Schweden ist das Sehnsuchtsland vieler Deutscher. Sie träumen wahlweise davon, mit dem Wohnmobil durch die Wälder Schwedens zu fahren, in einer Blockhütte an einem See mitten in einem schwedischen Wald zu entspannen oder gleich ihren Lebensmittelpunkt nach Schweden zu verlegen – natürlich mit viel Wald um sie herum. Auch ich verspüre hin und wieder eine gewisse Sehnsucht nach Schweden. Gestern war es wieder so weit, also beschloss ich, Kurzurlaub zu machen.

Schweden, das Land der Wälder und der Kinder – verdammte Astrid Lindgren. Kaum ist man in Schweden angekommen, wird man von einer Horde rotznasiger, lauter, anarchistischer Pippis, Annikas, Tommys, Michels und Idas umringt. Während man auf tropischen Inseln Blumenkränze um den Hals gelegt bekommt, gibt es hier höchstens Gelegenheit, sich die Masern zu holen, weil ein Kind aus dieser Horde schon aus statistischen Gründen ein Krankheitsüberträger sein wird. Wie sie so toben, an ihren Eltern zerren und quengeln, wünscht man sich spontan südostasiatische Erziehungsmethoden und verflucht leise Jesper Juul, bis einem einfällt, dass der ja Däne ist und damit nichts für die Ungezogenheit schwedischer Kinder kann. Also doch allein die Sache von Astrid Lindgren.

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Ich muss allerdings zugeben, der letzte Trip nach Mexiko hat mich mehr geschafft. Tequila hat seinen Beitrag geleistet. Oder hätte ich doch kein Kaktus-Ragout essen sollen?

Wie wohl wird mir, als ich diesen Ort verlassen kann und mich die Einsamkeit der schwedischen Wälder umringt. Ich spüre, wie meine Seele zu baumeln beginnt zwischen Birken, Eschen, Kiefern und Nussbäumen zu entspannen. Ich meine zwar, hin und wieder auch einen Bambus zu erblicken, dennoch fühle ich mich eins mit den schwedischen Wäldern. In meiner Seele klingt leise eine pentatonische Melodie, aber das liegt bestimmt bloß am Bambus. Darüber sehe ich hinweg und erfreue mich an der malerischen Perfektion. Dieser schwedische Wald sieht aus wie sorgfältig arrangiert, mit zahlreichen Plätzen, um sich auszuruhen und er ist grüner als bei meinem letzten Besuch.

Die Entspannung reißt jäh ab, als ich gewahre nicht allein in diesem Paradies auf Erden zu sein. Es sind nicht die hilfreichen kleinen Trolle, Zwerge und Elfen, die alle Sören oder Svenja heißen. In den meisten Fällen halten sie sich unter besonderen Bäumen auf und wenn man ihnen nicht zu nahe kommt, tun sie einem nichts. Es sind vielmehr die Massen an deutschen Urlaubern, die lärmend und schreiend durch die Wälder ziehen, sich gegenseitig lautstark auf besonders schöne oder kuriose Bäume hinweisen oder auf den moosbewachsenen Lichtungen lümmeln, als seien sie zu Hause in ihrem Bett. So ungefähr stelle ich mir Polens Wälder in der Pilzsaison vor, wenn das ganze Land auf die Suche geht, aber doch nicht meinen friedlichen schwedischen Wald! Ich ergreife die Flucht, bin ohnehin hungrig.

Meine Wege führen mich bald zu einer Quelle. Eine alte Frau steht davor und bietet Trinkbecher an, mit denen ich unbegrenzt aus der Quelle schöpfen dürfe. Im Hintergrund werkelt ihr Mann an einem Lagerfeuer und bereitet Essen zu.

Nach einem freundlichen „Hej!“ kommen wir ins Gespräch. Sie heißt übrigens Svenja. Ihr Mann Sören. Ich bin skeptisch, was das Wasser angeht, aber sie versichert mir: „Die braune Farbe ist typisch für schwedisches Wasser. Auch dass es eine heiße Quelle ist, soll dich nicht verwundern. Es schmeckt dennoch köstlich neutral wie Quellwasser.“ Ich danke ihr und probiere. Sie hat recht: Es schmeckt so neutral wie Quellwasser, obwohl es heißes, braunes Wasser ist.

Kaum habe ich mich daran gelabt, drückt mir Sören einen Teller mit Fleischbällchen in die Hand und eine … belgische Waffel. Ich hebe erstaunt die Augen, er zuckt bloß mit den Achseln: „Der slawisch-österreichische Strudel und die böhmischen Germknödel sind gerade aus. Wir haben sonst nur noch typisch schwedisches Gebäck mit viel Marzipan, weil Marzipan unsere Nationalsüßigkeit ist, neben Zimtschnecken und Hot Dogs. Die sind zwar nicht süß, aber es ist süß, wenn Kinder sich damit das ganze Gesicht einschmieren.“ Ich deute stumm auf ein kleines rosafarbenes Gebäck, einem Berliner ähnlich. „Rosa gefärbter Marzipan, eine Torte für Prinzessinnen. Du wirkst mir nicht wie eine Prinzessin, Fremder.“

Hat er mich gerade geduzt? Achja, ich bin ja in Schweden. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass mein Ausflug bald ein Ende nehmen muss, die schwäbische Heimat wartet auf mich. Nebenbei bemerkt: Schwaben und Schweden klingen nicht nur gleich, sie sind auch ähnlich ländlich bewaldet. Kaum macht man einen Schritt aus Stuttgart heraus, steht man auch im Wald. Auch wenn manch ketzerische Seele behauptet, man sei in Stuttgart im Wald. Zivilisation und Wald schließen sich allerdings aus. Schweden ist der Beweis. Oder habt ihr schon einmal einen unzivilisierten Troll in einer Stadt gesehen? So einen echten – nicht auf ihrem Smartphone in einer Facebook-Timeline.

Bevor ich abreise, möchte ich noch ein Andenken an Schweden mitnehmen. Ich überlege. Schwedische Haushaltswaren sind ja für ihre Funktionalität und Ästhetik gleichermaßen bekannt, so verlaufen sich im Duty-Free-Shop kurz vor dem Zoll-Schlagbaum ein Teigschaber und diverse Aufbewahrungsboxen in meine Hand. Und natürlich auch eine Auswahl der berühmtesten schwedischen Mitbringsel überhaupt.

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Traditionelles schwedisches Handwerk zum Mitbringen (im Vordergrund).

Während ich also vor dem Schlagbaum warte und mich wundere, wieso die Freizügigkeit nicht für Schweden gilt, beobachte ich kleine Kinder, die Hot Dogs essen und sich die Gesichter völlig einschmieren. Dieser Sören hatte recht. Kinder mit verschmierten Gesichtern sind süß. Oder spüre ich bloß hämische Freude darüber, dass die Eltern ihre ganzen kleinen Lasses, Eriks, Agnetas und Christines, die sie am Eingang nach Schweden abgegeben haben, mitnehmen müssen, während ich mich nur durch diese Hölle kämpfen muss und dann gelassen auf meinen entspannenden Schwedentrip zurückblicken kann?

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36 Kommentare zu „Auf nach Schweden

      1. Beides nö! Aber wegen den Wald- und Wiesenmenschen und Annika’s und wie sie alle heissen 😃 aber das braune Wasser kannste dann für mich mittrinken, ich nehme von dem super-duper frischen 😜

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      1. Hängt vermutlich von äußeren Faktoren ab:
        – Gibt es eine gute Anbindung? Unsere sind alle an einer Autobahn. Auf die Art und Weise kommen nicht nur Innenstädter in den Genuss, sondern auch Leute von außerhalb, die so nicht komplett in die Stadt reinmüssen.
        Des Weiteren hat es natürlich auch Vorteile für die Schwedenländle selbst: Die Sachen werden wohl in großen LKWs angeliefert. Da hat keiner Bock, einen ganzen Track durch die Stadt zu leiten.
        – Ist die Miete halbwegs tragbar? Ich denke, im äußeren Stadtteil ist es billiger, vor allem bei der Größe der Räumlichkeiten.

        Andererseits fände ich persönlich es in den Innenstädten besser, bzw. nutze lieber Möbelhäuser in den Innenstädten, weil ich mit Öffis kaum in die Außenbezirke gelange. Und ja, ein 16kg-Bürostuhl lässt sich „lässig“ auf der Schulter mit der Tram transportieren (man braucht nur eine zweite Person, die die Sauerstoffflasche bereithält…).

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      2. Ich glaube, die Miete ist hier kein sonderlich großer Faktor, die ist überall viel zu hoch. Aber die Erreichbarkeit, ja die ist ein nachvollziehbarer Punkt. Naja, warten wir mal ab, in ein paar Jahren können wir vllt. einen unterirdischen IKEA mit Bahnanschluss bauen. 😀
        Was den Bürostuhl in der Tram angeht: Man kann auch Spülen und Schränke im Bus transportieren. 😉

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      3. Mein Rekord war ein 30-50kg schweres Doppelbett, bei dem wir die Bretter zusammengebunden, es uns über die Schulter geworfen haben und mit der U-Bahn transportiert haben*angeb* 😀
        Das war aber nicht vom Möbelhaus, sondern bei einem Umzug

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  1. Der beste IKEA Artikel seit langem. Deine Reise nach Schweden ist herrlich. So herrlich wie Ikea Besuche für mich immer sind. Frisch getrennt darf man nicht hingehen aber sonst ist es fast immer großes Kino. Und Mitmach-Theater – jeder darf blöd im Weg rum stehen und jeder darf sich einen Wagen mit Billy Regal Kartons in die Hacken fahren lassen. Besonders beliebt bei mir auch das Schichten ins geliehene Auto – darin bin ich Weltklasse und habe nur einmal etwas wegen es offenen Kofferraumdeckels verloren.

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    1. Danke sehr. 🙂 Es kommt, ergänzend, natürlich auch darauf an, Gesellschaft zu haben. Ganz allein ist IKEA doof, man braucht mindestens eine Person, die man auf die kuriosen Gestalten hinweisen kann, denen man so auf dem Weg begegnet.
      Und wichtig ist auch, sich den Spaß an einem Samstag zu gönnen. 🙂

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    1. Gut erkannt. Aber das wäre eine andere Geschichte, die sich durchaus erzählen ließe … Aber nicht heute. Das mit dem Hemd hingegen war unbeabsichtigt, ich wusste vorher nicht, dass die Wand da so ausschaut. Es ist jedenfalls schwedisches Design meiner beiden bevorzugten Herrenschneider mit dem schicken & zwischen den Namen. 😉

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