Es gibt sicherlich typische Weihnachtsgebäcke für jede Region. Man denke an Aachener Printen, Basler Leckerli, Dresdner Stollen, die in diesem Blog ebenso vorkamen wie Brune kager, Heidesand oder Teufelshörnchen, die in meinem Blog noch nicht vorkamen. Letzteres ist natürlich eine Lüge, aber so ist der Höllenfürst nun einmal. Und zumindest Heidesand backe ich auch regelmäßig in der Vorweihnachtszeit. Nun vergehe ich mich an meiner neuen Heimat.

Es begab sich also, dass das Zeilenende sich aufmachte, nach Schwaben zu ziehen, auf dass er dessen Backkunst zu verachten lernte. Außer Seelen und Butterbrezeln gab es für ihn nichts zu entdecken, denn das süße Gebäck wusste der Schwabe nicht zu schätzen. Er sparte sich lieber den Zucker und die Butter und buk … Dem Zeilenende fiel auf, dass er nicht einmal wusste, ob Brötchen hier Brötchen hießen oder einen anderen wunderlichen Namen trugen. Wahrscheinlich hießen sie Brötle … Brötchenle … Wahrscheinlich hatten sie keinen eigenen Namen, weil der Schwabe ja nicht nur am Zucker und an der Butter sparte, damit mehr für die Butterbrezel übrig blieb, sondern auch an den Worten, die Backwaren bezeichneten.

Dies ging so weit, dass das traditionelle Weihnachtsgebäck dieser Region zwar nicht ohne Butter auskam, wohl aber ohne einen großen Namen. Es hieß schlicht „S“ … Und wenn der Schwab redselig war „Butter-S“ … Das hatte den praktischen Vorteil, dass man sagen konnte „Die Brezel mit Butter-S“, sodass man in der Bäckerei seines Vertrauens eine Brezel, belegt mit Plätzchen erstehen konnte oder mit Butter, ganz nach Humor der Verkäuferin (und damit, um zu unterscheiden, ob eingeboren [kein Humor] oder „neigschmeckt“ [Humor]).

Für eine süddeutsche Backkatastrophe der besonderen Art benötigt ihr:

  • 400g Mehl
  • 250g Butter
  • 125g Zucker
  • 3 Eigelb
  • 1 Prise Salz
  • etwas Zitronenschalenabrieb
  • ggf.: ein weiteres Eigelb und Hagelzucker (wenn ihr ihn bekommt, hier war er restlos vergriffen)

So weit, so simpel. Ihr werft alle Zutaten bis einschließlich dem Zitronenschalenabrieb in eine Schüssel und knetet so lange, bis ihr einen leidlich schönen Teig erhalten habt. Das dauert eine Weile, aber Plätzchenteig benötigt nun einmal Zeit. Dann beginnt ihr zu mogeln.

Ihr kennt bestimmt den alten Spruch „Wenn der Bauer keinen Spritzbeutel hat, nimmt er halt einen Gefrierbeutel“. Das Zeilenende kannte diesen Spruch durchaus. War zugleich skeptisch, ob der Gefrierbeutel mit der Teigkonsistenz fertig werden würde.

An dieser Stelle sei euch kund getan: Er wird mit der Teigkonsistenz fertig. Er zeigt ihm, was eine Harke ist, er … Naja, er reißt eigentlich. Und man steht doof da. Und rollt dann Teigstücke von Hand zu Stangen und formt sie zu etwas, das entfernt an ein S erinnert.

Diese S kann man nun mit Eigelb bepinseln und mit Hagelzucker bestreuen. Überschüssigen Hagelzucker sollte man vom Blech entfernen. Wie ihr unschwer erkennen könnt, war ich bei dieser Tätigkeit besonders gründlich. Aber ich bin nun einmal schon ganz Schwabe und habe am Hagelzucker gespart. Oder ich bin noch nicht Schwabe genug und konnte damit leben, keinen bekommen zu haben. Egal ob Vollschwabe oder Halbdackel, die Butter-S sollten nun etwa eine Stunde lang durchkühlen und dann in den Ofen, der bei 190° Ober-/Unterhitze liegen sollte. Darin backen die Butter-S für 8-10 Minuten und sollten anschließend noch ein paar Minuten auf dem Backblech auskühlen, bevor sie auf ein Kuchengitter zum vollständigen erkalten kommen.

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18 Kommentare zu „Zeilenende erkundet die neue Heimat oder: Zerstörungswut

  1. Sehr lustig geschildert. Erinnert mich, sozusagen geschmacklich, doch sehr an die Butter-S meiner (urschwäbischen) Ex-Schwiegermutter und die eine oder andere Sparsam- und Wunderlichkeit. Aber semmer gnädig, s’isch Weihnacht.

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  2. Ich lese in Deinem Text, dass Du a) gar keine normalen Standardbrötchen kaufst b) beim Bäcker sowieso immer stumm wie ein Fisch Deine Kaufabsicht mittels Fingerzeig mitteilst oder c) es in Stuttgart tatsächlich keine lustige Brötchenbezeichnung gibt.
    Geraten hätte ich sowas wie Weckle. Mit der Butterbrezel hadere ich seit dem Tag als ich sie in der Kurpfalz kennenlernte und mich fragte was das wohl sei, was man mir da in die Tüte gelegt hat. Da wo ich herkomme ist ein (der!) Butterbrezel ein süßer Hefeteigbrezel.

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    1. Tatsächlich, ja. Ich mag durchaus Seelen, aber ich stehe auf vollkornige Brötchen. Und weil ich nicht immer weiß, wie die Teile heißen, zeige ich stumm drauf. Deshalb eine Kombination aus a und b. 😉 Und „Butterbrezel“ kennt man bei mir daheim auch nicht, aber die spontane Vorstellung war die gleiche, wie du sie kennst. *g*

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  3. S wie Schwabenland….eigentlich logisch….hm….. 😀 …bei den Brötchen würde ich auch Weckle vorschlagen….sehr lecker auch leicht angebratene Bubenspitzle 😉

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  4. Haha, ja, so als Neigeschmeckte tut man sich manchmal schwer. 😀

    Aber deine Backkünste werden überall geschätzt, weil du eben ein hervorragender Bäcker bist! Wie sonst ist zu erklären, dass ich trotz vollen Bauches und später Stunde durch das Lesen deines Beitrages Gelüste bekomme? 😉

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