Seit 37 Wochen portraitiere ich mich jeden Sonntag. Ein Jahr lang. Und ein paar Leute machen mit. Alle meinen bisherigen Beiträge unter diesem Tag. Auch dabei sind  Gertrud TrenkelbachMarinscheMulticolorinasolera1847,trienchen2607 und Wili.

Es gab in der Fotografie früher ein sehr seltenes und umso spannenderes Motiv: Fotograf*in mit Kamera. Nicht das Spiegelportrait, von dem ich gar nicht so genau weiß, wie populär es ist, sondern das Motiv: „Bei der Arbeit von Kollegen erwischt.“ Denn wer hinter der Kamera der Bilder steht, wird aus Motiven nur dann Erkennbar, wenn ein Schatten ins Bild hineinragt – oder sich aus Versehen etwas spiegelt. Wenn es absichtlich inszeniert ist, verliert es seinen Reiz.

Mit den Selfies, so könnte man denken, hat sich der Fotograf selbst in den Mittelpunkt gestellt. Vom leicht mythischen, weil unsicht- und nicht greifbaren Wesen, das Bilder macht, hin zum Motiv. Zum Bild. Das Selfie, so könnte man sagen, nimmt den Zauber aus den Bildern, weil es keine Geheimnisse lässt.

Vielleicht ist es unspektakulär, aber ganz richtig ist es doch nicht. Geheimnis ist ohnehin das falsche Wort. Geheimnis würde voraussetzen, dass man es zeigen kann. Aussprechen oder fotografieren. Man kann es versuchen und das Motiv: „Beim Knipsen erwischt“ ist so ein Einbruchsversuch, der aber ohne das Bild auskommen muss, dass fotografierte Fotograf*innen in dem Augenblick aufnehmen. Und wenn es das doch gibt, muss ein Zusammenhang erst geglaubt werden. Ich habe es mir deshalb gespart, mich beim Selfieknipsen ablichten zu lassen.

Aber auch wenn das Selfie von dieser Ausnahme abgesehen alles zu zeigen scheint, ist auch das nicht richtig. Denn das auslösende Moment, sei es Geste oder Daumendruck, sieht man nie.

20161106_105901.jpg
Super, er schreibt einen neuen Beitrag. Im Hintergrund, um das ganze noch komplexer zu machen, dieser Beitrag.

Und auch wenn ich den Daumen abgebildet habe, mit dem ich normalerweise meine Selfies mache … Weil er zum Motiv wurde, musste der andere Daumen ran. Den könnte ich in der nächsten Woche natürlich, aber dann mit diesem Daumen, knipsen. Ein Problem, dem wir wohl nicht entkommen werden.

 

Die Beiträge der Anderen:

Gertrud Trenkelbach
Marinsche
Multicolorina
solera1847
trienchen2607
Wili

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24 Kommentare zu „52 Wochen (37): Hautnah (2)

  1. Und was für ein Pracht-Daumen! Herrlich anzusehen. Aber du hast auch absolut Recht: Der ungeplant erwischte Fotograf ist ein spannendes Motiv, der sich selbst inszenierende eher weniger. Genau daher greife ich zu drastischen Maßnahmen, zum Beispiel Farbverfremdungen, um noch einen Reiz in meine schlichte Visage zu zaubern… 😳

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  2. Was mir dazu alles einfällt!
    „Er hat einen Asus-Monitor/Laptop!“
    „Wir könnten das Bild wie im Film vergrößern, einen Abzug seines Fingerabdrucks machen und auf seine Kosten eine Bank ausrauben!“
    „Will er uns damit daran erinnern, dass man früher manchmal Finger auf den Bildern hatte, wenn die Leute die Fotoapparate nicht richtig gehalten haben?“

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    1. Siehst du mal, was man so alles lernen kann. 🙂 Deine Assoziationen hatte ich so gar nicht auf dem Schirm. Außer die mit der Bank. ^^
      Was den Finger auf Bildern angeht, passiert das aber bis heute durchaus, wenn man mit dem Smartphone einhändig fotografieren will. Ich weiß, wovon ich rede. *seufz*

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