Ich bin von meinem letzten Ausflug auf den Mars noch nicht ganz zurück, erinnere mich aber noch gut daran, dass er damals rot war. Nun wird er grün und Kim Stanley Robinson gelingt es mit dem zweiten Teil seiner Trilogie, ebenso zu begeistern wie mit dem ersten – und zugleich eine Handlung wie einen roten Faden durch den gesamten Band laufen zu lassen, ohne dass es jemals eintönig würde.

Gruener Mars von Kim Stanley Robinson
Gruener Mars von Kim Stanley Robinson, Quelle

Inhalt lt. Verlagshomepage

Es ist die größte Herausforderung, der sich die Menschheit je gegenübersah: die Besiedlung unseres Nachbarplaneten Mars. Die Verwandlung einer lebensfeindlichen Wüstenwelt in einen blauen Planeten wie die Erde. Von der ersten bemannten Landung auf dem Mars über die frühen Kolonien und ihre Auseinandersetzungen, welche Form von Gesellschaft sie erbauen sollen, bis zum riskanten Versuch, das Klima einer ganzen Welt zu verändern – Kim Stanley Robinson erzählt in seiner Mars-Trilogie die Geschichte der Zukunft wie ein großes historisches Epos.

 

Technik

Auch der zweite Band der Mars-Trilogie bleibt der Hard Science Fiction treu. Im zweiten Band erfahren wir nicht nur weitere Details über die geographische, geologische und klimatische Beschaffenheit des Mars, auch das Thema „Terraforming“ spielt eine gewichtige Rolle. Robinson kombiniert geschickt verschiedene Ansätze, zeigt auf, welche Strategien potentiell geeignet sind für die Belebung eines Planeten und diskutiert die Vor- und Nachteile solcher Strategien. Soll der Druck der Atmosphäre um jeden Preis angehoben werden oder reicht es aus, den Partialdruck an Sauerstoff zu erhöhen, um Leben auf dem Mars, womöglich mit Atemmaske, realistisch zu machen? Soll das Wachstum langsam vonstatten gehen oder ist es legitim, die natürlichen Anpassungsprozesse von eingebrachten Mikro-Organismen durch gentechnische Eingriffe zu beschleunigen? Robinson ist detailverliebt, ohne komplex zu werden. Und dennoch weiß man nach der Lektüre von Grüner Mars solche „Belanglosigkeiten“ wie den hohen Stickstoffanteil der irdischen Atmosphäre zu schätzen.

 

Politik

Mit den technischen Fragen sind die politischen eng verbunden. „Terraforming“ sagt als Begriff bereits alles. Der Mars soll so erdähnlich wie möglich gestaltet werden. Dies ruft nicht nur den Widerstand der „Roten“ hervor, die wir bereits aus dem ersten Band kennen. Jene Gruppe, die dafür eintritt, den Mars möglichst so zu belassen, wie er ist und dem Menschen nur ein Gastrecht in hermetisch abgeriegelten Siedlungen zubilligt, spielt auch im zweiten Band eine gewichtige Rolle.

Doch „Terraforming“ bedeutet auch, dass die Erde den Mars kontrollieren soll. Konkret haben die großen Konzernkonglomerate der Erde ein vitales Interesse daran. Riesige Infrastruktur-Projekte werden umgesetzt, eine große Linse im Marsorbit soll den Planeten erhitzen, zum sichtlichen Unwillen der ursprünglichen Mars-Kolonisten. Sie sehen darin einen Eingriff in die Souveränität der Marsbevölkerung. Sie wollen nicht länger von der Erde bevormundet werden.

Diese Auseinandersetzung spitzt sich zu. Die Mars-Bewohner entwickeln eigene politische Konzepte. Trotz zahlloser Differenzen versuchen sie, eine gemeinsame Linie gegenüber der Erde zu entwickeln und ihr eigenes System zu konsolidieren. Da werden neue Warenkreislaufsysteme entwickelt, es gibt hitzige Debatten, die Suche nach Verbündeten beginnt und die alte Frage jeder politischen Veränderung wird immer wieder akut: Aktionismus oder Geduld? Verhandlungen oder Revolution?

 

Soziales

In der Politik zeigt sich bereits, wie der Mars seine Bewohner verändert. Sie schließen sich unterschiedlichen Ideen an und träumen ihren jeweils eigenen Traum. Die Interaktion zwischen den einzelnen Gruppen lädt zum Nachdenken über Utopien und Wirklichkeit ein. Spannender ist aber noch die Frage, wie der Mars die Menschen über die Generationen hinweg verändert.

Robinson fächert dieses Thema breit auf. Da sind die ersten Marskolonisten, die sich manchmal in der Rolle der natürlichen Anführer sehen, als eine Gerontokratie, ermöglicht durch eine Langlebigkeitsbehandlung. Doch sie selbst fühlen sich dazu nicht immer in der Lage. Immer wieder denken sie an die Ereignisse am Ende von „Roter Mars“ zurück, mahnen und bremsen. Gleichzeitig gefällt ihnen diese Rolle selbst nicht, weil es sie zur Untätigkeit verdammt. Und auch wenn sie nach wie vor vital sind, spüren sie, wie ihr Geist sich verändert, ohne zu verstehen, was mit ihnen passiert.

Anders sind da die Mars-Geborenen. Von Generation zu Generation verändert sich nicht nur ihre Physiologie, auch ihre Bräuche werden andere. Die jüngste Mars-Generation ist unbefangen und begreift sich zwar als menschlich, aber in erster Linie doch als marsianisch. Der Mars ist für sie keine Kolonie der Erde, denn zur Erde haben sie keinen Bezug. Der Mars ist ihre Heimat. Aber weil sie die Zustände auf der Erde nur aus dem Fernsehen kennen, sind sie zugleich unbekümmert, wirken manchmal naiv und unpolitisch. Man könnte fast meinen, sie sind Robinsons Porträt einer Generation, die wir auch auf der Erde kennen: Diejenigen, die die grässlichen Kriege ihrer Eltern oder Großeltern nur aus Erzählungen kennen und sich an deren altelterlichen Ermahnungen stören. Die fordern, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Robinson würdigt jede Dimension der sozialen Konflikte in einer Gesellschaft, die durch den Mars verändert wird. Sowohl die Konflikte in den Gruppen selbst als auch zwischen den Gruppen nehmen breiten Raum ein. Robinson analysiert hier, wie eine Landschaft eine Gesellschaft prägt. Wenn man so will, ist das Psychogeographie und Soziogeographie.

 

Fazit

Anders als der erste Band der Trilogie wartet „Grüner Mars“ mit einer Geschichte auf. Im ersten Band stand das Entdecken des roten Planeten und das häusliche Einrichten im Mittelpunkt. Er erzählte von der Faszination der Forschung. Auch im zweiten Band spielt dieser wissenschaftliche Ansatz eine wichtige Rolle, das Augenmerk des Autoren richtet sich aber auf die gesellschaftlichen Konsequenzen der Marsbesiedlung.

Robinson verpackt diese Betrachtungen geschickt in die Erzählung einer Gesellschaft im permanenten Krisenmodus, denn der Mars ändert sich durch die Anwesenheit der menschlichen Spezies unerbittlich und zwingt die Siedler dazu, sich ihm anzupassen. Nach und nach werden die einzelnen Personen als Akteure und Charaktere greifbar, allerdings begegnen sie uns als Fremde, denn sie sind Marsianer oder wurden Marsianer. Das macht „Grüner Mars“ doppelt spannend, denn es ist klar, dass etwas passieren wird, aber die Fremdartigkeit der Figuren macht es unvorhersehbar, was passieren wird. Und so sind 900 Seiten nicht abschreckend, sondern zugleich Page-Turner-Literatur und eine Einladung, über eine völlig neue Menschheit nachzudenken.

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10 Kommentare zu „Der Mars ist noch grün hinter den Ohren

  1. Das wird ja immer interessanter. Es schaut also wirklich danach aus, als hätte der Autor echt viel zu erzählen. Also nicht nur ein Stoff, der mit Teufels Gewalt über drei Bände gewalzt und gewälzt wird, weil „Trilogie“ so elegant klingt. Nun bin ich ja gespannt auf das blaue Ende. 🙂

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