Es ist Dienstag, es ist Allerheiligen, der Tag, wo der Toten gedacht wird. Also viel gruseliger als der gestrige Reformationstag. Día de los muertos zieht sich ohnehin vom Abend des 31. bis zum Ende von Allerseelen am 02.11. Von daher darf ich auch heute noch guten Gewissens Buchfresserchens Halloween-Frage beantworten: Mag ich Gruselbücher und was gefällt mir daran?

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Doch zuvor möchte ich dem Buchfresserchen danken. Wie die aufmerksame Leserschaft gemerkt hat, war das Montagsfragenbanner seit der Design-Umstellung ein wenig pixelig. Sie hat mir das Banner deshalb in passender Größe zukommen lassen. An dieser Stelle vielen Dank! Doch nun in medias res:

Ich erzähle immer wieder gern und kokettiere, dass ich ein Feigling bin, was Horrorliteratur angeht. Stephen King habe ich seit Jahren nicht mehr angepackt, weil mir der Friedhof der Kuscheltiere schlaflose Nächte bereitet hat. Dennoch habe ich gelobt, im neuen Jahr mindestens einen seiner Romane zu lesen, auch dank des hilfreichen Supports von euch. Einige der King-Aficionados haben mich ja immer wieder ermutigt und mir Titel für den entspannten Einstieg empfohlen. Solche, die mir nur das Blut gefrieren lassen und nicht gleich das gesamte Skelett herausreißen.

Es gibt einen Typ Horror, den ich dennoch durchaus gut lesen kann, aber schlecht finde. 08/15-Zombie-Romane, in denen es einfach darum geht, dass Zombies oder sonstige Dinge die Weltbevölkerung auszurotten beginnen und eine kleine Gruppe beginnt, ums Überleben zu kämpfen und ihrerseits Zombies oder ähnliches ausrottet. Solche Romane sind eigentlich immer ein einziges Blutbad und sehr langweilig. Firmieren aber häufig unter der Kategorie „Horror“.

Bei King und Konsorten ist das anders. Ich möchte es „Grusel-Roman“ nennen. Es sind psychologisch gut gemachte Geschichten, die mit den potentiellen Ängsten der Leserschaft spielen und da oft an tief verankerten kulturellen Angst-Stereotypen herumspielen, man denke an die Archetypen C. G. Jungs. Garniert wird das Ganze im Unterschied zu anderen Romanen des Psycho-Bereichs eben nicht durch einen Massenmörder oder sonstigen menschlichen Irren, sondern durch die Offenheit der Interpretation.

Guter Grusel zeichnet sich durch Ambivalenzen möglicher Erklärungen für die Geschehnisse aus: Warum passiert hier etwas, sind die Geschehnisse alle menschengemacht? Hat eine übernatürliche Kraft etwas damit zu tun? Haben wir mit unbekannten menschlichen Mechanismen umzugehen oder greift eine göttliche, geisterhafte oder sonstige Macht ein? Der gute Grusel-Roman wirft solche Fragen früh auf, hält die sich ergebenden Spannungen bis zum Ende durch und lässt die Ambivalenzen am Ende stehen. Ohne befriedigende Aufklärung.

Es gibt darüber hinaus natürlich noch weitere Spielarten im Horror, die meisten Vampirgeschichten ähneln in der Struktur einem solchen Gruselroman, aber nur sehr wenige lassen Zweifel an der übernatürlichen Seinsart ihres Vampirs. Selbst wenn er früher mal ein Mensch gewesen sein sollte. Deshalb habe ich mit Vampiren weniger Probleme als mit alten Indianerfriedhöfen, auf denen Haustiere vergraben werden.

Was daran nun so reizvoll ist, dass ich keinen endgültigen Schlussstrich ziehe und sage: Lese ich nicht mehr? Genau das, was ich beschrieben habe. Die Literatur lädt zum eigenständigen Nachdenken ein. Sie bietet in einer Zeit, in der andere Menschen (seien es Naturwissenschaftler oder AfD-Politiker) die Welt vollständig und einfach erklären wollen, ein realistischeres Bild der Welt: Als nicht vollständig ausdeutbares Ding, in dem wir leben und in der unser Erkenntnisdrang immer wieder vor unlösbare Aufgaben gestellt wird. Die Ambivalenz eines Gruselromans ist damit eine Erinnerung daran, dass man sich einen offenen Geist bewahren sollte, weil kein Ding so ist, wie es sein sollte. Das leisten auch kluge Bücher, aber sobald sie mit Fiktion arbeiten und keine trockenen wissenschaftlichen Aufsätze sind, werden sie fast immer zu Gruselromanen. Trotz aller schlaflosen Nächte möchte ich meine bisherigen Kontakte zur Gruselliteratur deshalb nicht missen.

24 Kommentare zu „Gruseln beim Lesen

  1. Hmmm, ich grusel mich nicht so gerne. Dabei fühle ich mich unwohl und unwohl-fühlen mag ich mich nicht. Ganz einfach 😀

    Übrigens möchte ich erwähnen, dass ich zu den bejammernswerten Gestalten gehöre, die weder Reformationstag noch Allerheiligen feiern dürfen. *weinend zur Arbeit schlepp*

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  2. Auf 24″ ist das neue Banner super und gar nicht mehr gruselig!

    Ich grusel mich überhaupt nicht so gerne, manchmal ist mir schon die Realität zu gruselig. King habe ich als Jugendliche voller Begeisterung gelesen, aber dazu könnte beigetragen haben, dass meine beste Freundin das nicht lesen durfte, und ich damit angeben konnte.

    Tja, und als die Welt rational erklärend wollende Klischee-NaWi kann ich mit übernatürlichen, unplausiblen Büchern meist nicht so viel anfangen. Selbst wenn ich die Geschichte gut finde, bleibt da ein Beigeschmack (z. B. schon bei Zafón, Schatten des Windes, auch wenn es da nicht gruselt). Je offensichtlicher es ist, desto leichter akzeptiere ich das, richtig absurd ist manchmal richtig gut, aber umso offensichtlicher es ist, umso weniger gruselig ist es auch.

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  3. Das Gruseln packt mich bei Stephen King ja bereits vor dem Lesen. Schuld daran ist aber nicht der Buchinhalt, sondern wahrscheinlich der Bestsellerstatus. Zumindest wirkt der abschreckend. Allerdings reizt mich das Genre auch grundsätzlich nicht besonders. Wenn es um mystisch-makabre Literatur geht, ist mein Bedarf durch E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe so ziemlich gedeckt.

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  4. Ja, ich verstehe, was du meinst. Dein Standpunkt ist gut nachvollziehbar. Mein schlimmster Gruselroman war »The Shining« von — TADAAAAA! — Stephen King. Als Hörbuch war er fast unerträglich, die Verfilmung ertrage ich nur punktuell, nie ganz am Stück.

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  5. Ich habe hier im Hotel eine kleine aber feine Bibliothek aus der ich fleißig Bücher ausleihe. Das sind größtenteils fiese Thriller, die mehr die Abgründe der menschlichen Psyche ausleuchte, ohne einen Hauch Übernatürlichem. Das finde ich manchmal noch schlimmer – aber da die Umgebung so paradiesisch ist, findet man leichter raus aus dem Morast. Schlimmer wäre da ein Urlaub in einem einsamen, englischen Cottage. da würde ich, meines Seelenfriedens zuliebe, lieber nur von Einhornpups und Glitzer lesen wollen 😉

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