Jeden Montag stellt das Buch-Fresserchen seine Montagsfrage zu Lesegewohnheiten, (fast) jeden Dienstag bemühe ich mich um eine Antwort auf ihre Frage. Alle meine Antworten gibt es im Archiv. In dieser Woche heißt es: Gibt es ein Zitat aus einem Buch, dass dir in letzter Zeit (oder überhaupt) im Gedächtnis geblieben ist?

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Puh … Ich arbeite, wenn ich Besprechungen verfasse, kaum mit Zitaten aus den Büchern. Das liegt neben einer gewissen Faulheit daran, dass ich die meisten Passagen nicht zitierenswert halte. Es ist für mich nämlich schwierig, einen Text, zumal einen literarischen, auf einen kurzen Abschnitt zu reduzieren.

Fachwissenschaftliche Texte laufen auf eine Pointe hinaus, die man in einem Satz oder Absatz zusammenfassen kann, auf dass die dahinterstehende Theorie zukünftig vulgarisiert werde. Man denke an mein notorisches Beispiel:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (Kant, AA IV, 421)

Kennen die meisten von uns, gell? Weniger bekannt ist, dass damit viel Schindluder getrieben wird. Das fängt dabei an, was eine Maxime ist (Ein subjektiver Wollensgrundsatz, d. h. etwas, das ich mir von selbst setze. Konsequenz: Moral kann nicht von außen verordnet werden, auch wenn mancher Interpret so tut) und endet noch lange nicht beim allgemeinen Gesetz, wo zum Teil selbst in Schulbüchern hanebüchene Vorstellungen vertreten werden, Kant fordere hier einen Katalog moralischer Regeln. Da Maximen immer subjektive Grundsätze sind (Das kommt davon, wenn man den Anfang nicht versteht), kann es so einen Regelkatalog gar nicht geben. Und dass es sich um Grundsätze handelt, die bei Kant bewertet werden und nich um Handlungen, habe ich noch nicht einmal angerissen. Selbst das bereitet manchem Interpreten Probleme.

In der Formel des Kategorischen Imperativs steckt viel drin und bringt die Moralphilosophie tatsächlich auf den Punkt, aber damit wird so viel Schindluder getrieben, dass die Zitiererei eigentlich verboten gehört.

In Literatur haben wir – wie von mir bereits behauptet – solche pointierten Aussagen nur recht selten. Der andere bewundernswerte Aspekt von Literatur ist die Sprache, wo einzelne Sätze gern als kunstvolle Perlen funkeln – seien es wegen der Metrik oder der besonderen Wortwahl oder oder oder … Mein Problem dabei ist, dass auch solche Sätze eigentlich nur dann wirken, wenn sie in ihrem Kontext stehen. Der Mond leuchtet nur am Nachthimmel, am Taghimmel ist er recht blass. Zumal ich es fast schon für verwerflich halte, mit der verbalen Schere an Texten herumzuschnippeln. Ich schneide ja auch nicht das Gesicht der Mona Lisa aus dem gleichnamigen Bild heraus.

Das sind die beiden Gründe, weshalb mir nur wenige Dinge als zitierfähig im Gedächtnis bleiben und ich euch kein „aktuelles“ Zitat bieten kann, das mir im Kopf bleibt. So ein paar All-Time-Favorites habe ich natürlich schon, die in meinem Schädel herumgeistern. Meistens aus Fachliteratur, die ich ein paar Mal häufiger gelesen habe. Kostprobe gefälligst? Dann freut euch auf meine Lieblings-Kant-Stelle:

Wenn gleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner größten Bestrebung dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich nicht etwa als ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, so weit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde er wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas, das seinen vollen Wert in sich selbst hat. (Kant, AA IV, 394)

Lustigerweise übrigens nicht, weil der Satz für die Theorie von großer Bedeutung ist (sondern nur veranschaulichenden Charakter hat), aber ich mag zum einen die Vorstellung des funkelnden Juwels in uns (diamonds are a Zeilenende’s best friend 😉 ) und die „stiefmütterliche Natur“ – auch wenn Kant das an dieser Stelle anders meinte, stelle ich mir immer ein riesiges Stiefmütterchen (die Blume!) vor, die ein Schäufelchen in Händen hält und Menschen in Blumentöpfe packt, damit sie groß und stark oder vermögenlos werden, je nach Erfolg der Gärtnerarbeit.

Ich könnte euch jetzt noch mit ein paar weiteren Zitaten langweilen, aber ich habe schon zwei Mal Kant gebracht, das ist anstrengend genug. Vielleicht ein literarisches Zitat noch? Okay, überzeugt.

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. (Bertolt Brecht, Das Leben des Galilei)

Wie ist es bei euch? Bleiben bei euch Zitate hängen und tragt ihr derzeit eines unter dem Herzen? Gibt es einen Alltime-Klassiker, der euch immer wieder begegnet? Oder ist euer Gedächtnis ähnlich schlecht wie meines, sodass Zitate nie hängen bleiben?

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25 Kommentare zu „Montagsfrage: Zitate im Kopf

  1. Mein Gedächtnis ist zu schlecht für schöne Textstellen, deshalb hatte ich früher eine Karteikartensammlung (pre Google times) 🙂
    Tiefgründige Zitate hast du ausgewählt, Danke! Und gelernt habe ich auch etwas aus deinem Beitrag: Ich dachte ja immer Maxime wäre die kleine Tochter des Imperators 😉

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      1. Ich bin Dir in beiderlei Hinsicht zu Dank verpflichted, da Du mein Wissen erweitert hast, nämlich um die Existenz des Kraters und um die Nichtmehrexistenz der katholischen Vorhölle. Obwohl ich nicht sicher bin, ob letzteres für mich als Ex-Katholikin nicht vielleicht doch keine gute Nachricht ist. Vermutlich muss ich dann direkt in die Hölle und in einer anderen Blog-Diskussion wurde mir schonmal auseinandergesetzt, dass die darin bestehe, dass nicht genug Alkohol für alle da sei. Vermutlich weil er im Höllenfeuer verdunstet.

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      1. So überhaupt. Ich kann einer guten Story, die schlecht geschrieben ist, mehr abgewinnen als einer gut geschriebenen, aber dünnen Story.
        Der Sprach-Ästhetizismus einer Herta Müller (so sehr ich sagen kann, dass das wirklich gute und schöne Texte sind) berührt mich beispielsweise gar nicht. Brecht hingegen, der sprachlich … Nun ja … handfest ist, liegt mir sehr viel mehr. So sehr ich gute, elegante Formulierungen mag, am Ende ist es die Botschaft. Und bei Zitaten spielt die ästhetische Dimension meiner Beobachtung nach immer eine herausragende Rolle.

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      2. Hm, da sind wir jetzt aber irgendwie bei einem anderen Thema.
        Ja, am liebsten guter Stil und gute Story. Dünne Story lieber nicht.
        Als Zitate suche ich mir Sätze/Absätze raus, die für mich gerade eine Bedeutung haben. Das kann sich durchaus über die Zeit ändern. Schöner Stil wäre dabei toll, ist aber nicht Bedingung – der Inhalt muss passen.

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  2. Gehen auch Filme? 😉 Bei Filmen bleiben Zitate besser hängen…
    Ich hätte da Ivy Walker von „The Village“ mit ‚Sometimes we don’t do things we want to do so that others won’t know we want to do them.‘ im Kopf… 🙂

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  3. Generell bin ich eher skeptisch gegenüber isolierten Zitaten. Einen gewissen, leicht peinlichkeitsumwehten, Unterhaltungswert haben sie manchmal, wenn jemand eine Rede mit irgendwelchen herbeigekramten Zitaten „würzt“. Oft von Sachkenntnis über den tatsächlichen Zusammenhang völlig unbelastet.
    Weniger lustig ist dagegen die von dir angesprochene Schindluderei. Vor allem, wenn dies in absichtlich irreführender Absicht geschieht. Berühmte Denker und Dichter als unfreiwillige Lügengehilfen, sozusagen.

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      1. Peinlich wird es ja auch, wenn das stilistisch überhaupt nicht passt. Wenn sich – bildlich gesprochen – der Rauhaardackel mit Pfauenfedern schmückt.
        Was ich allerdings gerne mache, ist, mit bekannten Sätzen ein wenig zu spielen. Beispielsweise jemanden, der nachts in Urlaub fährt um flotter voranzukommen, mit den Worten „Möge die NACHT mit dir sein“ zu verabschieden. 😉

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  4. Hey Zeilenende,

    seit ich lese sammle ich immer wieder schöne Zitate. Aktuell verewige ich sie gerade nach und nach auf Nisnis Bücherliebe unter Textschnipsel.

    Die meisten Zitate sind wunderschön geschrieben, sie sind anmutig oder sie deuten auf einen literarisch kraftvollen Ausdruck hin. Aber das Zitat, was mich seit ein paar Tagen nicht mehr loslässt ist alles andere als schön. Es ist grauenhaft, ernüchternd und macht traurig und wütend zugleich. Es ist ein Zitat von Sam Pivnik, der als 13 jähriger nach Auschwitz kam. Der letzte Überlebende erscheint im März im Theiss Verlag.

    Wenn du magst, hier geht es zum Zitat:

    http://www.nisnis-buecherliebe.de/2017/02/montagsfrage-vom-20-februar-2017.html

    Liebe Grüße

    Nisnis

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