Spiele sind vielgestaltig und deshalb der ideale Zeitvertreib. Für jeden Menschen gibt es das richtige Spiel: Neue Spiele, alte Spiele, komplexe Spiele, einfache Spiele, Strategiespiele, Rätselspiele, Geschicklichkeitsspiele. Alle Bedürfnisse passen in eine Schachtel. Und wer regelmäßig spielt, verliert sein Herz, behaupte ich, irgendwann an ein bestimmtes Spiel.

Alles fing an, schon bevor ich in die Schule ging. Ich kannte bereits alle Buchstaben und das Buchstabieralphabet. Ich konnte zwar noch nicht lesen oder schreiben, aber E wie Emil und H wie Heinrich waren mir in Fleisch und Blut übergegangen. Dass jemand das Glücksrad rückblickend als Bildungsfernsehen loben würde, hätten sich Peter Bond, Maren Gilzer und Frederic Meisner wohl auch nie erträumt. Aber so war es.

Diese Buchstaben, die man sich kaufen und wünschen konnte, die auf einer großen Wand aufblitzten und von Maren Gilzer mit Geschick und Eleganz umgedreht wurden, waren meine erste Berührung mit Sprache als Spiel. Bei Oma und Opa war das Glücksrad Pflichtprogramm und wenn das kleine Zeilenende zu Besuch war (das kam als ausgemachtes Omakind regelmäßig vor), durfte es natürlich auch Glücksrad gucken.

Es kam, wie es kommen musste. Das Zeilenende lernte irgendwann buchstabieren, lesen und schreiben. Und wurde in die Welt der Erwachsenen eingeführt. Auch die hatte mit Buchstaben zu tun und einem besonderen Buch. Niemand las dieses Buch, aber es war wichtig. Es war das wichtigste Buch im Haushalt von Oma und Opa Zeilenende. Es wurde auch regelmäßig benutzt. Aber eben nicht gelesen. Es war ein Nachschlagewerk, unentbehrlich für das wichtigste Spiel im Haushalt von Oma und Opa Zeilenende. Natürlich gab es das Gänsespiel, Halma, Mau-Mau und Mensch ärgere dich nicht. Aber vor allen Dingen gab es das Spiel mit den Buchstaben.

Es ist natürlich irgendwie unfair, wenn zwei Menschen um die 60 mit einem Knirps Wörterspiele spielen und dieser Knirps gerade so den Umgang mit Buchstaben gelernt hat. Andererseits war es großartig.

Natürlich habe ich immer verloren und ewig gebraucht, um alltägliche Wörter zu bilden. Kein Vergleich zu den wunderlichen Worten, die meine Großeltern legten. Aber es erweiterte meinen Horizont. Was wusste ich denn vorher, wie die Währung in Japan hieß und dieses niedrige Sofa, dass eine Vermutung nichts mit Waagen zu tun hat, sozusagen? Yen, Diwan, vage, quasi zogen in meinen Wortschatz ein. Und dass man Echse nicht mit X schrieb, das lernte ich aus dem wichtigsten Buch im Haushalt von Oma und Opa Zeilenende. Der gelbe Buchdeckel des Duden war schon speckig, aber dennoch lag das Buch bei jedem Spiel auf dem Tisch, für die Streitfälle und zur Belehrung.

Ich finde, Scrabble ist ein magisches Spiel. Man jongliert mit Buchstaben und heraus kommen plötzlich Wörter, mit denen man gar nicht gerechnet hätte. Manchmal alltägliche, oft aber ungewöhnliche Wörter, weil man auch die seltenen Buchstaben verbauen muss. Nie die kürzestmöglichen Wörter, weil sie eine gewisse Länge brauchen, um an den doppelten Buchstabenwert zu reichen. Die Kombination „lang“, „seltener Buchstabe“ und „Dreifacher Wortwert“ ist natürlich die größte Kunst. Scrabble spielen hat mich als Kind gelehrt, dass Buchstaben lernen keine lästige Pflicht ist sondern Spaß macht, denn man kann damit spielen. Scrabble spielen prägt bis heute mein Verhältnis zur Sprache. Formulieren ist die Kunst, das richtige Wort zu finden. Beim Scrabble geben die Buchstaben vor, wie das Wort aussehen soll, beim freien Schreiben gibt der Kontext vor, welche Stimmung das Wort vermitteln soll, welche Bedeutungsnuancen mitschwingen sollen und wie das Wort klingen muss. Beim Scrabble ist der Rechtschreibduden dein Freund, beim Schreiben der achte Band, das Synonymwörterbuch.

Es ist mir übrigens nie gelungen, die nunmehr selige Oma Zeilenende im Scrabble zu besiegen, sie war einfach zu gut. Auch Mutter Zeilenende konnte sie nicht besiegen. Aber mittlerweile … Ich hatte viele Gelegenheiten zu üben, denn in meiner ersten WG gab es ein Freitagabendritual, bestehend aus zwei Menschen, zwei Flaschen Rotwein und einem Scrabble-Spiel. Es ist das selbe Spiel, auf dem ich als Kind gegen die selige Oma Zeilenende verloren habe, das mittlerweile mein Scrabble-Spiel ist und auf dem ich schon seit Jahren nicht mehr verloren habe, egal ob gegen Familie, Freunde oder Mitbewohnerinnen.

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Es liegt übrigens nicht am Brett. Auch auf dem Exemplar von Mutter Zeilenende besiege ich die Familie regelmäßig. Ich habe eben bei der besten gelernt.
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20 Kommentare zu „Das Spiel der Spiele

  1. Das verstehe ich gut. Meine fast einzige FB-Aktivität ist das Spielen von Wordox. Das kommt allerdings an ein live-Scrabble nicht heran, weil da seeeehr komische Wörter und Konjugationen akzeptiert werden. Ein symbolisches Blümchen für Oma Zeilenende !

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    1. Echt nicht? Mangelte es an Gelegenheiten oder Mitspielern? Du solltest bei FB einen Aufruf posten. Ich wette, es gibt viele Scrabblespieler in jedem Bekanntenkreis, die sich nur nicht trauen, dazu zu stehen. *g*

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      1. Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht liegt’s ja an mir 😦
        In meinem Freundeskreis gibt es Rollenspieler, klassische Brettspieler, Trinkspieler. Alles, nur keine Scrabbler. Vielleicht sind diese Menschen meiner auch einfach nicht würdig *pah* 😀

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      1. Leider immer noch nicht wirklich fit genug, um mich laufen zu trauen, aber langsam glaube ich, dass mein Körper an den letzten Hustensymptomen nur festhält, weil er keinen Bock hat, wieder durch den Park gehetzt zu werden …

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