) und sie deshalb massiv bekämpft werden (Türkei, China), aber wie wir weiterhin in den „Geburtswehen“ der Post-Moderne stecken, wenn alte Mechanismen und konventionelle Waffen (Ägypten, Syrien) zum womöglich letzten Gefecht antreten. Sogar die Geister kehren zurück, auch wenn sie sich heutzutage Chakren blockieren oder dort wirksam werden, wo man Arzneistoffe so lang potenziert, bis sie nicht mehr nachweisbar sind. In besonders widerlichen Fällen, als Poltergeister, manifestieren sie sich als „Geist der Nation“.

Das Großartige an John Griesemers „Rausch“ ist, dass all das darin steckt und mir die Lust an der Zukunft nicht vergangen ist, obwohl es ein historischer Roman ist (inklusive einer Hure, die es von England bis Amerika und zurück schafft – aber dabei nicht wandert, sondern Schiff fährt) … Vielleicht weil es der modernste historische Roman ist, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Und die Intention des Autors hat er klar erfüllt: Er hat Spaß gemacht.

Vielen Dank liebe Tanja für die wundervolle Empfehlung, deren knapp 700 eng gesetzte Seiten ich in fünf Tagen des Rausches verschlungen habe. Alle Rezensionen gibt es beim wortgeflumselkritzelkram.

P.S.: Den Lem, den du mir vorgeschlagen hast, hast du soweit ich es nachvollziehen konnte, in einer zensierten Version gelesen. Das Original war wohl kritischer. Aber ich kenne es auch nicht und werde es bei Gelegenheit lesen.

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13 Kommentare zu „Im Rausch (Buch-Date)

  1. Vielen Dank für diese lesenswerte Rezension. Es ist eine Weil her, dass ich das Buch selbst gelesen habe, und ich hadere noch damit, ob ich es nochmal aus dem Regal holen soll. Den Aspekt damalige Technikgläubigkeit versus Internetblase fand ich bei Dir jetzt sehr spannend, da bin ich selbst nicht drauf gekommen.

    Beim Erinnern kann ich Dir nur zustimmen, zumindest soweit wir hochdeutsch sprechen. Im von mir nur mangelhaft beherrschten Dialekt bin ich aber inkonsequent und finde die Formulierung „Denkst dir noch … ?“ völlig in Ordnung.

    Ich bin ja überhaupt überrascht über Deine Wahl, ich hatte eins der anderen beiden erwartet, mit der Einschränkung, dass Du den Lem evtl. schon kanntest. Von dem sollte ich wohl mal versuchen, eine andere Ausgabe zu bekommen. Als ich dazu kürzlich noch etwas recherchiert hatte, wurde auch immer wieder der viel neuere Titel „Fiasko“ genannt, den ich auch nicht kenne, obwohl der auf den ersten Blick nicht viel mit dem „Gast“ zu tun zu haben scheint.

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  2. Zeilenende als Sprachpurist ? Super ! „Erinnern“ nervt mich auch, neben vielen anderen Anglizismen, dem Verschwinden von Präpositionen, den falschen Fällen etc blabla. Schön, dass du wieder da bist !

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