Ich bin kein großer Freund von Grusel-Literatur. Ich erzähle zuweilen die Geschichte, die in diesem Blog wahrscheinlich schon mehrfach erzählt wurde, dass ich „Friedhof der Kuscheltiere“ nur bei Tageslicht lesen konnte und seitdem allen, wo Stephen King, Horror oder Gruselgeschichte drauf steht, abgeschworen habe. Was schade ist, weil King ja nicht nur Horror schreibt – angeblich. An seine anderen Werke habe ich mich dennoch nie heran getraut. Jetzt habe ich von alienaid einen kleinen Schubser bekommen, mich doch wieder mit dem angenehmen Schauer zu beschäftigen. Denn im Rahmen des Buch-Date nannte sie eine Gruselgeschichte von einem Autoren, den ich eigentlich sehr schätze.

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Inhalt lt. Verlagshomepage

Eines Nachts kommt heimlich und verstohlen ein Jahrmarkt in eine kleine Stadt in Illinois und schlägt seine Zelte auf. William »Bill« Halloway und James »Jim« Nightshade, zwei Jungs aus der Stadt, spüren als Erste, dass mit dem Jahrmarkt etwas nicht geheuer ist. Sie entdecken das dunkle Geheimnis eines Karussells, das auf zerstörerische Weise in das Leben der Fahrgäste eingreift. Ihre Entdeckung bleibt nicht unbemerkt: Auf leisen Sohlen, aber unerbittlich werden die Jungen vom Bösen verfolgt und in die Enge getrieben.

 

Ray Bradburys Sozialkritik

Der Autor dieses Buches war mir natürlich als Autor von „Fahrenheit 451“ bekannt. Die Mars-Chroniken sind für alle Fans dieses Buch sogar noch einen Tick besser. Und auch „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ kann ich nur wärmstens empfehlen. Ray Bradbury ist nämlich kein Science Fiction Autor. Er ist ein genauer Beobachter der Gesellschaft und ein subtiler Kritiker an ihren Verirrungen. So wie Fahrenheit 451 eine beißende Kritik an der Neigung vieler Menschen ist, Selbstdenken wo möglich zu vermeiden, ist „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ eine Reductio ad absurdum des menschlichen Strebens nach Jugend und Unsterblichkeit.

 

Eine Liebeserklärung an die Freundschaft

Ray Bradbury erzählt natürlich eine Gruselgeschichte, in der unheimliche Dinge geschehen. Übernatürlich Dinge. Beklemmende Dinge. Die Stimmung in diesem Buch ist nicht zuletzt durch Bradburys Stil, der sich in die Figuren einstimmen lässt und den lyrischen Ton, den er zuweilen anschlägt, beklemmend und wird jeden Freund des hochwertigen Schauderns (nicht des effekthaschenden Erschreckens) zutiefst erfreuen.

Dennoch ist dieses Buch mehr als eine Gruselgeschichte, so wie Bradburys Science Fiction mehr ist als „nur“ Science Fiction. Er erzählt hier eine Geschichte von zwei Jungen, die der Zufall zusammen gebracht hat: In Nachbarhäusern aufgewachsen, im Abstand von zwei Tagen geboren (kurz vor und nach Mitternacht), ewig miteinander verwachsen und dennoch so unterschiedlich wie sie nur sein können. Der eine blond, der andere dunkel, blaue und dunkle Augen, der eine von zurückhaltendem aber aufrichtigen Naturell, der andere ein Draufgänger mit verborgenen Abgründen. Diese beiden Jungs sind beste Freunde. Sie laufen im gleichen Rhythmus durch das Leben – im wahrsten Sinne des Wortes, denn das ist Bradburys Metapher. Sie laufen Hand in Hand und wenn sie eine Ziellinie überqueren, sind sie immer zugleich da.

Doch sie laufen aus unterschiedlichem Antrieb, will man meinen. Der eine läuft vor etwas weg, der andere zu etwas hin. Möchte man meinen, doch bei beiden Figuren, Bill wie Jim, ist die Sachlage komplexer. Beide laufen sie fort und beide laufen sie hin. Deshalb liegen die Widersprüche der beiden Charaktere nur an der Oberfläche. Und wenn man als Leser begriffen hat, dass sie beide weg- und hinlaufen, dann versteht man, warum diese beiden Jungen so enge Freunde sind. Weil sie sich kennen, weil sie aneinander glauben. Weil der eine dort stark ist, wo der andere schwach ist. Und wenn der eine schwach wird, springt der andere mit seiner Stärke ein.

 

Eine Liebeserklärung an den Mut

Um das Böse zu besiegen, muss man sich seinen Ängsten stellen. Das ist eine weitere Erkenntnis, die man aus diesem Buch ziehen kann. Vor allen Dingen ist es nicht so wichtig, was man getan hat oder wer man ist, sondern was man tut. Dass man stärker ist, als man gedacht hat, wenn es wirklich darauf ankommt. Denn die beiden Jungs wären dem Schrecken des Jahrmarkts hilflos erlegen, genau so wie die Erwachsenen, die dem Versprechen von ewiger Jugend auf den Leim gegangen sind. Denn auch wenn Jim wie die treibende Kraft wirkt, Bill wäre der dunklen Macht ebenso erlegen, wenn er nicht den Mut gehabt hätte, sich seinem Vater zu öffnen und dieser nicht den Mut gehabt hätte, sich auf seinen Sohn einzulassen, ihm trotz seiner Unsicherheit und seines Alters ein Vater zu sein.

 

Fazit

In den beiden Liebeserklärungen klingt es an: „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ist eine vielschichte Geschichte über Jugend und Alter, Väter und Söhne, Verlustängste und Lebenslust, Neugier und Gier, Vergangenheit und Zukunft, eine Reflexion auf die Zeit und die Trauer und zudem eine gelungene Gruselgeschichte, die vom Gewitter bis zur Angst, sich und seine Seele im Spiegel zu verlieren, alles zu bieten hat.

Alienaid, dir ist eine ganz wunderbare Empfehlung gelungen, die nicht nur mit einer vielschichtigen und spannenden Geschichte aufwarten kann, sondern auch sprachlich verzaubert:

Er fühlt die Schwermut alternder Männer, wie ich einer bin, die sich nutzlos nach längst vergangenen Augusttagen sehnen. Not, Armut, Sehnsucht – wir verbrennen sie in unserem Lebenssaft, okydieren sie in unseren Seelen, stoßen einen Strom davon aus Lippen, Nasen, Augen und Ohren, senden mit Antennenfingern über Kurz- oder Langwelle, weiß Gott was, aber die Herren der Mißgeburten spüren das Jucken und kommen angerannt, um zu kratzen.

Das größte Lob, dass ich einer Gruselgeschichte machen kann ist aber: Ich konnte sie nicht aus der Hand geben, obwohl es dunkel wurde. Genau so ein Fall ist „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“. Vielen Dank für dieses wundervolle Buch-Date, alienaid.

Buchdate

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19 Kommentare zu „Buch-Date: Grusel schleicht sich in meinen Blog

    1. Vielen Dank für die Empfehlung noch einmal und das Lob. Aber vor allen Dingen für die Empfehlung. Von allein wäre ich da wahrscheinlich nie drauf gestoßen, spätestens beim Buchrücken hätte ich beschlossen „Muss nicht sein“. Du hast mich was über meine Vorurteile gelehrt. 🙂

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  1. Gruselgeschichten habe ich als Kind und Jugendliche geliebt. Konnte nicht psycho genug sein. Mittlerweile bin ich zu einer Memme mutiert und kann sowas kaum noch lesen. Geschweige denn angucken. Deswegen kann ich auch Stranger Things kaum schauen, wenn ich alleine bin. Kennst du übrigens genialokal? Hast du das schon mal ausprobiert? Online Buchhandel wie man es kennt, allerdings wählst du eine lokale Bücherei aus, die dir das Ganze dann versandkostenfrei zuschickt. Am nächsten Tag. Oder du holst es ab, wenn gerade eine in der Nähe bist. Will ich mal ausprobieren, klingt nämlich super und ich werde mein schlechtes Gewissen los 😉

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  2. Das Böse auf leisen Sohlen werde ich mir besorgen, ist schon notiert.
    Stephen King ist einer meiner Lieblingsautoren, ich habe fast alle seine Bücher. „Sie“ konnte ich allerdings auch bei Tageslicht bis heute nicht lesen. Die meisten seiner neueren Romane würde ich nicht als Horror bezeichnen, auch wenn er menschliches Verhalten beschreibt, das sehr gruselig sein kann.

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    1. Ja, das habe ich mir auch sagen lassen, dass King neben seinen Ausflügen in die Fantasy mittlerweile eher in die Richtung SF und Thriller oder langatmige Erzählung geht. Aber gebrannte Kinder und das Feuer, gell?

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      1. Ich liebe seine „Langatmigkeit“. Wie er sich den Raum für Entwicklungen nimmt. Wie schön ich immer auf vielen, vielen Seiten eintauchen kann in diese Welten. Na kar, die Kuscheltiere sind auch wirklich angsteinflößend und in „ES“ gibt es Stellen, die ich gerne überlese. Und wie gesagt: „SIE“ steht seit vielen Jahren ungelesen im Schrank. Na gut, Du gebranntes Kind, man kommt auch ohne Stephen King prima zurecht. Ich bin auch die einzige in meinem Freundeskreis, die sein Fan ist und sich noch heute ärgert, ihn damals in Hamburg nicht gesehen zu haben.

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  3. Bradbury hat wirklich geniale Bücher gemacht, wie habe ich beispielsweise seine Kurzgeschichten geliebt. Seine besondere Kunst war das, was Du mit „auch sprachlich verzaubert“ anklingen lässt: Irgendwie hatte ich bei ihm immer das Gefühl, Gedichte in Prosa zu lesen. Und er hat Archetypen erschaffen – etwa das von Dir genannte Karussel (das, wie ich immer wieder gerne betone, Cornelia Funke in ihrem eigentlich schönen „Herr der Diebe“ so schamlos geklaut hat (ohne wenigstens im Nachwort sich bei B. zu bedanken), dass mir wirklich und wahrhaftig die Galle hochkam …).
    Liebe Grüße und meinen Dank für die Erinnerung an das Buch!

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    1. Man muss ergänzen: Das Karrussell mit der Dampforgel dabei. Das ist ja das Lustige. Das ist damals ein ganz gewöhnlicher Gegenstand gewesen. Würde man die Metapher heute verwenden, wäre es eben ein typisches Rummel-Karrussel, aber Bradburys Einfluss ist so verdammt stark, dass es in jeder auch heutigen Gruselgeschichte auf dem Jahrmarkt oft ein Karrussel ist … Ein altmodisches. Mit Dampforgel. Weil niemand sich traut, Bradburys Schöpfung zu verändern. Ich danke dir deshalb für die Ergänzung. Und die Erinnerung. Dass Frau Funke das dort abgekupfert hat, geht mir jetzt erst auch. Der Herr der Diebe liegt dafür schon zu lang zurück und war auch nur ein Hörbuch. 🙂

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  4. Das klingt so dermaßen gut, dass ich vermutlich die Konstellation den ganzen Tag nicht vergessen werde. Um es selbst zu lesen, bräuchte ich aber einen Doppeltag ohne Nacht, weil diese Geschichten, die wissend die Abgründe der menschlichen Seelen ausloten, mir immer Alpträume machen. 😉

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    1. Mhm … Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Bradbury sie auslotet, er legt vielmehr den Finger in die Wunde, dass sie immer da sind und an uns nagen, diese Abgründe. Allerdings schaut man dann vom Rand hinein, was in der Tat beängstigender ist, als einfach hineinzufallen.

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