Die große Spiele-Erfinderin und Gast-Autorin Wilhelmine von und zu Zeilenende hat uns verlassen. Vergangene Woche, kurz nachdem ich ihr Bild benutzt habe, um einen Beitrag damit zu illustrieren. Erinnerungen an eine lustige, tapfere kleine Freundin.

Die kleinste von drei Schwestern, mit dem kräftigsten Knochenbau. Deinen Namen hattest du, bevor dein Geschlecht feststand, deshalb warst du all die Jahre Billy. Die ganzen … waren es zwölf oder 13 Jahre? Ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß nur, dass du geboren wurdest, kurz nachdem der Rest der Familie aus dem Urlaub wiedergekommen ist. Deine Mutter hat mir als einziger Versorger wohl nicht getraut und die Geburt verschoben.

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Du bist von Anfang aufgefallen. Du mit deiner rosafarbenen Nase und der weißen Schwanzspitze. Das waren deine Erkennungsmerkmale. Sie haben dich hübsch gemacht und vornehm. Aber bevor man dich mit den Augen bewundern konnte, hat man dich meistens gehört.

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Du warst anders als andere Katzen. Du hast geschnurrt, aber eher dezent. Dafür hattest du eine breite Palette an anderen Lauten. Dein Miauen klang eher wie ein blökendes Schaf oder eine meckernde Ziege, manchmal auch einfach so, als ob du verrostete Stimmbänder hättest. Dafür konntest du, sobald du Aufmerksamkeit bekamst, wie eine kleine Taube gurren. Und wann immer du unter einem Tisch oder Stuhl hergelaufen bist, konnte man das charakteristische Tock hören, mit dem du dir an allen möglichen Gegenständen den Kopf gestoßen hast.

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Du warst die einzige unserer Katzen, die die Sache mit der Tastatur verstanden hatte. Denn wann immer ich dich in mein Zimmer gelassen habe, hast du dich sofort auf die Tastatur gesetzt. Du warst eine rechte Büro-Katze, denn auch für das Arbeitszimmer von Herrn Zeilenende Sr. hattest du eine Vorliebe. Du hast im Regal über dem Schreibtisch gelegen. Aber auch in der Waschküche bist du gern geblieben. Kein Wäschekorb war vor dir sicher. Dein beliebtester Weg war es immer, Mutter Zeilenende zur Wäscheleine zu begleiten. Und in getragenen Sportsocken hast du dich gern gewälzt. Wahrscheinlich hat deine Nase einfach nicht funktioniert. Andererseits: Du warst verrückt nach Käse, nach mittelaltem Gouda, und hast da was verwechselt.

img-20160302-wa0001.jpgIm Wettbewerb um die Lieblingsplätze hast du gern geteilt.

Du hattest auch kein Näschen für katzenhaftes Verhalten. Du hast zwar grundsätzlich verstanden, dass du ein Raubtier bist und Beute machst, aber die Sache mit den Mäusen und Vögeln war dir fremd. Du hast lieber allabendlich Kröten angeschleppt, bis sie schließlich die Nase voll hatten und ausgewandert sind. Seitdem hat man dich vor allen Dingen über die Wiese hüpfen und an Blumen schnuppern gesehen. Vielleicht hat die Nase ja doch funktioniert.

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Geduldig und tapfer warst du immer. Hast jede Knuddelattacke über dich ergehen lassen und artig mitgemacht, bis du eine Gelegenheit zur Flucht erkannt hast. Du konntest wie ein Piraten-Papagei auf unseren Schultern sitzen und hast dich so durch die Gegend bewegen lassen.

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Die letzten Jahre müssen hart gewesen sein, aber davon abgesehen, dass du ständig irgendwo hingepinkelt hast und immer wieder Blut mit im Spiel war, hat man dir nichts angemerkt. Stattdessen hast du brav deine Tabletten geschluckt und deine Säfte getrunken.

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Okay, das ist gelogen. Du warst ein verdammt cleveres Biest und hast es meistens geschafft, die Tablette irgendwie auf der Zunge zu lassen. Bis du geschluckt hast, ist häufig eine halbe Minute vergangen. Du warst eben nicht halb so doof, wie du dich manchmal gegeben hast.

20160526_152647.jpgDu hast die ganze Familie auf Trab gehalten und aus dem Sofa jahrelang einen Schicht-Ort gemacht. Das wird komisch sein, das Sofa plötzlich ohne zu sehen.

Billy, mein Schaf, du konntest als einzige Katze vor der Kamera eine Show abziehen, auch wenn du dich gern geziert hast. Damit ist es jetzt vorbei. Weil du in kürzester Zeit von einer gesunden Katze mit einem dauerhaften Urin-Problem zu einem hageren Häufchen Elend geworden bist. Nach all den Jahren hast du wohl eine Pause gebraucht und darauf bestanden, einen Schlafplatz unter dem Pflaumenbaum zu bekommen, wo die anderen Begleiter auch schon sind, die uns vorausgeeilt sind. Grüß sie doch bitte von mir. Verdrück ein ganzes Wagenrad Gouda und schnuppere an den Butterblümchen auf der großen Wiese, auf der du wahrscheinlich herumtollen wirst, sobald du ausgeschlafen hast.

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Du lässt ein großes Loch zurück, denn die Welt ist ohne deine Geräusche leiser geworden, deine quakenden Begrüßungen, wenn ich zu Besuch gekommen bin. Die Stille dröhnt bis nach Stuttgart. Ich vermisse dich, mein Schaf. Mach es gut. Du hast dir deine Ruhe verdient.

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20 Kommentare zu „Kein Mäh, kein Gurr, kein Mau

  1. Schön, dass du Billy diesen liebevollen Text geschenkt hast! Es ist herzzereißend, wenn ein Felltiger geht, mit dem man manchmal mehr Lebenszeit verbracht hat als mit so manchem Menschen. Aber sie haben das große Glück, dass wir sie von dieser Welt gehen lassen können, ohne dass sie leiden müssen! Lieben Gruß 😦

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  2. Das ist ein schöner Nachruf. Ich glaube, ich höre da doch noch ein Mäh, Gurr und Mau als Dankeschön für diese schöne Abschiedsrede. Ich musste mir richtig ein Tränchen verdrücken, so hat mich diese Hymne auf Eure pelzige Begleiterin durch einen Teil Eures Lebens berührt. Tja, sie hinterlassen immer irgendwo ein schwarzes Loch, wenn sie nicht mehr da sind, aber auch viele schöne Erinnerungen.

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  3. Ein Loch im Herz ist ein Loch im Herz ist ein Loch im Herz ist ein Loch im Herz. Egal, ob ein Vierbeiner oder ein Zweibeiner es verursacht.
    Ruhe sanft, Fellträgerin. Und dir, Zeilenende, danke für deinen bewegenden Text.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  4. Ach, es ist schrecklich, nach so langer Zeit einen pelzigen Familienangehörigen zu verlieren! Und doch. Wie schön, dass Ihr so viele gemeinsame Jahre hattet, auch wenn so ein dauerhaftes Urinproblem schon eine ziemliche Belastung ist.
    Ich fühle mit Dir!

    Gefällt 1 Person

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