Oder: Wie der Sonntag nun meinem Blog gehört und ich das Shoppen verlernt habe.

So langsam macht sich Vorweihnachts-Entspannung bei mir breit. Das einzige, was mich noch nervös macht: Denke ich an alles, das ich einpacken muss? Die Geschenke sind verpackt, das Essen ist geplant, der Einkaufszettel ist bereit, die magische Spezialzutat ist gekauft, genügend Glühwein habe ich auch für dieses Jahr getrunken, Wäsche ist gewaschen, sogar gebügelt habe ich. Kurz: Weihnachten ist vorbereitet und im Schrank hängt alles, was ich brauche. Ein Angeltrip war auch nicht geplant, den nächsten schieben wir also ins kommende Jahr. Ich finde es zwar zuweilen befremdlich, das zu planen, aber andererseits bin ich viel zu strukturiert, um es spontan anzugehen.

Ich freute mich auf einen besinnlichen Sonntag, an dem ich völlig frei über meine Zeit verfügen konnte. Weil ich so etwas nicht dulden kann, galt der Plan: Blogschreiben, Buch auslesen, Mütze stricken. Nicht irgendeine Mütze. Ich habe ein paar Mützen. Ich wollte eine schöne Mütze haben. Wie früher als Kind. Als Kind hatte ich Ringelmützen in verschiedenen Farben.

Schon gestern Nachmittag allerdings standen die Zeichen schlecht. Nach einer durchaus gelungenen und zugleich günstigen Maniküre stöberte ich beim schwedischen Herrenausstatter meines Vertrauens, um vielleicht ein neues Kleidungsstück zu erwerben. Ich wünschte mir eine Jacke und ein Hemd zu günstigen Preisen. Ich fand eine Jacke, die mir gefiel, auch in meiner Größe, stellte dann aber fest, dass sie keine Taschen besaß. Und ich brauche Taschen. Dann fand ich ein Hemd, das mir gefiel, aber in meiner Größe nicht mehr vorrätig war. Ich hatte die Wahl zwischen etwas zu knapp und viel zu weit.

Nun galt es, nicht zu verzagen. Geschwind erwarb ich einige Lebensmittel, begab mich heim, widmete mich meiner Bügelwäsche und stellte dann fest, dass der heutige Samstag bis 24 Uhr verkaufsoffen sei in der Innenstadt. Ich freute mich. Meine Bedürfnisse würden bestimmt befriedigt werden. Doch ach und weh …

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Ein Papageientaucher hat es in vielerlei Hinsicht leichter. Er muss über Bekleidungsfragen nicht nachdenken, weil er klassisch-elegant daherkommt und mit seinem Schnabel dennoch ein modisch-individuelles Statement setzt.

Jacken und Mäntel gab es nur in Farben oder Material, die ich bereits besitze. Machen wir uns nichts vor: Wenn man sich einmal anständige Jacken gekauft hat, halten sie 20 Jahre. Der Grund, sich eine neue zu kaufen ist der simple, nicht immer gleich aussehen zu wollen. Blieb dieses Hemd. Der schwedische Herrenausstatter meines Vertrauens betreibt auch in der Innenstadt Dependancen, doch auch dort gab es DIESES EINE Hemd nur noch, genau, umgekehrt: Viel zu knapp und etwas zu weit. Und schlecht sitzende Hemden sind furchtbar.

Mein Frust war unglaublich, denn ich brachte auch eine gewisse Zeit (etwa zwei Stunden) damit zu, das neue Sortiment eines anderen Hemdenschneiders zu studieren. Für mich persönlich des Hemdenschneiders, auch wenn ich natürlich nicht Zeus heiße. Doch auch hier: Richtige Farbe, falsche Passform, falsche Farbe, richtige Passform, zum Teil wurde meine kindliche Freude auf den zweiten Blick durch unpassende Muster auf dem Stoff erheblich gedämpft.

In mir breitete sich eine Erkenntnis aus: Ich hatte das hemmungslose Shoppen verlernt. Ich überlegte, ob ich das Unternehmen mit den riesigen Papptüten aufsuchen sollte, bei dem ich aus Prinzip nicht einkaufte, aber das diese Theorie bestätigen konnte. Meine Gewissensbisse behielten aber die Oberhand. Stattdessen entsann ich mich meines freien Tages und der Möglichkeit, eine Mütze zu stricken.

Die Wolle-Abteilung eines großen Kaufhauses bildete den Schlusspunkt dieser traurigen Geschichte. Meine Bedürfnisse waren nicht mehr marktkompatibel. Eine Ringelmütze wie in meiner Kindheit war nämlich stets weiß in Kombination mit mindestens einer weiteren Farbe.

Wenn selbst das Bedürfnis nach weißer Wolle – dicker als Babygarn und nicht zu 100% aus Polyacryl (die ist nämlich alles andere als BRAVO) – nicht zu befriedigen ist, läuft im Kapitalismus etwas falsch. Petrol, 25 Grautöne und merkwürdig bunte Wolle in Ehren, aber ich wollte doch dem Konsum fröhnen, Mammon verehren und dem Kapitalismus huldigen. Was ich bewusst (zufällig geht immer) in etwa so häufig tue, wie ich auch dem Christentum meine Aufwartung mache – also einmal im Jahr. Wann wurde ich bloß aus der Gemeinschaft verstoßen?

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23 Kommentare zu „Keine weiße Wolle

  1. Wow, Du strickst auch noch selbst. Enorm bestrickend! 😉 Aber inzwischen wissen wir ja, dass das Zeilenende immer wieder für eine Überraschung gut ist. Und das mit der Kleidung, das machen die mit Absicht, damit Du wirklich alle Filialen in der näheren Umgebung kennenlernst 😉
    Einen bestrickenden 4. Advent wünscht Dir die Silberdistel

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  2. Du Shopping-Queen! 😮

    Ne, also, Klamotten shoppe ich höchst ungerne, und entsprechend selten. Meine Sachen müssen demzufolge auch lange halten. Ich trauere ja noch meiner Herbstjacke nach, die einfach ideal gefüttert war, damit ich es schön warm hatte, ohne zu schwitzen, wenn ich lief. Aber nach irgendwas um die acht Jahre war sie dann doch ein wenig mitgenommen. *seufz*

    Bücher dagegen, da bekommt man mich kaum raus aus dem Shoppen! 😀

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  3. Oh wie finde ich es schrecklich durch die überheizten Läden zu laufen….zu probieren, wo vorher andere schon, in den überheizten Läden, reingeschwitzt haben….am schlimmsten finde ich Hosen kaufen….die sind….nicht verschwitzt….aber ich habe da so mein System….einen Schuh aus….Hosenbein aus….Schuh wieder an….anderen Schuh aus….Hosenbein aus….Schuh wieder an….und….ja Du ahnst es vermutlich schon….Schuh aus….Hosenbein an….Schuh wieder an….anderen Schuh aus….Hosenbein an….anderen Schuh wieder an….mühsam sag ich Dir….MÜHSAM!

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      1. Ich dachte schon, der auf dem Foto sei echt. Und da Zeilenende sehr ordentlich ist bei den Quellverweisen, das Foto also selbst geschossen hat, legte das den Schluß nahe, Du habest mir da eine Sehnsuchtserfüllung voraus. Oder einen Zoobesuch ;-). Zoo zählt nämlich auch nicht.

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  4. Ach so, und zum Einkaufen: es geht immer schief. Weiss ich genau, dass ich weisse Wolle will, dann gibt es keine. Also, falls es denn Wolle wäre, was ich kaufen wollte, was extrem unwahscheinlich ist, weil die Zurhandnahme von Strick- oder Häkelnadeln in abständen von Jahrzehnten stattfindet. Bin ich dagegen nicht vor dem Einkaufsversuch auf etwas festgelegt, kann ich mich im Laden nicht entscheiden. Aber zum Wohle unserer Volkswirtschaft bin ich da wohl eine Ausnahme.

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