Über Wahnsinn

Und der Blick geht gehetzt umher, wer wohl neben mir sitzen könnte. Oder skeptisch zur Seite, ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Natürlich nicht. Ein Husten, als ob die Tuberkulose nun neben Berlin, Hamburg und Bremen beschlossen hätte, auch im Stuttgarter Kessel eine dauerhafte Bleibe zu finden. Ob es unhöflich wäre, sich einfach umzusetzen? Würde der Mensch es in den falschen Hals bekommen? Ach … Fick dich … Du hast eh Husten im Hals. Ob mein schlechtes Benehmen noch dazu kommt, spielt keine Rolle. Das hast du ohnehin gleich wieder heraus befördert.

Auf dem neuen Platz den Kopf matt gegen die Scheibe pressen. Es fühlt sich an wie im Fieberwahn. Dabei bin ich warm eingepackt. Mütze, Schal, Jacke, sogar vom Hemd auf den Pullover bin ich umgestiegen. Und gutes Wetter ist auch, bestimmt 12 Grad. Nicht, dass ich das warm fände, aber erstaunlich mild ist es. Und ich fiebre? Nein, halt, es liegt wohl daran, dass ich eingepackt bin wie in einer Antarktis-Expedition. Als ob das etwas bringen würde, wie das Beispiel Robert Falcon Scott gelehrt hat. Der war auch warm eingepackt, die Antarktis hat er dennoch nicht überlebt. Immerhin hätte ich ein großes Vorbild, wenn ich jetzt spontan sterben würde.

Sterben, schießt es mir durch den Kopf, ist doch zum Lachen. Sterben wäre so einfach. Als ausgemachter Hypochonder bin ich gut darin, an Tuberkulose und Erfrierungen zu leiden, obwohl ich kerngesund bin. Und das Programm geht schon los. Er kratzt im Hals, ich huste und meine Zehen fühlen sich taub an. Ich schüttele den Kopf. Versuche, an anderes zu denken. Aber die Tuberkulose greift weiter nach mir, sodass mir keine andere Wahl bleibt, als an der nächsten Station die Bahn zu verlassen und tief durchzuatmen.

Schweiß strömt mir mittlerweile von der Stirn und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht eine Angstreaktion ist. Ziemlich sicher bin ich mir hingegen, dass die Kälte, die mir den Rücken hochkriecht, eine Panikreaktion ist. Und dass ich mich … schon wieder … ganz dringend in die Büsche schlagen muss, ist definitiv eine Stressreaktion. Manchmal frage ich mich, wie mein Körper das macht: Stundenlange Unterbrechung der Flüssigkeitszufuhr, in der sich die Blase alle halbe Stunde in nicht einmal einer Minute ändert: Von ganz leer zu übervoll.

Wenigstens kann ich noch drüber lachen, dass ich überschnappe. Das sage ich mir auf dem Heimweg, der mich ein wenig herunterholt.  Bewegung hilft mir, all die eingebildeten Symptome zu vergessen. Ich sehne mich dennoch nach der Badewanne. Die kann ich nur nicht nutzen, weil sie im Nachbarhaus Legionellen gefunden haben und wir uns den Wasser-Anschluss teilen. Die Hausverwaltung rät also seit über einem Monat davon ab, unser Warmwasser zum Dampfen zu bringen. Und rät auch im kommenden Monat noch davon ab.

Also dusche ich nicht mehr daheim. Gut, dass ich im Fitnessstudio angemeldet bin. Das bedeutet, immerhin drei Mal die Woche kann ich duschen und nebenbei ein wenig weniger übergeschnappt sein. Und ich bin in der Zeit nicht daheim, wo eine Mitbewohnerin zum Herzerweichen hustet. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Ach wäre sie doch schon ausgezogen. Dabei will ich gar nicht, dass sie jemals überhaupt auszieht. Aber wenn sie schon ausgezogen wäre, müsste ich mich jetzt nicht vor ihrem Husten fürchten. Und hätte das unselige Suchen eines neuen Mitbewohners schon hinter mir.

Ich huste erneut, ein trockenes Husten. Überhaupt sind meine sämtlichen Schleimhäute eingetrocknet. Vermute ich zumindest. Direkten Blick auf meine inneren Schleimhäute habe ich ja nicht. Ich bilde mir aber ein, dass auch mein Darm völlig ausgedörrt ist. Ich erinnere mich: Stresshusten. Ja. Trockene Schleimhäute und Erkältungs-Symptome. Glückwunsch, liebes Zeilenende, du hast Stresshusten. Wie im Frühjahr, als du geglaubt hast, du wirst krank und täglich gebadet hast, um nicht wahnsinnig zu werden. Aber das mit der Badewanne geht ja heute nicht.

Klärender Einschub für Neulinge und ein Update für die alten Hasen: Dies wird womöglich auf längere Zeit mein letzter Beitrag sein. Am 14.11. werde ich mir den Oberkörper straffen lassen und damit weitere Spuren meines alten, einmal massiv übergewichtigen Ichs beseitigen.

Freundliche Zeitgenossen sprechen mir Mut zu, wenn ich ihnen erzähle, dass ich meine Nerven irgendwo verloren habe und sie erst am 14.11. wieder bekomme – wenn überhaupt. Sie glauben, ich habe Angst vor dem, was so harmlos „Oberer Body Lift“ heißt. Aber das ist es nicht. Ich wünschte dennoch, ich hätte es schon hinter mir, aber aus anderen Gründen: Ich will es endlich haben. Und meine Panik resultiert nur daraus, dass ich krank werden könnte und womöglich weiter warten müsste. Ich bin in der Hinsicht kindisch: Ich will JETZT meinen Lolly. Oder meinen Körper. Oder was auch immer. So sehr, dass ich ganz krank vor Angst werde, es womöglich nicht zu bekommen. Was sich zu einem Teufelskreis auswachsen könnte.

Hallo Wahnsinn, schön dich wiederzusehen.

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39 Kommentare zu „Über Wahnsinn

  1. Wie gut ich dich verstehe, ich gehöre ja auch zum OP-Schisser-Club. Versuche dir immer, wenn dir besonders elend wird, deinen tollen neuen Body vorzustellen und wie sich dir alle angestrebten Objekte zu Füßen werfen. Das hilft!
    Ich freue mich schon, wieder von dir zu lesen❣

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  2. Wir wünschen dir alles Gute und können deine Bedenken, deine Nervosität und deinen Vor-OP-Stress sehr gut nachempfinden. „Alles wird gut“ ist irgendwie ein Spruch, den man nicht zu hören vermag in solch einer Situation. Und dennoch ist er richtig, alles wird gut, weil so viele Menschen an dich denken und dir von weiter Ferne Kraft und Unterstützung senden. Alles Liebe aus dem Lehrercafe😊

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      1. Ach, da müssen wir ja nicht so lange auf dich verzichten – und pünktlich zur Weihnachtszeit bist du dann hoffentlich wieder fit. 🙂
        Bin schon gespannt auf „12 Monate auf Reisen“. Das hätte ich im September eigentlich auch machen können, Mist, Chance verpasst. 😉

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  3. Alles Gute für die OP! 🙂
    Gesund bleibst du bis dahin ganz sicher. Und dann hast du erst mal Zeit, dich auszuruhen, zu erholen und dann kehrst du wie ein strahlender Sohn Apollos zurück in den Kessel. Wirst schon sehen. 😉

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  4. Irgendwie kann ich Deine Angst durchaus nachvollziehen. Wenn man sich einmal zu einem solchen Eingriff entschlossen hat, dann will man es möglichst schnell hinter sich haben, andererseits würde ich es vielleicht auch gern immer wieder hinausschieben wollen. Aber wenn der Entschluss bereits gefasst ist, dann packt einen gerade jetzt im Herbst die Angst vor Grippe und Co. wie ein selbstverständliches Übel.
    Ich drücke die Daumen, dass Du gesund bleibst und dann alles gut und wunschgemäß über die Bühne geht.
    Alles Gute für Dich! Ich freue mich aufs Wiederlesen.
    LG von der Silberdistel

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      1. Hilft leider nicht bei einer ausgeprägten Erkältung, vor der ich tatsächlich mehr Angst habe als vor einer Grippe, weil das so unnötig wäre. Und: Sowohl Unnötiges als auch fehlgehende Pläne sind Weltuntergänge. ☺

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  5. Auch wenn es dir wohl ernst ist, musste ich doch schmunzeln, ob all der kleinen Wahnsinnsattacken 😉
    Ich wünsche dir Gesundbleiben, mehr der kleinen Attacken, weil sie so grundehrlich sind und eine gelungene OP –
    herzliche Grüße
    Ulli

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  6. Möglichst bakterienfreie Grüße von Hypochonder zu Hypochonder. Du hast übrigens vergessen darauf hinzuweisen, dass jede, absolut JEDE Oberfläche, die man angreift voller Bakterien und Viren ist. Ein Überleben ohne das ständige Tragen von Handschuhen ist eigentlich ein Wunder !! *lach* ist nicht wirklich ganz ernst gemeint.
    Meine besten Wünsche zu der OP, die GANZ SICHER am 14.11 stattfinden wird.

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  7. Mehr oder weniger wurde alles Gute und Wohlwollende bereits gesagt. Deshalb sollen meine Zeilen einfach nur einer Sache dienen; nämlich dass es so kommt: Während des Lesens meines Kommentars bist Du Deinem Ziel schon wieder eine Sekunde näher gerückt. Und überhaupt und sowieso. Beste Wünsche von mir!!

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  8. Ich lebe in meinem eigenen Wahnsinn und lese das erst jetzt. Ein Blick auf meinen Kalender zeigt mir den 14. November. Was wohl heißt, dass du die OP schon hinter dir hast? Weil ich davon ausgehe, dass sämtliche Viren und Bakterien das Weite gesucht haben, wie soll man sich in so einer gestressten Umgebung denn auch vermehren und pathologisch werden können?
    Alles Gute und auf ein baldiges Wiederlesen,
    Frau Vro

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  9. Pingback: Karo-Tina Aldente

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