Der Supermarkt – unmögliche Weiten. So oder so ähnlich hätte ich wohl ein Buch zu dem Thema benannt, das heute Blogthema sein wird. Franziska Boesch gewährt in ihrem Buch „Yes! We have no bananas“ einen Blick hinter die Kulissen des allwerktäglichen Supermarkt-Theaters und ins Innenleben einer Protagonistin.

Redlichkeitsvorbemerkung des Rezensenten: Die Autorin dieses Buches kontaktierte mich vor einiger Zeit und fragte an, ob ich Lust hätte, ihr Buch zu besprechen. Dieser Beitrag belegt, dass ich zugestimmt habe. Ich danke BoD für die Übersendung eines Rezensionsexemplars.

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Inhalt lt. Verlags-Seite

Dieser Band enthält skurrile Berichte und Betrachtungen aus dem Alltag im Supermarkt aus der Sicht einer Verkäuferin, die an diesem Ort eher gestrandet als freiwillig gelandet ist.

 

Tatsachenbericht trifft wissenschaftliche Hausarbeit und Erzählkunst

Franziska Boeschs Betrachtungen aus dem Alltag können den Lebenslauf der Autorin nicht verleugnen. Irgendwann im zweiten Drittel ihrer Berichte outet sie sich als Philosophin, doch bereits die ersten Seiten machen deutlich, dass sich hier mindestens eine Soziologin aufgemacht hat, die Welt des Supermarkts wissenschaftlich zu filetieren. Sie beginnt mit einer kurzen Geschichte des Supermarkts und streut immer wieder allerhand Reflexionen in ihre skurrilen Berichte ein. So begegnen wir nicht nur Kund*innen, Kassierer*innen und anderen unmöglichen Menschen in ihrem Buch, auch römische Kaiser dürfen von Zeit zu Zeit ihr Wort an den Leser richten.

Franziska Boeschs erste Veröffentlichung sollte aber nicht mit der langweiligen Wissenschaftsprosa verwechselt werden, die beispielsweise das Zeilenende in seinen akademischen Fingerübungen pflegt. Ja, Franziska Boesch schildert nüchtern, man könnte sagen kalt und empathielos distanziert, analytisch und dennoch teilnehmend*, was im Supermarkt geschieht. Ihre Distanz kommt einer Abrechnung gleich, aber sie tut dies mit erzählerischer und sprachlicher Lust. Da wird erwähnt, dass die Ware für die ersten Supermärkten gelegentlich mit Eseln angeliefert wurde … und sich das bis heute nicht geändert hat.

Franziska Boesch zieht damit literarisch die großen Register. In bester Tradition absurder Erzählkunst nimmt sie ein Faktum, dreht an dessen sprachlicher Bedeutung und offeriert einen bitteren Kommentar auf die Gegenwart. Doch bevor es persönlich allzu beleidigend werden kann, kehrt sie zurück zu ihrem nüchtern-beschreibenden Ton, mit dem sie den öden Alltag im Supermarkt vorstellt. Nur um genau dann im Plauderton fortzufahren, wenn sie merkwürdige Begebenheiten schildert oder Phasen großen Stresses wiedergibt.

„Yes! We have no bananas“ ist kein Roman, auch keine Erzählung, nicht einmal eine Geschichte. Das Buch ist segmentiert. Einzelne Figuren werden eingeführt und mit der Zeit vertraut, aber der rote Faden fehlt. Es sind eben Beobachtungen, die sich erst im Rückblick zu einer faszinierenden Studie des Biotops „Supermarkt“ zusammenfügen. Man würde sich zwar wünschen, dass einzelne Typen, insbesondere auf Kundenseite, stärker geschildert werden, aber damit würde die Autorin wohl ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Wahrscheinlich ist es ihr nicht einmal recht, dass sie mit Gianni eine liebenswerte Figur in ihrem Bericht hat, die man als Leser sympathisch findet.

 

Inhalt eines Supermarkts

Für den Kunden ist der Supermarkt ein Ort, den er nie so recht kennenlernt, wenn er nicht zu viel Zeit hat. Er weiß, wo die Dinge des täglichen Bedarfs stehen, wo die Kasse ist und wie der Pfandautomat funktioniert – wenn er funktioniert. Wenn er nicht funktioniert, ist das ärgerlich, dass er am Tag fünf Mal nicht funktioniert, bekommt er nicht mit. Dafür hat er Franziska Boesch. Ebenso wie für die Erinnerung, dass ein Supermarkt auch ein Lager hat, in und aus dem Waren zu schleppen sind und dass eine unbesetzte zweite Kasse kein Grund zur Panik ist, sondern das gute Zeichen, dass gerade das leere Fach mit Pizza aufgefüllt wird.

Franziska Boesch rückt der Kundschaft den Kopf zurecht, dass nicht alle Mitarbeiter*innen Expertise auf dem Gebiet der Unterschiede zwischen drölfzig Sorten Joghurt haben. Auch wenn manche Kund*innen das erwarten. Das mag so wirken, als berichte die Autorin von oben herab, aber auch das stimmt nicht ganz, wie sie spätestens in ihrem Kapitel über eigene verbale Aussetzer berichtet. Oder wissen Sie spontan, ob Sie Ihre Servietten lieber gekühlt oder aus der Konserve haben möchten? Franziska Boesch auch nicht. Dennoch hat sie das eine Kundin gefragt – mehrfach.

Und seien wir ehrlich – manchmal hat die Autorin doch recht. Wer direkt vor der Milch steht (im Supermarkt erfahrungsgemäß unübersehbar) und sogleich noch nach allen möglichen anderen Waren im ganzen Laden fragt, bewegt sich nahe am Rand der Unverschämtheit. Es gibt meiner Erfahrung nach nur ein Produkt, nach dem man in unbekannten Supermärkten fragen sollte, während andere eine Suche lohnen. Dieses eine Produkt ist die Frischhefe, die stets ein trauriges Dasein IRGENDWO im Kühlregal fristet und in ihrem kleinen Pappkarton auch noch leicht zu übersehen ist. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe einmal eine Dreiviertelstunde lang erfolglos nach der Frischhefe gesucht … sowie nach einem Mitarbeiterwesen.

 

Fazit

Franziska Boesch würde gern eine Comedyserie über das Leben in einem Supermarkt drehen. Ihre Alltagsbegegnungen wären geeigneter Stoff für eine großartige Comedy. Boesch erzählt nicht fortlaufend, sondern szenisch. Das muss man mögen. Und sie schreibt nicht für die Lacher. Sie berichtet. Was die Sache auf den zweiten Blick absurd-komisch macht. Wegen dieses doch speziellen Humors kann man es ihr verzeihen, dass sie „Ritas Welt“ nicht zu kennen scheint. Ihre eigene Supermarkt-Comedy wäre wohl eher „Stromberg“ in Sketchen.

Schade ist, dass sie zum Ende hin ihrem Stil nicht treu geblieben ist. Man hätte sich ein Fazit gewünscht, wie das in einer wissenschaftlichen Hausarbeit nun einmal üblich ist. Da sie andererseits darauf verzichtet, eine Geschichte zu erzählen, sondern Szenen schildert, plätschert das Buch so dahin und ist plötzlich vorbei.

Warum also dieses Buch lesen? Weil hier eine Dame mit großem schriftstellerischen Talent ihre ersten Gehversuche unternimmt. Man wünscht sich, dass sie den Mut findet, ihren Stil auch an anderen Alltags-Situationen ausprobiert, ihrer szenischen Schilderung und dem analytischen Blick treu bleibt, dennoch zukünftig einen erzählerischen Bogen spannt. Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung und schlage ihr als Setting eine Single-Party vor. In diesem Sinne: „Große Klappe, kleine Pappe.“

Eine zweite Meinung mit etwas anderem Blick findet sich bei OneBBO. Auch wenn ich ihre Deutung des Buches nicht teile, gefällt sie mir, deshalb möchte ich abschließend darauf verweisen.

https://vollwert.wordpress.com/2016/11/24/passt-in-einem-monat/

*das „könnte“ ist ein Konjunktiv und ich vergaß, dass der Konjunktiv in der deutschen Sprache keinerlei Bedeutung mehr genießt.

 

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26 Kommentare zu „Supermarkt-Analysen

  1. Das rezensierte Buch habe ich ebenfalls gelesen und kann es in dieser Rezension leider nicht wiederfinden. Empathielos? Ich finde das Buch voller Wärme und Humor. Wissenschaftliche Hausarbeit? Ich beschäftige mich jeden Tag mit wissenschaftlichem Geschreibsel, „ernste Gedanken“ am Rande sind etwas anderes als eine „wissenschaftliche Arbeit“.

    Es ist keine Geschichte, das stimmt. Es sind – in meinem Eindruck – liebevolle Beobachtungen, wobei die Autorin über sich selbst noch mehr lachen kann als über andere.

    Mich hatte die Autorin übrigens nicht um eine Rezension gebeten, ich hatte es geschenkt bekommen. – Wer mag, kann meinen Eindruck auf meinem Blog lesen (was wirklich keine Blogwerbung sein soll, ich will nur nicht meinen ganzen Artikel hier herein kopieren):
    https://vollwert.wordpress.com/2016/11/24/passt-in-einem-monat/

    Ich habe das Buch bereits zweimal verschenkt, an völlig unwissenschaftlich geprägte Menschen – und habe entzücktes (ja, das Wort passt hier leider) Rückmeldungen erhalten.

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    1. Von der Form her. Rein von der Form. Natürlich ist es Literatur, aber die Anlage ist das, was man Alltags-Soziologie nennen kann… Ich finde auch, es ist bewusst so gemacht. Und was wichtig ist: Mir gefällt das ausnehmend gut. Es bricht mit meinen Erwartungen. Liebevoll ist es auch, gerade in der Nüchternheit. Aber eben so liebevoll, wie ein Bericht sein kann. Meine Rezensionen sollen in ihrer Form immer auch die Form spiegeln, wie ich das Buch erlebe, deshalb ist mein Beitrag hochgradig subjektiv. Deshalb Danke für deinen Link. Den baue ich heute Abend in meinen Beitrag ein. 🙂

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  2. Da kommt bei mir das Kopfkino in Fahrt. Das Zeilenende auf der Suche nach Frischhefe im Supermarkt. Stundenlang. Vergeblich. Als das Zeilenende schließlich ein Mitarbeiterwesen zu Hilfe rufen will, ist natürlich keines aufzutreiben. Immerhin liegt der Ladenschluss zwei Stunden zurück. Gegen Mitternacht wird das immer noch Frischhefe suchende Zeilenende als mutmaßlicher Einbrecher verhaftet. Und nachdem sich, Wochen später, die Sache geklärt hat, titelt die New York Times: Wegen Hefe im Häfen. 😉
    [Und das ganze sortieren wir nun unter die Rubrik: Wie man mit unauffindbarer Frischhefe eine Supermarktkürzestgeschichte backt.]

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    1. Nicht ohne zu erwähnen das das Zeilenende sich mittlerweile dick und rund gegessen hat auf dem Weg durch die Supermarktregale…und die Wach-Security mit einem schokoladenverschmierten Mäulchen anlächelt um dann zu der alles entscheidenden Frage auszuholen „Wo s’n hier die Frischhefe?“ (^________^)

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      1. Genau! Womöglich wird die Hefe noch extra schlecht platziert…..das man dann gezwungen ist an den Regalen entlang zu stromern….und mehr zu konsumieren….na ja….das kann dann schonmal einen Schuss nach hinten abgeben nach Ladenschluss…selbst schuld…..womöglich ist da extra einer angestellt der die Hefe erst wegschleppt….und kaum biste da mit deinem bekloppt-suchenden Blick dran vorbei SCHWUPPS wird sie wieder an ihren Platz gestellt….der beobachtet dich dann….und kaum kommste da ( mittlerweile schon total entkräftet von der Odyssee ) wieder dran vorbei….isse wieder wech….

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      2. Endlich eine Verschwörungstheorie, die die Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite hat. Professionelle Hefeverstecker geistern durch die Supermärkte. Wahrscheinlich wird bei allen Supermarktmitarbeitern systematisch der Hinterhältigkeitsquotient ermittelt. Und diejenigen mit der höchsten Punktezahl werden jeweils zu Hefeversteckern ausgebildet. 😀

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      3. Ja-a…..ich sage nur „organisiert“….die sind guuuuuuut organisiert….wenn de heutzutage was werden willst: geh in die Hefeverstecker Branche! Vor allem erfordert es sehr viel Nervenstärke….da kannste nich ma eben so von deinem Arbeitsalltag erzählen beim Abendessen mit der Familie….da musste verschwiegen sein bis auf’s äusserste….kein leichter Job….ichsachdirdo….

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      4. Und das Zeilenende mittenmang im Medienrummel…..Min Jotte näi ( Hände überm Kopp zusammenschlag )….dabei is der grade so glücklich da in diesn Stuttgart….meinste wir können dann mal mit rauf für’n Foto für die Zeitung wo bildet?

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      5. Schtümmt 😀 hach…..ichkommmitauffnfoddo (^________^) „Lieber potenzieller Hefeversteckerausmladendawodaszeilenendeimmereinkauft: nimm das Zeilenende für’s Foto! Und für den Beitrag für die Tagesschau auch! Und gib rechtzeitig Bescheid, das ich noch vorher zum Friseur gehen kann!“

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