Mein liebster Waschbär hat offenbar Gefallen an meiner Erzählkunst gefunden. Obwohl ich bereits eine Geschichte zu Mützen, Raumschiffen und Klingonen erzählt habe, befand er es für witzig, mich nach seiner eigenen Mützen-Raumschiff-Klingonen-Geschichte mit drei weiteren Worten zu bewerfen, auf dass ich mich verausgabe. Und weil ich ihm nur ungern einen Wunsch abschlage, habe ich spontan eine Geschichte verfasst, die Pythagoras, Weihnachtsmarkt und Geschenke zu einem runden Ganzen spinnt.

„Wenn die Quadrate über zwei Seiten eines Dreiecks genau die gleiche Fläche haben wie das Quadrat über der dritten Seite, dann muss das Dreieck ein rechtwinkliges sein.“ sagte er, mit rotglühenden Wangen. Ein feuchtes Glitzern lag in seinen Augen.

„Und was willst du jetzt damit sagen?“ Sie war damit beschäftigt, den Grund ihres Bechers zu studieren. War da nicht eben noch ein Schluck Glühwein gewesen? Sie drehte die Tasse um und bewies, dass kein Schluck mehr drin war, so die Gesetze der Schwerkraft auch hier galten.

„Na, dass man den Satz des Pythagoras auch anwenden kann, wenn man keine Auskunft über die Winkel im Dreieck hat.“ Er runzelte die Stirn. „Was machst du da?“ „Schwerkraftforschung. Entweder gilt auf diesem Weihnachtsmarkt das Gesetz der Schwerkraft zumindest für Glühwein nicht oder du bist dran, um Nachschub zu holen.“ Sie drückte ihm die Tasse in die Hand und steckte sich eine weitere Zigarette an. „Noch jemand?“ Er hob fröhlich die beiden Tassen in die Höhe und erhielt zwei „Hier“ zur Antwort. Schon ein wenig unsicher auf den Beinen stapfte er davon.

Weihnachtsmarkt.jpg
Ob sich diese Geschichte in Bonn zugetragen hat, wie das Bild vorgaukelt, vermag ich nicht zu sagen.

„Mann, was für eine Scheiße!“ „Pythagoras?“ Sie (II) spielte geistesabwesend mit einer Strähne. „Der auch. Ist an dem ganzen Schlamassel ja auch schuld. Ich dachte, die Fachdidaktik-Aufgabe wird ganz easy und dann soll man den Satz des Pythagoras beweisen.“ Sie (I) schnippt ihre Zigarette weg. „Versaut mir den Klausurschnitt.“ „Du musst in der Fachdidaktik mehr als die Hälfte der Punkte haben, um zu bestehen.“ „Fuck! Wie viel zählt der Beweis?“ „50%“ „Das ist … mindestens die Hälfte. Mathe ist ein Arschloch.“ Er (II), in diesem Stück noch ohne Redeanteil, schläft im Stehen ein.

„Glühwein-Geschenke!“ Er kehrt zurück. „Oh, da ist jemand eingeschlafen. Na dann … Ich habe einen zusätzlichen Glühwein zu verschenken. Wer mag?“ „Ich!“ Sie und Sie (II) melden sich gleichzeitig und kichern, als ob sie gerade einen Lausmädchenstreich ausgeheckt hätten. „Und jetzt sag mal, was sollte das mit dem Beweis von der Rechtwinkligkeit eines Dreiecks?“ Sie (II) legt einen Arm um die Schulter von Er (II), schießt ein Selfie und veröffentlicht es auf Facebook. „Klausurinduzierter Totalabsturz. Danke, Mathe.“

„Wenn ich die Klausur auch in den Sand setze, dann habe ich zumindest bewiesen, dass ich kein totaler Trottel bin, sondern zumindest verstanden habe, was der Satz mir eigentlich sagen will.“ „Jetzt lügst du doch.“ Sie zeigt ihm einen Vogel. „Als ob du jemals etwas verstanden hättest.“ „Hast du den Beweis gemacht?“ „Nö. Ich habe geschrieben, dass ich keine Zeit hatte, das auch noch zu lernen, weil ich Geschenke einpacken musste und außerdem ohnehin nach der Klausur auf den Weihnachtsmarkt gehen werde, um meinen erfolgreichen Studienabbruch zu feiern. Mathe ist ein Arschloch.“ „Mathe ist ein Arschloch!“, erwiderte der Chor, Tassen stießen zusammen. Zwei zukünftige Mathelehrerinnen stießen mit einem zukünftigen Software-Entwickler an. Nur er (II), der den Satz des Pythagoras im Schlaf, frei vom Prüfungsdruck, endlich wieder beweisen konnte, hielt sich vornehm zurück. Er schlief. Und merkte gar nicht, dass er fror. Dabei hatte er seine Mütze in der U-Bahn verloren.

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14 Kommentare zu „Vorweihnachts-Ärsche [Eine Geschichte]

  1. Ich bin da ganz bei Horst Evers: „Wenn mich da die Schule und insbesondere Kurvendiskussionen nicht so perfekt auf die Anforderungen des späteren Lebens vorbereitet hätten, nämlich: sinnloses Zeug zu machen, zu akzeptieren und durchzustehen – wer weiß, was aus mir geworden wäre?“
    In der Geschichte wurde ebenfalls der Satz des Pythagoras bemüht.

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  2. Ich fühle mit den Figuren. Auch mein Durchschnitt war durch Algebra mächtig nach unten gerutscht. Aber mal ehrlich: das Wissen um Pythagoras, Eulersche Zahl und Pi doch im Alltag kaum anwendbar. Ich kenne zumindest niemanden, der durch Sinusfunktionen den Inhalt seines Martiniglases errechnet. Fakt ist nur, dass ein volles Glas besser ist, als ein leeres. Prost!

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  3. Mathe ist ein Ar…mloch – seh ich ganz genau so! Ach wie habe ich in der Schule darunter gelitten….auch wenn der an sich ganz nette Lehrer immer den gleichen Witz ( über Jahre! ) von sich gab mit „Das ist FKK… ( kurze Pause um die Neugier….immer wieder neu!…zu wecken )…Furchtbar Kalter Kaffee…..hahahhahahaaaaaaa“…. 😀

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  4. Ts, lauter Mathefreunde hier. *seufz*
    Mathe ist voll cool, so! 😮

    Kompliment, du hast eine wunderbare Geschichte erzählt! Wobei der Pythagoras noch mit der einfachste zu beweisende Satz ist. Versuch mal eine der benamten Ungleichungen oder dann halt Fundamentalsätze. ^^‘

    PS: Das Churros-Haus hab ich gar nicht gesehen, oder ist das ein anderer Weihnachtsmarkt? Sonst muss ich wohl noch mal hin und probieren. XD

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