Tante Tex ruft in ihrem Story-Samstag dazu auf, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen.

„Also gut, das ist eine Zeitmaschine. Dann will ich Ihnen das einmal glauben.“ Der Protagonist wackelte belustigt mit dem Kopf. Der seltsame Mann in den zerfetzten Klamotten hatte ihm davon berichtet, dass er gerade Troja hatte brennen sehen. „Aber wieso kann man damit nur in die Vergangenheit reisen?“

Der seltsame Mann blickte den Protagonisten mitleidig an. „Mein Junge, weißt du denn nicht, dass die Zukunft offen ist? Die Vergangenheit steht fest. Sie lässt sich nicht mehr ändern und deshalb anschauen. Die Zukunft hingegen steht noch nicht fest. Sie ist im Fluss und lässt sich deshalb auch nicht anschauen.“

Der Protagonist zuckte mit den Schultern. „Was soll ich dann damit? Die Vergangenheit kenne ich auch schon aus dem Buch. Ich kann sie nachlesen. Dann weiß ich, wie es war. Die Zukunft interessiert mich. Wie wird sich die Menschheit wohl entwickeln?“

Der seltsame Mann wirkte belustigt. „Was wissen wir schon von der Vergangenheit aus Büchern? Brotgelehrte, die sich nur für Blutvergießen und Intrigen interessieren, die die Vergangenheit wahlweise für abscheulich oder für einen Sehnsuchtsort halten. Sie überformen das, was wirklich war mit dem, was sie sich wünschen, wie es gewesen sein sollte. Egal ob Verklärer oder Verdammer, sie alle projizieren nur ihr Bild der Gegenwart in die vergangenen Zeiten. Du, mein Junge, hast die einmalige Chance zu sehen, wie es wirklich war. Wie das alles wirklich war. Wie es zum hier und jetzt kam.“

storysamstag

Mit diesen Worten erhob sich der seltsame Mann und ließ den Protagonisten mit dem Kästchen allein. Eine Zeitmaschine sollte es also sein, steuerbar per Gedankenkontrolle, dem roten Knopf und einer Rückholautomatik. Der Protagonist lachte auf, nahm die Box in die Hand und dachte daran, dass er heute morgen sein Smartphone nicht gefunden hatte. Gestern Abend noch hatte er es benutzt. Unabsichtlich kam er an den roten Knopf.

Ein Flirren vor seinen Augen, ein starker Sog und plötzlich war er in seiner Wohnung. Draußen war es dunkel und es regnete. So wie gestern Abend. Er erschrak. Wie kam er hierher? Wieso war es dunkel? Und wer lag da auf seinem Sofa? Der Protagonist näherte sich vorsichtig dem Sofa und sah sich selbst, halb dämmernd, das Smartphone in Händen. Dann hörte er ein leises Schnarchen.

Ja, er war gestern auf dem Sofa eingeschlafen. Dann hörte er ein Plopp. Das Smartphone fiel auf den Boden … Und im Schlaf hatte er es unter das Sofa geschoben. Vielleicht … War es möglich, dass dieser Kasten wirklich eine Zeitmaschine war? Was hatte der seltsame Mann gesagt?

„Wie das alles wirklich war.“ Der Protagonist dachte nach. Der seltsame Mann hatte ihm erklärt, dass er mit der Vergangenheit zwar interagieren, sie aber nicht ändern könne. Er müsse deshalb vorsichtig sein. Nein, es ging nicht darum, dass er die Zeitlinie veränderte, die stand fest. Aber es könne durchaus passieren, dass er vor den Mauern Trojas von einem Pfeil getroffen würde. Eine sehr schmerzhafte und potentiell tödliche Sache. Deshalb hatte der seltsame Mann ihm auch die Zeitmaschine überlassen.

Gänsehaut überlief den Protagonisten. Er konzentrierte sich und begann seine Reise. Wunderliche Dinge sah er. All das, was er bislang nur aus Büchern kannte. Höhepunkte und Tiefpunkte der Geschichte zogen ihn gleichermaßen an: „I have a dream“ ebenso wie „Wollt ihr den totalen Krieg?“, bei der Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles hielt er sich noch im Hintergrund, bei seinen Reise immer tiefer in die Vergangenheit wurde er aber immer mutiger, mit Platon schließlich zerstritt er sich so gründlich, dass er keine Lust mehr auf die Antike hatte.

Immer weiter zurück trieb es ihn auf seinen Reisen, denn er wollte wissen, wie das alles wirklich war. Eisenzeit, Bronzezeit, Steinzeit … Menschen, die mehr noch wie Affen aussahen und den Kontinent als Nomaden durchwanderten … Als er zum ersten Mal aus der Ferne einen Brontosaurus sah, überlegte er kehrt zu machen, doch er fühlte sich noch immer unzufrieden. Das ALLES! Nachdem er sich von seinem Schock der Sichtung des Dinosauriers erholt hatte, machte sich fiebrige Erwartung in ihm breit. Er drückte den Knopf.

Wieder ein Flirren vor den Augen, ein starker Sog. Dann Nichts.

17 Kommentare zu „Wie das alles wirklich war

  1. Ich habe erst letztens einen Film gesehen, wo sie vom 19. Jhd zur „Gegenwart“ gereist sind. Allerdings war der Film aus den 1970ern, damit war die „Gegenwart“ für mich als Zuschauer auch schon wieder Vergangenheit. Sehr irre 😉

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  2. Coole Sache! 🙂
    Gut, früher einmal hätte ich gemeckert, dass es gar keinen Brontosaurus gegeben hat, Missgeschick und so, aber wie es scheint, gibt es das Genus ja wohl doch, wie genauere Untersuchungen belegen sollen/wollen.
    Da bräuchte man ein Mal so eine Zeitmaschine… ^^

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  3. Pingback: Tante TeX textet

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