Es gibt in Stuttgart öffentliche Verkehrsmittel. Diese öffentlichen Verkehrsmittel steuern unterschiedliche Ziele an. Ein Konzept, das ich noch nicht so richtig begriffen habe. Denn hier gilt: Viele richtige Richtungen, viele falsche Richtungen.

Früher war die Sache einfach: Es gab die Bahn. Auf Schienen. Die fuhr entweder in Richtung der heiligen Stadt oder in die falsche Richtung. In Richtung „Was ist schlimmer als verlieren?“

Jetzt gibt es nicht nur die Bahn, sondern sie differenziert sich aus. Es gibt Fern- und Regionalverkehr, es gibt die S-Bahn. Die S-Bahn gab es bei uns auch, sie fuhr aber in die gleiche Richtung wie der andere Zug auch. Nur langsamer. Auf den gleichen Schienen. Dann gibt es noch die Straßenbahn. Oder U-Bahn. Oder Stadtbahn. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie das genau heißt. Es gibt auch wohl eine „Zacke“, die ich allerdings noch nicht gesehen habe. Und eine „Killesbergbahn“. Die habe ich auch noch nicht gesehen, aber ich hätte die Möglichkeit gehabt.

Denn es gibt neben diesen schienengebundenen Fortbewegungsmittel auch noch Busse. Busse gab es früher nicht. Im hessischen Exil gab es Busse. Aber da kannte ich das Busnetz auswendig, weil es sehr übersichtlich, wenn auch eng getaktet war. Da gab es zwar auch einen Geisterbus, die stets leere 383, die unvermittelt im Stadtbild erschien, aber ich schweife ab. Wir sind hier in Schwaben, nicht in Mittelhessen. Auch wenn die Menschen ähnlich klingen.

Das Zeilenende wollte von der Arbeit mitten in der Innenstadt der schwäbischen Metropole ein Stück nach Südwesten. Aus Gründen, auf die ich später eingehen werde. Das Zeilenende fand heraus, dass es dafür die S-Bahn nehmen müsse, weil der Ort seines Begehrs nicht in der Nähe einer Straßenbahnstation lag. Das Zeilenende fand dies betrüblich, hatte er sich doch mittlerweile zu einem Profi im Straßenbahnfahren entwickelt.

Nun gut, er kam zumindest bislang stets zur Arbeit und wieder heim. Auch das ist nicht ganz richtig, denn vor Kurzem erklomm er den Bahnsteig zum oberen Ende hin, nur um festzustellen, dass der dortige Übergang seit diesem Tag gesperrt war. Was er als einzige Person in der Bahn nicht mitbekommen hatte.

Jedenfalls hatte das Zeilenende noch eine Besorgung zu erledigen und lief auf dem Weg an einer Bushaltestelle vorbei. Er blickte auf den Fahrplan und stellte erfreut fest, dass dort lediglich zwei Buslinien entlang führten. Eine der beiden sogar mit seinem gewünschten Fahrziel. Das Zeilenende stieg in den Bus, blickte auf das Schild mit der Endstation und dachte, das müsste passen.

Das Zeilenende saß im Bus und dachte, dass sie doch bald da sein würden. Dummerweise war kurz zuvor sein High-Speed-Volumen aufgebraucht. Und während das Zeilenende per Bus in schwindelerregende Höhen geschaukelt wurde, wartete er auf eine Fahrplanauskunft. Eine Station vor Endhaltestelle teilte die ihm mit, dass er sich irrtümlicherweise in den falschen Bus begeben hatte. Er befand sich nun im Stuttgarter Norden. Er war Lost in Killesberg.

Killesberg ist ein idyllischer, aber auch furchteinflößender Ort. Idyllisch wegen des vielen Grüns und des schönen Wetters. Das Zeilenende konnte sich nur nicht so recht daran erfreuen, denn er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass er sich im Norden befand. Nur dass er katastrophalerweise falsch sein musste. Und er wollte doch am Abend noch ins Kino.

Dann erspähte das Zeilenende einen Turm und er erinnerte sich an die Aussage im Reiseführer, dass dies ein Aussichtsturm sei, der ein wenig schwinge. Damit wusste das Zeilenende auch, warum er diesen Ort gleichzeitig als furchteinflößend wahrnahm. Das Zeilenende schlug sich zu einer Straßenbahnhaltestelle durch, die unterirdisch lag, nur um festzustellen, dass in wenigen Minuten ein anderer Bus genau dorthin fahren würde, wo er hin wollte. Einmal quer durch die gesamte Innenstadt.

Schicksalsergeben erklomm das Zeilenende die Stufen hinaus aus den Katakomben der unterirdischen Straßenbahnhaltestelle, kontrollierte sieben Mal die Nummer des Busses und verließ sich nicht mehr allein auf die Endhaltestelle, die ihm grob vertraut klang. Es fuhr durch die Innenstadt, stillte sein Bedürfnis und kam natürlich zu spät nach Hause, um noch ins Kino zu gehen. Aber es hat sich doch gelohnt, oder? ODER?!

30 Kommentare zu „Lost in Killesberg

  1. Klar! KLAR! 😳🙄 Allein für die Story schon – ich litt förmlich mit Dir! Schwindelerregende Höhen und dann noch Wackeltürme….OMG 😱😳 …man bin ich froh hier sicher auf meinem Stuhl zu sitzen….obwohl….ich finde ja, das er irgendwie kippelt….ma guckön….steht fest….puh ( stirnwisch )

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  2. Herrlich! Öffis sind doch immer wieder ein Abenteuer – eine Rundreise – eine Entdeckungstour – fast schon oder manchmal auch ein Geocache (wenn man ewig lange auf das Gefährt retour warten muss und sich folglich aus Langeweile in Büschen und Gemäuer etc rumschlägt … ;o)

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  3. Du hast so viel Witz und Humor, Deine Texte erfrischen mich mich beim Lesen so oft, was ich bei dieser Hitze gut vertragen kann. Hier in meiner kleinen Stadt gibt es weder Bahn noch Schienen. Vier mal täglich oder so fahren Busse in die große weite Welt. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, dass es meinen Söhnen, als sie in die große Stadt zogen, ab und zu ähnlich erging wie Dir.
    Die beiden verbrachten ihre ersten Lebensjahre auf einer Insel. Zu der Zeit gab es dort keine Ampeln. Das erste Mal in Hamburg sagte der Große (4): „Guck mal, die vielen Leuchttürme,“ als er zum ersten Mal in seinem Leben Ampeln sah. Später waren dann Rolltreppen auf dem Festland die großen Renner! Die gab es auf der Insel auch nicht. Huch, jetzt habe ich mich aber verplaudert! Siehst Du, Deine Geschichte regt das Erinnerunszentrum an! Dir eine schöne Woche! Regine

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