Erzählen ist keine große Kunst. Damit es gut von der Hand geht, braucht es drei Dinge. Eine Idee, Übung und ein wenig Ruhe. Das könnte ich in einem Schreibratgeber formulieren.

Ja, erzählen und schreiben ist für mich einerlei. Wer schreiben lernen will, dem geht es nicht darum, die einzelnen Buchstaben auf der Tastatur zu finden und sie anschließend in die richtige Reihenfolge zu bringen. Wer den Anspruch hat, schreiben zu lernen, hat diesen Prozess in der Grundschule bereits hinter sich gebracht. Er hat vielleicht keine Tastatur dafür benutzt sondern einen Bleistift, aber der Vorgang, den Buchstaben zu finden und ihn dann aufs Papier zu zwingen ist vom Tippen nicht groß verschieden.

Geschichten erzählen

Was wünscht sich ein Mensch, der schreiben lernen will? Selten sind es Menschen, die wissenschaftlich schreiben wollen. Es geht nicht um Seminar- oder Examensarbeiten, Fachartikel und Dissertationen. Das Handwerkszeug dafür hat man im Proseminar gelernt. Wer danach noch den Anspruch hat, schreiben zu lernen, dem geht es um den Feinschliff, der möchte mit seiner Forschung eine Geschichte erzählen: Einleitung mit Vorstellung der Protagonisten (das kann Rotkäppchen ebenso sein wie Kants Kategorischer Imperativ oder eine bislang unbekannte Krötenart), ein Hauptteil in dem etwas passiert (der Wolf kehrt zurück in deutsche Innenstädte und tanzt junge Damen an frisst die Großmutter, der KI wird aus der Gesamttheorie heraus erläutert, weil ein Satz nie für sich allein steht oder es erfolgt eine Beschreibung der diversen Kröteneigenschaften in Abgrenzung zu bekannten Arten) und ein Schluss (der Wolf fällt in den Brunnen, der KI wird als Meisterwerk menschlichen Nachdenkens dargestellt, die Krötenart wird wegen ihrer besonderen Sekrete der Pharmaforschung als Objekt empfohlen) mit der Option auf Fortsetzung (Lassie und der Wolf: Was sagst du Lassie? Der Wolf ist in den Brunnen gefallen? / „Über den Stumpfsinn von Nützlichkeitskalkülen“ / „Schwarzbuch Pharmaforschung: Ausgestorbene Tierarten auf dem Gewissen der forschenden Pharma-Unternehmen“).

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So sieht das aus, wenn die Idee kommt. 😉

Schreiben lernen muss ein solcher Mensch nicht. Und keiner dieser Menschen fragt sich, wie man etwas schreibt – wenn doch, schlägt der Mensch eben im Duden nach. Was ihnen fehlt ist auch nicht das Material, sondern die Idee. Die Idee ist der Kern eines Textes, der Text erzählt die Idee. Das heißt nicht, dass man beim Erzählen die Geschichte in ihren Abläufen vor Augen haben muss. Mitnichten. Die Idee ist der Anspruch, den ich durchs Erzählen vermitteln möchte. Das kann eine moralische Einsicht sein, wenn ich erzähle geht es meistens darum, euch zu erheitern und nebenbei einen kleinen Denkanstoß mitzugeben. Oder ich möchte euch mit etwas Neuem bekannt machen (was wie im Fall des gestrigen Musikbeitrags auch mal schief gehen kann). Deshalb kann auch jeder Sachtext erzählt werden. Er erzählt womöglich anders, aber gute Sachtexte vermitteln Ideen und tun das, indem sie Geschichten erzählen. Die Idee des Krötentextes aus dem Beispiel oben ist es, einer bestimmten Zielgruppe die Kröte möglichst verständlich und präzise vorzustellen.

 

Übung ist besser als jede Stilregel

Ob ich Adverbien benutze oder nicht, Bandwurmsätze produziere oder nur in Hauptsätzen schreibe, Synonyme verwende oder immer das gleiche Wort sind Fragen, mit denen sich jeder beschäftigen sollte, der regelmäßig schreiben möchte. Aber das bringt erst dann etwas, wenn Vergleichswerte vorliegen.

Vergleichswerte ist nicht: Ich lege Thomas Mann neben Stephen King und vergleiche die Strukturen ihrer Texte, kopiere, was mir bei Mann gefällt und das bei Stephen King, für mein eigenes Schreiben. Maßstab Vergleiche sollte der eigene Text sein, denn wenn ihr eure Geschichten erzählt, dann solltet ihr es sein, die sie erzählen. Und das spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Niemand möchte etwas von einer Kopie erzählt bekommen.

Wer das Schreiben übt und sich den Spaß gönnt, das Geschriebene danach noch einmal zu lesen, wird irgendwann gewisse Dinge im eigenen Schreiben unterlassen. Nämlich (das ist übrigens eine Adverbie, Stephen King 😛 ) die Dinge, die als Leser stören. Aber nur so kann sich ein eigener Stil herausbilden. Wenn man dann unzufrieden ist, kann man immer noch um Feedback von anderen bitten oder in einen der Ratgeber zum Schreiben lernen schauen, die 10 goldenen Regeln zum Schreiben lesen und beschließen, dass sie Unfug sind. (Und als ich spontan an einen Mann-King-Vergleich dachte, wurde mir klar, dass Cathrin Rubins Besprechung von Kings Schreibratgeber zum Teil Mitschuld an diesem Beitrag trägt – danke dafür 🙂 )

 

 

Das ist der Grund, warum es hier nur drei Regeln gibt. Die habt ihr schneller erfasst, sie stehen nämlich schon zu Anfang des Beitrags. Was danach folgt ist mein eigenes Erzählen-Üben anhand einer Idee. Keine sonderlich gute Idee, das gebe ich zu, weil hier vor allen Dingen Blogger*innen vorbei schauen und die eh ihre eigenen Methoden haben.

Andererseits ist es so, dass ich zum ersten Mal seit Wochen an einem Sonntagmorgen ganz viel Ruhe hatte, um etwas Längeres zu erzählen. Und nur dann klappt das Erzählen. Ruhe muss nicht unbedingt Stille sein, Stille herrschte auch an den letzten Sonntagen. Es muss auch nicht die Ruhe im Kopf sein, die hatte ich auch an den letzten Sonntagen. Ruhe ist der vielleicht unerklärlichste Punkt dieses Prozesses. Ruhe ist eine Stimmung und Haltung, die sich nur begrenzt herstellen lässt, meiner Erfahrung nach. Aber es gibt sie: Situationen in denen es nicht gut läuft und Situationen, in denen es gut läuft.

Umso wichtiger ist das Üben. Nicht nur für den Stil, auch um herauszufinden, welche Ideen einem liegen und um zu merken, wann das Schreiben am besten läuft. So wie bei mir grundsätzlich an Vormittagen, an denen ich ganz entspannt nur mit Umweg über die Kaffeemaschine an die Tastatur komme. Aber macht es euch bitte nicht zur Regel. Manchmal schreibe ich auch nachmittags oder abends wunderbare Texte. Und die Bedingungen für Ruhe lassen sich nicht mechanisch herstellen. Nur weil ich aufstehe, Kaffee koche und an den PC komme, entsteht nicht automatisch ein guter Text.

Was folgt daraus? Beim Schreiben darauf achten, wann es gut läuft und dem Gefühl schon vorab auflauern. Sich nicht zu grämen, wenn man sich zwei Wochen lang Texte bei jedem Schreibversuch nur abringt, sondern sich freuen, wenn das Gefühl plötzlich da ist, es sich schnappen und losschreiben. An sinnvolle Schreibregeln kann man den Text hinterher immer noch anpassen. Hinterher Danach kann man den  der Text immer noch an sinnvolle mit Schreibregeln anpassen überarbeitet werden. Auch wenn Passiv nicht unbedingt besser ist als „man“. Aber wer sein Schreiben – besser: das Gefühl „es läuft“ – von Schreibregeln knechten lässt, lässt sich verdammt viele gute Ideen entgehen.

 

Ein Nachsatz, wer meinen Kommentar bei Cathrin zum Thema Schreiben als Handwerk gelesen hat: Es gibt solche Texte und solche. Und in diesem Fall geht es um solche, in jenem Fall um solche. Das findet ihr paradox? Dann habt ihr jetzt was zum Nachdenken. 😉

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31 Kommentare zu „Zeilenendes Schreibratgeber

  1. Seminar- oder Examensarbeiten – da würde ich mir bei manchem Studenten etwas mehr Ehrgeiz beim Schreiben wünsche. Kleiner Tipp am Rande an alle Betroffenen: ein positives Leseerlebnis des Dozenten wirkt sich im allgemeinen nicht negativ auf die Note aus ;-).

    Ich habe mir selbst lange schwer getan, neue Texte direkt in eine Tastatur zu tippen. Ich fing immer mit Papier und Stift an. Sobald etwa die erste Seite da war klappte es auch direkt in die Klappertasten, aber anfangen einen Text zu schreiben konnte ich nur auf Papier. Neulich habe ich das sogar mal wieder gemacht, als mir mitten in der Nacht plötzlich geniale Sätze eingefallen waren. Ja und die Sache mit der Ruhe, die ist immer noch ein Hemmnis.

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    1. Das mit dem Papier kenne ich auch. Aber da notiere ich nur Ideen drauf. Früher wäre ich dogmatischer gewesen und hätte gesagt, schreiben beginnt bei der Hand. Aber es ist wohl Gewöhnungssache. Mittlerweile motiviert mich die Tastatur sehr viel mehr.

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  2. Dein Eingangssatz „Erzählen ist keine große Kunst“ hat mich natürlich wie von Dir gewünscht schockierend provoziert 🙂 Und lässt mich auch dezent ratlos zurück, weil ich nicht genau kapiere, was Du meinst. Denn natürlich ist Literatur Kunst. Zum Teil sogar große. Oder nicht?
    Herzliche wie verwirrte Sonntags-Grüße!

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    1. In dem Sinne, dass alle Kunst auch nur das Produkt von viel Übung und einer guten Idee ist plus die Ruhe, sie umzusetzen. In dem Zusammenhang („etwas ist keine große Kunst“) meint es aber bloß, dass es, um erzählen zu können, keinen Einblick in irgendein Geheimwissen braucht. 😉

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    1. Das ist mehr oder weniger eine Frage der Vorbereitung, wie gut die Ideen fixiert sind. Ich habe heute … sehr viel „heruntergeschrieben“, was plötzlich im Kopf wohlgeordnet da war. Aber ja, wenn es zu stocken beginnt, muss man sich entweder besinnen oder pausieren.

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    1. Muse oder Muße? Von Musen halte ich nicht viel, der Kuss von Musen ist mir suspekt. *g* Muße … Ja … Nein … Eher nein. Muße ist – zumindest für mich – eine Phase, in der ich rein passiv bin, in der ich aufnehme, aber noch nicht neu schaffe. Lesen ist für mich Muße, da bekomme ich neue Gedanken vermittelt. Museumsbesuche sind auch Muße … Fotografieren und schreiben hingegen würde ich nicht Muße nennen. Weil ich da aktiv werde. Und das tatsächlich weniger geistig ist – für mich – als die aufnehmenden Momente.

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      1. „Von der Muse geküsst sein“ ist was ich meine. Muss im Sinne von einer Idee oder Inspiration, die zu einem wertvollen Ergebnis führt. Diese Muse muss kein gegenständliches Dingens sein. Es beschreibt den Zustand innerer Ruhe und Zuversicht und eine Klarheit auf das eigene Werk.

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  3. Zunächst hatte ich die Vorstellung, Zeilenende würde ein neues Küchengerät vorstellen wollen: den Schrei-brat-geber.
    Was das Erzählen angeht, so ließe sich auch hier das Bonmot von Karl Valentin als Grundregel sehen: Wenn man es kann, ist es keine Kunst, und wenn man es nicht kann, ist es erst recht keine. Meine eigene Einschätzung ist die: Schreiben ist keine große Kunst – damit auch etwas sagen ist schon schwieriger – und damit etwas sagen, das anderen wirklich etwas sagt, dürfte dann doch eher eine Kunst sein.

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  4. Ich empfehle jedem einfach: drei Bücher von Wolf Schneider lesen, viel schreiben und danach wolf Schneider wieder verdrängen. Da das Verdrängen, einmal gelesen, schwer fällt, bleibt das wesentliche hängen. 😛

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  5. Ich wollte schon PETA einen dezenten Hinweis geben, dass das Zeilenende etwas über Kröten wissen könnte, die in Gefahr sind, aber mir scheint es ist nicht notwendig 😉
    Mir gefallen deine drei Regeln: Social Bots können ja auch schon ganz schön überzeugend schreiben, sie üben das auch beständig, klauen die Ideen von anderen, nur an der Ruhe scheitern sie. Ihr schnell-schnell-Modus spuckt ihnen sozusagen in die Suppe. Der menschliche Trumpf liegt also vielleicht in der Freude über die innere Ruhe beim Schreiben. (Und der Findung eigener Ideen).

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