Ein paar kleine Gedanken zu einem wichtigen Wort, das von vielen Menschen unterschätzt wird.

Vor einiger Zeit bereits gab es im Mitmachblog die Themenwoche „aber“. Ich bin ein leidlich produktiver Schreiber, allerdings brauche ich immer eine gewisse Vorlaufzeit, um einen sinnvollen Beitrag zu produzieren. Zumindest wenn das Thema vorgegeben ist und ich mich nicht vollständig in die Fiktion flüchten will. Das Thema hat mich dennoch nicht losgelassen und drängt nun mit aller Macht heraus.

Die Freude der Konjunktionen

Sprachlich verstanden ist „aber“ in den allermeisten Fällen eine Konjunktion. Es befindet sich in illustrer Gesellschaft von „und“, „oder“, „wenn“, „dann“, „weil“ und einigen anderen Wörtern. Logisch haben Konjunktionen die Funktion, einzelne Aussagen in Beziehung zueinander zu setzen. Konjunktionen sind für sinnvolles Sprechen nahezu unerlässlich. Man nehme die beiden Sätze:

„Draußen regnet es.“

„Es ist kalt.“

Wenn jemand beide Sätze hintereinander sagt: „Draußen regnet es. Es ist kalt.“ verstehen wir die Aussage kaum. Eher ist es so, dass wir sie in eine Beziehung setzen. Gern in eine Kausalbeziehung: „Draußen ist es kalt, weil es regnet.“ Oder wir unterstellen dem Sprecher, er will zwei Aussagen miteinander verknüpfen: „Draußen regnet es und kalt (ist es auch noch).“ Vielleicht sollen die beiden Aussagen auch darauf hinweisen, dass es draußen kalt ist, wenn es regnet, außerdem regnet es, also ist es kalt.

Konjunktionen sind das Salz in der sprachlichen Suppe, denn sie verbinden Aussagen zu Zusammenhängen, die wir beurteilen können. Man stelle sich die Langeweile eines Gesprächs ohne Konjunktionen vor: „Draußen regnet es.“ Blick aus dem Fenster. Es regnet wirklich. „Ja.“ „Draußen ist es kalt.“ Blick auf das Thermometer. Es ist wirklich kalt. „Ja.“

Wie viel schöner ist: „Draußen ist es kalt, weil es regnet.“ „Aber meinst du nicht, dass es kalt ist, weil wir immer noch Winter haben? Und du närrischerweise dennoch im T-Shirt und einer knappen Badehose herumläufst?“

Afri_Cola
Pardon, kleines Missverständnis, hier geht es ums Aber, nicht um Afri.

Kein aber mehr

Konjunktionen befeuern Kommunikation. Wahrscheinlich fangen beide Wörter deshalb mit Ko- an. Das ist das K.O.-Kriterium dafür, dass Konjunktionen kongenial sind. Die Beiträge im Mitmachblog kreisten allerdings immer darum, dass „aber“ der Spielverderber unter den Konjunktionen sei. „aber“ ist der Einwand. Und Einwände wollen wir nicht hören.

Die Beispiele waren allesamt sehr rührig. In ihnen war immer der Schweinehund derjenige, der das „aber“ geflüstert hat:

„Ich will mehr Sport machen.“ „Aber dafür hast du keine Zeit.“

„Ich will mich gesünder ernähren.“ „Aber die Schokolade schmeckt so gut.“

Zugegeben, wenn wir uns Ziele in den Kopf gesetzt haben, wollen wir nur ungern Widerspruch hören, aber gerade deshalb ist er wichtig. All diejenigen, die das „aber“ verfluchen, stellen sich eine Welt ohne das „aber“, ohne Einwand vor.

„Ich bleibe hier sitzen und tue nichts.“ Das ist noch recht harmlos, selbst wenn man seine Steuererklärung machen wollte.

„Ich trinke jetzt noch drei Jägermeister.“ Das ist auch noch relativ harmlos, wenn man nicht gerade beschlossen hat, mit dem Auto heimzufahren. Aber (da ist es wieder), wie schaut das aus, wenn aus dem „ich“ ein „wir“ wird – oder die Sätze weniger harmlos werden?

Prüfung und Widerspruch

Das „aber“ leistet mindestens gute Dienste als „Advocatus Diaboli“, als Anwalt des Teufels. Das kleine penetrante „aber“, mit dem wir prüfen können, ob unsere Ideen wirklich so gut sind, wie wir glauben. Wir können bei der Prüfung zum Ergebnis kommen, dass Schweinehund recht hat und wir wirklich einmal nur dasitzen und nichts tun sollten, um zur Ruhe zu kommen … oder dass er nicht recht hat und wir jetzt sofort die Laufschuhe anziehen.

Eine zweite Stimme spricht gern das „aber“, unser Gewissen. „Ich gebe dem Straßenmusiker jetzt nichts.“ „Aber es ist nicht nur kalt und er sieht bedürftig aus, er macht auch gute Musik. Du stehst hier seit zehn Minuten und wippst mit den Füßen.“ Das „aber“ leistet uns in dem Fall gute Dienste, eine richtige Entscheidung zu treffen.

Auch umgekehrt ist „aber“ super: „Ich gebe jetzt dem Straßenmusikanten Geld.“ „Aber es ist noch drei Tage bis Monatsende, die zwei Euro in deinem Geldbeutel sind die letzten und du hast nur noch einen Joghurt im Kühlschrank. Glaubst du, du kannst die Welt retten, wenn du hungerst?“ Das „Aber“ des Gewissens (Bilden wir uns nichts ein, unser Gewissen ist selbstsüchtig) stellt eine berechtigte Frage, die uns zum Nachdenken bringen kann. Das verhindert Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit. Denn der Straßenmusikant bekommt die beiden Eurostücke nicht aus Prinzip, das man unreflektiert von jedem anderen Menschen ebenso einfordert, sondern auf Basis einer Abwägung, die individuell zu treffen ist.

Bislang war das immer noch sehr harmlos, nicht wahr? Das erste der beiden Beispiele macht aber schon deutlich, wie wichtig „aber“ ist, um uns selbst – und andere – einzuhegen. Denn wenn aus dem „Ich“ ein „Wir“ wird, was wäre das für eine Welt, in der niemand widersprechen will, zumindest leise „aber“ flüstert?

„Wir dulden keine Bettelei, auch wenn sie getarnt als Straßenmusik daher kommt!“ Eine Welt ohne „Aber sie bereichern damit die Innenstadt und bringen im besten Fall so etwas wie Kunst, Schönheit und Freude in die gestressten Opfer des Kapitalismus.“ fänd ich traurig.

„Wir opfern uns für das Leid in der Welt auf, bis wir selbst zugrunde gehen.“ Eine Welt ohne „Aber wenn wir zugrunde gegangen sind, wer ist dann noch da, um echte Hilfe zu leisten?“ fänd ich traurig.

„Wir wollen hier keine Flüchtlinge!“, „Wir wollen nicht für Pleite-Griechen zahlen!“ „Wir wollen keine Familien mit zwei Müttern oder Vätern.“ … Eine Welt ohne „aber“ wäre in solchen Fällen eine traurige Welt ganz ohne Alternativen.

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26 Kommentare zu „Aber gut …

      1. Kommt drauf an. Ich finde es bei manchen Menschen schlimm, wenn sie denken. Weil das Denken uns ja angeblich vom Tier unterscheidet. Und bei manchem Menschen hadere ich mit dem ewigen Kreislauf von Wiedergeburt. Diese Menschen hätten lieber als Waschbären wiedergeboren werden sollen oder so. *g*

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  1. Wirklich ein super Beitrag, ABER… 😉
    Zunächst dachte ich ja, du seist wirklich in die Fiktion abgerutscht. Regnen UND kalt? Gleichzeitig? Geht doch nicht. Würde es nicht schneien, wenn es kalt wäre? Aber nein. Es kann durchaus geschehen, dass es regnet und dabei saukalt ist. 😀
    Es ist wirklich ein vielseitiges und oft unterschätztes Wort. Sehr nützlich, wenn man es mit Bedacht anwendet. Auch wenn es oft spielverderberisch wirkt, kann es durchaus das Gegenteil sein.

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  2. Übrigens empfehlen Kommunikationstrainer, das „aber“ durch „nur“ zu ersetzen, weil es weniger penetrant ist:
    „Ich weiß, ich muss mehr Sport machen, nur finde ich kaum Zeit dafür“, klingt in der Tat sanfter, oder 😉

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  3. Aber als Widerspruch / Rechtfertigung – aber als Wendung zum Umdenken / Denkanstoß….auch dieses Wort hat also seine zwei Seiten….und das ist gut so! Nur DENNOCH ist schöner 😊

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