In meiner Besprechung zum ersten Band der Un-Magier-Reihe habe ich mich über ein paar Logiklöcher, gepaart mit einer ganz netten Magie-Welt erfreut und daraufhin Band 2 antiquarisch erworben. Man möchte ja wissen, wie es weitergeht. Zeit nachzuschauen, ob die Geschichte nett bleibt oder ich doch wieder meine Fantasy-Allergie bekomme.

Inhalt lt. U4

Timothy … ein Schurke?

Nachdem Timothy erfahren hat, wie er in einer Welt voller Magie seine Machtlosigkeit als Waffe einsetzen kann und nachdem er Nikodemus’ Plan durchkreuzt hat, die Regierung zu stürtzen, reist er in eine von Kriegen zerrissene Dimension, um den Wyrm zu helfen, wilden Magiern und Kriegern, die von einer uralten Drachenrasse abstammen. Doch während Timothy verdeckt Informationen über die äonenalte Fehde zwischen den Wyrm und dem Parlament der Magi sammelt, stößt er noch auf eine ganz andere Geschichte – eine von friedlichen Wyrmern und einer Verschwörung unter Leitung des Parlaments.

Aber das ist nicht Timothys einziges Problem. Das geheimnisvolle Mädchen, das er in Himmelshafen gesehen hatte, ist Nikodemus’ Enkelin und macht Leander das Amt des Großmeisters des Alhazred-Ordens streitig. Außerdem verschwinden trotz Nikodemus’ Tod weiterhin Magi … und diesmal schiebt es jemand Timothy in die Schuhe.

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Helden

Machen wir uns nichts vor. Auserwählte Jungs, die glauben, die Rechtschaffenheit für sich gepachtet zu haben, nervt. Das hat bei Harry Potter nur deshalb funktioniert, weil die Bedrohung, vor der er warnt, über mehrere Bücher aufgebaut wurde und Harry nicht der einzige ist, der sie aufkommen sieht. Außerdem hat der gute Harry seine unsympathischen Züge. Man darf ihn an mancher Stelle auch arrogant finden.

Dementsprechend nervt Timothy. Wir wissen immer noch nicht so genau, wie alt er ist, wir wissen aber, dass er alles kann, alles weiß, alles besser weiß und von allen Menschen auf der Welt der einzige ist, der so etwas wie Moral, Integrität und Gerechtigkeitsempfinden besitzt. Ja, ist gut. Kenne ich. Das ist gar nicht so schlimm, denn so denkt man als Teenager. Es wäre aber Aufgabe des Erzählers, ihm das ein wenig zu nehmen. Ihm entweder Verbündete zur Seite zu stellen oder ihn sich irren zu lassen. So etwas in der Art. Aber das tut Christopher Golden nicht. Stattdessen läuft Timothy mit stolz geschwellter Brust durch die Welt … Und nervt halt rum. Leider bekommen die Nebenfiguren im Unterschied zu Band 2 gleichzeitig weniger Platz zwischen den beiden Buchdeckeln, um das zu kompensieren.

Das ist schade. Edgar ist schlagfertig, Sheridan ist wirklich integer und angenehm … Und Leander ist klug. Auch wenn er in Band 2 zum dumpfen Stichwortgeber für Timothy degradiert wurde. Wenn die Heldentruppe also nichts taugt – weiß vielleicht die Schurken-Garde zu bestehen?

 

 

Schurken

Wir haben es im zweiten Band der Un-Magier-Tetralogie mit zwei Schurken zu tun. Am Rande taucht erneut die unbekannte Macht auf, die uns bereits am Ende von Band 1 begegnete und der einzige wirkliche Grund ist, zu Band 2 zu greifen. In diesem Band taucht sie am Rande bereits früher auf. Und natürlich am Ende, wo wir ein weiteres Detail über diese unbekannte Macht erfahren. Das ist natürlich Eins zu Eins aus dem Lehrbuch „Wie ich einen völlig stereotypen Fantasy-Mehrteiler konzipiere“ abgeleitet und nur deshalb der Erwähnung wert, weil das einer der Gründe ist, wieso Fantasy so doof ist.

Wir haben es außerdem mit Grimshaw zu tun. Grimshaw ist ein ehrgeiziger Magier, der vom Parlament der Magi zum Konstabler ernannt wurde. So eine Art Sonderermittler mit weitreichenden Befugnissen. Der Schurke nutzt diese Macht natürlich aus, um Timothy zu schikanieren, zu diskreditieren und ihm letztlich auch nach dem Leben zu trachten.

Das Problem des Schurken Grimshaw ist weniger, dass er allmächtig ist. Das ist zwar auch ein Problem, aber ich kann es dem Schurken verzeihen, wenn er sich gleich in mehreren Magie-Feldern exzellent auskennt, von Spurensuche über Kampfmagie bis zu Architektur-Magie und ganz nebenbei auch noch in diversen Nahkampf-Techniken ausgebildet ist. Wir alle lieben unsere allmächtigen Über-Schurken, denen nicht beizukommen ist. Es sei denn, ihr Schurkentum wird mit ihrer schrecklichen Kindheit gerechtfertigt. Und das tut unser Autorenduo. Es gab ja im ersten Band schon einen Schurken, der schurkisch war, ohne dafür Gründe zu benötigen. Da MUSS wegen der Fantasy-Schreib-Gesetze der nächste Schurke eine traurige Kindheit haben … Was zwischendurch in einem eingefügten Kapitel aus heitem Grund erklärt wird, ohne etwas zur Geschichte beizutragen. Das ist erzählerischer Dilettantismus, wie man ihn nur mit dem Ratgeber „Wie ich einen stereotypen Superschurken konstruiere“ aus der Reihe „Erzählerische Tricks für Anfänger“ entwickeln kann.

 

 

Logik und erzählerische Tricks

Und glaubt mir, nach dem überraschenden Erfolg seines ersten Buchs, als klar wurde, er muss wirklich eine Fortsetzung schreiben, hat er die gesamte Reihe gelesen. Zumindest stelle ich es mir so vor. Es ist die einzige Erklärung für den Mist, der an mancher Stelle verbrochen wird.

Nehmen wir den Schurken, in dessen Geschichte Feuer vorkommt. Hungriges Feuer. Nicht-magisches Feuer. Das, so lernen wir in Band 1, etwas ganz und gar außeralltägliches ist, weil es sich nicht zähmen lässt. Dumm nur, wenn man es als wichtiges Plot Device im zweiten Band braucht, gell? Dann hofft man halt einfach, dass die Leser*innen es nicht merken, wie die Geschichte da inkonsistent wird, wo Laternen mit hungrigem Feuer alltäglich sind.

Dagegen nimmt sich die Tatsache, dass man eine Festung erst als uneinnehmbar aufbaut, um sie vom Helden dann wie bei einem Spaziergang einnehmen zu lassen, harmlos aus. Auch wenn selbst die Vorbereitung dafür so kinderleicht war, dass ich mich beinahe geärgert habe. Das habe ich mir dann aufgespart, als die Geschichte eine weitere Wendung nahm und sich herausstellte, dass unser Held WIRKLICH dachte, es würde ein Spaziergang werden. Es muss ein Kapitel in „Hanebüchene Fantasy-Geschichten für Anfänger“ geben, das sich einzig dem Thema „Wie ich eine uneinnehmbare Festung einnehme“ befasst. Und direkt dahinter kommt das Kapitel „Wie ich den denkbar unpassendsten Moment finde, die bisherige Story-Entwicklung um 180° zu drehen“.

Aber das ist alles nichts gegen „Der Held rückt in letzter Minute Informationen heraus, die er vorher gesammelt hat, ohne dass der Leser davon erfährt. Und er weiß auch, wie er die Informationen belegen kann, weil es ein obskures Wahrheitsritual gibt oder ein Serum oder meinetwegen auch ein Computerprogramm (für die Techno-Thriller- und Space-Opera-Fans)“. Ich hasse es, ich hasse, hasse, hasse es. Gibt es eigentlich eine Zeitschrift für Fantasy-Autoren? Eine, wo alle Vierteljahre beschrieben wird, mit welchen billigen erzählerischen Tricks man seine Leser am Besten vor den Kopf stößt und wo jedes Mal „Halte ihm ALLE Informationen vor, damit dein Held am Ende strahlt, wenn seine Weltretter-Nummer aus der Torte springt? „Bad Fantasy Novel Endings Quarterly“ oder so?

Da steht dann bestimmt nämlich auch jedes Mal drin, dass man einen Epilog braucht, wo es dann das eine entscheidende Detail über die Macht im Schatten gibt, die zum Weiterlesen motivieren soll.

 

Fazit

Das verlangt ihr echt von mir? Das Buch ist Mist. Es fokussiert sich völlig auf den Hauptcharakter, der mit dieser Rolle überfordert ist. Von der Anlage her ist er nämlich eine Nervensäge. Die Story leidet immens unter der Beschränkung au 300 Seiten und dem mangelnden Gespür des Autors für Kürze und Länge. Unwichtiges breitet er aus, damit er über die wichtigen Dinge nicht sprechen muss, um am Ende noch ein paar Überraschungen zu haben. Das einzige, was diesem Buch zum vollständigen Klischeefehlt, sind die paternalistischen Charaktere.

Ich habe mich schon lang nicht mehr so sehr über einen Fantasy-Roman geärgert. Und ich breche die Reihe nur deshalb nicht ab, weil er zweite Band häufig der Lausigste ist. Da die Reihe auf vier Bände begrenzt ist, gebe ich Band 3 eine Chance. Sobald mir nicht mehr übel von diesem Mist ist.

 

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17 Kommentare zu „Der Heilige Einfaltspinsel der Fantasy

  1. Herrlicher Verriss, auch ich sage meinen Dank! Bei dem Satz „… wie die Geschichte da inkonsistent wird“ habe ich unwillkürlich, von Deinen verbalen Hieben beeinflusst, gelesen: „… wie die Geschichte inkontinent wird“ 🙂
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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