Wann immer ich Gründe habe, die Montagsfrage des Buchfresserchens nicht zu beantworten, gebe ich einen Einblick in mein Seelenleben. Ich bediene mich dafür des so genannten Proust-Fragebogens. Alle bisherigen Antworten findet ihr hier, heute geht es um das größte Unglück.

Und die Frage ist ja mal ein großer Hammer, denn man läuft Gefahr, sich anschließend auf dem Seziertisch der Hobby-Psychoanalyse wiederzufinden. Wer sagt, so etwas wie das größte Unglück gäbe es nicht, erfreut sich bei aller vorbildlichen Gelassenheit mit den Schicksalsschlägen des Lebens in meinen Augen durchaus einer gewissen Lebensmüdigkeit, weil er oder sie nicht mehr aktiver Bestandteil des Lebens ist. Wer alles nimmt, wie es kommt, nimmt sich selbst nichts mehr. Das ist die Kehrseite einer stoischen Grundhaltung.

Wer sich mit seiner Angst exponiert, gibt sich womöglich der Lächerlichkeit preis: Bis an sein Lebensende eingesperrt zu sein mit Spinnen ist ein großes Unglück, aber ob es das größte ist, wage sogar ich zu bezweifeln. Vor allen Dingen weil ich meine Arachnophobie mittlerweile leidlich unter Kontrolle habe und die Biester nur eklig, aber nicht erschreckend finde.

Die Klassiker des größten Unglücks, wenn ich so darüber nachdenke und in Gedanken an die Schicksalsliteratur gehe, dann sind das wohl „chronische Schmerzen haben“, „geliebte Menschen verlieren“, „einsam sein“, „den geliebtesten Menschen (also sich selbst) verlieren“.

Katastrophe_Symbolbild.jpg
Katastrophe (Symbolbild)

Was chronische Schmerzen angeht, bin ich Verfechter eines Rechts auf Schmerzfreiheit. Die Palliativmedizin hat in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen und offenbar auch den ein oder anderen Fortschritt gemacht. Mit den Schmerzen ließe sich die meiste Zeit umgehen, das ist also okay. Ebenso wie die geliebten Menschen. Natürlich sind die Trümmer von, sagen wir, 30 Jahren Beziehung eine Katastrophe, aber auch nur, weil solche Menschen vergessen haben, dass Liebeskummer als Teenager sich auch wie das Ende der Welt angefühlt hat. Er bietet immer die Möglichkeit, einen Neubeginn zu wagen. Auch wenn es hart ist. Vielleicht spricht da der (immer überzeugtere) naseweiße Single, aber sich und sein gesamtes Glück von einem oder einer Handvoll Menschen abhängig zu machen, halte ich für fatal. Dementsprechend ist „einsam sein“ auch nur ein temporäres Unglück mit dem zumindest ich persönlich eine Weile ganz gut fahren könnte.

Der Tod ist logischerweise für mich das größte Unglück, weil ich dann nicht mehr bin. Ich könnte jetzt den notorischen Epikur zitieren:

Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.

Wer jetzt zustimmend nickt, der übersieht, dass die Frage nicht umsonst „für Sie“ also persönlich, gestellt ist. Mir wird in der Frage des Todes gelegentlich Narzissmus unterstellt. Ich möchte an dieser Stelle erwidern, dass ich nur ein wenig von mir überzeugt bin und die Sache zu Ende gedacht habe. Ich habe festgestellt, dass ich die Welt immer als ich wahrnehme und damit aus logischen Gründen Mittelpunkt des Universums sein muss. Zumindest meines persönlichen Universums. Dummerweise wird das Universum weiter bestehen, meines aber nicht mehr, weil ich irgendwann nicht mehr da bin. Ich empfinde das als kränkend. Und so wie mir Kritiker nachsagen, ich sei ein Narzisst, möchte ich meinen Kritikern hier nachsagen, dass sie jede Selbstachtung (sowie eine gehörige Portion Neugier) vermissen lassen, wenn sie der Gedanke an eine Welt ohne sie nicht zumindest leicht erschaudern lässt.

Die Gedanken über den Tod lassen sich übrigens 1:1 auf dementielle Veränderungen übertragen, meine persönliche Horrorphantasie (und ich weiß, was ich da sage, ich habe mit solchen Menschen gearbeitet, deshalb das „persönliche“ bitte ernst nehmen. Demenz bleibt Auflösung meines aktuellen Ichs auf Raten). Aber Epikur hilft an diesem Punkt aus einem anderen Grund: Der Tod wie der Verlust des Ich sind kein Unglück, das mir widerfahren kann. Es ist zwar grausam, aber „dann ist rum“. Zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit.

Nach etwas über 600 Wörtern zwar allerlei Katastrophen, aber kein Unglück in Sicht. Vielleicht übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, denn ich bin Pessimist genug zu sagen „Was auch immer es ist, es wird mich treffen“, Realist genug, um zu sagen „Ich werde schon damit umgehen“ und Optimist genug, um zu sagen „Wo immer eine Tür sich schließt, schlägt man einfach ein Loch in die Wand“. Vielleicht ist es dies:

Ich bin ein sehr visueller Mensch, mein Augenlicht zu verlieren hieße, nie wieder lesen zu können. Ich müsste mir vorlesen lassen. Mein Gehör zu verlieren hieße, nie wieder zuhören zu können, ich müsste zukünftig alles lesen. Dass mir beides in den Kopf schoss, lässt mich vermuten, dass der Verlust von Sprache für einen ausgewiesenen Schweiger und Schreiber, einen gelegentlichen Laberkopf und einen textverliebten Menschen wie mich wohl das größte Unglück auf Erden wäre. Erst wer keine Sprache mehr hat, ist einsam. Weil ihn dann selbst die Gedanken verlassen, obwohl das Ich noch da ist.

Wie ist es mit euch? Habt ihr über das größte Unglück schon einmal nachgedacht oder lasst ihr das Thema lieber auf sich beruhen, weil es so gut läuft? Und seid ihr Narzisst oder lasst ihr jede Selbstachtung vermissen?

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27 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Was wäre für Sie das größte Unglück?

  1. Ich habe mir die Antwort auf die Frage nach dem größten Unglück für meinen allerletzten Atemzug auf. Man kann ja nie wissen, ob nicht noch ein größeres Unglück daherkommt *zwinker*
    Narzissmus? Ich denke, in jedem steckt ein Stückchen Narzisst. Könnten wir sonst überleben? Die Frage ist meiner Meinung nach nur, wie groß wir dieses Stückchen werden lassen und ob es uns gelingt, auch Anderen ihr Stückchen Narzissmus zu gönnen.
    Dass jeder der Mittelpunkt seines eigenen Universums ist, scheint mir logisch. Wir wissen nur mit der von uns angenommenen Sicherheit, was wir denken, fühlen, wahrnehmen. Wir können niemals die Welt der Anderen wirklich kennen – auch was wir meinen, davon zu kennen, ist durch unsere eigenen Filter gegangen.

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    1. Japp. Dennoch gilt Narzissmus, sobald man dazu steht, als katastrophal. Grundsätzlich hast du aber recht, man sollte bis zum letzten Atemzug mit dem Urteil warten. Wenn nicht der letzte Atemzug per se die größte Katastrophe wäre. ☺

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      1. Du hast recht. Im allgemeinen Sprachgebrauch zählt Narzissmus als was ganz Schlechtes. Aber die Psychologie unterscheidet einmal die pathologische Form, also die Krankheit – entweder man ist es oder eben nicht – und einmal geht sie von einer allgemeinen Persönlichkeitseigenschaft aus, die mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Nun, wen überrascht es: Es gibt sogar einen Fragebogen, mit dem man den Narzissmus-Grad messen kann. In diesem Sinne glaube ich wirklich, dass jeder mehr oder weniger narzisstisch ist.

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  2. Mein größtes Unglück wäre, Krebs zu haben (Platzhalter für jede Krankheit).
    Die meisten Menschen, die Krebs überstanden haben, sagen, dass sie die schwere Zeit der Chemotherapie nicht ohne ihre Familie überstanden hätten. Und da ich keine Familie habe, frage ich mich immer, wer sich um mich kümmern würde, wenn ich es nicht selbst könnte.
    Damit wären wir dann auch gleich beim Narzissmus: Wer sich nicht selbst liebt, würde wohl nicht mal Zähneputzen, oder 😀 Natürlich ist man selbst der wichtigste Mensch „seiner“ Welt, weil nur man selbst immer für sich da ist.
    Vor dem Tod habe ich übrigens gar keine Angst. Wenn ich tot bin, kann ich mich ja nicht mehr drüber aufregen, dass ich tot bin…

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    1. Letzteres finde ich ja so schlimm. Ich rege mich nämlich gern auf.
      Das mit den schweren Krankheiten kann ich nachvollziehen. Ich glaube aber fest daran, dass es Freundschaften gibt, die belastbarer sind als jede Familienbande. Da besteht also Hoffnung.

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  3. Die Frage läuft meines Erachtens irgendwo in eine gähnende Leere, weil wir uns da letztlich in Dimensionen bewegen, die nicht mehr messbar sind. Ist ein wirklich großes Unglück erst mal ein Faktum, wird jeder Komparativ und Superlativ zum Fliegendreck.
    Hingegen macht die Frage insofern Sinn, weil sie uns zum Nachdenken darüber anregt, was uns wirklich wichtig ist. Und das kann im Idealfall sogar einen positiven Einfluss auf unser Verhalten / Erleben haben.

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      1. Eben. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass manchmal von unermesslichem Leid die Rede ist.
        Der Superlativ ist zumindest anregend für die sprachliche Vorstellungskraft – wenn etwa aus einer Hiobsbotschaft eine Hiobstbotschaft werden könnte. 😉

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  4. Der Verlust von Sprache wäre vermutlich für mich, wäre ich nur ich allein, ebenso das größte Unglück. Da bin ich narzisstische Labertante wie du 😉
    Als Mama von drei Kindern kann ich nicht einmal an das schlimmste Unglück denken, ohne Tränen in den Augen zu haben: das eigene Kind zu verlieren.
    So, genug gelabert für heute. Vi ses!

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  5. Eine sehr schwierige Frage. Mir kam gleich zu Beginn deines Beitrags in den Sinn: Woher weiß ich, dass das, was ich gerade durchmache, das größte Unglück ist und nicht vielleicht nur das zweitgrößte? Unglück ist meiner Meinung nach ein momentanes Empfinden: Ich kann mir vorstellen, dass der Verlust eines geliebten Menschen durchaus als unglücklicher empfunden werden kann, wenn du Gesamtumstände entsprechend negativ sind.
    Letzten Endes zählt das, was wir im Hier und Jetzt empfinden. Wenn wir gerade unglücklich sind, ist das schlimm, traurig, bemitleidenswert… Egal, was da noch schlimmes kommen mag, Am schlimmsten ist doch, dass wir jetzt gerade nicht glücklich sein können.

    Und was den Tod betrifft: Der Tod ist meiner Meinung nach kein schlimmes Ereignis für mich. Dann bin ich nicht mehr, was interessiert es mich also noch? Viel schlimmer ist das Sterben. Davor habe ich wirklich Angst.

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    1. Ich denke, es gibt absolutes Unglück. Und ich denke, man kann davon wissen, ohne es erlebt zu haben. Weil es grundlegende Prinzipien verletzt.
      Ich finde es übrigens gar nicht schlimm, jetzt nicht glücklich zu sein. Denn für mich gehört zum glücklichen Leben eine ungewisse und spannende, lebendige Zukunft dazu. Auch deshalb ist der Tod ein Drama.

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