Heute ist es so weit. Wir veröffentlichen die Beiträge fürs Buch-Date. Es ging darum, Kinderbücher und Jugendbücher zu lesen. In meinem Fall hat Tausend mir Bücher empfohlen und wenn ich das recht verstanden habe, allesamt Bücher, die ihre eigene Kindheit geprägt haben. Das lässt, schaut man sich meine Wahl an, sehr tief blicken. Denn ich habe „Birne kann alles“ von Günter Herburger gelesen.

Inhalt

Birne kann alles. „Birne kann alles“ ist nicht nur ein großartiger Titel für dieses Buch, sondern es beschreibt auch den Inhalt des Buches ganz großartig. „Birne kann alles“ enthält 26 Geschichten, in denen Birne zeigen kann, was Birne, eine Glühbirne, alles kann. Und Birne kann tatsächlich alles: Fliegen, schwimmen, sprechen und die Welt verbessern.

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Die Geschichten um Birne sind einfach geschrieben, lustig, folgen einer klaren Struktur und erzählen ein Abenteuer. Herburger gelingt es dabei, völlig auf Feindbilder zu verzichten. Birne braucht keine Antagonisten (außer irgendwelche Fabrikbesitzer, aber selbst die sind Birne sehr wohlwollend gesonnen), Birne braucht nur ihre überlegene Intelligenz (ich überlege, ob Birnen Geschlechter haben) und natürlich ihre Super-Fähigkeiten. Birne wird von einem Mini-Atomreaktor angetrieben, der Energie produziert und Wärme erzeugen kann, Birne hat Düsen und kleine Helikopter-Propeller zum Fliegen, Birne kann schwimmen … Und Birne hat immer eine blitzgescheite Idee.

Kurz: Birne ist ein toller Held, der immer gewinnt. So ist es vom Autor auch angelegt. Die Geschichten sollen optimistisch sein und – das sagt Herburger nicht explizit – in eine positive Zukunft weisen.

 

 

Sozialistische Kinderbücher

„Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Lenin hat das einmal geschrieben und wenn man so will, ist Birne das personifizierte Lenin-Zitat. Nehmen wir zuerst die nicht-ideologischen Themen in den Blick, die in diesem Buch eine Rolle spielen, aber dennoch massiv den Zeitgeist der frühen 70er Jahre atmen:

Birne glaubt an den Fortschritt, hat etwas gegen Hochkultur, ist sehr technik-affin, ist Aktivistin und hat sowohl ökologisches Bewusstsein als auch ein Faible für Atom-Strom. Das gesamte Buch ist ein Blick in vergangene Zeiten, in denen es noch unbeschwert zuging, als ein Kinderbuch offenbar noch vermitteln konnte, dass alles ganz leicht von der Hand geht und nicht problematisieren muss.

Problematisieren tut Birne auf andere Art und Weise. Birne ist ganz klar eine Agitatorin im Auftrag der Sowjetunion. Birne reist nach China und bewundert die Kollektivierungsleistungen dort. Natürlich hat Birne als gute Kommunistin ein paar Verbesserungsvorschläge, die alle noch glücklicher machen und deshalb sofort umgesetzt werden. Birne regt sich außerdem über Kapitalisten auf und zwingt einen Fabrikbesitzer durch ihre guten Ideen, seine Arbeiter als Mitbesitzer zu akzeptieren, sodass am Ende die Fabrik „uns allen gehört“, also kollektiviert wurde.

Birne mag keine klassischen Konzerte und macht sich über Dirigenten, Musiker und das versnobte Publikum gleichermaßen lustig, fordert, dass alle selbst Musik machen sollen. Birne ist erstaunlicherweise nicht kirchenfeindlich, kritisiert aber die Kirchenhaltung, einen Mann am Kreuz anzubeten, statt ihn vom Kreuz zu lassen und menschenfreundlich zu handeln. Kurz: Birne ist ein klassischer Vertreter der rebellischen linken Studentengruppen der 70er Jahre ohne deren Aggression. Denn Birne kann ja alles, also auch allein mit guten Vorschlägen überzeugen.

 

Zeitgeist oder Indoktrination

Beim Lesen habe ich mich gefragt: Kann man sowas heute immer noch schreiben? Ist das purer Zeitgeist, der mir aus diesen Büchern entgegen schlägt? Ja, ist es. Dementsprechend ist „Birne kann alles“ ein spannendes historisches Dokument. Ich habe mich auch gefragt: Ist das Indoktrination? Vielleicht. Es fehlt der Erzähler, der den Zeigefinger hebt, sondern Birne wirkt selbst durch ihre Ideen und verführt dazu, sich für ihre Ideale zu begeistern. Birne bietet keinen Raum für kritische Reflexion. Das kann man in einem Kinderbuch natürlich nicht erwarten. Dementsprechend ist es, sieht man sich an, was die kommunistische Utopie angerichtet hat, potentiell gefährlich. Gerade weil es ohne den moralischen Zeigefinger auskommt, sind die Geschichten wirkmächtig. Und sie lassen das kritische politische Bewusstsein vermissen, ohne das eine Utopie nicht auskommt.

Andererseits: Es ist ein Kinderbuch. Und Birnes Welt wünsche ich mir auch als Erwachsener. Es ist eine gute Welt. Es ist eine Welt, die verspricht, dass alles gut werden kann, wenn man nur gute Ideen hat, wenn man gerecht ist und wenn man sich mit Begeisterung auf Ideen wie Partizipation, Gemeinschaft, Ökologie, Fortschritt durch Technik einlässt. Dementsprechend ist das Anliegen dieses Kinderbuchs ein gutes. Es will Mut machen und damit den Kindern eine Chance eröffnen, sich eine Zukunft vorzustellen, die „anders, besser, mehr“ ist, um ein anderes linkes Schlagwort zu zitieren.

Ob das bei Kindern heute noch verfängt, gerade in der Einfachheit der Geschichten? Ich weiß es nicht. Bei mir hat es verfangen. Ich habe geträumt. Und danke dir, liebe Tausend, für diese kleine Lektion und in Geschichte und die Gelegenheit, ganz unbefangen in Utopien denken zu dürfen.

Zu allen weiteren Rezensionen.

16 Kommentare zu „Mein Buch-Date mit dem Sozialismus

    1. Was heißt rausholen? Im Prinzip schreit jede Seite dieser Geschichte „Ich bin sowas von emanzipatorisch und links-utopistisch, dass ich gleich einen Sit-in veranstalte.“
      Das ist ähnlich wie „Peter, Ida und Minimum“, auch so typische 70er Jahre Literatur. Da geht es massiv um Gleichberechtigung und dass Sex irgendwie politisch ist … Immer das Gleiche. Springt einen an. Aber Birne ist wirklich toll, gibt es aber leider derzeit nur antiquarisch.

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    1. Es sind lauter lustige Geschichten. Als Kind kann einem das gar nicht auffallen, die sind nämlich wirklich gut erzählt und die Ungerechtigkeiten werden so einfach aus der Welt geschafft, dass es die Kinder noch nicht einmal entrüsten muss. Also von daher … Voll mein Fall. 🙂

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      1. Mir hätte ja die Idee gefallen, eine Kohl-Bio als „Buch-Date mit dem Sozialismus“ zu verkaufen. 😀
        Aber die Sache mit den Spenden beunruhigt mich jetzt. Wenn jemand so etwas einfach vergessen KANN, muss man befürchten, dass er zu allem fähig ist. Allerdings besteht zwischen „ist zu allem fähig“ und „kann alles“ wohl doch ein qualitativer Unterschied.

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  1. Erstens finde ich es gerade sehr lustig, dass unter deinem Beitrag mir nun zwei Birnen-Rezeptideen empfohlen werden… Zweitens: Es ist schwierig einen Antagonisten in einem Kinderbuch dieser Art zu finden. Sicher Pippi Lotta Langstrumpf hatte so einige, aber Schildkröte- Muriel, Mama Muh, Felix oder die Reisemaus sind anders aufgebaut.

    Worunter fällt eigentlich das Studieren von Kinderbüchern? Linguistik, Historie, Analyse der Alltagskultur?

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    1. Klar. Das ist auch kein Vorwurf an das Buch, dass es keinen Schurken kennt. Ich finde es aber bemerkenswert, dass die Figur Birne so angelegt ist, dass Gegner sich geradezu anbieten.
      Was die Analyse von Kinderbüchern angeht, kommt es drauf an, was du damit erreichen willst. Kinderbücher können philosophisch, historisch, soziologisch, medizinisch (Traumaforschung!) studiert werden ebenso wie unter den diversen anderen geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fachgebieten inkl. der diversen literatur- und sprachwissenschaftlichen Disziplinen. Kommt auf dein Erkenntnisinteresse an.

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