Frau (mit kleinem f, was am Satzanfang leider untergeht) hat mir Bücher empfohlen. Da ich eines der beiden Bücher nicht kannte und das zweite von Stephen King war, mit dem mich eine gewisse Leidensgeschichte verbindet, war die Wahl klar: Zeilenende liest „Ein rätselhaftes Päckchen“ von Simak Büchel. Als Rache dafür, dass er frau ein Buch über Hobbits aufgeschwatzt hat. Wortgeflumselkritzelkrams Besprechung meine Empfehlung findet ihr hier.

Inhalt lt. Verlagshomepage

Sind die Fistels im falschen Film gelandet? Am Tag vor den großen Ferien werden Tammo, seine Schwester Dodo und ihre Mutter Feodora von einem Kurier aufgesucht, der ihnen einen rätselhaften schwarzen Brief mit einem Geheimauftrag überbringt. Noch in dieser Nacht sollen sie sich aufmachen und ein unscheinbares Päckchen nach Schweden bringen. Was steckt darin? Wer ist der mysteriöse Bogumil? Sollen sie das Wagnis eingehen?
Hätten die Fistels geahnt, auf welche Abenteuer sie sich einlassen – wahrscheinlich wären sie nicht ins Auto gestiegen. Oder erst recht! (Leseprobe)

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Quelle

Figuren und Story-Genese

„Ein rätselhaftes Päckchen“ ist ein typisches Kinder- oder Jugendbuch moderner Zeiten. Der Held heißt Tammo Fistel und der Autor hatte wahrscheinlich sehr viel Spaß in der Konzeption seiner Figur. Es beginnt beim Namen, der mich anfangs vermuten ließ, das Buch spiele in Finnland (bis ich nachlas, dass Tammo zwar ein seltener aber in Ostfriesland durchaus vergebener Vorname ist). Der arme Tammo hat es dank seinem Erschaffer nicht leicht: Er wohnt mit seiner Schwester und seiner Mutter zusammen (der Vater taucht gar nicht auf), die Familie plagen Geldsorgen, Tammo trägt die alten Hosen seiner Schwester auf und zu allem Überfluss ist er auch noch seit über 100 Tagen mit Schluckauf gestraft. Tammo ist das ideale Opfer für die Schul-Rowdies und der Autor verwendet viel Zeit darauf, diese Tatsache auszuschlachten.

Tammos Mutter Feodora (Simak Büchel hat ein Faible für skurrile Namen) ist eine arbeitslose Bibliothekarin, die sich damit plagt, dass sie keinen Job findet. Außerdem ist sie – typisch Bibliothekarin – ein wenig verschroben. In ihrer Freizeit sortiert sie nämlich gern ihre Bücher. Leider hat sie nicht so viel Freizeit, weil sie auf Jobsuche ist und sich mit den Alltagssorgen einer arbeitslosen, alleinerziehenden Mutter herumplagen muss.

Gegen Ende des Schuljahres wird die Lage für Tammo unerträglich. Er führt im Auftrag seines Schuldirektors einen Hund aus, einen Mops in Cape und Stiefelchen. Dabei gerät er beinahe in die Fänge besagter Schul-Rowdys, flüchtet sich mit dem Mops in eine Eisdiele wo der Hund dummerweise seinen natürlichen Bedürfnissen nachgeht. Tammo entsorgt sie betreten, wird dabei allerdings Opfer der modernen Technik und alle machen sich um sie lustig.

Tammo trägt die alten Hosen seiner Schwester auf und zu allem Überfluss ist er auch noch seit über 100 Tagen mit Schluckauf gestraft.

Der Junge, mit großem Herz, Erfindungsreichtum und einer beeindruckenden Beobachtungsgabe gesegnet, hat genug. Und so kommt es ihm gerade recht, dass Familie Fistel vom geheimnisvollen Bogumil per Brief aufgefordert wird, ein ebenso geheimnisvolle Päckchen ins nicht so geheimnisvolle aber umso idyllischere Schweden zu transportieren. Sommerferien in der Fremde, ohne die Sorgen der Familie Fistel und die Rowdys ist ganz nach Tammos Geschmack. Die Familie macht sich auf die Reise und gerät in ein Abenteuer.

Abenteuer

Dieses Abenteuer ist sorgfältig durch-inszeniert. Der geheimnisvolle Bogumil hat natürlich für alles gesorgt. Der Familie wird ein Auto gestellt, sie erhält Tickets für die Fähre, Lebensmittel, Straßenkarten und genaue Anweisungen (die nach kurzer Zeit zu Staub zerfallen), was sie zu tun und wem sie das Päckchen zu übergeben hat. Gleichzeitig warnt der geheimnisvolle Bogumil vor schurkischen Schurken, die es auf das Paket abgesehen haben.

Natürlich gelingt es Familie Fistel nicht, ohne Kontakt zu diesen schurkischen Schurken nach Schweden zu gelangen. Familie Fistel soll mit falschen Briefen ausgetrickst werden, was Tammo dank seiner Beobachtungsgabe und dem Blick für Details verhindern kann. Die schurkischen Schurken greifen auch zu handfesteren Methoden, aber immer ist Tammo ihnen einen Schritt voraus. Wenn es doch einmal eng wird, überrascht der Autor mit Wendungen, die man nicht vorausgesehen hätte. Er verzichtet auf dan-brownsche dunkle Andeutungen und lang geplante Storytwists, die einem die Lektüre gründlich vermiesen können, wenn man auf Seite 50 bereits weiß, welche Überraschung einem auf der vorletzten Seite als unglaublicher Storytwist blüht.

Insgesamt ist die Geschichte natürlich vorhersehbar: Es gibt einen Aufbruch, es gibt Bedrohungen, Flucht durch Klugheit, glückliche Fügungen, Erleichterung und einen Showdown. Sie ist damit aber auch klassische Abenteuer-Lektüre, deren einziges Problem nicht diese Vorhersehbarkeit ist (denn man fragt sich, welchen Trick Simak Büchel für seine Helden parat hat), sondern lediglich der Anfang der Geschichte, der kein Abenteuer ist, sondern von den Problemen berichtet, mit denen Tammo sich gegen Schuljahresende herumschlägt.

Literatur

Das ist allerdings lediglich ein Problem für die Abenteuergeschichte. Simak Büchel hat Lust am Fabulieren und an absurden Situationen. Auch wenn er Tammo als Außenseiter und komischen Kerl portraitiert, ist er seiner Hauptfigur verbunden und gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Man bemitleidet Tammo nicht (das Todesurteil für eine Außenseiterfigur), sondern schließt ihn ins Herz. Das ist gelungene Charakterkonstruktion.

Endgültig als meisterhafter Silbendrechsler erweist sich Büchel mit der Beschreibung Schwedens als „Sommerferienherzgegend“ und dem wunderschönen Wort „lindgren“, wenn Mutter Feodora meint, die Landschaft werde immer lindgrener.

Damit ist der erste Schritt getan, sprachlich zu überzeugen. Simak Büchel beweist in „Ein rätselhaftes Päckchen“ darüber hinaus ein feines Gespür für den Zusammenhang von Worten und Vorstellungen. An einer Stelle in der Mitte des Buches hat Tammo eine besonders brillante Idee und „Dann schien der ganze Tammo von innen her zu leuchten.“ Normalerweise beschränkt sich dieses Leuchten auf ein „Funkeln in den Augen“ oder ein „Strahlen übers ganze Gesicht“. Wenn eine Figur tatsächlich metaphorisch leuchtet, dann zumindest in meiner Vorstellung eher aus dem Rumpf heraus. Simak Büchel scheint es ähnlich zu gehen. Und um die Brillanz des Gedankens zu unterstreichen, konstruiert er auch einen rhythmisch wohlklingenden Satz, der den ganzen Tammo zum Leuchten bringt. Endgültig als meisterhafter Silbendrechsler erweist sich Büchel mit der Beschreibung Schwedens als „Sommerferienherzgegend“ und dem wunderschönen Wort „lindgren“, wenn Mutter Feodora meint, die Landschaft werde immer lindgrener.

Für ein Kinderbuch (Lese-Empfehlung des Verlags ab 9 Jahre) bietet „Ein rätselhaftes Päckchen“ damit erstaunlich viele Lese-Anreize auch für seine erwachsenen Leser*innen. Was das Buch endgültig zu einem ausgewachsenen (man verzeihe mir das Wortspiel) Stück guter Unterhaltung macht, ist Mutter Feodora oder vielmehr ihre Berufskrankheit: Manische Belesenheit. Neunjährigen muss man die Bedeutung von „lindgrener“ eventuell erklären. Wer die Geschichten von Michel und Bullerbü kennt, hat wahrscheinlich sofort diese Szene im Kopf:

Damit nicht genug, bemüht Feodora ihre Belesenheit auch an anderer Stelle. So fühlt sie sich an Don Quijote und Miguel de Cervantes erinnert, einer ihre Flüche lautet „Bei Masettos Zunge“ (eine Anspielung auf das Decamerone von Boccaccio) und auch Skylla und Charybdis sind Feodora nicht fremd, der es damit gelingt, in einer engen Lage nicht nur auf die Meerenge anzuspielen, sondern passenderweise auch auf die Urmutter aller Abenteuergeschichten, Homers Odyssee. Damit erfüllt Simak Büchel für seine kindlichen Leser*innen einen Bildungsauftrag. Wenn sie fragen, wer diese Skylla ist, kann man sie gleich mit weiteren spannenden Geschichten bekannt machen.

Fazit

Wem es genügt, eine flotte und amüsante Abenteuergeschichte zu lesen, der sollte Simak Büchels „Ein rätselhaftes Päckchen“ unbedingt lesen. Eltern sollten ihre Kinder darüber hinaus ermuntern, dieses Buch zu lesen, wenn die lieben Kleinen bislang ein tragisches Desinteresse an den Einstiegsdrogen in jugendtaugliche Weltliteratur gezeigt haben. Ich empfehle es als Geburtstagsgeschenk gemeinsam mit Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ sowie einer möglichst vollständigen Sammlung der Astrid-Lindgren-Bücher. Und auch wem die Geschichte als „Abenteuerroman für Kinder“ zu unterkomplex klingt, sollte das Buch lesen, weil Simak Büchel die hohe Schule der Erzählkunst und der gelungenen literarischen Anspielung beherrscht.

Liebe wortgeflumselkritzelkram: Du siehst mich begeistert. Ich habe der Kollegin im Lektorat Kinderbuch auch sogleich vorgeschlagen, die übrigen Bände anzuschaffen.

Und nun? Abwarten und Tee trinken. Die Sommerferien laufen, aber danach werden wir frisch gestärkt mit ein paar neuen, größeren Ideen. Gut Ding will Weile haben, hat wortgeflumselkritzelkrams Großvater immer gesagt.

15 Kommentare zu „Die wilde Jagd durch die Literatur

  1. Das klingt nach einem schönen Jugendbuch. Schwab habe ich als Teenie geliebt, ebenso natürlich such Astrid Lindgren. Ebenfalls schön zu sehen, dass es nach wie vor Jugendbücher gibt, die es auch sprachlich/erzählerisch schaffen, zu überzeugen und die Schönheit der deutschen Sprache als Instrument in der Erzählung verwenden. Ich wünsche mir und hoffe, dass so der ein oder andere Teenie dadurch Zugang zur deutsche Sprache im Besonderen findet. Mich hat es früher schon immer begeistert, wenn jemand kunstvoll mit Worten und Wörtern umgehen kann und ich konnte es „ins Alter“ hinüber retten *gg*

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  2. liebes zeilenende – schön, dass du meinen namen schreiben kannst 😉 und noch schöner, dass dir das buch so gut gefallen hat. und am allerschönsten ist natürlich dein beitrag, der mir das buch auch nochmal ganz anderes nahe bringt. witzigerweise sind die bücher von büchel tatsächlich die bücher, die der räuberhauptmann überhaupt gelesen hat.

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