Heute: Dumme Tiere, weise Tiere.

„Zeilenende?“

„Ja, Seamus?“

„Wenn du die Augen schließt und dir bloß vorstellen müsstest, mich zu sehen … Wie würde ich dann aussehen?“

seamus29

„Wirst du blind und versuchst, deine Ängste zu vertreiben?“

„Achwas. Ich bin neugierig. Wie siehst du mich?“

„Wenn ich die Augen zu mache, sehe ich dich gar nicht. Allerdings höre ich dich immer noch. Da piepst und quietsch was in meinem Ohr … Wenn ich mir dazu etwas vorstellen müsste, wärest du wahrscheinlich ein Meerschweinchen.“

„Du bist echt ein Chauvi, Zeilenende.“

„Nein, nur ehrlich. Du wolltest doch eine ehrliche Antwort haben. Was siehst du denn, wenn du die Augen schließt und dir bloß vorstellen müsstest, mich zu sehen?“

„Eine Spinne.“

„Ist ja widerlich!“

„Auch nicht viel schlimmer als dein wahrer Anblick.“

„Das nennt man wohl eine Retourkutsche.“

„Nein, das nennt man Wahrheit. Du sitzt den ganzen Tag über vor deiner Tastatur und ziehst Gedankenfäden aus dir heraus. Alle deine Ideen produzierst du in deinem Kopf ohne Bezug zur Wirklichkeit. So wie eine Spinne ihren Faden aus dem Leib zieht, ohne dass er irgendwo von außen herkommt.“

„So?“

„Ja. Deine Theorien über die Welt. Du glaubst, es reicht sich hinzusetzen und Dinge anzunehmen. Ganz ohne Empirie. Du schreibst der Welt vor, wie sie gefälligst zu sein hat und dann ist die Welt so. Wenn der Herr Zeilenende sagt, es gäbe keine Schwerkraft, dann verlieren wir alle spontan die Bodenhaftung, weil es keine Schwerkraft gibt.“

„Es gibt ja auch keine Schwerkraft. Die bilden wir uns bloß ein.“

„Deshalb schweben wir also munter durch den Raum.“

„Da siehst du mal, wie stark der Spinnenfaden ist, der behauptet, es gäbe Schwerkraft. Er hat Macht über das, was du Realität nennst.“

„Das ist doch Blödsinn, Zeilenende. Guck mal …“

Seamus schmeißt nacheinander Pakete mit Post-its vom Tisch, dann die Stifte, anschließend den Aschenbecher und greift nach dem Whiskey-Glas, das er über die Tischkante hält.

„Wenn ich das jetzt loslasse, bleibt das wohl bewegungslos im Raum stehen?“

Seamus lässt los, es klirrt.

„Das darfst du gleich aufwischen. Wenn ich eine Spinne bin, dann bist du kein Meerschweinchen. Du … Du … Du bist eine Ameise.“

„Das war vorhersehbar. Wieso?“

„Du nimmst all die Dinge und lässt sie fallen. Du sammelst kleine Erkenntnisbrocken. Und du musst jedes Mal aufs Neue ausprobieren. Guck … Warum hast du jetzt auch noch das zweite Glas heruntergeworfen? Weil du keinen Zusammenhang in deinem Kopf herstellen willst, da wo ich meine Fäden spinne.“

„Falsch, Zeilenende. Ich bin wie die Biene. Ich sammle gerade Daten. Und gleich, wenn du alter, müder Mensch im Bett liegst, dann denke ich über meine Sinneseindrücke nach, entwickle eine Theorie. So wie die Biene Nektar schlürft und daraus Honig macht.“

„Die Theorie der Schwerkraft ist also so etwas wie Bienenkotze?“

„Honig! Süßeste Erkenntnis, Zeilenende, du Banause!“

Der heutige Beitrag wurde euch präsentiert von Francis Bacon. Der vergleicht im Novum Organum (1620, Volltext in deutscher Übersetzung verlinkt) das dogmatische Vorgehen der Philosophen mit Spinnen, das der frühen Empiriker mit dem von Ameisen. In Abgrenzung zu beiden fordert er von den Natur-Wissenschaftlern, so zu sein wie Bienen und legt damit einen wesentlichen Grundstein für unser modernes empirisch-theoretisches Wissenschaftsverständnis:

Die, welche die Wissenschaften bearbeiteten, waren entweder Empiriker oder Dogmatiker. Jene sammeln und verbrauchen nur, wie die Ameisen; Letztere aber, welche mit der Vernunft beginnen, ziehen wie die Spinnen das Netz aus sich selbst heraus. Das Verfahren der Bienen steht zwischen beiden; diese ziehen den Saft aus den Blumen in Gärten und Feldern, aber behandeln und verdauen ihn durch eigne Kraft. Aehnlich ist das Geschäft der Philosophie; es stutzt sich nicht ausschliesslich oder hauptsächlich auf die Kräfte der Seele, und es nimmt den von der Naturkunde und den mechanischen Versuchen gebotenen Stoff nicht unverändert in das Gedächtniss auf, sondern verändert und verarbeitet ihn im Geiste. Deshalb können auf das engere und festere Bündniss beider Vermögen des versuchenden nämlich und des denkenden, was bis jetzt noch nicht bestanden hat, die besten Hoffnungen gebaut werden.

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20 Kommentare zu „Auf eine Zigarette mit Seamus O’Bär (6)

  1. Da sieht man es wieder: Die Menschen haben sich hoffnungslos verfangen in ihren Hirngespinsten. Alle Hoffnung ruht jetzt auf dem einen Philosophen, Seamus! 😉 Oder hat sich da ein falsches Bündnis zwischen meiner Seele (ich mag Baeren) und Natur (O’Baer) gebildet? 🙂

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    1. Klappt das dann auch andersrum…quasi so hypno-like….hm…..ach was…..ich probier’s…..ICH BIN DEINE BESTE FREUNDIN….ICH BIN DEINE BESTE FREUNDIN…..ICH BIIIIINNNNNNNNN DEEEEIIIIINNNNNNEEEE BESSSSSTE FREUUUUUUUUUUNDIIIIIIIN……. ( dabei genau Tante Tex’s Gesichtsausdruck beobachte ob’s schon funktionert )

      Gefällt 2 Personen

      1. Das Problem steckt bei dir darin, dass du unzulässigerweise von wir auf ich reduzierst. Du musst also alle dazu bringen auch zu glauben, dass du Millionärin bist. 😉
        Was Eisenbahnen angeht, bin ich da familiengeschädigt. Ich war eher ein Carrerabahn-Kind. 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Bacon zum Frühstück. Feiner Text, von Euch beiden. An den Vergleich von Spinnen und Ameisen habe ich lange nicht mehr gedacht. Ich hätte ihn kaum noch jemanden zuordnen können. Nun muss ich aufpassen, dass sich nicht „klar, da sprach Zeilenende davon“ in meinem Kopf verankert. Obwohl…. 😉

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      1. Ha! Das mit den Insekten täte aber echt was hergeben für den Blog. Ein Heuschrecken-Honig Rezept am Freitag. Zeilenende als Rufer in der Wüste für den Selfie-Sonntag. Und vielleicht dazwischen noch was vom Onkel Fritz (Nietzsche), weil der doch so eine Affinität zu religiösen Themen hatte. Eventuell noch was über religiösen Fanatismus (in Sekten).
        Einmal das Thema Insekten anschneiden, und die Beiträge vermehren sich wie weiße Mäuse… 🙂

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