Wir gehören jetzt nicht mehr zur Mitteleuropäischen Sommerzeit, sondern zur Mitteleuropäischen Zeit. Ein phantastisches Spektakel, wenn nachts die Uhrzeiger plötzlich rückwärts laufen und ganz Europa sich – noch – einig ist.

Wer weiß, wie lange uns das noch bleibt. Spanien will die Sommerzeit abschaffen, die Balearen als Teil Spaniens hingegen wollen die Mitteleuropäische Zeit abschaffen und ganzjährig in der Sommerzeit leben. Beides kann man von der Intention her verstehen: Was wie Spanien ein Land an der Peripherie ist, kann durch ganzjährige Mitteleuropäische Zeit ein Zeichen setzen: Wir wollen dauerhaft Mitteleuropa sein, nicht nur im Winter. Sommer haben wir genug, wir brauchen nicht auch noch Sommer-Zeit.

Auf den Balearen hingegen, die es ohnehin nur im Sommer gibt, wenn Deutsche und Engländer einträchtig nebeneinander zu Hummern werden, tun sich neue Möglichkeiten des Tourismus auf. Während die Inseln bislang mit Ende des Sommers im Meer versanken und erst am letzten Wochenende im März wieder auftauchten, ließe sich durch ganzjährige Sommerzeit erklären, es sei eben auch das ganze Jahr über Sommer. Die Inseln müssten nicht mehr im Takt der Zeitumstellung versenkt werden, ganzjähriger Sommertourismus wäre möglich.

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Und wenn es abends früher dunkel wird, kann man auch frühzeitiger schicke Lichtbilder in der Dunkelheit machen. Was ist die Zeitumstellung doch für eine tolle Sache.

Dies scheint mir der Hintergrund des Wunsches nach ganzjähriger Sommerzeit zu sein. Ansonsten könnte man ja auch in die Westeuropäische Zeitzone überwechseln. Auch diese Tatsache spricht für die ganzjährige Sommerzeit. In dieser Zeitzone leben immerhin Portugal, das selbst genug Sommer hat, Island, auf dem es keinen Sommer und damit keine Berührpunkte gibt und Großbritannien, dessen Touristen beim sich andeutenden harten Brexit im nächsten Sommer weinend am Flughafen sitzen, weil sie vergessen haben, zukünftig Einreisesteuer bezahlen zu müssen – und die gesamte Urlaubskasse bereits in vorgebuchte Sangria-Eimer investiert wurde.

Ich finde den Gedanken, das ganze Jahr über Sommer zu haben, sehr sympathisch. Es wurde zwar kalt und kälter, aber das Ende des Sommers hatte ich noch nicht akzeptiert. Bis ich heute morgen sah, dass auch hier die Bäume vom satten Grün in ein strahlendes Gold gewechselt waren. Ich fragte mich, wann das wohl geschehen sei. Bis gestern Abend war das noch nicht so, da bin ich mir sicher. Da waren die Bäume noch normal. Muss auch in dieser magischen Doppelstunde heute Nacht geschehen sein. Man stelle sich das vor: Hätte ich mich der Zeitumstellung verweigert, wären die Bäume womöglich grün geblieben, es wäre weiterhin Sommer gewesen. Ich entwickle eine latente Abneigung gegen die Mitteleuropäische Zeit. Wenn die Balearen das durch- werde ich wohl um-ziehen.

Andererseits ist die gemeinsame Sommerzeit doch ein schönes Zeichen der Verbundenheit. Da spielen nicht nur Ganzjahres-Sommerländer mit, wie Spanien, Italien und Griechenland, sondern auch Ganzjahres-Winterländer wie Norwegen und Schweden, Polen und Ungarn. Man mache sich das einmal klar: Damit auch diese Länder eine Sommerzeit haben können, werden erhebliche Sommertransferleistungen aus diesen Ländern erbracht. Was in Wetter- und damit Zeitfragen funktioniert, sollte uns die Angst davor nehmen, womöglich finanzielle Transferleistungen zu erbringen, wir profitieren seit Jahren immerhin von diesen Ländern.

Von daher sind mir die Bestrebungen Spaniens und der Balearen nicht ganz geheuer, vielmehr wäre es an der Zeit, Irland und Portugal zurück in unsere Zeitzone zu holen. Großbritannien nicht, die werfen wir immerhin aus der EU, nicht zuletzt, weil dieses Land darauf bestand, eine Zeitzone zu haben, die nach ihm benannt ist. Das hätte nicht nur positive Effekte auf Treffen der Regierungschefs (Irland und Portugal beginnen schon immer eine Stunde vor dem Termin „Abendessen“ zu murren und fordern eine Erstürmung der Krim, damit man nun endlich das Buffet stürmen könne), es würde wie gesagt auch ein Zeichen in Zeiten zunehmender Desintegration setzen. Wenn das so weitergeht, kommt am Ende sonst Horst Seehofer noch auf die Idee, eine eigene Zeitzone einzuführen (WEZ, Weißbier-Europäische Zeit), die an die Zeit von Sachsen-Anhalt gekoppelt ist und eine Minute vor deren Zeit liegt. Damit Bayern weiterhin demonstrieren kann, das großartigste Land Europas zu sein und auch das einzig wahre „Land der Frühaufsteher“.

Ich persönlich finde die Umstellung gerade  heute super, weil ich gestern nichts von meiner To-Do-Liste geschafft habe und heute zum Spielnachmittag verabredet bin. Damit habe ich eine Stunde länger Zeit, um mich vor dem dringend nötigen Bügeln zu drücken … Indem ich doch noch einen Blogbeitrag schreibe.

In diesem Sinne, willkommen in einer neuen Zeit. Nutzt sie gut. Und freut euch, dass es alljährlich ein einiges europäisches Großereignis ist. Wie der Eurovision Song Contest, nur im Schlaf.

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29 Kommentare zu „Willkommen in der neuen Zeit

      1. So ähnlich geht es vielen Menschen Jahr um Jahr mit Backofenuhren…..weil sie schlicht und ergreifend die Bedienungsanleitung nicht mehr haben und nicht wissen wie die Uhr zu stellen ist….

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      2. Wirklich kompliziert wird es dadurch, dass sich manche Uhren magisch von selbst umstellen, manche nicht, und man es bei manchen nicht so recht weiß. Da ist dann die ersten Tage so ein Unsicherheitsmoment. Ich glaube dann im Zweifelsfall der im Radio angesagten Uhrzeit. Das einzige, was ich an der ganzen Aktion mag, ist das sonntäglich Aufwachen mit dem noch-so-früh-und-trotzdem-schon-richtig-wach-Effekt. Leider lässt sich davon nicht bis zur Retourkutsche im März zehren.

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  1. Ich finde die Diskussion immer so müßig. Und die Argumente! Es gibt Menschen, die einen festen Tagesrhythmus haben, der minutiös eingetaktet ist und sich dann um eine Stunde verschiebt?!
    Unter der Woche gehe ich um 21:00h ins Bett und stehe um 05:00h auf, am Wochenende schlafe ich deutlich länger. Man könnte sagen, ich habe jede Woche eine Zeitumstellung, weil ich einfach etwas länger schlafe(n kann). Ergo ist mir diese kleine läppische Stunde pupegal…

    Ich freue mich einfach immer, dass im Oktober ein Tag mit 25 Stunden existiert und man sooo viel Zeit hat, alles zu erledigen.
    Und dass ich meine Uhren mal synchronisiere, denn im Laufe von 6mon geht jede meiner vier Uhren doch ein paar Minuten anders…

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  2. Man sollte das auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Möglicherweise liegt hier sogar der Grund für die globale Erwärmung. Das Klima denkt sich: «Huch! Ich bin zu kalt für sieben Monate Sommerzeit.» Und so versucht das Klima gradweise, sozusagen mit der Zeit zu gehen.

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    1. Ich sehe die Zeitumstellung gar nicht ökonomisch. Meinetwegen kann sie sogar volkswirtschaftlich schaden. Manchmal ist die Magie eines 25h-Tages dadurch nicht zu schlagen. Ich habe deshalb meine Bügelwäsche heute geschafft. 😊

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  3. Ich mag die Zeitumstellung auch nicht. Aber wenn Du, liebes Zeilenende, diesen einen 25-Stundentag so magst, dann könnten wir ihn Dir ja lassen – wegen der Bügelwäsche – damit Du sie schaffst 😉
    Ach so, und die eine Stunde ziehen wir Dir halt am anderen Tag ab. Da machst Du dann eben alles etwas schneller 😉 😀

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