Ich lese vornehmlich ältere Bücher, weil ich meinen Sub reduzieren muss. Dieses Buch war aber auch deshalb an mir vorbei gegangen, weil es als „Kriminalroman“ gelistet ist und Krimis mich nicht sonderlich interessieren. Als Krimi ist das Buch Durchschnittsware, neugierig hatte mich aber dieser Artikel des Autors gemacht. Und als SF-Dystopie taugt der Roman durchaus.

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Ich musste mal wieder zeigen, dass ich immer noch mit Post-its lese

Inhalt lt. Verlagshomepage

Wozu Zeugen vernehmen, wenn all ihre Bewegungen und Gespräche bereits auf einer Festplatte archiviert sind? Warum Tatorte begehen, wenn fliegende Polizeidrohnen bereits alles abfotografiert haben? Als ein Brüsseler Parlamentarier auf einem Feld nahe der Hauptstadt ermordet aufgefunden wird, glaubt Kommissar Aart van der Westerhuizen zunächst, den Fall mithilfe des beinahe allwissenden Europol-Fahndungscomputers und der brillanten Forensikerin Ava Bittmann rasch lösen zu können. Und tatsächlich gibt es verblüffend schnell einen Verdächtigen. Doch dann entdeckt er immer mehr Hinweise darauf, dass die digitale Datenspur manipuliert wurde – und gerät in eine Verschwörung, die ganz Europa in seinen Grundfesten zu erschüttern droht.

Worte

Bevor wir über die Story reden, reden wir über die Wortwahl. Denn so gut eine Geschichte ist, so sehr kann sie unter einer schlechten Storykonstruktion leiden … Oder auch in einer unpassenden Wortwahl. Tom Hillenbrand gelingt es an einer Stelle, ein großartiges Wort zu wählen. Seine Politiker sprechen nie vom Zusammenhalt der Europäischen Union, sie sind immer nur an der Kohäsion interessiert. Kohäsion ist ein Begriff, der vornehmlich in der Chemie vorkommt und den inneren Zusammenhalt eines Stoffes durch Molekularkräfte meint. Sie könnten auch vom Zusammenhalt der Union sprechen. Aber sie sagen Kohäsion. Besser kann man mit sprachlichen Mitteln das Problem der Europäischen Union heutiger Tage nicht auf den Punkt bringen: Die Union begreift sich als Technokratie, als Beamtenapparat, der Verwaltet, Prozesse steuert und analysiert. Was ihr fehlt ist die Vision, die Staaten und ihre Bürger zu einer Union verbindet, die mehr ist als Wirtschafts-Kennzahlen und angeglichene Produktionsstandards. Denkt man diesen Mangel weiter, so landet man schnell in Hillenbrands Vision einer deprimierenden Zukunft.

So genial dieser eine Einfall war, so nachlässig ist Hillenbrand an anderen Stellen sprachlich. Hauptfigur Aart ist von Haus aus zwar kein Prolet, in der Sprache aber eher derb als zurückhaltend. Wenn er dann ganz vornehm „uriniert“ und zwei Seiten später flucht und schreit, wird einem ganz schnell blümerant. Blümerant? Ehrlich … Wo das Wort noch nicht ausgestorben ist, nämlich hier, benutzen das auch nur Frauen jenseits der 80. Dennoch sind dies die Kleinigkeiten, die einem den Lesegenuss die nächsten paar Minuten vergällen.

 

Story, Logik, Welt

Das Eigentliche der Geschichte ist eine ganz klassische Ermittlung. Sie beginnt mit einem Mord, der offenbar ziemlich schwierig aufzulösen ist, sich dann aber doch ganz einfach lösen lässt, weil plötzlich ein Hinweis auftaucht, der den Fall glasklar macht. Der identifizierte Täter stirbt bei der Verhaftung, das Geheimnis ist gelöst. Doch es geht natürlich weiter. Kein Roman dieser Machart ohne eine Verschwörung.

Handwerklich ist die Geschichte solide aber durchschaubar gebaut. Größere Kritikpunkte gibt es dafür, dass der beinahe omnipotente Analyse-Computer alle verfügbaren Daten auf Anomalien hin überprüft, es ihm aber nicht auffällt, dass sich in der Nähe des Tatorts um den Tatzeitpunkt ein Mann aufhielt, der normalerweise 500km Luftlinie weit entfernt ist. Auch wenn es dort nur wenig Überwachung gab, als anomales Bewegungsmuster hätte ein cleverer Computer wie „Terry“ einer sein soll, merken müssen. Weitere Abzüge gibt es für einen Nebenkriegsschauplatz, der zu Beginn eingeführt wird und sich um Zufälle dreht. Mir war sofort klar, was das soll, Aart braucht dafür fast das ganze Buch … Und das als Geistesblitz zu inszenieren war ein billiger erzählerischer Taschenspielerstrick.

Drohnenland geht es aber weniger um die Geschichte, sondern mehr um die Welt. Aufzeigen, was möglich wäre, wenn entsprechende Technologien massentauglich sind, seien es Drohnen, seien es bargeldlose Bezahlsysteme, seien es autonome Fahrzeuge oder Big-Data-Anwendungen und intelligente neuronale Netze zur Strafverfolgung. Das gelingt Tom Hillenbrand gut. Seine Welt ist durch und durch technisiert. Er spart keinen Bereich des Lebens aus.

Am Anfang verfährt er mit dem Holzhammer und erwähnt immer und immer wieder, dass das Auto selbstfahrend ist, es hierfür und dafür Drohnen gibt, dass die Datenbrille alles kann, dass man mit Drohnendaten Tatorte im PC nachbauen kann, etc. Es legt sich mit der Zeit und wird subtiler, wenn die Technik zur Anwendung kommt und sich das Maß der Technisierung im Nebenbei ergibt oder durch so schaurig-schöne Ideen wie den Mirrorspace illustriert wird, Echtzeit-Schnüffelei via Drohnenbildern. Am Ende vergreift er sich nur noch einmal. Es gibt eine Cyberspace-Folterszene, was an und für sich eine brillante Idee ist, die logische Fortsetzung von simuliertem Ertrinken in der Wirklichkeit 2.0. Die Art, wie die Szene umgesetzt ist, die Andeutungen zur Untermalung scheinbarer Skrupellosigkeit, sind allerdings bedauerlich konventionell, ebenso wie der Schluss, an dem sich natürlich alles in Wohlgefallen auflöst.

 

Nebenbei bemerkt

Neben der Frage, wie eine EU als Technokratie aussieht und welche Möglichkeiten unsere heutige Überwachungstechnologie zukünftig bieten könnte, ist die dritte interessante Überlegung, wie die Welt zukünftig aussehen könnte. Und darin ist Hillenbrand nun wirklich meisterlich, denn er belässt es bei Andeutungen, die eine ziemlich chaotische Welt entstehen lässt. Italien ist gespalten, der Süden ist unabhängig von der EU und gehört zum Territorium des Vatikanstaats, Europa hat Kriege um Sonnenlicht in Afrika geführt, Nordkorea wurde kapitalistisch und zum neuen China, weil das alte China in Anarchie versinkt. In der EU herrscht massive Inflation, Portugal ist das reichste Land des Staatenbundes, weil es auf Ökostrom setzt (auch wenn die Produktionsanlagen dem Global Player Brasilien gehören) und nicht zuletzt: Es regnet ständig und die Niederlande sind untergegangen. Unter Wasser. Das auch der Grund für den Schwermut unseres Protagonisten.

Das klingt jetzt sehr komprimiert, muss man sich als Leser aber manchmal selbst zusammensammeln, weil über die Inflation kein Wort verloren wird, aber die Geldbeträge genannt werden und Nordkorea einfach der omnipräsente Lieferant von Billig-Elektronik ist. All diese Bruchstücke sind über das gesamte Buch verteilt, sie zu bergen und zu einem Bild zusammenzusetzen, macht Spaß.

 

Fazit

Als Krimi und Verschwörungsroman bestenfalls Durchschnittsware, als Dystopie gut, als Entwurf einer Welt, wie sie womöglich einmal sein könnte, spitze. Wer mit offenen Augen auf die Details am Rande der Geschichte guckt, bekommt eine spannende, stimmige, irgendwie beklemmende Zukunftsvision geliefert, deren Technologie andererseits auch fasziniert … Und die irgendwie auch den Geist des alten, freien, anarchischen Internets atmet.

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7 Kommentare zu „(Hol)land unter! Besprechung: Tom Hillenbrand – Drohnenland

  1. Blümerant? Hach, wie schön! 😉 Ich find´s ja gut, wenn leicht veraltete Wörter wie „hanebüchen“, „Eiderdaus“ oder eben „blümerant“ nicht ganz in Vergessenheit geraten. Fürwahr! 😉 Zumindest, so lange der gewählte Stil insgesamt dazu passt.

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    1. Gern doch. Die größte Stärke des Romans ist es wahrscheinlich zudem, dass er das nicht zum zentralen Thema macht, sondern der Krimi es ist. Damit lässt sie sich auch noch wesentlich gemütlicher lesen als bspw. Brave New World.

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