Ich liebe Arthur Schnitzler für seine großartigen, psychologisch feinen Portraits in seinen Erzählungen. Dort, in der kurzen Form, funktionieren sie ganz gut als Charakterskizze einzelner Typen, gern der Hauptfiguren. Die Nebenfiguren hingegen bleiben dunkel, laden zu Deutungen ein, sind aber als eigenständige Figuren nicht relevant. Wie anders ist das bei einem Schnitzler-Roman. Man bekommt Typen um die Ohren gehauen. Deshalb musste ich mich im Rahmen von 7 Bücher für 2017 regelrecht zum Schnitzler-Roman „Der Weg ins Freie“ zwingen. Ich wurde zugleich bestätigt und eines besseren belehrt.

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Inhalt laut Buchrücken

Dieser umfangreichste Roman von Arthur Schnitzler löste bei seinem Erscheinen 1908 Skandalreaktionen aus. Allzu viele aus der damaligen Wiener Salongesellschaft erkannten sich in diesem Schlüsselroman wieder. Doch die angeblichen Indiskretionen sind heute vergessen. Geblieben ist ein großer Roman, der den spielerischen schein einer im Niedergang befindlichen Gesellschaft schildert und entlarvt.

Liebe, Freitod und Duelle

Bei Schnitzler geht es gern um existentielle Dinge. Da wird geliebt, da wird der Freitod gewählt oder ein Duell ausgetragen, weil die Ehre verletzt wurde (und die Ehre war noch eine existentielle Sache – damals … und womöglich in Zukunft wieder?). Das würzt die Schnitzlerschen Werke immer mit Spannung, denn man weiß nie so genau, wie sich die Charaktere verhalten werden. Sie sind im besten Sinne ihrer Zeit verhaftet, authentisch und den modernen Leser*innen damit zunächst fremd. Wir müssen uns in diese Figuren eindenken, um sie verstehen zu können und doch überraschen sie uns immer wieder mit eigensinnigem Verhalten, das sich zugleich als plausibel herausstellt.

In „Der Weg ins Freie“ beschränkt sich Arthur Schnitzler nicht auf eines seiner Themen, wenn man es so nennen möchte, nein: Es gibt Liebe ohne Ende, vor allen Dingen gibt es sehr freizügige Liebe all überall. Da sind nicht nur der Adelige Georg, der dem Bürgermädchen Anna ein Kind zeugt und damit  den Haupthandlungsstrang lostritt. Da sind zahllose kleinere und größere Liebschaften im Gange, ebenso Demütigungen mit und ohne Tod, Duelle mit und ohne Prozesse. Allein schon als Sittengemälde einer uns entlaufenen Epoche macht Schnitzlers Roman viel Vergnügen.

Antisemitismus und Sozialismus

„Das hätte ja niemand ahnen können, dass der das ernst meint!“ ist eine sehr bequeme Ausrede, wenn es um Hitlers Antisemitismus geht. Der war bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert in seiner modernen Form als rassischer und nicht mehr religiöser Antisemitismus durchaus verbreitet, wie Arthur Schnitzlers Roman eindeutig zeigt. Immer wieder treten jüdische Charaktere auf, die Diskriminierung erfahren und schildern, die betroffen machen und fragen lassen, wieso so etwas geduldet wird.

Da ist aber auch der Umgang mit dem erstarkenden Sozialismus, der insbesondere die Figur Bermann, passenderweise „auch noch“ Jude, fasziniert. Er ist ein zuweilen zynischer Redenschwinger, zugleich eine zutiefst verbürgerlichte Künstlernatur, der alles gleichgültig ist und alles in allem ein verunsicherter junger Mann, der weder weiß, wo er hingehört, noch wo er hin will.

In den feineren Kreisen Wiens und im Kaffeehaus sind sozialistische, antisemitische und alle weiteren Ideen, Parolen, Haltungen verbreitet und allgemein bekannt. Man redet und streitet darüber, man witzelt darüber, zugleich bringt man ihnen eine unglaubliche Ignoranz entgegen. Bermann spielt mit seinen Haltungen, man weiß nie, was Pose ist, ob ihn Politik wirklich fasziniert oder ihn nur die Ästhetik begeistert und insbesondere Georg, der Adelige, bezieht keinerlei Position. Selbst zu den Klagen über Diskriminierung seiner jüdischen – Freunde? Bekannten? – fällt ihm nicht mehr ein als sich seinerseits zu ärgern, dass sie sich immerzu beschweren. Es ist überdrüssiger Alltag. Die Verachtung für politische Positionen, das zeigt sich bei Schnitzler, ist ebensowenig ein neuartiges Phänomen wie es der Antisemitismus der Nationalsozialisten war. Was man durchaus mit Ent-Geisterung zur Kenntnis nehmen sollte.

Adel und Bürgerlichkeit

Die Grenzen von Adel und Bürgerlichkeit lösen sich bei Schnitzler auf. Seine Figuren sind allesamt keine Rollenmodelle mehr und den Figuren selbst fehlt es an Vorbildern. Georg in seiner Lethargie darf dank Protektion auf eine gute Zukunft hoffen und dank der Motivation durch seine Geliebte – Anna.

Georg selbst ist allerdings weder die Komödienfigur oder abgerissene Existenz, die man aus einem Adeligen als Abgesang auf die alte Zeit machen könnte, er ist aber auch nicht der klassische Don Juan und Schürzenjäger, der sich ein paar schöne Stunden mit einer Bürgerlichen gönnt, sie finanziell alimentiert, aber zugleich fallen lässt. Georg ist von all dem ein wenig und beides nicht. Er hat hin und wieder vernünftige Gedanken, kann sie aber auch nicht umsetzen. Er ist eine Figur zwischen allen Rollenstühlen, die sich am Ende nur aus Gewohnheit für eine Option entscheidet.

Gleiches gilt für Anna, die weder die keusche, reine, perfekte Dame ist, wie es eine Bürgerstochter in Zeiten sein sollte, wo Bürgertum den Adel als Elite (auch in moralischer Hinsicht) ablöst, sie ist zugleich nicht die Dirne, die sich dem Adeligen willig hingibt in der Hoffnung auf Standesverbesserung. Sie lässt sich mit Georg ein, weil sie echte Hoffnung hat, sie will ihn sich nicht unter den Nagel reißen und nach ihrem Bild formen, sondern gibt ihm vernünftige Ratschläge wie eine Heilige. Zugleich macht sie sich bis zuletzt Hoffnung, dass er sie heiratet, verlangt aber eine feste Zusage. Auch sie sitzt zwischen allen Rollenstühlen und entscheidet ebenso wie Georg am Ende aus Gewohnheit.

Und auch Therese, die sozialistische Agitatorin, zu Beginn des Romans als überzeugte Figur mit Haltung eingeführt, entkommt dem Schicksal der Zeit nicht, in der sie lebt. Schnitzler gelingt es, alle seine Figuren zu Opfern der Umstände und der Unsicherheit zu machen und gewährt dieser Nebenfigur den großen Auftritt als Dame der Gesellschaft, die plötzlich gar nicht mehr ironisch ist – sondern fast schon eine Prinzessin.

Der Weg ins Freie?

gebrochene Figuren, keine Orientierung mehr, ein Ausprobieren an Lebenswürfen, Überdruss … Aber doch ein Weg in die Freiheit

Wo der Weg ins Freie aus dem Titel liegt, ist mir noch nicht ganz klar. Ich vermute aber, er liegt darin: Die Figuren in „Der Weg ins Freie“ sind alle gebrochen oder versehrt in dem Sinne, dass sie keine Orientierung haben. Sie müssen ohne Vorbilder und überlieferte Entwürfe an Verhalten auskommen, weil sich ihre Lebenswelt massiv wandelt. Sie sind gelegentlich berührend hilflos, zugleich unglaublich herzlos, weil sie mit Posen, Überzeugungen und Beziehungen spielen, regelrecht überdrüssig wirken.

So ganz ohne Handlung mag das kryptisch klingen, aber viel an Handlung weiß der Roman eben nicht zu bieten als Sittengemälde und psychologische Beobachtung. Sie ist schlicht: Junge trifft viele Mädchen. Junge schwängert ein Mädchen. Junge weiß nicht so recht, was er will.

Positiv gesprochen ließe sich aber sagen, dass zumindest die jungen Charaktere des Buchs Lebensentwürfe ausprobieren. Manche erfolgreich wie Georgs Bruder Felician, der deshalb wohl aus dem Buch verschwinden muss, manche mit schlechter Hoffnung für die Zukunft wie Bermann oder der Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben wie Leo. Auch Georg und Anna, die beide den Roman hindurch gehofft, gelitten, gezweifelt und nicht verstanden haben, sie probieren aus und spielen, sie hoffen und werden von sich und anderen enttäuscht. Damit eröffnen sie sich aber einen Weg in die Freiheit, in Selbstbestimmung, weil sie wissen, was sie nicht wollen und sich auf die Suche machen können nach dem, was sie wollen.

„Der Weg ins Freie“ ist zugegebenermaßen in seiner Analyse der einzelnen Figuren schwächer, weil es so viele Figuren gibt, aber dafür ein astreines Sittengemälde, das sich gerade wegen der zahllosen Aspekte des Buches lohnt, mehrfach zu lesen. Und umfänglich darüber nachzudenken. Denn die Besprechung des Romans kann nicht mehr liefern, als einige Fragmente aus ihm herauszulösen, wie ich es schlaglichtartig versucht habe. Und hoffe, euch ein wenig Lust auf meinen viel geliebten Arthur Schnitzler gemacht zu haben.

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