Als passionierter Rollenspieler kennt man besondere Menschen, die einen durchs Leben begleiten. Man verbringt viel Zeit mit ihnen und lernt sie gut kennen. Erstaunlich genug, denn diese Menschen sind weder aus Fleisch und Blut noch zwangsläufig Menschen. Die Rede ist von unseren Rollenspielcharakteren. Und ein paar davon möchte ich euch im Laufe der Zeit vorstellen.

Es beginnt eigentlich immer ganz unschuldig. Je nach Typ des Rollenspiels würfelt man ein paar Zahlen aus, verteilt Punkte in Tabellen oder beginnt mit einem Biographiebogen. Die zahlenbasierte Charakterentwicklung hat ihren Sinn und Zweck, denn sie sorgt dafür, dass man einigermaßen „realistisch“ spielen kann, mit einem Regelwerk, das dem Zufall die Chance bietet, eine Geschichte voran zu treiben. Die Charaktere, die mir ans Herz gewachsen sind, hingegen, sind Chat- und Foren-Charaktere. Vollkommen mir unterworfen, was sie können und was nicht, wunderbar zu spielen, wenn man gemeinsam eine Geschichte erfindet und den Schwerpunkt auf Charakterentwicklung legt. Denn meine Rollenspielcharaktere haben sich stets entwickelt – sehr zu meiner Überraschung und zu Persönlichkeiten, mit denen ich geschimpft und gehadert, die ich geliebt und von denen ich geträumt habe … Und auch heute noch manchmal träume.

Die intimste Verbindung habe ich wohl zu Lavin. Mein Lavin, der mir die Welt der Chat-Rollenspiele überhaupt erst eröffnet hat. Von 2004 bis 2014 oder 15, fast ein Dutzend Jahre habe ich ihn durch alle Höhen und noch mehr Tiefen begleitet. Ich habe ihn regelrecht gequält … Doch beginnen wir von vorn:

Lavin ist ein Charakter aus dem Star-Trek-Universum: Ein nicht mehr ganz junger Bajoraner, aufgewachsen im bajoranischen Widerstand, den Vater vor der Geburt schon verloren, kommt an die Sternenflottenakademie und wird schließlich Mediziner. Er dient zuerst auf einem Schiff der Galaxy-, dann der Defiant-Klasse. Er wird vom Leitenden Medizinischen Offizier zum Ersten Offizier und übernimmt schließlich das Kommando über ein Schiff der Intrepid-Klasse. Nach einer schweren Verwundung und Rekonvaleszenz wechselt er in die Administration, steigt zum Leiter der Personal- und schließlich zum stellvertretenden Oberkommandierenden auf.

lavin
Ich habe sogar ein Bild von ihm gefunden, das Internet vergisst nicht.

So weit, so dem Spielmechanismus geschuldet seine Karriere, denn zu seinem Charakter passt es nicht. Ich habe ihn wie gesagt leiden lassen. Letztlich aus einem Zufall heraus. Der gute Doktor Gebo war dem Alkohol schon immer recht zugetan, aber insgesamt ein ziemlicher Idealist und eine Frohnatur. Eher zufällig ergab sich eine spielerische Gelegenheit. Zwei Charaktere, mit denen er gut befreundet war, starben nämlich an den Folgen einer Explosion unter seinen Händen auf der Krankenstation.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich die Vorstellung, der unbekümmerte Kerl würde ein beliebter Offizier werden, den nichts erschüttern kann. Aber er versank in Trauer. Obwohl er schon früh Tote gesehen hatte und Verluste kannte, kam er über diese Verluste nicht hinweg. Ich wollte ihm eigentlich nur eine kleine depressive Phase gönnen, aber ich begriff bald, dass er seine frühen Erinnerungen an den Tod in seiner Umgebung nur aushalten konnte, weil sie ihn persönlich nichts angingen. Weil sie unendlich weit weg waren und er ein neues Leben begonnen hatte, als er die Heimat verließ.

Der Schaden war aber angerichtet, der gute Lavin bekam ein gehöriges Alkoholproblem (das er übrigens bis zuletzt nicht lösen konnte) und ich war zwischenzeitlich mehr als sauer auf ihn. Er war unbeherrscht und weinerlich. So sehr, dass er mich mit seiner depressiven Grundstimmung manchmal angesteckt hat.

Ich begriff aber auch, weil er mir entglitt, dass ein Rollenspielcharakter eine eigene Person sein kann. Ich begann, mit ihm zu reden. In meinem Kopf natürlich, weil das blöd aussieht, wenn man sich mit einem Monitor unterhält. Stück für Stück begann ich, ihn zu verstehen und konnte mit ihm arbeiten. Ich ließ ihn auf ein neues Hobby stoßen. Boxen brachte ihn dazu, mit seinen Agressionen umgehen zu lernen, sie nicht gegen sich oder andere zu richten, sondern sie zu beherrschen, die Kontrolle zu behalten. Das gelang ihm … Stück für Stück. Mit vielen Rückschlägen und einer mehr als unglücklichen Liebesgeschichte.

Zugegeben, das war meine Schuld. Denn so sehr ein Rollenspielcharakter eine eigene Person ist, sie ist immer vom Spieler abhängig. Und ich entdeckte, dass wir über Lavins Liebesleben nie geredet hatten. Das hat bei ihm ein paar schmerzhafte Prozesse ausgelöst, die ihn in ein weiteres Loch fallen ließen und ich staunte zum damaligen Zeitpunkt darüber, wie viel Macht ich doch über ihn hatte. Denn zuvor hatte er mir ja nicht gehorcht.

Ich hatte also einen depressiven suchtgefährdeten Bajoraner vor mir, der am Liebeskummer beinahe erstickte. Stück für Stück überlegte ich nun, an welchen Situationen er wohl wachsen könne. Wie sein Verantwortungsgefühl anderen (nicht sich selbst) gegenüber dabei helfen könnte, ihn wieder aufzubauen und entwickelte Situationen, in die ich ihn hineinstieß. Für ihn unangenehme Situationen.

In seiner Zeit als Kommandant hatte ich zum Beispiel einen diebischen Spaß daran, dass er eine Betazoidin an Bord hatte, durch meine Intervention. Und Lavin, paranoid wie er ist, hat meistens durch die verschlossene Tür mit ihr gesprochen, weil ihm die telepathischen Fähigkeiten unheimlich waren.

Lavin ist in diesen vielen Jahren so etwas wie ein guter Freund geworden. Ich habe mit ihm über Selbstachtung diskutiert und Selbstzerstörung, über die Freuden und den Schrecken des Rauschs, über Liebe. Ich habe das natürlich auch mit realen Menschen getan, aber die Auseinandersetzung mit ihm war doppelt spannend, denn er war ich – und er war auch nicht ich. Ich habe Dinge über die Menschen gelernt, über mich selbst … Und auch über das Schreiben: Dass ein Text einen eigenen Willen haben kann, dem sich der Autor beugen muss, wenn er will, dass der Text gut wird. Denn natürlich habe ich hin und wieder versucht, Lavin umzubiegen. Was sich immer furchtbar las und völlig falsch wirkte.

Mittlerweile ist Lavin, auch wenn er kein aktiver Charakter mehr ist, vielleicht zufrieden. Mit Beharrlichkeit habe ich aus ihm einen ganz normalen, unheimlich mürrischen Mann gemacht, der Andere nicht an sich ran lässt … Und es dennoch geschafft hat, die Liebe zu finden. Auch wenn er dafür ein Bein und ein Auge hergeben musste. Daran war übrigens nicht ich schuld, sondern der Spieler des Charakters, der nach Lavin das Kommando über „sein Schiff“ übernommen hat. Mieser Verräter, der. 😉

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20 Kommentare zu „Imaginäre Freunde #1 – Lavin

      1. Ich habe drei angefangen – die alte mit Kirk (und den Klapphandys – witzig), die allerneueste Enterprise, die zugleich die erste ist (um den Beginn „aufzuarbeiten“)

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      2. Zu früh gesendet …
        Kleben bleiben werde ich wohl aber auf der Reihe mit Picard. Die haben gerade witzige Ultrakapitalisten getroffen.
        Es lässt sich wunderbar beim Schauen Stricken 😉

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  1. OMG! Und ich dachte wir Chat-Rollenspieler seien alle längst ausgestorben 🙂 Meine Freundin, die Patin, hat (oder tut es sogar noch) lange in einem Star Trek Universum via Chat gespielt. Da frag ich mich ja glatt ob’s dasselbe ist 😀 Muss ich sie mal fragen, ob sie sich an einen Lavin erinnert.

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      1. ja, dito. Da ich Spielleiter in meinem eigenen Channel war, hab ich es quasi in der Schwangerschaft an den Nagel gehängt. Mit Kind ist da einfach keine Zeit zu und wenn die Zeit da ist, ist man zu müde. ABER ich vermisse meine Charaktere ^^! Immerhin führe ich noch heute manchmal Co-Gespräche. Ist nur nervig wenn meine Übermutter Ruana mir über die Schulter späht und meint, ich würd’s Kind ja mal völlig falsch wickeln :p

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      2. Ich glaube ja fest dran, dass für Rollenspiele nichts unproduktiver ist als glückliche Charaktere, deshalb hatten sie unter dem Strich immer einen Schlag weg, dank dem ich doch nicht tauschen wollte. Vielleicht erzähle ich irgendwann einmal von Mihi. Der war so ein Fall.

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