Mein spätes Geständnis zu John Boyne

Ich muss gestehen, dieser Beitrag liegt schon eine ganze Weile ungeschrieben hier herum. Ich schulde fraggle nämlich noch eine Besprechung. Er hat genau genommen eine bekommen, aber mit dem empfohlenen Buch war ich nicht wirklich glücklich geworden. Deshalb … Nein, nicht deshalb … Aber auch deshalb … habe ich ein zweites Buch gelesen, das er mir empfohlen hat: Das späte Geständnis des Tristan Sadler von John Boyne.

London, 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug und fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft zu treffen, der Schwester seines toten Kameraden Will. Er und Tristan waren Freunde, die Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, bis Will eine folgenschwere Entscheidung traf

Das späte Geständnis des Tristan Sadler
Quelle

Mein Geständnis zu diesem Buch ist spät, weil ich es so spät schreibe. Es ist ein Geständnis, nicht weil es irgendwie auch ein historischer und ein Liebesroman ist. Es ist eher ein Geständnis, weil die Art John Boynes, Dinge zu erzählen, nicht ausstehen kann. Den Jungen im gestreiften Pyjama fand ich hart an der Grenze zur Erträglichkeit, Stichworte: Infantilisierung und Verkitschung. Und ich hatte dementsprechend ein paar Befürchtungen, dass Boyne in Das späte Geständnis des Tristan Sadler den gleichen Blödsinn mit dem Ersten Weltkrieg macht. Wenn man so will ist Boyne ein Sonderfall meiner Allergie gegen Historische Romane im Allgemeinen.

Weitere Befürchtungen hatte ich, weil der Roman Andeutungen macht, ein Liebesroman zu sein und sich dann auch noch in die Richtung Gay Romance bewegt. Ich denke, da verrate ich nicht zu viel. Dass Tristan ganz eindeutig schwul ist, hat man nach ein paar Seiten raus. Zumindest hatte ich das raus. Und ich hatte auch eine grobe Vorstellung davon, wie sich die Geschichte weiter entwickeln würde.

Doch darum geht es nicht. Das späte Geständnis des Tristan Sadler ist kein historischer Roman und es ist keine Liebesgeschichte. Es ist nicht einmal die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Es ist ein Versuch über die Verblendung und eine Analyse, auf welch unterschiedliche Art ein Krieg grausam machen kann.

 

Will und Tristan

Daran sind die beiden zentralen Figuren Schuld. Oder die zentrale Figur und der zentrale Tote. Will und Tristan. Beide Figuren taugen hervorragend als Identifikationsfiguren für den Leser, mit denen man sich zugleich nicht mehr identifizieren will. Wenn sie miteinander in Rückblenden agieren, habe ich als Leser Sympathien entwickelt. Mal für den einen, mal für den anderen, während der jeweils eine damit unsympathisch wurde.

John Boyne gelingt es am Ende, zwei Charaktere zu zeichnen, die mir beide ans Herz gewachsen sind, weil sie so vielschichtig sind. Tristan ist immer wieder ein Feigling, weil er schweigt, zugleich ein mutiger Kerl, weil er seine Schuld trägt und mit ihr lebt. Will ist ein mutiger Kerl, weil er für seine Überzeugungen einsteht und ein Feigling, weil er sich in Dogmatismus flüchtet. In ihrer Feigheit und ihrem Mut ergänzen sie sich hervorragend und man folgt ihrer Geschichte gern.

Gleiches gilt für die Borniertheit der beiden Charaktere, denn Will ist borniert, wenn er seinen bürgerlichen Werten verhaftet bleibt und das Leiden Tristans nicht erkennt, so wie Tristan emotional borniert ist und das Leiden Wills ebenfalls nicht anerkennt, sondern einem radikal romantischen Ideal anhängt. Auf ihre Art sind sie beide radikale Egoisten, denen man gewünscht hätte, sie würden einen Augenblick lang die Perspektive des Anderen einnehmen, denn dann hätten sie erkannt, dass sie füreinander geschaffen sind.

 

Fazit

Dass genau das nicht passiert, ist die erzählerische Kunst von John Boyne. Er bleibt realistisch in dem, was seine Figuren denken und glauben können. Er vermeidet es also, dass im Hintergrund der Geschichte ein modernes emanzipatorisches Ideal wandernd herumhurt.

Das heißt nicht, dass die Geschichte vorhersehbar und langweilig ist. Es gibt immer wieder kleine Überraschungen. Es gibt Nebenpfade, in denen er die Gedanken junger Menschen im Krieg ausleuchtet. Es gibt ein Ende, das rückblickend konsequent und erwartbar ist, aber das ich so nicht erwartet hätte. Also zumindest das erste Ende nicht. Das zweite Ende hingegen war vorhersehbar und an der Grenze zum Melodramatischen. Dafür gibt es tatsächlich den einzigen leichten Abstrich.

Ansonsten ist Das späte Geständnis des Tristan Sadler ein rundum gelungenes Buch.

2 Kommentare zu „Mein spätes Geständnis zu John Boyne

  1. Du schuldest mir zwar gar nichts, aber ich gebe zu, dass ich diesen Beitrag mit einer gewissen Spannung erwartet habe. 🙂

    Und jetzt machen sich gerade Freude und Erkenntnis breit. Die Freude darüber, dass ich doch noch ein Buch gefunden habe, das Dir gefällt. Und die Erkenntnis, dass Du dieses Buch besser in Worte gefasst hast, als ich es konnte bzw. je könnte!

    Aber die Freude überwiegt… 🙂

    Gefällt 1 Person

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