Dieses Buch besitze ich, weil ich auf einer entsprechenden Lesung war. Das Fazit damals fiel ernüchternd aus, verbunden mit der Hoffnung, das Buch hielt das, was die Lesung andeutungsweise versprach. Daraus ist leider nichts geworden.

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Quelle

 

Inhalt lt. Backcover

Massenbesichtigungstermine, finstere Löcher zu Wucherpreisen, unverschämte Ablöseforderungen, horrende Maklerprovisionen, renovierungsbedürftige Bruchbuden: Wer eine Wohnung sucht, kan nwas erzählen – aber selten Positives.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Leonie Haug hat die unverschämtesten, nervigsten, aber auch die schönsten und sogar romantischsten Wohnungssuch-Erlebnisse gesammelt. Nie wurde drastischer, realitätsnäher und saukomischer über die Wohnsituation geschrieben.

 

Die Einleitung

„Drama“, „kriegsähnliche Zustände“, Ausartendes, „harte Bandagen“ und Astronomie sind die Zutaten allein von Seite 8. Wir können uns alle vorstellen, wie die Seite komplett gefüllt aussah, ohne dass ich mehr als zusammenhanglos zitieren muss, nicht wahr? Die zweite Seite des Buches widmet sich einem Skandal. Und übersieht leider den Skandal, den er der deutschen Sprache antut, die von so viel sprachlichem Extremismus vor Schreck in Ohnmacht gefallen sein dürfte.

Doch es ist nicht nur die Wahl der Worte, die bereits die Einleitung des Buchs vermiest. In der Lesung hatte ich noch auf eine kleine alltagssoziologische Studie gehofft, eine Sammlung von Extremen, aber auch von den kleinen Missgeschicken, die doch nicht so schlimm waren oder die kleinen guten Dinge, die beim Wohnungssuchen passieren und die nicht gleich in einer Ehe münden. Leonie Haug fühlt sich allerdings berufen, lediglich die Extremfälle zu dokumentieren, einzig auf die Aneinanderreihung von Anekdoten zu setzen, ergänzt um ihre eigenen, ebenfalls grauenvollen Erfahrungen. Ob die Darstellung der Extreme allerdings dazu geeignet ist, einen Querschnittsblick durch das Geschehen am deutschen Wohnungsmarkt zu bieten, wage ich zu bezweifeln. Ähnlich zielführend wäre die Beschreibung der deutschen Parteienlandschaft anhand der DKP und der NPD.

 

Die Sammlung

So ist es in der Folge tatsächlich: Anekdote grenzt an Anekdote, zwar in Kapitel aufgeteilt, aber dennoch nicht systematisch nach den einzelnen Problemfeldern aufgeteilt. Die Anekdoten bieten allerdings auch keinen Spannungsbogen. Längere Geschichten mit richtiger Pointe stehen unverbunden neben Kurznotizen, dass eine Wohnung grauenvoll war und die Vermieterin dafür eine unverschämt hohe Miete verlangte. Als Information interessant, als Versuch der Beschreibung des deutschen Wohnmarktes aber nicht hilfreich. Und als Unterhaltungsversuch ein völliger Reinfall.

Überhaupt scheint bei diesem Buch das Prinzip zu gelten: Je reißerischer der Titel, desto banaler darf der Inhalt sein. Denn zu den versprochenen Superlativen auf dem Backcover finden sich kaum passende Geschichten. Wenn das Hauptproblem des deutschen Wohnungsmarktes tatsächlich Massenbesichtigungen sind sowie und der Versuch, renovierbedürftige Bruchbuden an den Mann zu bringen, dann mache ich mir keine Sorgen, das kenne ich auch aus den Erzählungen meiner Eltern schon, während ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass der Bezug einer renovierungsbedürftigen Bruchbude auch seine Vorteile haben kann.

Die lustigen Geschichten sind im Buch rar gesät, hätten dieser nüchternen Bestandsaufnahme zumindest einen komischen Touch gegeben. Es ließen sich sicher auch lustige Geschichten erzählen – oder die vermeintlich skandalösen als lustige Geschichte. Das alles hat Leonie Haug nicht getan. Am Ende gibt es eine Geschichte, die ich lustig fand, was ich sogleich mit einem „Hihi!“ auf einem Post-it bemerkt habe. Mit Ausrufezeichen, weil es so überraschend war, wenigstens eine lustige Geschichte zu entdecken: Über zwei alte Freunde, die sich in der gleichen Stadt auf Wohnungssuche wiederbegegnen, eventuell gemeinsam eine WG eröffnen wollen und sich für die Wohnungssuche probehalber als Pärchen ausgeben.

 

Fazit

Die Wohnungssuche mag anstrengender geworden sein und in Deutschland muss man einen größeren Anteil des Netto-Lohns in die Miete investieren, je zentraler man wohnen möchte (Ersteres kann ich nicht, zweiteres sehr wohl bestätigen). Das ist stellenweise skandalös, wie ich bei den vielen Erstsemester allhalbjährlich mitbekommen habe, in der Mehrzahl handelt es sich bei der Wohnungssuche aber nach wie vor um eine banale Alltagsangelegenheit, in der Enttäuschung dazugehört. Das taugt vielleicht für einen Blog, vielleicht sogar für ein lustiges Buch, aber nicht für ein Buch, das Skandale konstruiert, aber nicht einmal die Konstruktion überzeugend wirken lässt.

 

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22 Kommentare zu „Besprechung – Leonie Haug: Suche Wohnung für mich und meine Möpse

      1. Komm in die Großstadt, da gibt’s das nur…
        Entweder hängt irgendwo ein offenes Stromkabel, es is Rattenkot oder Schimmel in der Ecke (teilweise sieht’s gleich aus), dann spricht man von „bezahlbarer Miete“. Oder die Wohnung ist „normal“ mit gutem Standard (d.h. Hänge-WC und Tiefspüler und nicht 80er-Jahre-Tankstellen-Pott), dann zahlste locker mal vierstellige Miete…
        Deswegen wundert’s mich, dass es dazu ein Buch gibt. Aber hey, irgendwie muss auch sie die Miete wohl reinholen…

        Gefällt 1 Person

  1. Hm, und ich wollte mich schon bereit erklären, die Dame und ihre Möpse – ich mag die Dinger ja total! ❤ – zu beherbergen. Aber so? Nee, lieber nicht.
    Wobei: Welche Wohnungsbesichtigung führt denn zu guten Dingen, die nicht in einer Ehe münden müssen?! Ich hab definitiv die falschen Vermieter, oder wie?! 😮

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