Wenn der Tag mit einer Erkenntnis beginnt, ist für den Tag noch nicht alles verloren. Ich habe nämlich heute gelernt, dass die Redeweise „Horror Vacui“ ursprünglich ganz anders gebraucht wurde als ich es verwende – und viele andere Menschen auch. Das macht die Sache allerdings nicht besser. Und Horror Vacui lässt sich steigern.

Der ursprüngliche Horror Vacui

Der ursprüngliche Begriff stammt aus der Naturphilosophie (oder den Naturwissenschaften) und basiert auf einer Theorie des Aristoteles. Der moderne Mensch vergisst gern, dass die Menschheit schon vor der Erfindung der modernen Naturwissenschaften (irgendwann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Nikolaus Kopernikus, Francis Bacon und Galileo Galilei) über die Natur nachgedacht hat. Und auch, dass Aristoteles nicht nur Luftschlösser errichtet hat, sondern uns sogar etwas über die Natur des Bloggings verraten kann.

Aristoteles hat darüber nachgedacht, wie Bewegung möglich ist und kam zu der Erkenntnis, dass es ein Trägermaterial für die Bewegung geben müsste. Im Vakuum sei keine Bewegung möglich, weil das Trägermaterial fehlt. Er wandte sich damit gegen die Vorstellung, dass der Raum jenseits der Erde leer sei. Stattdessen nahm er an, dass das Weltall mit Äther gefüllt sein müsste.

Für Aristoteles ergab sich weiterhin, dass die Natur dazu strebt, die Leere auszufüllen. Wenn man ein Vakuum künstlich erzeugt, bleibt es nur bestehen, wenn es einen abgeschlossenen Raum bildet. Schaffe ich eine Möglichkeit, dass bewegliche Materie in ein Vakuum eindringt, tut es das: Die Materie strebt nach Gleichverteilung. Das Horror-vacui-Prinzip besagt genau dies: Leere in der Natur muss ausgefüllt werden.

Horror Vacui in der Kunst

Der Begriff fand im Laufe der Menschheitsgeschichte eine weitere Anwendungsmöglichkeit. Ursprünglich diente er der Beschreibung der viktorianischen Kunst mit ihrer Neigung, alles zu überladen. Anwendbar ist er auch auf die Barock-Kunst: Auch sie strebt danach, Leerstellen auszufüllen. Dies lässt sich in der Architektur, der Malerei und der Musik gleichermaßen beobachten.

In der Architektur erhält das Ornamentale ebenso wieder Einzug wie die gekrümmte Kurve: Barockgebäude sind nicht nur mit Zierrat überladen, es zeigt sich auch ein großes Bedürfnis, Kuppeln zu bauen, Türmchen und Rundungen anzufügen, mit Säulenelementen zu spielen und die Fenster so zu arrangieren, dass sich auch das Licht im Gebäude „bewegt“. Bloß keine Leerstelle lassen. Die gerade Form, die Fläche müssen ausgefüllt werden. Das Gebäude darf nicht leblos wirken. Am Eindrucksvollsten wurde dieses Konzept wahrscheinlich in der Wiener Karlskirche umgesetzt.

Thomas Ledl, Karlskirche Abendsonne 1, CC BY-SA 4.0

In der Malerei gilt Ähnliches. Die Maler des Barock (Rembrandt, Caravaggio, Jan Brueghel d. J., Rubens, etc.) verspüren offenbar eine grundlegende Abscheu vor der freien Fläche und bepinseln sie mit Allem, was die Kunst hergibt. Man schaue sich einmal die Landschaftsmalerei von Jan Brueghel an und vergleiche sie mit den Landschaftsbildern der Romantik. Während die „Nachgeborenen“ weite Flächen zeigen, glatte oder stürmische See, viel Himmel, verweigert Brueghel dem Himmel regelrecht das Recht auf Abbildung. Und wo er ein Stück Himmel malen „muss“, da reichert er es scheinbar grundsätzlich mit Vögeln an, damit es nicht so leer ist. Sein Kollege Peter Paul Rubens treibt es z. B. im „Kindermord in Bethlehem“ noch doller und zeigt aufgebrachte himmlische Heerscharen statt eines Himmels.

Man beachte den Vogel im linken Himmelsabschnitt – Jan Brueghel d. J.: „Venus, Ceres und Baccus“, Quelle

In der Musik ist natürlich Bach sehr instruktiv. Um euch nicht mit der notorischen Toccata und Fuge in D-Moll zu langweilen (die am Anfang tatsächlich ein paar Pausen kennt), habe ich etwas Schönes für euch gefunden: Den ersten Satz des zweiten Brandenburgischen Konzertes. Auffällig für den Horror Vacui ist, dass der erste Satz laut Partitur keine Generalpause kennt. Da klingt vor dem letzten Ton zwar eine an, aber zumindest laut Partitur spielen die Trompete und die Violine dort hinein. Und überhaupt ist in der Musik so viel Bewegung, dass man als beinahe Angst bekommt. Lasst die Partitur einmal auf euch wirken und denkt daran: Die schwarzen Punkte sind kein Fliegendreck. Oder hört euch das Stück visualisiert an.

Zeilenende und der Horror Vacui

Der Horror Vacui ist also nicht der Angst vor der leeren Seite, die uns beim Schreiben in Schockstarre versetzt, zumindest nicht ursprünglich. Horror Vacui ist im heutigen Sprachgebrauch oftmals die Ursache für die Schreibblockade. Mir geht es derzeit noch ein wenig schlechter: Ich leide unter Horror Horroris Vacui. Ich fürchte mich so sehr vor dem leeren Textfeld des Browsers, dass ich mich gar nicht erst hinsetze und zu schreiben beginne.

Es ist nicht einmal so, dass ich keine Ideen hätte. Im Gegenteil stapeln sich die Zettel mit Ideen auf dem Schreibtisch. Ich finde sie nur alle blöd oder verkopft oder albern. Ich habe nie das passende Thema zu meiner Gemütsstimmung. Also überarbeite ich meine Entwürfe, mache ausgearbeitete Gedanken veröffentlichungsreif, zehre von meiner Halde und habe das Kunststück vollbracht, in den letzten 14 Tagen bei 19 Blogbeiträgen nicht einmal die Hälfte (nämlich 9 Stück) neu geschrieben zu haben.

Man mag einwenden, dass dies bei der Länge meiner Artikel lässlich ist. Ärgerlich bleibt es dennoch. Und dann setze ich mich hin und will einen Artikel über meinen Horror vor dem Horror Vacui schreiben. Was passiert? Vor lauter Horror assoziiere ich darauf los, google die Verwendungsweisen des Begriffs, gucke mir stundenlang Bilder an und höre dabei Barockmusik, fülle schließlich die Seite mit Allem, was mir bei meiner Flucht in den Inhalt so begegnet.

Ab sofort bin ich ein barocker Mensch, kleide mich wie eine der rubensschen Frauen, ziehe in Schönbrunn ein und pfeife Telemann. Euch empfehle ich: Heißt den Horror Vacui willkommen. Füllt aus Angst vor ihm leere Blogseiten!

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23 Kommentare zu „Horror Horroris Vacui

  1. Faszinierend über was du so schreiben kannst 🙂 Aber ein sehr gelungener Artikel. Mir geht es ähnlich, allerdings habe ich aktuell keine Artikel in Vorbereitung und setze mich auch gar nicht erst dem Stress aus, ständig etwas schreiben (oder kochen/backen) zu müssen. Das Bloggen soll ja noch Spaß machen und mit Stress komme ich da nicht weit. Deswegen bin ich auch ruhigen Gewissens von „Jeden Tag einen Artikel“ Routine abgewichen und veröffentliche, wie es gerade so rein passt. In meinem großen schwarzen Buch sammele ich die Ideen und bin ganz zufrieden. Keine Angst vor der Leere also 🙂

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    1. Es ist eine Frage der Einstellung. Ich zwinge mich auch nicht dazu, ich empfinde allerdings Tage, an denen ich nichts schreibe, mittlerweile tatsächlich als verlorene Tage. Zumindest wenn ich die Zeit habe, etwas zu schreiben und diese Zeit nicht nutze. Von daher macht „Nicht-schreiben“ einfach keinen Spaß und ist für mich ein Anlass zum Ärgern. Umso schlimmer, wenn im Kopf bewusst große Leere herrscht, unbewusst aber ganz viel da ist. Immerhin habe ich das Glück, eigentlich über alles schreiben zu können, weil mein Schreiben so funktioniert: Ich nehme etwas, bestaune es, denke drüber nach und fertig ist mein Blogbeitrag.
      „Beobachtungen, Bedachtes, Blödsinn“ wäre auch ein guter Untertitel für meinen Blog.

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  2. Wegen mir darfst du weiterhin auf diese Weise deinem Horror Horroris Vacui folgen, denn ich profitiere durchaus davon und darf schöne, aussagekräftige, nachdenkenswerte Texte lesen und noch einiges mehr. Deine Begriffserläuterung muss jeden Blogger entspannen. Das finde ich wunderbar. „Die Natur strebt dazu das Vakuum auszufüllen.“ Das geschieht einfach, mal fließend und pausenlos, mal zäh und verzögert. Das schenkt doch Selbstvertrauen in Momenten, da sich der Blogger blockiert fühlt 😉

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    1. Man stellt fest, dass man sich plötzlich in guter Gesellschaft befindet, gell? Allerdings muss ich zugeben, nachdem ich den hier geschrieben hatte und deinen heutigen Beitrag sah, dachte ich mir: „Mist, ich hätte es auch wie Polke machen können, dann wäre es mir erspart geblieben, mich mit der Entscheidung abzumühen, welche Beispiele ich verwende“. Andererseits konnte ich so meine Reihe „Aristoteles für Blogger*innen“ fortsetzen. Und wenn es andere Leute motiviert, umso besser. Die Schreibblockade als frustrierendes Element kennen wir ja wahrscheinlich alle.

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      1. ja, um so beruhigender empfinde ich diesen Beitrag. Er bestätigt, dass eine Blockade nur punktuell auftritt und kaum wahrgenommen wird, Der einzelne Blogger ist wie ein Instrument/ eine Stimme des Orchesters (der Community).

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  3. Hmmm, ich zehre fast nie von einer Halde bereits fertiger Artikel. Mit der Inspiration kämpfe ich selten, eher mit dem Zeitmangel. Aber jetzt kommt ja der Sommer, dann kann ich mal deine Methode testen.

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    1. Ich habe keine Methode. Ich tue nur so, als hätte ich eine. Wobei „fertiger Artikel“ es nicht ganz trifft. Es sind meistens Entwürfe, mit denen ich nie ganz zufrieden bin. Und mit dem „jeden Tag ein Beitrag“ zwinge ich mich vor allem dazu, das Geschriebene regelmäßig zu veröffentlichen. Auch wenn man es kaum glauben mag, bin ich ein sehr gehemmter Mensch. *g*

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  4. Jedenfalls ist ein sehr spannender Artikel daraus entstanden. 🙂
    Auffallend beim Brueghel-Bild ist ja auch, dass die Körperhaltung der Personen zwar Bewegung signalisieren soll. Aber Raum, um sich irgendwo hinzubewegen, ist kaum vorhanden. Selbst die Lichtung im Vordergrund ist so vollgestopft, dass unwillkürlich die Assoziation ‚zugemüllt‘ entsteht.
    Sehr schöne Visualisierung des Bach-BBC-Satzes. Und glücklicherweise mit echtem Klang. Es gibt ja auch diese vollsynthetischen Dinger. Hier scheinen sogar ‚Period Instruments‘ am Werk zu sein. 🙂 Wenn es in einer Stimme eine Pause gibt, sorgen die anderen garantiert dafür, dass die Leerstelle gründlich ausgefüllt wird. Sehr deutlich wird dieses Prinzip auch bei den Lautensuiten von S.L. Weiss. Natürlich gibt es die Pausen zwischen den einzelnen Sätzen. Aber innerhalb des jeweiligen Satzes eine Stelle zum Durchatmen zu finden – das kannst du so gut wie vergessen.
    Eine Frage zum ersten Satz deines Artikels beschäftigt mich allerdings. Was ist, wenn der Tag mit der Erkenntnis beginnt, dass alles verloren ist? Entsteht dann durch diese Erkenntnis gleichsam ein Vakuum, das Dinge anzieht, die bewirken, dass doch nicht alles verloren ist?

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    1. Ich staune ja ohnehin jedes Mal, wo es mich bei diesen spontanen Sonntagsbeiträgen hintreibt. Und was ich dabei so finde. Auf dem entsprechenden YT-Kanal findet man das für viele Musikstücke und es ist unglaublich spannend, weil man auch sieht, wie die Komposition versucht, die ganze Breite des Klangs auszunutzen.
      „Zugemüllt“ finde ich ja fast schon unhöflich dem Brueghel gegenüber, aber es stimmt. Man beachte auch, wie sich da weitere Figuren rechts bis weit in den Hintergrund ziehen und knapp vorm Horizont links auch noch ein Wald ist, der mir nicht angedeutet, sondern „richtig“ gemalt scheint. Ich bin mir in dem Fall nur nicht sicher, inwieweit das nicht einfach diese „Wimmelbild-Ästhetik“ ist, die man bei den Brueghels allesamt hat (und wofür ich sie zugegebenermaßen gern hab). Aber diese Vögel fand ich wirklich verstörend. Das hat was von einer Zwangsneurose.
      Die Erkenntnis übrigens, dass alles verloren ist, schließe ich aus. In der Hinsicht halte ich es wie die Polen. Und wenn man den Verdacht doch haben sollte, empfehle ich umgehenden Ätherkonsum. 😉

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      1. Zugemüllt ist natürlich schon drastisch ausgedrückt. Und aus der Perspektive der Brueghel-Ästhetik auch ungerecht. Vor allem, weil alles ja sehr liebevoll gemacht ist. Aber der Ausdruck zeigt eben irgendwie die Kehrseite des Überladenen. Ähnliches ist seit geraumer Zeit in der Pop- und Rockmusik zu erleben, dass Aufnahmen gnadenlos überproduziert werden. Eigentlich nicht schlecht gemacht. Aber einfach zu viel des Guten. Da sind mir oft ganz einfache Stimme & Piano Aufnahmen lieber.
        Bei dieser grafischen Darstellung der Musikstücke finde ich es sehr spannend, wie schön man dadurch einer einzelnen Stimme folgen kann – auch dann, wenn sie akustisch stellenweise im Miteinander etwas untergeht. Versucht man die ganze Grafik im Auge zu behalten, wirkt die Sache erstaunlich zappelig, während dieser Eindruck durch die Akustik allein überhaupt nicht entsteht.

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      2. Zugemüllt ist aber ein gar nicht so unpassender Ausdruck, wenn man sich die ganzen Früchte im Vordergrund sieht. Musikalisch würde ich es allerdings eher mit Bombast-Rock a la Queen oder Meat Loaf vergleichen.
        Und was die Zappeligkeit angeht: Mir geht es umgekehrt. Ich habe mit der Akustik ja so meine Probleme und sehe Muster, die mir beim Hören verschlossen blieben, die Symmetrien, etc. Für mich ist die Musik das Zappelige. Schon spannend, wie unterschiedlich die Rezeptionsgewohnheiten sind.

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  5. Täglich bloggen zu wollen … ruft wohl generell Stress hervor, fürchte ich …

    Mit dem notorischen Unzufriedensein kenne ich mich ganz gut aus. Nicht so sehr, was das Bloggen betrifft, aber mit meinen Storys und Romanen bin ich nie wirklich zufrieden, oder höchstens mal zwischendurch sozusagen etappenweise, was aber nicht lange anhält. Andererseits denke ich mir, das bringt mich dazu, immer wieder zu feilen und verbessern zu wollen, und das ist ja die Voraussetzung für Qualität.

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    1. Es ist eine Frage, wie die Ideen fließen. Wenn es gut läuft, entstehen bei mir auch die Gerüste für drei bis vier Blogartikel hintereinander. Dadurch entzerre ich das Ganze wieder. Ich kann mich guten Gewissens einer Durststrecke hingeben. Und wann immer es einen externen Schreibanlass gibt (Blogparade, Montagsfrage, …) entlastet das bei der Themenfindung.
      Was das Rumfeilen angeht, sehe ich das prinzipiell auch. Aber weil mir selbst nach wochenlangem Revidieren (ich habe Artikel, die bringen es auf beeindruckende 15 Revisionen, auch wenn die letzten 12 einzelne Wörter oder Formatierungen sein können) unter Umständen noch ein ärgerlicher Patzer auffällt, ist es auch frustrierend. Irgendwann muss man ja ohnehin loslassen.

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  6. Du sprichst mir aus der Seele! Habe seit Monaten keinen neuen Text mehr verfasst, Nicht aus Mangel an Ideen sondern aus Gründen, die mir, bis zum Lesen deines Posts, absolut schleierhaft waren. Vielen Dank! Und deine Art zu schreiben gefällt mir übrigens sehr 😉

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      1. Jain. Ich habe einen Artikel konzeptioniert, der sehnlich gewünscht wurde. Ansonsten war ich die halbe Woche unterwegs und hatte schlicht keine Muße, um zu schreiben. Selbst das Kommentieren hat eine Weile gebraucht. Aber der Artikel war ein willkommener Tritt in den bequemen Hintern. Ich habe Lust, an die Tasten zu gehen.

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      2. Ich wohne momentan in Italien, wo ich mir eigentlich vorgenommen hatte, mein Buch zu vollenden. Zeit hätte ich genug, jedoch leide ich an Horror Horroris Vacui 😉 Würde mich total freuen, würdest du mal ein paar meiner Texte lesen! Mir gefällt deine Art zu denken und zu schreiben und es würde mich interessieren, was du davon hältst. 🙂

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