Es gibt Bücher, die kann man nicht besprechen, weil sie dafür schlicht zu monumental sind. Kim Stanley Robinsons Auftakt zur Mars-Trilogie gehört dazu, weniger auf Grund der 800+ Seiten, sondern wegen der Komplexität der Geschichte. Ich versuche es dennoch.

Inhalt lt. Verlags-Homepage

Es ist die größte Herausforderung, der sich die Menschheit je gegenübersah: die Besiedlung unseres Nachbarplaneten Mars. Die Verwandlung einer lebensfeindlichen Wüstenwelt in einen blauen Planeten wie die Erde. Von der ersten bemannten Landung auf dem Mars über die frühen Kolonien und ihre Auseinandersetzungen, welche Form von Gesellschaft sie erbauen sollen, bis zum riskanten Versuch, das Klima einer ganzen Welt zu verändern – Kim Stanley Robinson erzählt in seiner Mars-Trilogie die Geschichte der Zukunft wie ein großes historisches Epos.

Roter Mars von Kim Stanley Robinson
Roter Mars von Kim Stanley Robinson

 

Der Mars Mythos einer neuen Grenze

Innerhalb der Science Fiction wird man sich wohl nie auf einen Kanon der besten Werke einigen können. Viel zu divers ist die Science Fiction und viel zu divers sind die Lese-Interessen. Es gibt gute Space Operas wie es gute Military SF gibt, es gibt Leser*innen, die beides schätzen, insbesondere zwischen Hard SF und Soft SF gibt es aber wohl einen unüberbrückbaren Graben. Deshalb möchte ich es vorsichtig formulieren: Kim Stanley Robinsons Auftakt der Mars Trilogie ist ein monumentales Werk der Hard SF und wenn noch kein Klassiker, so sicher ein würdiger Kandidat für den Olymp.

Robinson versteht sich darauf, den Mythos „Mars“ zu aktualisieren, indem er ein Setting schafft, das an einen postapokalyptischen Wilden Westen erinnert. Der Mars ist die neue Frontier, der sich seine Protagonisten stellen müssen. Sie kämpfen mit den Widrigkeiten des Lebens in einer lebensfeindlichen Umgebung. Sie kämpfen miteinander. Sie kämpfen mit sich selbst.

 

Informationssplitter

Robinson erzählt multiperspektivisch und mit zahllosen Informationssplittern. Er listet nicht seitenweise technische Details auf, sondern verteilt die Informationen zur Technik der menschlichen Zivilisation durch das ganze Buch, so wie sie Meteoritensplitter über den ganzen Mars verteilt.

Das gesamte Buch funktioniert durch Informationssplitter: Wir bekommen Einblicke in das Denken und Handeln unterschiedlicher Personen und wie diese über andere Personen denken. Robinson mengt immer wieder Informationen über die Vorgänge auf der Erde ein, Vorgänge an anderen Orten des Mars, Vorgänge, in die andere Personen eingebunden sind, die aber immer ungreifbar bleiben, nicht geprüft werden können.

Robinson erzählt immer genau, aber nie detailversessen. Ihm gelingt es so, Orientierungslosigkeit mit Neugierde zu vermengen und vermittelt seiner Leserschaft so das Gefühl, das auch seine Marskolonist*innen spüren.

 

Gesellschaftliche Konflikte

„Roter Mars“ ist keine simple Science Fiction. Es ist eine große Zukunftserzählung über Visionen, Utopien und Wahnsinn. Er behandelt wissenschaftliche Themen von Physik, Geologie und Biologie, Terraforming, bis hin zu Ökonomie und vor allem Psychologie. „Roter Mars“ ist vor allem eine Studie der Menschheit unter den Bedingungen existentieller Zukunftsentscheidungen.

Die ersten Siedler sind zerrissen zwischen der Frage, ob sie Kolonisten der Erde seien oder die ersten Marsmenschen, gekommen, um eine neue, eine bessere Zivilisation zu schaffen. Alte Geisteshaltungen suchen sich neue Spielfelder, über der scheinbar simplen wissenschaftlichen Frage des Terraformings zerbricht die Gemeinschaft der ersten hundert Kolonisten, ein ethischer Konflikt zwischen „rotem“ und „grünem“ Mars entsteht.

Robinson geißelt die Auswüchse des Kapitalismus, in dem Unternehmen sich Staaten kaufen und sich damit der Kontrolle entziehen. Er kritisiert die UN und zeigt ihre scheinbare Zahnlosigkeit als gewollte Handlung. Statt Weltregierung zu werden, ist sie nur ein williger Gehilfe von Partikularinteressen.

Robinson lässt die Lage auf dem Mars Schritt für Schritt eskalieren. Er zeigt auf, wie aus gut gemeinten Visionen Chaos entsteht. Dabei enthält er sich eines Urteils. Ob der Mars ein Terraforming benötigt oder nicht, ob die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben sollen, reformiert oder revolutioniert werden müssen, Robinson führt uns die Optionen vor Augen, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln kann und zeichnet nach, wie aus unterschiedlichen Wertvorstellungen Konflikte entstehen, wie sie eskalieren und womöglich in die Katastrophe führen.

 

Fazit

„Roter Mars“ ist eine unbedingte Lese-Empfehlung, denn dieser Roman ist nahe an der Perfektion. Mit einem einzigen Punkt Abzug für die Tatsache, dass Robinson an der ein oder anderen Stelle bei einem bekannten Song der Toten Hosen über zehn kleine Kräuterschnäpse abgekupfert hat.

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34 Kommentare zu „Auf dem Mars bleibt alles beim Alten

  1. Klingt sehr spannend! Multiperspektivisch (das wird mein Wort des Tages 🙂 ) betrachtet fehlt mir derzeit die Zeit, dicke Bücher zu lesen. Aus der Perspektive meiner Töchter sollte ich sowieso immer zu ihren Diensten stehen, aber irgendwann vielleicht … hoffentlich noch bevor wir anfangen den Mars zu besiedeln

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    1. So begeistert, wie du vom Marsianer gesprochen hast (den ich noch nicht gelesen, aber auch auf meiner Vormerkliste habe), denke ich, dass es in der Tat was für dich wäre. Und ich wette, Heyne hat Robinson aus zwei Gründen neu aufgelegt:
      1) Der enorme Erfolg von Weir
      2) Es kommt wohl eine Serie.

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  2. Hört sich sehr interessant an. Bisher habe ich mich dem SF-Genre zwar noch nicht angenähert, aber irgendwann muss man ja mal damit anfangen. Ist notiert und wird bei nächster Gelegenheit bestellt.

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      1. Puh … Jain. Robinson ist sehr klassische Science Fiction. Du hast weniger eine Story sondern ein riesiges Gedankenexperiment. Was wäre wenn die Menschen den Mars besiedeln. „Roter Mars“ beschäftigt sich mit technischen und moralischen Fragen der Marskolonisation. In den beiden anderen Bänden (die wohl zeitlich später spielen) geht es dann um andere Aspekte und eben um die Entwicklung der Gesellschaft. Von daher … Man kann Roter Mars für sich lesen, weil er nicht auf Identifikation mit einzelnen Figuren setzt, deren Schicksal man weiter verfolgen will. Aber das Experiment ist mit Roter Mars natürlich nicht zu Ende.

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    1. Das ist der Plan. Den zweiten Band habe ich auch schon hier, ich denke, den werde ich mir bald zu Gemüte führen. Man kann ihn auch ohne die Fortsetzung lesen, dann ist man aber wohl neugierig darauf, wie es den Kolonist*innen weiter so ergeht. *gg*
      Wobei der zweite Band auch einige Preise bekommen hat und die Trilogie insgesamt gelobt wird. Von daher bin ich optimistisch, dass er hält, was er verspricht. 🙂

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  3. Das Konzept klingt in verschiedener Hinsicht interessant. Die bange Frage ist aber schon: Steckt da genug Nährwert drin für die je rund 900 Seiten des grünen und blauen Mars? Oder anders gesagt: Wird der potentielle Nährwert ausgenutzt oder artet es eher in ballaststoffreiches Ideenverwursten aus? Natürlich lässt sich bestimmt Teil 1 der Trilogie als Einzelstück genießen. Nur kommt da der witzige Spruch aller Süchtigen zum Tragen: Ich kann jederzeit aufhören… 😉
    Ich sehe aktuell folgende Optionen. Entweder leihbücherisch in Teil 1 hineinschnuppern oder Zeilenende erst den grünen und blauen Mars auch noch lesen und rezensieren lassen. 🙂 [So im Stil: Wenn sich Zeilenende bei Teil 2 & 3 grün und blau ärgert, kann man sich den roten Mars auch schenken]

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    1. Ich kann dir ein wenig zu Variante 2 raten. Weil ich gerade meinen Luhmann ausgelesen und gestern einen Band SF-Kurzgeschichten vernascht habe, beginne ich morgen mit dem Grünen Mars. Oder du guckst im Netz nach Rezensionen. Da kommt die Trilogie insgesamt gut weg. Andererseits sind SF-Fans ja auch leidensfähig. Sonst hätte Star Trek Voyager niemals sieben Staffeln bekommen. 😅

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      1. Hehe. Da werde ich Variante 2 wohl gerade noch erwarten können. Wie ich dich kenne, bist du mit dem Grünen Mars durch bevor ich Leihbücherei korrekt buchstabiert habe (musste es tatsächlich korrigieren, weil mir an strategisch höchst ungünstiger Stelle ein „c“ reingeflutscht ist).
        Im Prinzip würde mich die Trilogie aus zwei Gründen interessieren. Erstens, weil sie so viele Sachgebiete kombiniert und zweitens, weil das Lesefutter satt in englischer Sprache wäre (man muss bei Sprachen ja immer in den Unterhalt investieren).

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      2. Sei froh, dass du nicht noch Vokale verwechselt hast, sonst würde es auch noch quaken. 😊
        Für den Roten Mars habe ich aber in der Tat … Zwei Wochen dürften es gewesen sein, die ich dran gelesen hab. Gut, dass ich den Fernseher abgeschafft und noch kein Netflix habe. 😊

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  4. Mein lieber Zeilenende, wenn du wüsstest, wie oft ich im Buchhandel schon um die Bücher getingelt bin, unschlüssig, was ich damit anfangen soll. Und jetzt so ein Beitrag, du hast es auf meinen Geldbeutel abgesehen, gibs zu! 😮 😛

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    1. Ich verdien nix dran. Die bei Random House wollten mich ja nicht. Aber wenn du das kaufst, schreib ihnen doch ne nette Mail. Der dritte Band ist nämlich noch nicht gekauft. 😅
      Aber sie haben das Geld verdient. Ich habe so sehr gehofft, dass es eine Neuauflage gibt. Die Mars-Trilogie stand schon seit Jahren auf meiner Wunschliste. Und bei antiquarischen Büchern bin ich geizig. 🙂

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      1. Das spricht nicht sehr für Random House. 😉
        Hm, wenn der dritte Band noch nicht gekauft ist, dann schau ich eher nach einer englischen Ausgabe. Kommt vermutlich sowieso günstiger. 😀

        Aber ich freue mich, dass du die Bücher lesen kannst, ohne einen Arm und ein Bein dafür auszugeben. 🙂

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