Irgendwo in der Welt zwischen Fiktion und Realität, Wachsein und Schlafen, Selbstreflexion und Selbstärger, voller Energie, einen Text ohne jede Energie zu schreiben, fand ich dieses Stück in mir.

Ich sitze herum und … Ja, was tue ich? Ich sitze eigentlich nicht einmal, weil mich seit Tagen die Stelle plagt, wo das Heck in den Rücken überzugehen beginnt. Diese Stelle, die bei gestrecktem Rücken und gerader Haltung nicht belastet wird, sobald man es sich bequem machen oder sich anlehnen will, aber schon. Ich weiß nicht, ob andere Menschen diese Stelle haben, aber es ist mir egal. Sie machen unbequeme Sitzhaltungen notwendig. Und weil es um meine Körperspannung nicht gut bestellt ist, sind die unbequemen Sitzhaltungen außerdem ein Garant für Verspannungen am kommenden Tag.

Warum sitze ich überhaupt herum? Ist nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Ich könnte natürlich bügeln. Ich könnte immer bügeln. Aber auch wenn im Schrank nur noch drei Hemden hängen (weiß, Thermo, Trachtenkaro), werde ich nicht von meiner Regel abweichen, alles in einem Rutsch zu bügeln. Das heißt aber: Zwei bis drei Stunden Arbeit.

Eigentlich wollte ich raus, in den Freitag reinfeiern, auf dass es ein Freutag werde. Aber sonst wollte niemand. Und der Plan war gewesen, eine Veranstaltung mit potentiell großem Teenager-Aufkommen zu besuchen. Sowas mache ich nur, wenn ich mir sicher sein kann, nicht der einzige Erwachsene im Raum zu sein. Und die anderen Erwachsenen waren auch nicht in Stimmung.

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November – Symbolbild

Also gut. Dann halt nicht. Ich fühle mich ohnehin noch angematscht und habe einmal Sport ausfallen lassen, da sollte man nicht mitten in der Nacht nur im dünnen Hemdenstoff nach Hause laufen. Oder auch nur den Weg zum Taxistand zurücklegen. Und Jacken mitzunehmen lehne ich aus Prinzip ab. Die vergisst man nämlich nur. Lieber in die Küche schlappen, eine heiße Zitrone machen und irgendwie aufs Sofa packen. Kaum denke ich den Gedanken, habe ich ihn social-media-like formuliert und stelle entsetzt fest, dass aus Zeilenende, dynamischer Endzwanziger, in Nullkommanix Zeilenende, lethargischer Balddreißiger geworden ist. Ohne dass ich etwas davon gemerkt hätte. Ich beginne mich zu ärgern.

Zurück auf dem Sofa der Griff zum Smartphone. Ein paar Blogbeiträge lesen. Ans Schreiben mag ich gar nicht denken, das funktioniert momentan nur per Auftragsarbeit. Jemand beschmeißt mich mit einem Award oder einem Tag, ich habe etwas gebacken oder ein Buch gelesen, schwupps kann ich losschreiben. Aber sobald der Beitrag fertig ist … Nichts. Keine Idee. Aber auch das Lesen fällt schwer. Ich lese viele gute Beiträge, bekomme aber keinen auch nur ansatzweise gelungenen Kommentar hin. Wobei meine Definition von „gelungen“ ohnehin schon reduziert ist: „Sollte erkennbar machen, dass ich einen höheren IQ als die Schokolade in meinem Bauch habe.“

Was geht noch so im Netz? Ah, nichts. Sehr schön. Eigentlich traurig, aber egal. Oder zu viel. Zu Unübersichtliches, manches sogar unangenehm bis falsch. Legen wir es auf Seite, lesen Zeitung. Doch der kleine Energiesauger, der verhindert hat, heute Abend noch das Haus zu verlassen, nagt auch an der Aufmerksamkeit. Ja, Himmel, was soll ich denn noch machen?! Ich würde gern empört ob mir selbst aufspringen, aus dem Fenster blicken oder rastlos auf und ab laufen. Aber ich mag nicht. Das macht mich traurig. Und ich verstehe endlich – der November hat mich wie jedes Jahr doch auf den letzten Metern bezwungen und wird diesen Triumph bis in den Dezember hinein auskosten.

Ich verzeihe mir den Schoko-Anfall, der nun keine Willensschwäche war sondern Medikamentierung, rolle mich auf der Couch zusammen und verzeihe dem Internet, dass ich so ungeduldig mit ihm bin. Dann starre ich die Decke an und höre dem Herbst zu, wie er hämisch kichert. Ich weiß, wann ich eine Schlacht verloren habe und auf Standby schalten muss, mich in Novembers Arme stürzen sollte, um ihn doch irgendwann zu besiegen. Wenn das jetzt ein Kinofilm wäre, würde mir wahrscheinlich eine einzelne Träne als Symbolbild die Wange runterlaufen. Stattdessen esse ich noch ein Stück Schokolade und warte darauf, dass man mich aus der Trübheit reißt. Wie gut, dass bald Weihnachten an der Tür klingelt. „Lach du nur, November“ denke ich noch, „im nächsten Jahr steht eine neue Runde an.“ Dann schalte ich mein Bewusstsein ab.

Epilog: Der November ging, der Dezember kam. Die Trübsal blieb, lernte im Glühwein zu schwimmen, fiel dann aber doch einem Badeunfall zum Opfer.

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25 Kommentare zu „Gefangener

  1. Es liegt wahrscheinlich nicht an den Monaten, sondern am inneren Pausen-Blues, der sich irgendwann mit Gewalt meldet, um beachtet zu werden. Heute bin ich froh, dass meine Eltern nie von mir verlangt haben gerade zu sitzen und ich in der Schule gerne jeden Eintrag wegen Stuhlkipperei hingenommen habe. Auch heute turne ich ständig auf meinen Möbeln herum und hatte noch nie Rücken, höchstens mal Krämpfe in der Hand, aber dafür habe ich irgendwann auch eine Lösung gefunden. Zwei unterschiedlich große Tastaturen, die meine Finger geschmeidig halten 😀 Dir, deinem Rücken und Blues eine positive Woche 🙂

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    1. Danke. ☺ Mein Rücken ist tatsächlich wieder einigermaßen im Lot, was aber eher daran lag, dass ich die letzten Tage so oft sie möglich das Bett gehütet habe.
      Was den November angeht … Ich habe tatsächlich ein Problem mit den Lichtverhältnissen in diesem Monat. Ich kann dieses Nicht-richtig-hell nicht ab. Im Dezember wird es wegen der zunehmenden künstlichen Beleuchtung dann wieder besser. Aber November ist immer anstrengend. Ich merke es nämlich immer zu spät. Und wenn ich dann Kerzen kaufe, hat er mich schon gepackt.

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  2. Musst jemanden den armen Rücken kraulen lassen, Gerüchte besagen, das möchte helfen. Obs stimmt, kann ich dir jedoch nicht sagen, da mich mein ü30-Rücken gerade zwickt. ^^

    Den November-Blues, ja, den hab ich auch gefangen, und den bekomm ich nicht los. Der Dezember war rundum bluesig, und das Jahr 2016 will und will nicht aufhören, alles und jeden zu nerven.
    Hoffentlich findet sich diesen Freitag jemand, der mit dir die Nacht zum Tage macht! 🙂

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      1. Du gehst heute auf die Piste? Unter der Woche? Das ist ja skandalös dekadent! 😮 😉

        Hm, ich war schon ewig nicht mehr schwimmen. Rücken und Brust, das konnte ich. ^^
        Und kitzlig, das bin ich auch. Trotzdem ist ne Massage fein. 🙂

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      2. Du magst nicht gerne schwimmen? Also, abgesehen von eventuellen Blicken anderer Leute – naja, das Selbstwertgefühl ist auch nicht immer das Beste – mag ich es eigentlich sehr gerne.

        Hm. Und da sind keine Freunde in der Nähe? Oder die Katzen, die du mit etwas catnip zum Ausflippen bringen kannst? 🙂

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      3. Nein, kein Schwimmen. 😉 Ich habe zu den Leuten hier seit Jahren keinen großen Kontakt mehr. Ich lege auch keinen gesteigerten Wert drauf. Ist also okay. Ich trinke mit meiner Mutter Rotwein. 😊

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