Das Buch-Date zu den modernen Klassikern endet hier und heute, denn es ist Besprechungs-Tag. Wenn Ihr wissen wollt, welches Buch ich gelesen habe, das Tausend mir empfahl, müsst ihr bloß weiterlesen!

Etwas zu effektheischend? Ich bitte um Verzeihung. Ich wollte es einmal wieder anders probieren. Außerdem freue ich mich so sehr, dass endlich der Tag der Rezensionen ist. Sich für ein Buch zu entscheiden war recht einfach, denn ich wollte sowohl „Nachts um eins am Telefon“ von Michael Köhlmeier ganz dringend lesen als auch die „Phantastischen Erzählungen“ von Jose Luis Borges. Die dritte Empfehlung, „Der Weg nach Surabaya“ von Christoph Ransmayr fiel ein wenig ab gegen die beiden anderen Empfehlungen, wird aber auch nicht vergessen. Nur, oh weh, konnte ich den Band mit den Erzählungen von Borges nicht genau identifizieren. Deshalb, liebe Tausend, gib mir doch bitte die ISBN. Darum konnte ich vorher nicht bitten, denn dann hätte ich ja etwas verraten. So las ich eben den Köhlmeier und wurde nicht enttäuscht.

Inhalt lt. Verlagsseite

Das Telefon ist der beste Freund des Einsamen, und Telefongespräche nach Mitternacht sind Unterhaltungen mit Geistern. Der Erzähler telefoniert mit Freunden, wie dem übergewichtigen Caligula oder der schönen Jetti, seiner alten Liebe, aber auch mit Wildfremden, die er in der Republik der Schlaflosen antrifft. Aus gut zwei Dutzend Telefongesprächen setzt sich dieses Buch zusammen, aus hingebungsvoll gepflegter Paranoia, aus Großstadtneurosen, aus Erinnerungssucht und anderen Süchten.
Michael Köhlmeiers herausragende Qualität als Erzähler beruht auch darauf, dass er es versteht, sehr genau hinzuschauen, mit dem Blick von jemandem, der die Menschen liebt, weil er gar nicht anders kann, in ebenso zarter wie brutaler Genauigkeit.

Modern

Wenn wir über moderne Klassiker reden, müssen wir uns fragen, was das Buch modern macht, was es klassisch macht und was es zu einem modernen Klassiker macht. Intellektueller Dreisprung, wenn man so will. Dem Buch wäre es aber nicht angemessen, viele Worte zu verlieren, denn in 23 kurzen … Miniaturen? … auf 108 Seiten lässt sich so viel gar nicht sagen, außer dass Köhlmeiers Protagonist telefoniert.

Er führt Gespräche, mal mit Freunden, mal mit Fremden, er spricht über das Laub auf der Universitätsstraße der Alma Mater und führt scheinbar belanglose Listen, erinnert sich an seine Kindheit und erzählt Geschichten. Modern ist daran nicht das Telefon, das ist ja beinahe schon veraltet. Aber der Modus, mit wildfremden Menschen in Kontakt zu treten, ihnen Geschichten zu erzählen, etwas von sich preis zu geben, das kennen wir Blogger*innen ja nur zu gut. Auch darüber hinaus – wer sich einmal nächtelang wegen Schlaflosigkeit durch die Chatrooms des Internet gequatscht hat, wird bestätigen können, dass es diese Mischung aus Anonymität und scheinbarer Intimität durchaus gibt. Die sich im Augenblick gut anfühlt, mit dem Ende des Gesprächs aber nicht weiter trägt.

Modern ist an Köhlmeiers Geschichten damit das Fragmentarische. Er bricht ab, wenn es spannend wird, wenn die Figuren Kontur gewinnen und zu kleinen Persönlichkeiten zu werden drohen. Jetti, die Nachbarin, Caligula, alle handelnden Personen bleiben schemenhaft, kaum greifbar, wie Geister. Auch der Erzähler selbst wird nicht fassbar. Köhlmeiers Erzählungen sind wie Glasperlen: Fein geschliffen, ohne Zweifel kunstvoll, aber allein nicht aussagekräftig. Kippt man viele von ihnen zusammen, gibt es einen prächtigen Anblick, in den man sich stundenlang versenken kann, den man durchmischt, der aber nie ein Bild ergibt, in sich konsistent eine große Erzählung bildet.

 

 

Klassisch

Das Thema Köhlmeiers ist ein klassisches. Es geht um Einsamkeit. Wenn es ein Kennzeichen der Moderne ist, wie Köhlmeier nahelegt, dass wir selbst fragmentieren, nicht mehr als Geister sind, die durch anderer Leute Leben geistern, wird die Einsamkeit unerträglich. Köhlmeier telefoniert, die Einsamkeit verfliegt für einen Augenblick durch Infantilitäten wie dem Erzählen von Gute-Nacht-Geschichten. Er unterbricht und es steht zu befürchten, dass die Einsamkeit zurückkehrt. Sie ist ein Existenzmodus.

 

 

Das moderne Klassische

Damit wäre auch schon der Punkt erreicht, wo Köhlmeier die Synthese aus beiden Punkten schafft. Hätte Köhlmeier einen Roman geschrieben oder ein Drama, hätte der Erzähler am Ende an seiner Einsamkeit zerbrechen können oder doch noch sein Glück finden. Die Geschichten Köhlmeiers legen aber nahe, dass es immer so weiter geht: Ein isolierter Erzähler, der keinen Plan für sein Leben hat, der nicht weiß, was sein Leben ist. Seine lose eingestreuten Kindheitserinnerungen – oder Fiktionen der Kindheit – changieren zwischen leisem Stolz und zur Schau gestellter Verachtung. Aber Köhlmeier zeigt kein Bedürfnis, einen freudschen Konflikt daraus zu machen. Er tippt nur eine weitere Variante eines klassischen Themas an und jagt es modern durch den Schredder der Fragmente. Das ist zuweilen beängstigend mitzuerleben.

Was hilft dagegen? Der Erzähler erzählt Geschichten. Die aber nur für den Moment reichen und die Leere nicht füllen, die Verzweiflung nicht dauerhaft lindern. Es gelingt dem Erzähler nicht, trotz aller Fragmentierung eine konsistente Geschichte seines Lebens zu erzählen. Lieber rekonstruiert er das Leben von Keith Richards oder flüchtet sich in physikalische Spekulation. Er opfert das Klassische auf dem Altar der Moderne. Er erzählt nur Geschichten und raubt ihnen jeden Sinn. Sie stehen nur für den Moment.

 

Fazit

Sprachlich sind die Geschichten ein Hochgenuss. Kein Wort zu viel an diesen kurzen Texten, ein eisiger Wind der Einsamkeit weht zwischen den Zeilen. Gleichzeitig ist er voll leiser, warmer Melancholie, denn der Erzähler kann keine konsistente Geschichte erzählen, dennoch erzählt er Geschichten. Und mit jeder Geschichte ist man gespannt, was er nun erzählen will.

Köhlmeiers Protagonist irrt, wenn er mit seinen Erzählungen glaubt, nur situativ Ordnung ins Chaos zu bringen, denn es gibt Literatur. Er ist selbst Teil der Literatur. Ihr gelingt es, für eine ganze Weile doch wieder Ordnung ins Chaos zu bringen, auch wenn sie krampfhaft versucht, Unordnung zu stiften. Dass ihr das gelingt, ist ein hohes Verdienst dieses Buchs. Und spannend zu beobachten, wie sich Köhlmeier (Erzähler) und Köhlmeier S(Schriftsteller) duellieren, ohne es zu wissen. Denn welchen Sinn hätte es, Geschichten zu erzählen, wenn sie nicht doch Kontinuität erzeugen könnte und als Gegengift gegen die Einsamkeit wirkt? Auf den zweiten Blick ist Köhlmeiers Buch eine Aufforderung, gegen die Sinnlosigkeit anzuerzählen. Und hat damit mein Herz erobert.

Liebe Tausend, meine Geschichte zu diesem Buch endet hier. Vielen Dank dafür. Ich habe jetzt ein Date mit meiner Einsamkeit.

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5 Kommentare zu „Mein Buch-Date mit der Moderne

  1. Ich habe insgeheim gehofft, dass Du dieses Buch wählst. 🙂 Du hast besser darüber geschrieben als ich es je könnte.
    Von den „Phantastischen Erzählungen“ habe ich eine Ausgabe von 1958 aus dem Nord Verlag, ISBN 3-7165-0337, die offenbar nicht mehr verfügbar ist. Tut mir leid, das hatte ich nicht geprüft. Eine neue Auflage ist 1993 bei Fischer unter dem Titel „Fiktionen“ erschienen, ISBN: 3-596-10581-1.
    Wenn Du es im Original lesen willst: Ficciones, ISBN: 978-0-307-95092-5.

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    1. Fürs Original reicht mein Feld-Wald-und-Wiesen-Spanisch leider nicht. Aber ich werde mal sehen, was die diversen antiquarischen Netzwerke so hergeben. Vielen Dank für deine Empfehlung. Es hat wirklich Freude bereitet. 🙂

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