Wer das Vergnügen hat, bei Familie Zeilenende des Nachmittags eingeladen zu werden, wird irritiert sein. Es gibt nämlich erstaunliche sprachliche Regelungen in diesem Haushalt betreffs der Heißgetränke.

Ich fürchte, die Irritation wird beim Frühstück noch größer sein. Wer als Übernachtungsgast im Haushalt der Familie Zeilenende logiert, wird bereits beim Frühstück irritiert aus der Wäsche schauen. Das könnte natürlich daran liegen, dass Übernachtungsgäste am nächsten Morgen üblicherweise Probleme mit Fellträgern im Kopf haben aber das führt zu weit.

Stellt euch bitte folgende Situation vor: Ihr sitzt am Tisch, wahlweise mit dem Frühstück oder einem Kuchen vor der Nase. Der Duft frisch gebrühten Filterkaffees aus der Maschine hängt in der Luft und euer Körper bebt voller Vorfreude auf diesen klassischen Kaffeegenuss. Herr Zeilenende Sr. hebt die Kanne und fragt dann: „Tee?“

Das sind die Momente, in denen eine Schockwelle durch das Universum geht, weil die Absurdität dieser Frage an den Gesetzen der Logik rüttelt. Und machen wir uns nichts vor: Das Universum funktioniert nicht wegen irgendwelcher Naturgesetze, die genau so mysteriös sind wie der liebe Gott, sondern auf Grund der Gesetze der Logik. Ihr befürchtet also für einen Moment, dass sich in eurer Tasse spontan ein schwarzes Loch öffnet und euch verschlingt. Das ließe immerhin die Option offen, dass ihr somit in ein Universum gelangt, wo es nicht nur nach Kaffee riecht, sondern ihr auch Kaffee angeboten bekommt.

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Kaffeemaschinen gibt es übrigens nur bei Familie Zeilenende. Die Zeilenendesche WG besitzt zwar eine Maschine zur portionsweisen Zubereitung von Kaffee, das Zeilenende selbst schwört aber zumindest morgens auf sein French Press System.

Habt ihr euch gesammelt und seid zu höflich, nach Kaffee zu fragen oder das Angebot abzulehnen, sagt ihr höflich „Ja gern.“ und ergänzt die Frage nach den Sorten im Angebot. Damit bringt ihr nun Herrn Zeilenende Sr. ins Schwimmen. Ihr seht, wie ihm die Schweißperlen auf die Stirn treten, während er überlegt, welche Teesorten wohl im Hause seien. Bis Mutter Zeilenende hilfreich aufspringt und die Teebox holt, die einmal im Jahr geöffnet wird. Im Winter. Wenn jemand wirklich krank ist. Dort sammeln sich die exklusiven Früchtetee-Spezialitäten seit der Wintersaison ’92/’93, auch wenn von der (Geschmacksrichtung Ananas-Kieselstein) nur noch drei Beutel übrig sind. Es findet sich auch irgendein undefinierbarer Schwarztee, von dem man auch nicht weiß, ob das einmal ein Früchtetee war oder nur aus dem letzten Earl-Grey-Anfall von Nesthäkchen stammt. Dabei ist er gar kein Trekkie. Zu guter Letzt, eure Miene ist schmerzlich verzerrt, wird euch auch ein Instant-Teegetränk angeboten in der Geschmacksrichtung „Penetrant sauer und trotzdem klebrig süß“.

Das Zeilenende persönlich tritt hinzu, ein wenig verspätet, grüßt, setzt sich hin, nimmt Herrn Zeilenende die Kanne aus der Hand und gießt sich … Kaffee ein. Euer fragender Blick trifft den des Zeilenendes, das hebt die Kanne und fragt: „Kaffee?“ Ihr nickt erleichtert. Nur dass das Zeilenende keinen Sinn für Kaffeepanscherei hat und euch weder Milch noch Zucker anbietet, stößt euch übel auf.

Es stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass Tee und Kaffee in der Welt des Herrn Zeilenende Sr. das Gleiche seien, konsequente Teetrinker gibt es in der Familie nämlich nicht. Böswillige Gerüchte besagen im Gegenteil, dass das Zeilenende selbst seinen Flüssigkeitsbedarf vollständig durch Kaffee und Cola abdeckt, nach der Devise: Die Farbe des Getränks muss zur Farbe der Seele passen.

Die Antwort ist, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es ein Witz aus Jugendjahren, der sich verselbstständigt hat. Herr Zeilenende Sr. ist ja gefühlt schon so alt, dass er kurz nach der Niederlage Widukinds gegen Karl den Großen geboren wurde. Und da hatten sie ja nix außer Not, Armut und Zwangstaufen. Vor allen Dingen keinen Kaffee. Und ja, auch keinen Tee aus der Teepflanze, aber vermutlich Kräutertee. Kräuter haben ja überall rumgestanden, damals im wilden Sachsen.

Und weil sich die Zeiten nicht ändern, in Sachsen nicht nur Kräuter wachsen, sondern auch wieder Wölfe heulen, so wie früher, hat sich offenbar auch die Tradition gehalten, dem Gast Tee anzubieten, auch wenn man Kaffee meint. Denn als der Kaffee endlich erfunden war … Oder verfügbar … konnte man von der Gewohnheit nicht lassen, zur Kaffeezeit Tee zumindest verbal anzubieten und sich an der Irritation der Nachgeborenen zu erfreuen.

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28 Kommentare zu „Auf ein Tässchen bei Familie Zeilenende

  1. Vielleicht liegt das Tee-„Verwechslungs“-Ding auch darin begründet, dass früher, als Sachsen noch in der DDR lag, es eher den Muckefuck gab, der vom Aussehen her gern mit Tee verwechselt werden konnte!? 🙂 Davon abgesehen… Auch vom Geschmack… Und überhaupt: Wusstest du nicht, dass ich Sachsen keine Kräuter, sondern die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen? 😀

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    1. Ich weiß nur, dass in Sachsen das berühmte „Glatzkraut“ wächst, das für Haarausfall und das Absterben von Gehirnzellen sorgt … Das mit den Mädchen wusste ich wahrscheinlich aber nur nicht, weil ich mich für schöne Mädchen so gar nicht interessiere. 😀
      Aber genug des Sachsen-Bashings. Ohne Sachsen bekanntermaßen ja keine Eierschecke und keinen Stollen. 🙂

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  2. Da ich in der Fremde auch gerne der Höflichkeit anheim falle würde ich sicher so etwas sagen wie, §gernen einen Tee, nach einer schönen Tasse Kaffee und wenn Sie etwas Milch und Zucker haben ist der Morgen perfekt.“ Zum Glück bin ich schon nach dem Aufstehen zu jeder Art Spaß bereit und niemals muffelig 😉

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  3. Habe jetzt extra nochmals die URL geprüft, ob sie schwarze-Brühe-aus-Bohnen-oder-Kräutern heißt. Da dem nicht so ist, wird ins Kaffeetaeschen dann also verbal Tee eingeschenkt und raus fließt trotzdem Kaffee. Das ist fast wie im Schlaraffenland 🙂

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  4. Ich würde einfach nur, plump und unhöfflich wie ich zuweilen sein kann, voller entsetzen fragen, ob es denn keinen Kaffee gäbe und das ich den ohne Milch und Zucker nicht runter bekäme, ohne nach dem verköstigen schwarzen Kaffees, lautstark schreiend, von bauchkrämpfen gequält auf dem Küchenboden herum zu liegen und das 3 Tage lang. So! 🙂 Morgens IMMER Kaffee!!!! Das Angebot von Tee am Morgen würde mir für mindestens ein Jahrzehnt die Laune verderben.

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  5. Eine bessere Beschreibung des Teesortiments meiner eigenen Erzeuger gibt es nicht. Die stellen die Frage aber gleich „kein Tee oder?“
    Ich finde so ein bisschen Verwirrung und Gaumengrauen hilft beim Wachwerden. 😉

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  6. hihihi….mir ist es völlig wurscht, ob ich Tee oder Kaffee bekomme, Hauptsache ist, es macht wach 😉

    Und ich bin eine NUR-Trinkerin, kein Essen am Morgen 🙂

    Ein Graus, wenn man mir einen „Stricher“ zum Frühstück anbietet. 😉

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  7. So disqualifizieren sich immer die neuen Freundinnen meiner Freunde. Ich mach Kaffee, die fragen nach Tee. Ich muss Teebeutel suchen und womöglich Kandiszucker und kann die dann schon mal nicht leiden. Das kann dann später besser werden. Außer sie mag keine Pizza. dann ist es verloren.

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