Ich bin kein vorurteilsfreier Mensch was die Küche im Allgemeinen und Backwerk im Besonderen betrifft. Frankreich ist gebackene Luft, das Schwabenland bietet nichts außer Seelen und Brezeln (ernsthaft: Süße Stückchen sind nicht unbedingt eine schwäbische Spezialität), im Rheinland wird ALLES frittiert und … Nunja … die USA. Im Backwahn steht das kurz für Unheimlich Schockierende Absurditäten. Dennoch bin ich ein Fan amerikanischer Backwaren. Meistens muss man bloß den Zucker reduzieren. Meistens …

In diesem Fall allerdings war es zu viel des Guten. Nach der Zutatenliste war Schluss. Ich musste mich erschöpft hinsetzen und versuchte, klare Gedanken zu fassen. Bei diesem Rezept würde ich durch die Reduktion des Zuckeranteils nichts erreichen. Ich streichelte über meinen Bauch, der sich plötzlich anfühlte, als sei ich im neunten Monat schwanger und hätte zusätzlich ein arges Problem mit dem Bindegewebe. Ich tippte mir mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und staunte, dass er den Durchmesser einer Rolle Toilettenpapier angenommen hatte. Im aufgewickelten Zustand. Ich fühlte mich nicht nur fett, sondern so fett wie seit Jahren nicht mehr. Und das, obwohl ich alljährlich zu Silvester große Mengen verschiedenen Fettgebäcks herstelle und weiß, wie man sich fett fühlt – und es eine halbe Stunde Shampoonierens bedarf, um das Fett wieder aus den Haaren zu bekommen.

Genug davon, ich möchte niemandem auf den Schlips treten, nur weil ich eine ausgeprägte Gewichtsneurose habe. Stattdessen lasse ich einfach die vollständige Zutatenliste für sich sprechen, statt sie Schritt für Schritt abzuhandeln. Für 12 Stücke absoluten Horrors benötigt ihr für den Teig:

  • 1/2 Päckchen Frischhefe
  • 300ml Milch
  • 100g Butter (zimmerwarm)
  • 150g Zucker
  • 1TL gemahlenen Kardamom
  • 550g Weizenmehl

Für die Füllung:

  • 80g Rosinen
  • 100g Butter
  • 100g Zucker
  • 1 TL gemahlenen Zimt

Der Profi erkennt es sofort, das Zeilenende war über das Rezept für Zimtschnecken gestolpert. Und weil es kaum bessere Dinge im Leben gibt als frisch gebackene Zimtschnecken, beschloss er, das Rezept zu backen. Mit den angegebenen Zuckermengen. Darauf kam es schließlich auch nicht mehr an.

In einem ersten Schritt arbeitete das Zeilenende das Rezept durch und fühlte sich noch fetter … Da es nun aber egal war, legte es die Rosinen nicht wie vorgeschlagen in warmes Wasser ein, sondern in Rum. Von nichts kommt schließlich nichts. Dann präparierte es einen Hefeteig:

Das Mehl mit dem Kardamom mischen, etwas von der Milch in die Mitte geben, die Hefe hineinbröckeln und gut verrühren. Mit Mehl bestäubt etwa 10 Minuten gehen lassen. In der Zwischenzeit die 100g Butter, weil sie nicht zimmerwarm war, vorsichtig im Topf schmelzen. Nach Ablauf der Gehzeit Zucker und Butter zum Vorteig geben und alles zu einem glatten, weichen Teig … Verrühren.

Letzteres überlas das Zeilenende, bearbeitete den Teig zunächst mit den Knethaken und wollte ihn dann mit den Händen weiterkneten. Ein Ansinnen, das er schnell wieder aufgab und darauf vertraute, dass die Zutaten wohl alle gut vermengt waren. Dieser Teig durfte nun eine geschlagene Stunde gehen.

In der Zwischenzeit präparierte das Zeilenende die Füllung: Es vermischte Zimt und Zucker miteinander und schmolz die Butter. Es runzelte die Stirn über die Anweisung, die Butter rechtzeitig zu verflüssigen … Und hielt sich natürlich nicht daran. So viel sei an dieser Stelle verraten: Es liegt nicht daran, dass der Teig bei zu warmer Butter übermäßig aufgeht. Es ist viel schlimmer. Viel viel schlimmer. Und bereits zu diesem Zeitpunkt war dem Zeilenende übel.

Der gegangene Teig wollte nach einer Stunde erneut geknetet werden und war erstaunlich elastisch, überhaupt nicht klebrig. Das Zeilenende rollte ihn auf einem Bogen Backpapier auf etwa 36x40cm aus, was fast der Größe eines vorgeschnittenen Bogens Backpapier entspricht. Weil der Teig nicht klebte, sparte er sich auch das Bemehlen des Bogens. Bei erhöhter Uhu-zität sei dies aber empfohlen.

Dann verteilte es die Butter auf der Teigplatte, die gesamten 100g geschmolzene Butter. Darauf verteilte er den Zimt-Zucker, anschließend die Rosinen und schauderte bei dem Gedanken, was er da kalorientechnisch soeben getan hatte. Nun hieß es warten und Speck ansetzen, während die Butter „etwas fest werden“ sollte. Ein Vorgang, der dem Zeilenende zu lang dauert. Es rollte nach einiger Wartezeit die Teigplatte von der kürzeren Seite her auf und schnitt die Rolle in ein Dutzend 3cm lange Stücke. Dabei dankte er Horst Lichter, dass die noch nicht ganz so feste Butter zu einem guten Teil auf natürlichem Wege seine Zimtschnecken wieder verließ. Im Vergleich zum gedachten fertigen Backwerk würden die seinen Zimtschnecken glatt als Diätgebäck durchgehen. Es fühlte sich leichter und erleichtert.

Die so bearbeiteten Zimtschnecken wanderten nun in eine Auflaufform, die das Zeilenende mit Backpapier ausgelegt hatte. Nun hatte es die Wahl: Entweder eine weitere Stunde an einem warmen Ort gehen lassen oder – Blick auf die Uhr – für etwa fünf bis sechs Stunden in den Kühlschrank stellen und frisch backen, wenn die Gäste für den Glühwein-Umtrunk kämen. Das Zeilenende entschied sich für die zweite Version. Frisch aus dem Kühlschrank buk es die Zimtschnecken dennoch wie gefordert bei 180° Ober-/Unterhitze für dreißig Minuten und staunte einmal mehr über die Launen seines Ofens. Während das Blätterteig-Gebäck aus dem vorherigen Backgang kaum Farbe bekommen hatte, durften sich seine Zimtschnecken über Mallorca-Bräune freuen.

Obwohl die Butter wie erwähnt zu einem gewissen Teil die Rollen verlassen hatte, aß das Zeilenende eine dieser Zimtschnecken und studierte anschließend sehr ausführlich das Fatburner-Kursangebot in seinem Fitness-Studio. Am nächsten Tag rollte es die Treppe herunter und verließ besagtes Etablissement erst nach 2,5 Stunden wieder, wenn auch frisch geduscht. Fett fühlte es sich trotzdem noch.

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46 Kommentare zu „Wie ich einst ein Rezept las und 10kg zunahm

      1. 1. Gelingt mir überraschend gut (hab das Rezept mal in ner Bio-Klausur runterbeten müssen) 2. Stimmt, muss aber der vollständigkeithalber erwähnt werden. 3. Ist alte backware die im neuen Gewandt zum Mittagessen wird, quasi doppelt gebacken ohne wie Zwieback zu werden. Schwäbische Genialität eben 😛

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  1. Genial zum Zunehmen ist auch der südafrikanische Malva-Pudding, der eigentlich eine Art platter (Sand-)Kuchen ist, der sich mit einer Soße aus Sahne, Butter, Zucker und einem Hauch von Wasser vollsaugt. Wer sich sowas ausdenkt…

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  2. Hmmmm, sehr lecker 😀 Aber ich bin im Moment noch auf Diät. Die Zimtschnecken müssen warten, auch wenn ich sie über alles liebe wie auch die Franzbrötchen, die Wiesengrundblog erwähnte. Da könnte ich mich immer reinsetzen und um mich herumfr … essen

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    1. … Ich bin immer auf Diät, wenn man so will. Das schöne ist: Es ist eine Süßkramdiät. *gg* Mit Franzbrötchen habe ich allerdings schon einige schlechte Erfahrungen gemacht. Meine liebste lokale – deutsche –
      Backwaren-Spezialität sind dann doch eher die Aachener Streuselbrötchen. *seufz*

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