Jeden zweiten Samstag ruft Tante Tex zum Story-Samstag auf und verlangt von ihren hörigen Follower*innen, dass sie Beiträge zum Thema verfassen. In dieser Woche soll etwas sabotiert werden.

storysamstag

Der alte Mann sitzt in seinem Stübchen und räsonniert. Er hat sich der Gesundheit der Welt verschrieben. Ganze Meter an Aktenordnern dokumentieren seine Forschungen und weitere Meter sein Bemühen. Korrespondenz mit anderen Gelehrten, Korrespondenz mit Einrichtungen. Die DGE hat er immer wieder dazu bewegt, Position zu beziehen, die WHO, er hat sogar den Sicherheitsrat gebeten, eine Resolution zu erlassen und es zu ächten. Doch niemand interessiert sich.

Der alte Mann ist grau geworden darüber. Er schaut traurig. Dabei ist es so ungesund, dieses Fest. Es beginnt doch schon in den Vorbereitungen. Zucker, der große Feind Nummer 1 unserer Überflussgesellschaft, in rauen Mengen mit Butter zu Stollen verbacken. Niemand hört auf ihn, auch wenn sie alle jammern, dass sie nach den Festtagen aufgegangen sind wie Hefeteig.

Auch nicht besser die Atembeschwerden, die der Ruß von Kerzen auf Adventskränzen und an Weihnachtsbäumen auslösen. Womöglich durch Bienenwachskerzen gespeist! Und von der Brandgefahr gar nicht zu reden, wenn Katzen oder Kleinkinder im Haushalt leben.

Damit wären die Lichter genannt. Was jammerten seine astronomisch versierten Kollegen über die Lichtverschmutzung, die nicht nur in Städten ein Problem sei, sondern auch auf dem Land zunehme. Er hatte vorgeschlagen, Lichterketten zu bannen, die Weihnachtsbeleuchtung in Schaufenstern und an Straßen zu verbieten, damit der Sternenhimmel zur Geltung käme. Wie, so dachte der Professor, solle man den Stern von Bethlehem jemals sehen, wenn der Himmel von der Erde überstrahlt wurde?

Der alte Mannist langsam geworden, der Aktionismus seiner Jugend hatte sich verflüchtigt. Früher hatte er im Supermarkt Salz in Zuckertüten gefüllt, wenn niemand hinsah. Er war jung und radikal gewesen, hatte nicht bedacht, dass solche Salzkonzentrationen ebenfalls schädlich seien.

Lichterketten liegen in seinem Keller in rauen Mengen, er hatte sie in Vorgärten entwendet, bis er eines Tages erwischt wurde. Auf der Flucht vor dem Schutzmann hatte er einen Rheuma-Anfall erlitten. Seitdem ging das nicht mehr. Und seine Lehrlinge wollten ihm nicht nacheifern. Sie lachten über den bärtigen alten Mann. Albern sei er in seinem Bestreben, das Weihnachtsfest zu verbieten. Einen Saboteur nennen sie ihn, wenn er Aktionen vorschlägt.

Nun, denkt der alte Mann, die Menschheit würde schon sehen, was sie davon hätte, Weihnachten zu feiern. Es würde ihr Untergang sein. Vor seinem inneren Auge zog eine Vision auf: Lauter diabetische Menschen mit löchrigen Zähnen und rußgeschwärzten Lungen blickten zum Himmel, um den Himmelskörper einschlagen zu sehen. Sensation der Apokalypse. Aber selbst das wäre der Menschheit nicht vergönnt. Die Lichterketten allein bringen den Himmel zum roten Glühen. Die Zerstörungswelle nach dem Einschlag würde sie unvorbereitet treffen.

Der alte Mann hört die Kirchenglocken läuten. Sein Aktionismus hatte gelitten, aber gänzlich unbeholfen ist er nicht. Er wuchtet sich aus seinem Sessel, hüllt sich in seinen Mantel und macht sich auf den Weg. Auch wenn er im Großen nichts bewirken konnte, im Kleinen schon. Geschenke schön und gut, das war sein ungeliebter Job, ohne den er nicht Jahr für Jahr so viel Zeit in seinen Kreuzzug gegen das Weihnachtsfest ziehen würde. Aber zumindest im Kleinen kann er Weihnachten noch bekämpfen. Er verlässt das Haus und begibt sich zur ersten Station:

Durch den Kamin rein, Pakete ausliefern, die Kekse auf dem Teller stehlen, durch den Kamin wieder raus. Der alte Mann lacht „Ho ho ho. Immerhin müsst ihr jetzt Weihnachten ohne Gebäck feiern.“ Einen Moment lang verspürt er Scham. Machte er sich hier nicht zum Handlanger des Systems? Achwas … Als Saboteur zersetzt er es von innen, ganz ohne aufzufallen.

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14 Kommentare zu „Sabotage [Eine Geschichte]

  1. Beim Thema Lichtverschmutzung musste ich soeben an zwei Familien hier um die Ecke denken, die sich jedes Jahr damit überbieten wollen, wer die grellste und amerikanischste Beleuchtung hat. Bunt blinkende LED-Lichterketten, beleuchtete Rentiere auf dem Dach und der ganze Schmus. Vielleicht sollte ich das Werk deines Saboteurs wieder aufnehmen und heute nacht mal ein paar Lichterkletten klauen gehen…

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  2. Mich fröstelt es beim lesen…..und ich habe Mitleid mit diesem Mann…..natürlich auch mit seinem Umfeld…..aber hauptsächlich mit diesem Mann, dieser einsamen, kalten Seele, in deren innerstem ganz sicher ein kleines Feuerchen lodert…..meine Gedanken wandern zudem zu militanten Veganern…..ach….und eigentlich zu vielen Bereichen in denen Themen allzu fundamentalistisch angegangen werden…..der surrealistische Schluss kommt überraschend-unüberraschend….und entlässt den Leser nachdenklich….AUF EINE HEIMELIGE, LICHTVOLLE WEIHNACHT MIT VIELEN PLÄTZCHEN UND IM BESTEN FALLE NETTEN BEGEGNUNGEN!

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