Jeden Samstag ruft Tante Tex zum Story-Samstag auf und verlangt von ihren hörigen Follower*innen, dass sie Beiträge zum Thema verfassen. In dieser Woche geht sie wieder los: „Endlich wieder Weihnachtszeit“. Ein Thema, zu dem ich viel zu sagen hätte … Aber bei aller Vorfreude verbinde ich mit der Weihnachtszeit auch eine Geschichte, die jemand vor Jahren im Netz veröffentlicht hat, an die ich (auch) immer denken muss. Und die, wie ich finde, nach so vielen Jahren ein neues Ende braucht. Auch wenn ich damit gegen meine Prinzipien verstoße. Mit zweitem Vornamen heiße ich wahrscheinlich doch Rosamunde.

storysamstag

Leuchtende Kerzen, glänzendes Gold. Hektische Menschen laufen auf und ab. Sie rennen geschäftig, sie wirken gestresst, aber zugleich scheinen sie zu leuchten. Am stärksten die Kinder und einige von den Erwachsenen, die immer noch Kind sind, tief in ihren Herzen.

Der Duft von Lebkuchen, heißen Maronen, gebrannten Mandeln. Eine süße Mischung in der Luft. Zugleich die Kohlenfeuer, über denen Bratwürste gegrillt werden. Der Geruch des Schmiedefeuers, fast schon kein Geruch mehr, sondern etwas, das man spürt: Klebrig, ölig. Nicht der angenehmste Geruch, ebenso wenig wie der von den Alpakas auf dem Weihnachtsmarkt. Aber das gehört dazu.

Der Geschmack von Glühwein auf der Zunge: Zimt, Orangen, Nelken, Kardamom. Mandel natürlich auch, denn was ist ein Glühwein schon ohne Amaretto? Ja, einer mit Calvados oder notfalls auch Rum. Aber der Hauch von Mandel ist wichtig. Also Amaretto.

Der Klang der süßen Glocken, die immer ein Gerücht bleiben werden, weil Glocken nicht süß klingen sondern mächtig dröhnen. Nur in diesem kitschigen Lied klingen sie süß. Süß gezuckert wie die Melodie. Weihnachtslieder eben: Zuckrig oder betulich wie Stille Nacht, notfalls pompös wie „Tochter Zion“ … Nur „Es kommt ein Schiff geladen“ ist traurig. Deshalb wird es jenseits von Kirchenhallen wohl nicht mehr gesungen.

Die Nähe anderer Menschen. Diejenigen, die dich im Kaufhaus umrempeln, weil sie dringend noch eine riesige Murmelbahn kaufen wollen oder eine Spielkonsole, vielleicht auch einen riesigen Teddybären. Und natürlich diejenigen Menschen, mit denen du zusammen in einer riesigen Traube stehst, nur weil du dieses Kopfschmerzmittel namens Glühwein trinken willst. Macht sich gut auf der Zunge, aber die Vorboten eines höllischen nächsten Morgens spürst du schon jetzt.

Endlich wieder Weihnachtszeit? All das Glück auf der Erde. Für alle anderen. Und für dich?

Ein Zerren am Arm, das Quietschen von Bremsen, der Geruch nach Urin aus der Unterführung und ein Bild, das nie wieder verblassen wird. Nur der Geschmack von Glühwein ist ewig gleich. Und die Jahre danach? Die Dorne einer Rose, das Geräusch einer U-Bahn, der altvertraute Geruch und ein Bild, das sich über die Realität legt. Aber der Geschmack von Glühwein ist ewig gleich.

Endlich wieder Weihnachtszeit? Eine neue Zeit. Die Geburt der Hoffnung. Vielleicht. Immerhin siehst du das Leuchten der Anderen. Der Geschmack von Glühwein ist ewig gleich. Er gehört zu deinem Leben. So wie alles andere. Da ist es wieder, der altvertraute Geruch und das Geräusch einer U-Bahn, auch die Rosendornen sind da. Und das Bild. Und eine andere Hand. Zum ersten Mal.

Endlich wieder Weihnachtszeit? Das Fest der Liebe. Vielleicht.

[Und für alle, die das Original lesen wollen … Puh, 12 Jahre ist die Story schon alt: https://www.nickstories.de/stories/tori/trink_einen_fuer_mich_mit.html ]

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8 Kommentare zu „Endlich wieder Weihnachtszeit [Eine Geschichte]

  1. Das hast Du so bezaubernd geschrieben, liebes Zeilenende 🙂 es erinnert mich an ein Gedicht was ich mal vor vielen Jahren im Vorbeigehen las….und leider nicht eingescannt habe…..und immer wieder fehlt es mir….so wie jetzt….

    Sinngemäss handelte es von Gestrauchelten, von Menschen die nicht gerade priviligiert sind, von Armen, von Hungernden, von Depressiven, Menschen am Rande der Gesellschaft, deren einzige Konstante tatsächlich der Alkohol ist….die sich kaum etwas leisten können….die zu Weihnachten ein ganz besonderes Mahl von der Caritas bekommen….und genau DA ist Weihnachten!

    Zudem fiel mir ein Bild ein zu einer Bildbetrachtung die ich gern mit meinen Oldies zur Adventszeit gemacht habe….darauf war ein düster anmutender Hinterhof einer grossen Stadt zu sehen….randvolle Mülleimer……daran angelehnt, auf dem Boden sitzend Maria und Josef mit dem Jesuskind…..auch DAS ist Weihnachten….

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    1. Das stimmt. Wobei du ja noch krasser bist als ich. Zum Alkoholiker wollte ich meinen Protagonisten gar nicht machen. Aber man weiß es ja nie. Solange Liebe da ist, ist Weihnachten. Auch wenn es manchmal ein Trauerspiel ist … Und in solchen Fällen Weihnachten das ganze Jahr sein sollte.
      Vielen Dank für deine Gedanken dazu. 🙂

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      1. Als Alki sehe ich Deinen Protagonisten auch nicht! Eine Konstante ist Regelmäßigkeit…etwas worauf man sich verlassen kann…..etwas das einem Halt gibt…..und diese Regelmäßigkeit kann auch einmal jährlich sein….wo Glühwein halt immer noch nach Glühwein schmeckt…in dieser schnellebigen Zeit…

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      2. Ich persönlich unterscheide da zwischen dem Fusel von den Weihnachtsmärkten und selbstgemachtem Glühwein 😊 auch wenn ich vieles im Küchenbereich nicht selbst mache, so wie früher, weil ich einfach nur eine Miniarbeitsfläche habe…..ich glaube wenn ich Glühwein trinken würde täte ich das nicht auf Weihnachtsmärkten 😃

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