Das heutige Buch gehört gar nicht mir, es gehört der guten … der guten … Hach, wie heißt sie denn noch gleich? Horst-Berufe-Katzen-Plan? Nein … Lord-Gefummel-Kuschel-Kamerad? Auch nicht. Ach, ich weiß, Rumpelstilzchen! Das hat dir der Teu … Nein, auch nicht. Egal. Wortgeflumselkritzelkram hat dieses Buch tatsächlich zu Ende gelesen, für nicht gut befunden und gemeint, damit wäre es genau das Richtige für mich. Ein paar Tage später hatte ich es schon im Briefkasten. Und wie richtig sie lag. Jedenfalls haben wir beschlossen: Schicken wir das Buch doch weiter auf die Reise. Ich habe da ja jemanden im Blick, der das Buch schon für sein Cover gewürdigt hat.

Inhalt und Cover lt. Verlagshomepage

Die Erde in der Zukunft: Ausgerechnet am Valentinstag wurde die Menschheit von einer unbekannten, mächtigen Alien-Spezies angegriffen. Innerhalb kürzester Zeit wurden Länder zerstört und Städte dem Erdboden gleichgemacht. Und doch waren die Menschen nicht völlig wehrlos, denn der Angriff der Aliens stattete sie mit einer Macht aus, die sie bisher ins Reich der Magie verbannt hatten. Nun, fünfhundert Jahre später, tobt der Kampf um die Erde noch immer, und das Schicksal der gesamten Menschheit ruht auf den Schultern von acht ungleichen Helden. Dies ist ihre Geschichte …

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Mit den Helden wachsen wir in die Welt

Ich war mir zu Beginn nicht ganz sicher, ob ich das Buch mögen würde. Also schon vorab, weil der Klappentext schon nach Space Opera riecht und das ein durchaus schwieriges Genre ist. Kurzweilig, aber stets eine Herausforderung für meine Anti-Falten-Creme, weil die meisten Protagonisten in so einer Space Opera ungefähr so viel Tiefe haben wie das Asowsche Meer während einer langen Trockenperiode. Sie tun es zwar nicht für Geld, dann wäre es eine reizvolle Schmugglergeschichte, auch nicht für den Ruhm, sondern sie tun, was sie tun, weil sie es tun. Im besten Falle, weil sie es tun müssen.

J. Patrick Black umschifft dieses Problem elegant, indem er verschiedene Charaktere zu Protagonisten erklärt … Und dummerweise aus ihrer Perspektive erzählt. Und damit auf die nächste Klippe zugesteuert. Ich bin nicht unbedingt ein Freund multiperspektischen Erzählens aus der Ich-Perspektive. Ich mag die Ich-Perspektive ohnehin nicht, die gleich mehrfach serviert zu bekommen, ließ mich kurz taumeln. Aber der Autor ist mit Müh und Not über die Klippen geschrappt, denn zumindest grob lässt sich erkennen, dass die Figuren einen jeweils eigenen Ton haben, in dem sie erzählen. Die Stimmen sind nicht einzigartig, aber er berücksichtigt die unterschiedlichen Horizonte der Figuren und lässt sie entsprechend denken.

Was ihm mit dieser Multiperspektivität aber gut gelingt: J. Patrick Black lässt seine Leserschaft in die Welt hineingleiten. Einer von flumselchens Kritikpunkten war, dass der Autor seinen Spannungsbogen immer wieder unterbricht, um Erklärungen zur Welt einzuschieben, in der wir uns befinden, insbesondere zur Thelemitie. Ich fand diese Einschübe reizvoll. Unsere Protagonisten sind jung und entdecken die Welt, in der sie leben, noch. Zwei der Protagonisten sogar vollständig neu. Wie die Figuren im Buch wird der Leser damit 1) mit einer fremden Welt konfrontiert, die er 2) nach und nach begreifen kann. Der Erkenntnisprozess der Protagonisten und der Leser verläuft damit häufig parallel. Ich habe das sehr genossen.

 

Magie und Science Fiction

Bevor jemand protestierend aufschreit und sagt: Es gibt doch Charaktere, die mehr von der Welt und der Thelemitie verstehen als der Leser, damit einen Wissensvorsprung haben, dem sei in Erinnerung gerufen, dass wir immer wieder an einen Grundsatz der Thelemitie erinnert werden: So ganz genau wissen wir selbst nicht, was wir da tun. Es funktioniert einfach.

Thelemitie scheint auf den ersten Blick irgendeine exotische Energie zu sein (so wird es auch erklärt), auf den zweiten Blick Magie (für manche Figuren auf den ersten Blick), auf den dritten Blick ist sie damit wohl Beides. Wenn ich mir mein Smartphone so anschaue: Ich habe auch nur eine grobe Ahnung davon, wie das funktioniert, ich kann es halt bedienen. Weit weg von dem, was Harry Potter mit seinem Zauberstab macht, ist das letzten Endes auch nicht.

Davon abgesehen, dass es eine sehr kluge Beobachtung ist, die J. Patrick Black hier zu einem ganzen Roman verarbeitet, ist es natürlich ein billiger Trick. Er muss keine Hard Science Fiction Story schreiben, die artig darauf aufpasst, nicht gegen die Gesetze der Physik zu verstoßen. Er nimmt ein wenig Laserkanone und Raumschiff, tut so als würden die mit Magie angetrieben und ergeht sich dann in dem, was eine gute Space Opera ausmacht.

 

Jede gute Space Opera …

Eine gute Space Opera besteht aus drei Elementen: Tempo, Witz und Schlachten. Tempo hat das Buch trotz der Exkurse zur Thelemitie zur Genüge. Kaum hat man sich an die komische Welt gewöhnt, in der man gelandet ist, wird sie komplett auf den Kopf gestellt und gefühlte drei Seiten später steckt man schon in der Schlacht, die das Schicksal der Erde entscheiden wird. Ich habe etwa zwei Wochen für das Buch gebraucht, hatte aber am Ende das Gefühl, erst gestern damit angefangen zu haben. Ich habe auch keinen einzigen verschachtelten Satz gefunden. Zumindest keinen, den ich kompliziert gefunden hätte.

Zu diesem Phänomen tragen die popkulturellen Anspielungen bei. In ihnen liegt nicht nur Witz, wie flumselchen richtigerweise bemerkt hat, sondern es schimmert auch Wehmut durch. Im Unterschied zu den meisten Space Operas liegt hinter der Geschichte zumindest bei einigen Figuren eine Motivation, warum sie so handeln, wie sie handeln: Die Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, selbst wenn sie die nur aus Archivaufzeichnungen kennen.

 

… hat eine eklatante Schwäche

Und diese hier hat nicht nur die eine, sondern gleich drei. Es sind nicht die Schlachten, die gehören bei einer ordentlichen Space Opera dazu. Und sie funktionieren in „Die neunte Stadt“ ziemlich gut, weil der Unterschied von Technologie und Magie so geschickt verwischt wird. Der Autor kann sich damit so einige Dinge erlauben, die mich sonst schnaubend zur Entrüstung gebracht hätten. Allerdings muss ich zugeben, dass Schlachten in der ersten Person ziemlich öde sind.

Die zweite Schwäche ist der aktuelle Trend, sich junge Helden zu suchen. In einer traditionellen Space Opera ist der Protagonist zwar häufig jung, aber schon irgendwie erfahren, gern ein karrieregeiler junger Offizier. In „Die neunte Stadt“ sind die Protagonisten viel jünger, noch nicht einmal halb ausgebildet. Keiner von ihnen ist „reif“, aber alle sind sie naseweiße Wunderkinder. Ich kann diese jugendlichen Erlöserfiguren (Hallo „Tribute von Panem“) sowieso schon nicht ausstehen, sie so geballt vorgeführt zu bekommen, nervt.

Das sind spezielle Probleme, die „Die neunte Stadt“ hat, während das größte Problem ein genrespezifisches ist: In Space Operas ist der Gegner in den meisten Fällen ein Unbekannter, auch wenn man ihn schon seit vielen Jahrhunderten bekämpft. Der Gegner ist schon kein Gegner mehr, sondern bloß ein nulldimensionaler Feind, über den niemand etwas weiß, sondern der urplötzlich auftaucht und eine Bedrohung ist. Er hat keine Motivation, weil niemand auch nur die Frage nach der Motivation des Feindes stellt. Er ist da und er ist der Feind, also wird er bekämpft.

Black verstärkt dieses Genreproblem durch die Erzählperspektive, die einen nicht an den Feind herankommen lässt. Was doppelt traurig ist: Er ist sich dieser Schwäche bewusst. An einer Stelle begegnet ein Protagonist dem Feind direkt. Und es ist der Feind, der bemängelt, dass die Menschen nichts über ihre Motive wüssten. Das ist eine großartige Idee, aber sie hat keinerlei Konsequenzen. Der Protagonist greift diesen Vorwurf nicht auf, hakt nicht nach, denkt nicht einmal mehr daran. Der potentielle Erzählfaden wird aufgenommen und sofort wieder fallen gelassen. Das ist nicht nur traurig, sondern ärgerlich, weil hier die Genre-Grenzen hätten überwunden werden können.

 

Fazit und Weitergabe

„Die neunte Stadt“ von J. Patrick Black ist eine solide Space Opera, die Spaß macht. Sie unterscheidet sich an manchen Stellen positiv von anderen Vertretern des Genres, insbesondere die Vermischung von Magie und Technologie macht Spaß. An mancher Stelle hingegen schwächelt sie im Vergleich zu anderen Vertretern der Gattung, insbesondere die Häufung von Wunderkindern, wie es literarischer Trend ist, nervt spätestens im 3. Drittel. Übrigens glaube ich, dass auch Übersetzer und Lektor im 3. Drittel zuweilen genervt waren, denn da schlich sich der ein oder andere Rechtschreibfehler ein. Dennoch:

Wer unbekannte Zukünfte, außerirdische Bedrohungen und epische Raumschlachten mag, wer sich für Magie und Technologie gleichermaßen begeistern kann, der macht mit „Die neunte Stadt“ nichts falsch. Und weil dieses Buch wie angekündigt reisen soll … Sag mal, Frau Vro, bist du nach der Besprechung immer noch neugierig? Wenn du das Buch danach weiterreisen lassen würdest, könnte es seinen Weg ins südliche Nachbarland finden.

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21 Kommentare zu „J. Patrick Black – Die neunte Stadt (Reisebuch)

    1. Stimmt, das Bonmot habe ich ganz vergessen. Wobei ein Autor in Clarkes Tradition eher den Zwiespalt thematisiert hätte zwischen einem Volk, das die Technik beherrscht und für die es Technik ist und einem Volk, für dass es Magie ist. Bei Black ist es so, dass letzten Endes auch die routinierten Anwender von Thelimitie nicht so wirklich wissen, was sie da tun. Was eine interessante Pointe ist … Und sie in die Nähe von VW-Ingenieuren rückt. 😀

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    1. Wenn ich nicht gerade selbst eine Space Opera lesen würde, würde ich schon mal mein Interesse anmelden. Aber irgendwie bin ich von Space Operas und Science-Fiction relativ schnell übersättigt. Vielleicht später mal… 😉

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        1. Das überrascht mich dann doch ein wenig. Ich dachte, das wäre quasi „Dein“ Genre, so als Trekkie!? 😉

          Ich weiß auch nicht, woran das bei mir liegt, aber diese Übersättigung habe ich eigentlich tatsächlich nur bei Science-Fiction – gut, und bei den Romanen von Terry Pratchett! 🙂

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          1. Space Opera ist mir auf Dauer zu seicht aus dem genannten Grund: Der Feind ist so nulldimensional. Das hat auf Dauer wenig Reiz.
            Überhaupt der Gegner. Bei SF geht es mir eher um die Entdeckung des Unbekannten statt des Zusammenschießen dessen, was man nicht versteht. 😉

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            1. Schön formuliert! 🙂

              Den nulldimensionalen Feind hat die Space Opera aber nicht exklusiv. Im Fantasy-Genre – ja, ich geb´s ja zu – ist das sehr häufig ebenso.

              Und auch in Krimis, Thrillern, Psychothrillern sind die Antagonisten meistens nicht sonderlich vielschichtig dargestellt. Die Einen sind böse, weil sie eben böse sind, die Anderen, weil sie eine schwere Kindheit hatten. 😉

              Es wird wahrlich Zeit, dass sich mal jemand in diesem Bereich etwas Besseres einfallen lässt…

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    2. Ich habe sie mal verlinkt. Das war eine gute Idee. Und ja, ich bin erstaunt, dass die Rezension so ganz anders ausgefallen ist als deine. Ich kann zwar ansatzweise nachvollziehen, was du meinst mit den Brüchen in der Handlung, fand das aber überhaupt nicht störend sondern eher bereichernd.

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  1. Bin schon da! War ein langer Tag fernab vom Internet. Also ja, ich bin interessiert. Wobei ich rein vom Cover auf ein anderes Genre getippt hätte oder jedenfalls sicher nicht auf Space Opera. Ich habe mit epischen Raumschlachten nicht viel Erfahrung. Oder zählt Star Wars? (Verzeih meine Unkenntnis) Und ja, ja, ja, ich bin neugierig!

    Nur eines noch: Erkundige dich bitte, wie viel das Porto nach Österreich kostet. Nicht, dass es mehr ausmacht als das Buch gekostet hat. Ansonsten freue ich mich und lasse es dann auch weiter reisen.

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    1. Star Wars ist eine klassische Space Opera. ☺
      Ich habe nachgesehen und würde spontan sagen, das Buch bekomme ich sogar als Büchersendung International nach Österreich. Von daher alles cool. Hast du ein Impressum? Ansonsten schick mir doch mal eine kurze Mail mit deiner Adresse. ☺

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