Wann immer ich Gründe habe, die Montagsfrage des Buchfresserchens nicht zu beantworten, gebe ich einen Einblick in mein Seelenleben. Ich bediene mich dafür des so genannten Proust-Fragebogens. Alle bisherigen Antworten findet ihr hier, heute geht es um meinen Charakter.

Die heutige Montagsfrage fällt aus, weil das Buchfresserchen wissen will, wie viele Bücher ich in diesem Jahr bereits gelesen habe (darüber führe ich keine Statistik) und welche meine drei Favoriten sind. Zweiteres ist relativ öde, weil es die Mars-Trilogie von Kim Stanley Robinson ist. Die spielte im Blog von August bis Oktober immer wieder eine Rolle, von daher nur für alle, die es verpasst haben, hier meine Reviews für Band 1 (Roter Mars), Band 2 (Grüner Mars) und Band 3 (Blauer Mars). Wer Lust auf intelligente und realistische Science Fiction, einen „großen Wurf“ hat, dem lege ich die ca. 2700 Seiten hiermit noch einmal nachdrücklich ans Herz.

Was meinen Hauptcharakterzug angeht, finde ich die Frage schon reichlich gemein. Sie reduziert mich auf einen Wesenszug, wo ich doch deren viele besitze. Außerdem erfordert sie, etwas positives zu sagen. Denn eine Charakterschwäche kann meinem Verständnis nach kein Charakterzug sein, sondern das Fehlen eines solchen. Oder die missgünstige Interpretation eines Charakterzuges.

Ein Charakterzug ist ein beherrschendes Merkmal. Uns fremden Menschen schreiben wir gern als auszeichnenden Charakterzug eine Schwäche zu. Die feige Person, die allen Konflikten aus dem Weg geht oder der aufbrausende Mensch, der sich über jede Kleinigkeit aufregt, der hartherzige Mensch, der zu keinerlei Empathie fähig scheint. Lässt man sich auf solche Menschen hingegen ein, stellt man oft fest: Ja, diese Person ist wirklich feige/aufbrausend/hartherzig, ABER … Dann kommt eine Auflistung positiver Charakterzüge und aus der feigen Person wird eine harmoniebedürftige, aus dem aufbrausenden Menschen ein zupackender und aus dem hartherzigen ein gewissenhafter. Charakterschwächen sind damit eine Mischung aus Unkenntnis der genaueren Charakterumstände und eine Wertung. Charakterschwächen sind wie ihre positiven Pendants also nie neutrale „Züge“ sondern Waffen im Kampfbereich „menschliche Interaktion“.

Wenn ich nun also eine Schwäche voranstellen wollte, würde ich damit von mir selbst behaupten, ich kenne mich nicht wirklich oder ich würde mich nicht allzu sehr mögen. Beides kann ich nicht (mehr) von mir sagen. Ich kokettiere zwar damit, dass ich mich manchmal selbst verblüffe und häufig unterschätze, aber ich kenne mich mittlerweile ganz gut (auch wenn ich mich in der Tat hin und wieder überrasche). Ich finde zwar längst nicht alles gut, was ich tue, weiß aber spätestens rückblickend sehr genau, warum ich es tue. Und auch wenn mein zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein zu 50-99% Fassade ist, ich habe auch gelernt mich zu mögen. Zuweilen finde ich mich sogar spitze … Oder sogar attraktiv. Also im Dunkeln. Mit verdecktem Spiegel. Und in eine Burka gekleidet.

Einer meiner Charakterzüge ist mit Sicherheit, dass ich ungern sage, was Sache ist. Ich rede lieber um den heißen Brei herum, aber das habt ihr sicher schon gemerkt, denn nach 300+ Wörtern ist noch keine Antwort auf die Frage in Sicht. Aber genau das ist es, was ich für meinen Haupt-Charakterzug halte: Zurückhaltung. Das äußert sich manchmal darin, dass ich keine klare Ansage mache. Tatsächlich ist es meistens so, dass ich nur dann provoziere, wenn es kalkuliert ist: Um die Reaktion anderer Menschen auszutesten oder um eine Diskussion zu befeuern. In den seltensten Fällen gebe ich damit etwas über mich preis. Außer meinem Spaß an Diskussionen.

Zurückhaltung äußert sich auch in einer gewissen Höflichkeit, die mich zu umgeben scheint. Höflichkeit ist ein Mittel, um Distanz zu wahren. Und auch wenn ich in der Du/Sie-Frage sehr jovial bin (Arbeit in der Altenbetreuung prägt), halte ich dennoch gern einen gewissen Abstand, selbst zu Menschen, die ich mag.

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Ich blicke meist aus der Ferne auf die Dinge, so wie hier.

Zurückhaltung äußert sich auch dadurch, dass ich ein guter Zuhörer bin. Weil ich nicht viel über mich rede. Genau genommen ist es so, dass ich von mir aus kaum etwas erzähle. Vor allen Dingen nichts über mich selbst. Und nicht ohne Anlass. Wenn ich gefragt werde, gebe ich Auskunft, ansonsten ziehe ich es vor, nichts zu sagen. Das ist ein Teil: „Das interessiert niemanden.“ und ein Teil „Es ist unhöflich, seine Person so vor sich her zu tragen.“ gemischt mit einem Teil „Ich mag mich jetzt nicht exponieren.“ … Denn im Netz ist das schon was anderes als im Real Life. Hier habe ich die Kontrolle über das, womit ich mich exponiere, weil hier nur mein Text ist, der mal realere und mal versponnenere Grundlagen hat, und ich gleich eine Interpretation hinterherschieben kann. In der direkten Kommunikation exponiere ich nicht nur Gedanken sondern mich in Gänze.

Zuweilen äußert sich das als eine gewisse Hemmung oder Schüchternheit. So fühlt es sich an. Das ist es manchmal auch.  Ich bin mir aber nie so sicher, ob es so wirkt. Andere Menschen sind meist nur erstaunt, wie ruhig ich bin (oder „nicht ganz da“ wirke) oder was sie erst nach Monaten über mich „herausfinden“ … Oder dass ich gern in Gesellschaft bin, aber auch einen ganzen Abend nur zuhören kann, nicht viel sage und mich dennoch wohlfühle. Die Zurückhaltung habe ich zur Meisterschaft gebracht. Deshalb darf ich sie wohl meinen Haupt-Charakterzug nennen.

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27 Kommentare zu „Proust-Fragebogen: Ihr Haupt-Charakterzug

  1. Ein schönes, Bild, das so vieles erzählt, ohne es direkt und wörtlich zu tun.
    Ein schöner Text, der gleiches mit Worten vermag. Er ist zugleich offen und hält sich doch bedeckt („im Dunkeln, mit verdeckten Spiegeln“ und so *kicher*) Das, was über den Autor verraten wird, ist wohl gewählt.
    Nur in einem irrst du dich vielleicht: „[…]Das interessiert niemanden.[…]“ trifft hier sicherlich nicht zu 😉

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    1. Du hast mich ja auch noch nie ausschweifende Vorträge darüber halten hören, wie cool Star Trek eigentlich i … Oh … Pardon. ^^
      Aber danke für das Kompliment. Ich habe bei dem Bild tatsächlich auch überlegt, ob ich es nicht unkommentiert als Antwort geben sollte. Denn es beschreibt mich … auf vielen Ebenen. So wie jeder Text auch Dinge preis gibt, die ich nicht explizit sage.

      Was ich furchtbar finde. 😉

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  2. Mir gefällt das Fernbild auch sehr, aber auch Deine Selbstanalyse ist interessant. Ich finde, es ist gar nicht so einfach, sich selbst einmal unter die Lupe zu nehmen und vor allem zu versuchen, sich selbst auch noch unvoreingenommen zu sehen. Aber nach dem, was ich auf Deinem Blog bisher gelesen habe, habe ich Dich in diesem Beitrag durchaus wiedererkennen können. Ob das nun tatsächlich auch der Wirklichkeit entspricht, ist eine andere Frage, wo doch das Zeilenende gern einmal Wirkliches und Unwirkliches miteinander verbindet 😉

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    1. Unvoreingenommen klappt nicht. Ich schwanke ehrlich gesagt zwischen „Geiler Typ“ und „Idiot“ … Und irgendwo dazwischen, wenn ich die Bilder übereinander lege, finde ich mich tatsächlich. Aber Konsistenz ist in der Tat nur durch Reflexion zu finden. Und dazu gehört auch das Geschichtenerzählen. Wir werden erst wir, wenn wir uns von der Wirklichkeit verabschieden.

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      1. Das stimmt 😉 aber letztendlich bewerten die anderen ob es unhöflich ist das Du still da sitzt….Du sitzt ja nur still da….

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      2. Das ist sowieso ein interessantes Phänomen….die wenigsten Leute können SCHWEIGEN ertragen…..und letztendlich entstehen dann durch die Unsicherheit, die sie auch nicht ertragen, Gedanken die dem Gegenüber Hochnäsigkeit….o.ä. unterstellen…..dabei schweigt das Gegenüber womöglich nur wohlwollend, aber still vor sich hin….

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  3. Die Charakterschwäche als missgünstige Interpretation eines Charakterzuges. Das gefällt mir. Das lege ich gleich zu meinem Formulierungshamsterschatz. 🙂
    Die Zurückhaltung könnte man gut als Blogbeitragsstrategie nutzen. So im Stil: Ich übe jetzt mal über eine Strecke von tausend Wörtern äußerste Zurückhaltung. Und weil’s damit fürs Erste reicht, spare ich das, was ich eigentlich sagen wollte für den nächsten Beitrag (bei dem das Spiel selbstredend einfach in eine neue Runde geht).

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    1. Von wenigen Extremen abgesehen deckt es sich mit meiner Wahrnehmung der Realität. Ich bitte bloß, diesen Satz nicht an den üblichen Verdächtigen zu testen, das beginnt schon bei Eichmann.
      Was deine Blogbeitragsstrategie angeht: Die praktiziere ich hier doch tagtäglich. 😉

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      1. Gut, es gibt diesen „tipping point“, wo der Charakterzug so ausgeprägt ist, dass er ins Krankhafte übergeht. Das ist dann eine andere Baustelle.
        Das mit der Strategie ist mir schon klar. Aber ich wollte dir eine Gelegenheit bieten, unschuldig lächelnd so zu tun, als ob du davon zum ersten Mal hörtest. 😉
        [Sorry, aber meine angeborene Nettigkeit ist grad in der Reinigung.]

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  4. Wow, der Beitrag ist wirklich toll. Aber das ist ja auch irgendwie mein Thema und ich finde es unfassbar spannend, wie andere Leute mit ihrem Selbstbild umgehen. Oder wie dieses Bild überhaupt aussieht.
    Der Gedanke „das interessiert niemanden“ sagt auch eigentlich mehr über dich, als über die, denen du das einfach so unterstellst. 😉
    Aber ich kenne das. Und ich kenne es genauso, wenn man sich mit einer Freundin trifft, sie 2 Stunden erzählt und man dann glücklich auseinander geht.

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    1. Ach … Mein Selbstbild. Von dem gebe ich hier auch nur Stücke preis. Das ist bis zu einem gewissen Grad ein Thema, das für mein Verständnis im Internet nichts verloren hat.
      Was mein „Das interessiert niemanden“ angeht: Partiell so, partiell so. Ich habe sehr nerdige Angewohnheiten, denen ich sehr ausgiebig fröhne. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wenigsten Leute stundenlang über Science Fiction, Blogging, Fotografie oder Brettspielrunden reden wollen. Und wenn doch, fehlt oft die gemeinsame Gesprächsebene. Das macht es anstrengend. Ich will das nicht pauschal sagen, aber ich weiß schon, wo ich mich im jeweiligen Umfeld verorten kann. (Gut, ich bin nicht sehr viel redseliger, wenn ich andere Nerds um mich habe … Aber ein wenig).
      Das Gefühl mit deiner Freundin – das kenne ich allerdings ganz gut. Und ich find es super: Sie ist glücklich, weil sie reden kann … Und man selbst auch, weil man dennoch sozial interagiert hat. 🙂

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  5. Wer hat dich denn aufgehört, mich zu analysieren? 😮
    Beim Lesen musste ich häufig schmunzeln, denn zurückhaltend etc. bin ich auch, mit denselben Gedankengängen, wie du sie auch hast, im Hinterkopf. Und auch zum Thema Internet, es ist doch etwas anderes, hier etwas preiszugeben. Man macht sich insgesamt deutlich weniger verletzlich und angreifbar.

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