Heinz Neumann sagte: Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft.
Kurt Tucholsky sagte: Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft.
Zeilenende sagt: Schmort die Faschisten, wo ihr sie trefft.

Ich gestehe, ich habe es mit dem Küssen und Schlagen gar nicht erst versucht. Ich habe mich nur gefragt, wo der altmodische Alpenrepublikaner mit Sprachfehler in meinem Kopf herkommt. Muss Verwandtschaft von der Dame mit dem klangvollen Namen Mama sein. Ist in ihrer Familie wahrscheinlich jemand mal auf die Sandwich-Inseln ausgewandert. Oder es hat was mit den Saiyans und ihren Energie-Attacken zu tun. Nach deren beeindruckenden Technik wurde immerhin ein König der Sandwich-Inseln benannt.

Jedenfalls habe ich dieses Rezept von einem kleinen Mann im Ohr, der unverkennbar mit Wiener Schmäh spricht und mich nachdrücklich daran erinnert, dass mein letzter Urlaub in der schönsten Stadt der Welt schon eine ganze Weile zurückliegt. Das sei eine Schande. Um die Zeit bis zum nächsten Urlaub zu überbrücken, riet er mir, ein typisches Gericht seines Landes mit langer Tradition zu kochen.

Der kleine Mann in meinem Ohr holte tief Luft und ich wusste, dass jetzt eine lange Geschichte folgen würde, aufgeladen mit historischem Pathos, um nachdrücklich darauf zu verweisen, dass das Österreich eine uralte Kulturnation sei (die unter keinen Umständen verwässert werden dürfe, auch nicht von ebenso bleichgesichtigen Piefkes wie ich es einer sei … Es sei denn, ich hieße Szolay mit Nachnamen). Und das drückt sich südlich der Donau eben darin aus, dass man die Vergangenheit verwurstet. Dass der Islam nicht zu Europa gehört, verdanken wir der Erfindung des Croissants durch Wiener Feinbäcker. Wir erinnern uns: Den Wienern war die Munition ausgegangen, die Türken marschierten ein und verlangten etwas zu essen. Man servierte ihnen die frisch erfundenen und gebackenen Croissants. Die Türken aßen sie … Und aßen noch mehr … Sie aßen so viel, dass sie sich nicht mehr rühren konnten. Die Wiener kugelten sie in die Donau und befreiten so ihre Stadt.

So entstand auch dieses Gericht: Faschisten von den Sandwichinseln standen vor den Toren Wiens, denn für die Reputation als expansive Macht ist es unerlässlich, wenigstens einmal vor den Toren Wiens zu stehen und sei es, um sich am nächsten Tag auf dem Prater zu vergnügen oder der Kaiserin Elisabeth in der Kapuzinergruft ihre Aufwartung zu machen. Die Wiener Metzger (Es können ja nicht immer die Feinbäcker sein) ersannen daraufhin dieses Gericht und die Geschichte nahm wie bei den Türken ihren Lauf. Durch den Sprachfehler des kleinen Mannes in meinem Ohr wurde daraufhin mit der Zeit aus der ursprünglichen Hauptzutat, dem Fleisch für Faschisten (Österreich ist ein wildes Land, aber nicht so unzivilisiert, dass sie Menschen kochen würden), Faschiertes. In sprachlich vulgäreren Breiten wird aus dem zarten Faschierten grobes Hack. Und die Sandwichinseln heißen heutzutage Hawaii. Weil wir Piefkes die Vergangenheit verdrängen, statt sie zu glorifizieren, wurde so aus dem Faschistenbraten nach Sandwich-Art

Hackbraten Hawaii

Für die Versorgung mindestens eines ganzen Bataillons hawaiianischer Faschisten (und das meine ich ernst – das ist ein Familienfeiern-Rezept) benötigt ihr:

  • 2000g Hackfleisch (halb und halb)
  • 1 große Dose Ananas-Ringe
  • 200g geriebenen Gouda
  • einige Scheiben Toast-Brot (ein Gruß an die Sandwich-Inseln)
  • Magerquark
  • Mildes Currypulver
  • Senf
  • Salz
  • Pfeffer
  • 400ml Kokosmilch (fettreduziert)
  • Currypaste
  • Belegkirschen

Wir beginnen mit dem Toastbrot, das ruhig mit Rinde in Würfel geschnitten werden kann. Lasst die Ananas abtropfen und fangt den Saft auf, schneidet die Ringe in Stücke und gebt sie zum Toastbrot. Lasst nun 3/4 (150g) vom Käse, das Hackfleisch und den Quark folgen. Gebt die Gewürze hinzu: Senf, Salz, Pfeffer, mildes Currypulver (mit dem ihr ruhig großzügig verfahren dürft).

Verknetet alles zu einer Masse. Wenn ihr nicht, so wie ich, den Käse vergesst und alles noch einmal gründlich kneten müsst, dürfen die Toaststücke gerne noch im Teig erkennbar sein. Zu Hawaii gehört neben Ananas und Käse nun einmal auch Toast.

Das ergibt ein Mords-Trumm von einem Hackbraten, nachdem ihr ihn zu einem Laib geformt habt. Gebt den Laib in eine große Auflaufform, verschließt die Form mit Alufolie und schiebt den Braten für 1,5-2h bei 180° Umluft in den Backofen. Das Hackfleisch und der Käse liefern genug Flüssigkeit und Fett, dass der Braten nicht austrocknet und brav bäckt.

Wenn ich Hackbraten zubereite, gare ich ihn nicht gern in Sauce, das ist entwürdigend. Ein Hackbraten hat es verdient, im eigenen Saft zu schmoren, getreu dem Motto. Es lautet „Schmort die Faschisten“ und nicht „Kocht die Faschisten“. Die Sauce ist ohnehin simpel: Nehmt den aufgefangenen Ananas-Saft, die Kokosmilch, Salz, Pfeffer und etwas Currypaste und kocht alles zusammen auf. Ggf. könnt ihr Brühe angießen und/oder die Sauce mit einem Bindemittel eurer Wahl zusätzliche Bindung verleihen (ich schwöre seit Neuestem auf Johannisbrotkernmehl).

Mein Hackbraten Hawaii ist ein stummer Gruß an den Toast Hawaii, deshalb ist er noch nicht komplett. Entfernt ein paar Minuten vor Ende der Garzeit die Alufolie und bestreut den Hackbraten mit dem übrigen Käse. Toast Hawaii ist gratiniert. Und dann legt ihr noch einige Belegkirschen darauf. Toast Hawaii wird mit einer Belegkirsche verschönert.

20160501_182953.jpg

Und da die große Kulturnation südlich des Bodensees noch nicht einmal eine Wahl abhalten kann, fühle ich mich bemüßigt, mein Bashing des Lands der Dome wieder aufzunehmen.

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23 Kommentare zu „Faschisten-Braten nach Sandwich-Art

  1. Faschisten möchte ich mir nie und niemals einverleiben. Sie würden mich und meine Eingeweide mit Sicherheit nur quälen. Ich hoffe, dieses Wortspiel wird mir nicht durch den Kopf gehen, wenn du mir ein Stück deines leckeren Hackbraten Hawai anbieten wirst. In Wien war ich auch schon viel zu lange nicht mehr. Im Oktober könnte ich mir ein Wochenende dafür freihalten….

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    1. Am Ende wird es eh alles braun. Es sei denn, es ist Spinat. Aber lassen wir das. Das ist der Vorteil, dass man im deutsch-deutschen Sprachraum lebt. Hack hat mit Faschisten nix zu tun. 🙂 Ich habe sogar noch ein oder zwei Portionen in der Truhe … Glaub ich.

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  2. Interessante Kombi…..ich wäre nie auf die Idee gekommen das es so etwas gibt….Hackbraten und süß….und dann noch mit Belegkirschen 😀

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  3. Da musste ich jetzt glatt mein Smartphone zur Seite legen und mich zum PC begeben, um ein Kommentar zu tippen, weil ich mit meinen Wiener Würstelfingern sonst nur Autokorrekturmassakerartiges fabriziere 😉

    Obwohl ich schon eeeeewig kein Fleisch mehr esse, muss ich sagen, dass diese Hawai-Kombi auf jeden Fall bemerkenswert scheint; das kann man sicherlich auch mit Quinoa&Noch-irgendwas-super-gesund-klingendem einmal versuchen nachzuschmoren 🙂 [dezenter Aufruf an alle veganen Rezepteblogger]

    Die Einleitung hat mich (wieder einmal) total überrascht und mit größtem Interesse habe ich den Weg von den Faschisten zum Hack mit Quark (als Österreicherin unterdrücke ich gerade höflich ein breites Grinsen ob dieser {Un}worte) und vom Sandwich zur Ananas verfolgt. Und es freut mich natürlich ungemein, dass du nicht nur politikgeschichtlich Spannendes in einem Rezeptbeitrag untergebracht hast, sondern auch meine Wenigkeit und vor allem ihre Familiengeschichte!

    Mein seliger Urgroßonkel Semmelius Knödel machte sich ja tatsächlich eines Tages unvermutet auf den Weg zu den Weltmeeren und setzte die Segel Richtung stiller Ozean, weil er die Ruhe so mochte und seine Frau doch – überraschenderweise – gerne und viel und eigentlich immer redete. Besagte Frau lief ihm auch noch ein Stück in der Donau nach, aber er rief nur besorgt: „Geh des gibt’s jo ned! Jetzt is a no die Anna naß!“ Anna grämte sich weil er sie zurückgelassen hatte und wurde von da ab nur noch Grammel Knödel genannt. Täglich saß sie vor dem Haus und aß eine Ananas. Und allen, die es wissen wollten oder auch nicht, erzählte sie, dass ihr Mann ihr als letzten Wunsch aufgetragen habe: „Jetzt iss auch noch die Ananas!“

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    1. Ich würde es ganz konventionell mit Quorn versuchen, der leistet bei Bologneser Sauce immer gute Dienste und ich find ihn appetitlicher als die Tofu-Alternativen für das Faschierte, wie man das anständig gebunden bekommt, weiß ich dann aber nicht. Da müssten sich in der Tat die Spezialisten zusammen tun. Vielleicht kann man da mit diesem garstigen Chia-Zeug irgendwas produzieren.
      Und ich wusste es doch, dass das einer von deinen Verwandten in meinem Ohr ist. Jetzt ist endlich auch geklärt, wie die Ananas in mein Rezept gekommen ist. Herzlichen Dank für das viele und ausgesprochen amüsierte Lachen.

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      1. Ups … Ja, du hast Recht. Die kleinen Details. Ich esse Quorn auch nur privat, um meinem Eiweiß-Fetisch zu huldigen. Aber gut zu wissen, falls ich es meinen Veganer*innen doch mal hätte vorsetzen wollen. 🙂

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    1. In dem Fall Nudel- und Kartoffelsalat … Ich glaub, nen Nudelsalat habe ich noch in der Mache … Die Beilage gibt es nächste Woche. *gg* Du kannst aber mal im Beitrag „immer feste planen“ noch einmal auf den Bildern nachschauen, was so alles dargeboten wurde. 😉

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  4. Um gleich mit der nicht vorhandenen und noch dazu offenen Tür in weißnichtwelches Haus zu fallen: Ich würde das ja nicht zubereiten wollen. Wozu sich willentlich einem absehbaren Desaster aussetzen? Aber. Ein gnadenlos originelles Rezept in einer begnadet originellen Präsentation. Und mit gleichem Genuss wie ich deinen Beitrag gelesen habe, würde ich mich dem Verzehr des (dem Bild nach zu urteilen sehr gelungenen) Resultats widmen. Nur fürchte ich, dass ich da etwas spät dran bin und andere diesen Job bereits gerne und gründlich ausgeführt haben.

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  5. ich fühle mich an Kochbücher aus den 70ern erinnert…. ich weiß noch nicht, ob das ein Kompliment ist 😂 interessante Kombi und so noch nie gesehen. Mein Fall ist es nicht aber die Geschichte drumherum ist natürlich großartig 🙂

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    1. Ja … In der Tat. Vielleicht sogar noch früher. Aber sagen wir es so: Da ich mein Hack mit Quark binde, ist das Erhitzen der Ananas ohnehin unerlässlich, sonst wird es bitter. Und Saft brauche ich auch. Da kann ich auch ne Konserve nehmen. Was die Komposition selbst angeht, profitiert das Gericht vom Currygeschmack des Fleischs und natürlich der großartig simplen Sauce … Die Belegkirschen kann man weglassen.
      Meines ist es auch nicht – weil ich kein großer Fan von Hackbraten bin, der die Größe einer Burger-Bulette überschreitet. Aber die geladenen Herrschaften sind alle älter und mögen es deftig. Da waren „Curry“ und „Kokosmilch“ schon beinahe eine Zumutung für die Geschmacksknospen. *gg*

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    1. Die Probleme mit dem Auszählen gab es aber doch nur, weil so viele Menschen so komisch abgestimmt haben, dass die Briefwahlstimmen nicht für „irrelevant fürs Wahlergebnis“ erklärt werden konnten. 😉

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