Zuletzt bin ich mit Rogue One vielleicht ein wenig hart ins Gericht gegangen. Das liegt daran, dass ich zwar ein Star-Wars-Fan bin, aber nun einmal auf Science Fiction stehe. Das wurde mir klar, als ich einen Tag später im Kino saß und mir Arrival anschaute.

Inhalt lt. kino.de

Ohne Vorwarnung landen zwölf riesige Raumschiffe an unterschiedlichen Punkten auf der Erde. Um herauszufinden, welche Absichten die Besucher haben, rekrutiert das Militär die Sprachwissenschaftlerin und Professorin Louise Banks. Zusammen mit dem Mathematiker [er wird als Theoretischer Physiker vorgestellt, Anm. d. immer noch etwas von Star Wars angepissten Verfassers] Ian Donnelly soll sie Kontakt zu den Aliens aufnehmen und ihre Sprache übersetzen. Lousie Banks ist fasziniert von den Lauten und Schriftzeichen der Außerirdischen und kann schon bald erste Wege zur Kommunikation finden. Schon bald glaubt sie, dass die Aliens ihr Visionen schicken. Während die amerikanischen Wissenschaftler an einer friedlichen Begegnung arbeiten, sehen die Regierungen der Welt die Schiffe als Bedrohung, gegen die nur militärische Maßnahmen helfen. Doch ein voreiliger Angriff könnte den globalen Krieg auslösen.

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© Sony Pictures

 

Lasst Bilder sprechen

Die Überschrift ist doppeldeutig, ich weiß. Denn der Film liefert Einiges an Stoff zum Nachdenken über das Sprechen. Aber dazu später mehr. Denn der Film lässt tatsächlich Bilder sprechen. Er beeindruckt durch eine ganz eigene Ästhetik aus Ruhe und Anspannung, Dreck und Sauberkeit, Frieden und … Krieg? Er hebt sich jedenfalls wohltuend von dem ab, was man als Science-Fiction-Blockbuster-Kino geboten bekommt. In diesem Film sind die Bilder nämlich nicht nur Beiwerk. Sie beeindrucken, natürlich, aber nicht nur auf der Ebene „Ich habe das dickste Raumschiff“, sondern man spürt von Anfang an, dass die gezeigten Bilder ausgewählt wurden, um ihre eigene Geschichte zu erzählen. Und das ohne dass man (allzu penetrant) darauf gestoßen wird.

Arrival schöpft aus dem Vollen, erzählt von Weite und vom Unbekannten, von Isolation, Wissen, von Gefällen, von Macht und co. Das Erstaunliche an den ruhigen Bildern von Arrival ist, dass es ihnen dennoch gelingt, sehr viel intensiver und spannender zu sein als jede Action-Szene (die der Film – wohldosiert – natürlich auch bietet). Und dass es manchmal die Details sind, die ihre eigene Botschaft haben. Wenn ihr auf das militärische Personal achtet, werdet ihr beispielsweise feststellen, dass sie gerade zu Beginn unscharf sind. Mit offener Blende stehen die zivilen Wissenschaftler im Mittelpunkt. Sie entscheiden, sie sind diejenigen, die Herren der Lage werden können – und nicht die Jungs mit den dicken Kanonen.

 

Schweigen

Arrival ist auf so vielen Ebenen ein Film über Kommunikation, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen sollte. Die Wissenschaftler zucken, starren, sind unwissend. Obwohl sie Experten sind, finden sie keine Sprache. Sie finden nicht einmal eine Sprache dafür, dass sie keine Sprache finden. Der Film zeigt es. Und entfaltet damit Kritik, die in ihrer Wucht seit Donald Trump noch mächtiger ist.

Lösungen sind nicht einfach da, sie müssen erarbeitet werden. Damit ein schwieriges Problem gelöst werden kann, bedarf es des Nachdenkens. Das Nachdenken geschieht üblicherweise in Stille. Deshalb können 140 Zeichen in einer hysterischen Welt, die immer und sofort Erklärungen verlangt, durchschlagenden Erfolg haben – aber sie lösen keine Probleme. Und auch das Verlangen nach Antworten liefert keine Antworten. Sondern im schlimmsten Fall gefährlichen Mumpitz.

 

Kommunikation

Miteinander reden zu können ist das Unwahrscheinlichste, was Menschen zu leisten imstande sind. Sprache ist natürlich ein standardisiertes Bezeichnungs- und Bezugssystem. Aber Sprache ist zugleich meine Welt. (Hallo, Herr Wittgenstein!) Was ich nicht ausdrücken kann, existiert nicht. Zugleich gilt aber: Was ich ausdrücken kann, existiert. Und die Betonung liegt auf dem ich. Denn jedes Wort hat seine milieuspezifischen und persönlichen Konnotationen und Bedeutungsnuancen. Wer schon einmal einen Text übersetzt hat und verschiedene Varianten der Übersetzung eines Wortes ausprobiert hat, wird wissen, was ich meine. Das gleiche Phänomen beginnt aber schon viel früher, zwischen zwei Menschen.Wie viel unwahrscheinlicher – nein – unmöglicher ist Kommunikation dann erst zwischen zwei Sprachsystemen, deren Sprecher sogar unterschiedlichen biologischen Limitationen unterworfen sind?

Dennoch oder gerade deshalb ist Kommunikation etwas Wunderbares: Sie ist der Versuch, Unbekanntes verstehen zu lernen. Das Erfassen von Sinn in Worten ist das Kennenlernen einer Sprech-Kultur. Darauf angemessen zu reagieren ist bereits Diplomatie. Sich darauf einzulassen heißt, eine gemeinsame Sprache zu suchen.

Wer eine gemeinsame Sprache sucht, verlässt sich selbst. Zugleich lernt man sich in diesem Verlassen besser kennen. Denn der Andere reagiert. Und das anders, als wir das überhaupt erwarten können. Weil wir nicht wissen können, wie er uns verstanden hat. Wir bekommen eine Reaktion. Die wir verstehen müssen. Und das gelingt uns erst, wenn wir an den Anfang der Kommunikation zurückkehren und auch unseren eigenen Kommunikationsakt noch einmal betrachten. Aus den Augen der Anderen. Auch deshalb irrt Watzlawick übrigens: In den meisten Fällen kommunizieren wir nicht, da reden wir nur. (Aber das ist ein ewiges Thema und ich erwähne es nur, weil ich gern Seitenhiebe auf Watzlawick und seinen völlig verwässerten Kommunikationsbegriff austeile).

Jedenfalls werden wir uns selbst zum Fremden, um auch etwas über uns selbst zu lernen.

 

Fazit

Arrival tut insgesamt das, was jeder gute Science Fiction Film tut: Er nimmt alltägliche Erlebnisse und abstrahiert sie so lange, bis wir den Alltag mit anderen Augen sehen können. Das gilt für den Vorgang des Miteinander Redens und des Verstehens, ebenso wie für die Frage nach dem Wesen von Sprache (das ich angeschnitten habe) und der Bedeutung von Zeit (das ich in dieser Besprechung bewusst ausgeklammert habe).

Das Faszinierende an Arrival ist, dass es die Erkenntnis über Kommunikation nimmt („Jedenfalls werden wir uns selbst zum Fremden, um auch etwas über uns selbst zu lernen.“) und sie auch in anderen Kontexten durchexerziert. Von der Wirkung her muss sich Arrival nicht hinter 2001 verstecken – und ist nicht halb so einschläfernd.

Arrival ist kein einfacher Film, aber einer mit Potential, sofort anzusprechen. Dazu tragen die Bilder bei, ebenso wie die insgesamt unaufgeregte Inszenierung. Der Film streckt seine Hand aus, lädt ein, sich selbst zu sehen, indem er ganz Fremdes zeigt. Und damit im noch jungen Jahr schon eines meiner Highlights sein könnte.

 

Postscriptum: Arrival ist übrigens auch der Beweis dafür, dass ich sehr viel wohlwollendere Rezensionen schreibe, wenn vor dem Film nicht 30 Minuten Werbung und Trailer, sondern nur 15 Minuten Werbung und Trailer laufen. Plus: Mit „Manchester by the Sea“ habe ich in der kürzeren Trailershow sogar einen Film entdeckt, den ich in diesem Jahr definitiv sehen will. Während bei denen vor Rogue One galt: Vielleicht.

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26 Kommentare zu „Arrival oder: Endlich mal intelligente Science Fiction

      1. Oft genug ist er ja nominiert, aber die Konkurrenz ist groß. Ich befürchte, dass man entweder oft mit La La Land geht, weil den irgendwie jeder ach so toll und innovativ findet. Oder dass man sich in diesem Jahr für ein politisches Statement entscheidet.

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      2. An Manchester by the Sea? Ich fand es einen großartigen Film. Im Bild noch ein wenig stärker als Arrival, stellenweise fand ich ihn extrem witzig … Das Gute ist, dass er melancholisch ist, ohne depressiv zu stimmen. Fand ich. Meine Kollegin hingegen meinte, ich solle Taschentücher einpacken.

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  1. Da ich kein wirklich großer Cineast bin, ist auch dieser Film im Kino an mir vorbeigegangen, was mich schon ziemlich geärgert hat. Nach Deiner Rezension – die im übrigens, nur so nebenbei bemerkt, sehr gut geschrieben ist – ärgert mich das um so mehr.

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  2. Den habe ich im Kino leider verpasst, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, ihn mir anzusehen. Nun muss ich warten, bis die vorbestellte DVD ankommt. Die Monate März und April werden also sehr filmlastig. Wird auch Zeit, mein Stapel ungesehener Filme wird nämlich beängstigend hoch…

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  3. Watzlawick!? Ist das nicht der mit „Wir können nicht nicht kommunizieren“? Oder verwechsle ich da gerade was? (Googeln ist jetzt zu einfach und entreißt mir ja die Gesprächsgrundlage.)
    Arrival hat mich auch unendlich begeistert. Auch von den moralischen und gesellschaftlichen Fragen . Da wird endlich mal mit Wissenschaft gespielt, aber auch der Mensch entlarvt. Insbesondere wie schnell er bereit ist zu Waffen zu greifen, nur weil er was nicht versteht.
    Und andererseits der sehr weitreichende Gedanke, dass in anderen Kulturen/Organismen Sprache soviel bewirken kann. Ganz anders funktioniert – krass.

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    1. Genau. Watzlawick behauptet, überspitzt gesagt, dass alles Kommunikation ist, weil wir ja nicht nicht kommunizieren können. Und solche „alles“-Begriffe halte ich für analytisch wertlos und normativ unbrauchbar, weil sie nichts aussagen. Spannend wird es immer erst dann, wenn ich mit ihnen etwas unterscheiden kann.
      Und „krass“ trifft Arrival ziemlich gut. Wobei ich dem Film unendlich dankbar bin, dass er zwar hat zu den Waffen greifen lassen, es aber unterlässt, aus dem Film eine Abwehrschlacht zu machen.

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